Bringt der Klimawandel Malaria zurück?

Immer wieder lesen wir davon, dass der Klimawandel tropische Krankheiten wie zum Beispiel Malaria zurück in unsere Breitengrade bringen kann. Was ist dran an diesen Befürchtungen? Oder gibt es etwa noch andere Szenarien?

Der Klimawandel

Zunächst einmal, ja, es gibt ihn wirklich, den Klimawandel. Ein tatsächliches ernsthaftes Phänomen, das nicht der blühenden Fantasie hysterischer Wissenschaftler geschuldet ist. Und ja, er wird Einfluss nehmen, nicht nur auf die Umwelt, unser Wohlbefinden oder darauf wann wir die Badesaison eröffnen können, sondern auch auf die Ausbreitung von Infektionskrankheiten wie zum Beispiel Malaria.

Malaria

Doch der ganze Themenkomplex Malaria hat so viele Facetten, dass es sehr schwierig ist, die einzelnen Faktoren, die zur Ausbreitung beitragen, zu gewichten. Epidemiologen weltweit befassen sich mit dem Zusammenhang zwischen der globalen Klimaerwärmung und der Ausbreitung von Malaria.

Mücken mögen’s warm

Malaria ist eine Infektionskrankheit die durch den Parasiten Plasmodium ausgelöst wird, welcher von der Anophelesmücke auf den Menschen übertragen wird. In der Epidemiologie dieser Krankheit müssen daher sowohl das Verhalten der Mücke als auch das Verhalten des Menschen in seiner Umwelt betrachtet werden.1 Der Parasit Plasmodium durchläuft einen komplizierten Lebenszyklus, welcher zum Teil in der Mücke und zum Teil im Menschen abläuft. Die Anophelesmücke ist wechselwarm, sie kann also ihre Körpertemperatur nicht selbst regulieren, sondern ist von der Außentemperatur abhängig. Das wiederum heißt, dass auch Plasmodium während seines Aufenthaltes in der Mücke von der Außentemperatur abhängig ist. Und die Mücke liebt es warm. Sie ist aktiver, hat bessere Überlebenschancen und kann ihren eigenen Lebenszyklus schneller vervollständigen.1,2 Auch der Malariaparasit Plasmodium hat es lieber kuschelig und fängt bei über 20 °C an, sich so richtig schnell zu vermehren.2 Das alles führt dazu, dass sich Malaria in wärmeren Gebieten schneller ausbreitet. Nicht umsonst handelt es sich um eine Tropenkrankheit.

Malaria und Regen

Doch Mücken mögen es nicht nur warm sondern auch feucht. Da die Mückenweibchen ihre Eier am liebsten in stehenden Gewässern ablegen ist in tropischen Gebieten die von starken Regenfällen gekennzeichnete Regenzeit gleichzeitig auch Malariasaison. Malaria wird auch als „wasserinduzierte“ Krankheit bezeichnet und die Übertragungsrate ist stark verbunden mit der Niederschlagsmenge.2

Daher hat der Regen einen mindestens ebenso großen Einfluss auf das Auftreten von Malaria wie die Temperatur. In einer von 2007 bis 2012 in Nigeria durchgeführten Studie, konnte ein direkter Zusammenhang zwischen der Niederschlagsmenge und dem Auftreten von Malaria festgestellt werden, während für dieses Gebiet kein Zusammenhang mit der Temperatur festgestellt wurde.3 Es fragt sich allerdings auch, ob eine Klimaerwärmung in Gebieten, die sowieso schon das optimale Klima für Malaria bieten, überhaupt zu einer Steigerung führen kann.

Die Erderwärmung führt jedoch generell zu einem verstärkten Auftreten sogenannter Extremereignisse, wie Tsunamis, Zyklone oder starken Niederschlägen.8 Besonders letztere können zu Überflutungen führen, welche wiederum der Mücke neuen Lebensraum schaffen.1

Optimale Bedingungen zur Verbreitung von Malaria

Malaria in Europa

Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass es auch in kälteren Regionen Malaria gegeben hat. Wir sprechen nämlich sowohl bei den Mücken und als auch bei den Parasiten von sehr anpassungsfähigen, zähen kleinen Biestern. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war Malaria sogar in den skandinavischen Ländern und in England verbreitet. Noch 1995 hat es über 90 000 Malariafälle in Europa gegeben. Doch dank massiver Maßnahmen konnte die WHO Europa 2015 zur ersten malariafreien Region der Welt ernennen.6 Entgegen den gängigen Annahmen dass die Mücken im Winter sterben würden, ist die Ausrottung von Malaria jedoch vielmehr dem ökologischen Wandel, der Urbanisierung, den veränderten Lebensbedingungen und vor allem der medizinischen Versorgung zu verdanken.4 Nicht zuletzt hat die von der WHO empfohlene flächendeckende Anwendung des Insektizids Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT) entscheidend dazu beigetragen, dass wir uns in Europa im Moment nicht mit Malaria plagen müssen.7

Warum nicht überall so?

