Welternährung mit und ohne Umweltzerstörung

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Öko-Logisch?

Getreideähre (Foto: berlin-pics/Pixelio) Je nachdem, wen man fragt, wird sich der Bedarf an Nahrung bis 2050 etwa verdoppeln. In PNAS berichten Forscher jetzt, wie man diese Nachfrage möglichst ökologisch decken kann. Der Ansatz darin ist wichtig, doch manche Lösung ist noch einfacher.

Würde man weiter wie bisher der steigenden Nachfrage vor allem dadurch begegnen, dass man neue Flächen erschließt, sprich: über (indirekte) Landnutzungsänderungen, wäre das der denkbar schlechteste Weg. Neue Flächen lassen sich vor allem in bislang ertragsschwachen Schwellen- und Entwicklungsländern erschließen, in der Regel werden dabei Naturlandschaften zerstört. Die Zerstörung der Artenvielfalt ist immanent, und der zusätzliche Ausstoß an Treibhausgasen ist speziell für gerodete Regenwälder oder trockengelegte Sumpfgebiete enorm. Eine Milliarde Hektar müssten bis 2050 