Die Gründe warum eine weltweite Ausrottung so schwierig ist, sind vielfältig. Dazu gehören eine unzureichende medizinische Versorgung und die schlechte Erreichbarkeit vieler von Malaria betroffenen der Regionen. Doch das genaue Beleuchten all dieser Faktoren würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen.

Malaria ist in den meisten Regionen endemisch, das heißt immer und viel vorhanden. Es gibt sogenannte stabile endemische Regionen. Hier sind die Menschen permanent der Malaria ausgesetzt. Viele erleiden unzählige infizierte Mückenstiche pro Jahr. In diesen Regionen erkranken und sterben hauptsächlich Kinder an Malaria, während viele Erwachsene durch das ständige Ausgesetzt Sein eine Immunität gegen Malaria entwickelt haben. In den unstabilen endemischen Regionen hingegen schwanken die Malariafälle und es kommt nicht zu einer so ausgeprägten Immunisierung.4

Wie verändert der Klimawandel die Bedingungen für Malaria

Was das alles mit dem Klimawandel zu tun hat? Nun, zum einen gibt es Rechenmodelle die besagen, dass mit einer Klimaerwärmung von 2 bis 3 °C, die Malariagefahr um 3 bis 5% steigt.1,2 Dies ist sowohl den höheren Temperaturen geschuldet in welchem sich die Parasiten schneller vermehren und verbreiten, als auch den stärkeren lokalen Niederschlägen mit daraus folgenden Wasseransammlungen und Überschwemmungen. Zum anderen könnte der Klimawandel zu einer ständigen Verschiebung der von Malaria betroffenen Regionen führen, so dass unter anderem auch unstabile endemische Regionen immer stärker leiden würden.4

Und jetzt?

Und was geht uns in Europa das an? Jede Menge. Nicht nur, dass wir im Prinzip gute Lebensbedingungen für die Anophelesmücke und für Plasmodium hätten, wir optimieren diese durch die Erwärmung des Klimas weiterhin. Durch unsere Reisefreudigkeit und Mobilität kommen jährlich im Schnitt ca. 400 Menschen mit Malaria allein nach Deutschland.5 Das ist eine Herausforderung für unser Gesundheitssystem, denn das Bewusstsein für diese Krankheit ist hier nicht sehr stark ausgeprägt. Dennoch können wir von Glück sprechen, dass wir in Europa momentan in einer kontrollierten Situation leben. Zum einen ist es unsere Verantwortung, dass das so bleibt. Die Verantwortung eines jeden Einzelnen achtsam zu reisen, eine verschriebene Prophylaxe sorgfältig einzunehmen und bei nach einer Tropenreise auftretendem Fieber einen Arzt aufzusuchen. Zum anderen und das ist meiner Meinung nach der noch viel entscheidendere Punkt, geht es uns etwas an, was auf dieser Welt passiert. Wir Industrienationen sind die Triebkraft des Klimawandels. Die Leidtragenden der Verbreitung von Malaria jedoch sind die Entwicklungsländer. Nicht dass diese Erkenntnis eine wahnsinnig neue wäre – doch der Aspekt Klimawandel und Malaria fügt dem ganzen eine weitere unschöne Facette hinzu.

Literatur

(1) Rossati, A.; Global Warming and Its Health Impact Int J Occup Environ Med 2017, 8, 7.

(2) Shuman, E. K.; Global Climate Change and Infectious Diseases Int J Occup Environ Med 2011, 2, 11.

(3) Ojeh, V. N.; Aworinde, S. A. In Climate Change and Health; Filho, W. L. et al. Springer International: Switzerland, 2016, 171.

(4) Reiter, P.; Global warming and malaria: knowing the horse before hitching the cartMalar J 2008, 7 Suppl 1, S3.

(5) Tatem, A. J. et al. The geography of imported malaria to non-endemic countries: a meta-analysis of nationally reported statistics Lancet Infect Dis 2017, 17, 98.

(6) WHO Infographic Malaria free Europe (http://www.euro.who.int/en/health-topics/communicable-diseases/vector-borne-and-parasitic-diseases/malaria/data-and-statistics/infographic-malaria-free-europe-2016)

(7) WHO Release (http://www.who.int/mediacentre/news/releases/2006/pr50/en/)

(8) Cubasch U, Wuebbles D, Chen D, et al. In: Climate Change 2013: The Physical Science Basis. Intro- duction. Contribution of Working Group I to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change [Stocker, T.F., D. Qin, G.-K. Plattner, M. Tignor, S.K. Allen, J. Boschung, A. Nauels, Y. Xia, V. Bex and P.M. Midgley (eds.)]. Cambridge University Press, Cambridge, United Kingdom and New York, NY, USA, 2013, 119

 

Veröffentlicht von

Dr. Anja Rüther testet an der Monash University in Melbourne spektroskopische Methoden zur Diagnose von Infektionskrankheiten, insbesondere Malaria. Ihre Forschung bringt sie in die entlegensten Ecken Südostasiens, wo sie Proben von Malariapatienten mit Infrarotspektroskopie untersucht. Nach dem Pharmaziestudium in Berlin und Innsbruck hat sie in pharmazeutischer Chemie in Freiburg promoviert. Während ihrer Promotion hat sie chiroptische Spektroskopiemethoden zur Untersuchung dynamischer Systeme verwendet.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Warum nicht überall so?”

    Weil das genaue Beleuchten der Ursachen und Missstände dieser Welt- und “Werteordnung” nicht im Sinne der systematisch-organisierten Bewusstseinsbetäubung ist – Wissenschaft ist dabei die Spitze dieser “verantwortungslosen”Unvernunft!!!

  2. Malaria kann letztlich wie Pocken, Masern, Polio ausgerottet, mindestens aber so stark reduziert werden wie es heute Pest und Lepra sind. Wenn man oben liest “während viele Erwachsene durch das ständige Ausgesetzt Sein eine Immunität gegen Malaria entwickelt haben” deutet das sogar darauf hin, dass Impfungen gegen Malaria denkbar sind.
    Der Klimawandel begünstigt sicher tropische Insekten in ehemals weniger tropischen Umgebungen. Das gilt nicht nur für Anopheles, sondern auch für die asiatische Tigermücke (Überträger des West-Nil-Virus, des Gelbfiebervirus, der Erreger der St.-Louis-Enzephalitis, des Dengue-Fiebers, des Chikungunya-Fiebers und des Zika-Virus).
    Und ohne Gegenmassnahmen würden dadurch diese von den Mücken übertragenen Krankheiten im Lebensraum von Anopheles und Tigermücke zunehmen. Solange es aber eine Zivilsation und eine moderne, sich ständig weiterentwickelne Medizin gibt, solange wird es auch Gegenmassnahmen geben. Nicht zufällig sind die meisten Infektionskrankheiten in den industrialisierten Ländern stark zurückgegangen und das aufgrund von hygienischen und medizinischen Massnahmen. Und nicht zufällig gilt wohl: Je ärmer ein Land ist, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass Malaria viele Menschen dort betrifft. Natürlich unter der Voraussetzung, dass das Land zur entsprechenden Region gehört, wo sich die Überträger der Malaria wohl fühlen. Doch auch in Teilen von China war bis vor kurzem Malaria noch weit verbreitet – heute dagegen sind die meisten Malariafälle in China aus Afrika eingeschleppt.
    Fazit: Selbst wenn durch den Klimawandel die Bedingugen für malariaübertragende Insekten besser werden, wird die Zunahme des Wohlstands in den betroffenen Ländern zu mehr Malariaprogrammen führen, die die Malaria sogar in ehemals endemischen Gebieten zurückdrängen.

    Dieses Fazit beantwortet auch die Frage (Zitat) “Warum nicht überall so?”. Durch die Globalisierung ist die Welt zwar geschrumpft, sie ist aber dennoch nicht zur globalen Familie geworen. Nicht jeder hilft Betroffenen, die tausende von Kilometern weit weg wohnen obwohl man heutzutage ohne weiteres mit solchen Betroffenen telephonieren könnte. Zudem ist Hilfe von aussen nicht ideal – ausser es sei Hilfe zur Selbsthilfe. Schliessen die heutigen Entwicklungsländer zu den Wohlständsländern auf, dann werden sie ihre Probleme selbst in die Hand nehmen – und das ist besser, als wenn man sie von aussen beglückt.

  3. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn solche neuen Herausforderungen auf uns zukommen. Der laxe Umgang mit der Resistenzgefahr bei Antibiotika zeigt ja, daß auch ein recht ordentliches Gesundheitssystem zur Selbstabwicklung neigen kann, wenn man sich gemeinhin zu sicher fühlt.
    Das Gesundheitssystem quasi als kollektives Immunsystem, das ab und an ein wenig Training von außen braucht, um nicht seine Schlagkraft zu verlieren oder sich gegen sich selbst zu wenden.

      • Auch wieder wahr. Läuft aufs selbe hinaus, wir werden nicht umhin kommen, bei notwendiger Bekämpfung, egal in welchem Bereich, so aggressiv wie nötig, aber auch so vorsichtig wie möglich vorzugehen. Wahrscheinlich sehr viel schwieriger umzusetzen, als die technischen Voraussetzungen dafür zu schaffen.

  4. Alles spricht dafür, dass es in 10 Jahren nur noch einen Bruchteil der heutigen Malariafälle gibt – und das trotz dem Klimawandel, der heissere und zugleich feuchtere Klimatata erzeugt und damit auch die Ausbreitung von Malaria übertragenden Insekten begünstigt. Grund für diese optimistische Sicht sind die seit etwa 10 Jahren stark gewachsenen Anstrengungen, Antimalaria-Medikamente und Impfstoffe zu entwickeln sowie die Insekten zurückzudrängen, die Malaria übertragen.
    Malaria ist eine der schlimmeren Seuchen von denen die Menschheit betroffen ist. Das zeigt sich etwa darin, dass in vielen Malariagebieten Erbkrankheiten wie Sichelzellenanämie, Thalassämie und Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase (G6PDH)-Mangel verbreitet sind. Diese Erbkrankheiten, die die roten Blutkörpern beinträchtigen, bedeuten für Betroffene mit zwei defekten Genen einen frühen Tod, für Träger nur eines defekten Gens aber lediglich eine Verschlechterung der Funktion der roten Blutkörperchen, die aber gleichzeitig die Malariaanfälligkeit vermindert. Dass es solche Erbrkankheiten gibt, bedeutet nichts anderes, als dass es Gebiete gibt, in denen Malaria schon tausende von Jahren “wütet”. Dazu hat auch der Mittelmeerraum gehört, welcher nun schon seit vielen Jahrzehnten praktisch frei von Malaria ist – nicht wegen natürlichen Faktoren wie etwa einem Klimawandel, sondern wegen Programmen zur Malariabekämpfung, die schon im 19. Jahrhundert aufgelegt wurden.
    Allerdings bedeutet die Tatsache, dass der durch den Menschen verursachte Klimawandel, auch die Verbreitung von vorher südlicher beheimateten Insekten und Kranheitserregern begünstigt, eben doch, dass der Klimawandel weit mehr und weit grössere Folgen hat, als etwa nur etwas höhere Durchschnittstemperaturen. Er ändert praktisch alle Klimata aller Regionen der Erde, besonders stark die Klimata in den höheren Breitengraden – also polnah – was dort zu angenehmeren Temperaturen (weniger kalt) führt, aber auch die Invasion von Insekten aus dem Süden begünstigt. Am stärksten werden unter dem Klimawandel allerdings die Regionen leiden, die schon heute aus menschlicher Sicht extreme Klimata besitzen und wo eine Erhöhung der Temperatur oder eine Zunahme von Dürren das Aus für die Landwirtschaft oder gar das Aus für die Bewohnbarkeit bedeuten. Das allerdings sind nur die kurzfristigen Folgen. Langfristig wird sich der Klimawandel auf die menschliche Besiedelung der Meeresküsten fatal auswirken, denn über einen Zeitraum von mehreren hundert Jahren wird der Meeresspiegel mehrere Meter steigen. Städte wie New York, Amsterdam, Shanghai stehen dann vor dem Aus. Leider spielt aber die lange Sicht für die meisten Menschen inklusive Politikern kaum eine Rolle. Darum müssen sich dann unsere Nachfahren kümmern.

  5. Kleiner Datenpunkt, auch wenn’s nicht Malaria betrifft sondern eher die Arboviren: Habe gestern morgen mitten in Heidelberg eine A. albopictus erlegt, die mich grad anzapfen wollte. Und das um die Jahreszeit…

    • Ja, das ist mir auch schon passiert… in Zürich… die Biester kommen wohl zu uns in den kleinen Pfützen in Autoreifen die wir (aus sich mir nicht ganz erschließen wollenden Gründen) um die Erde schicken.

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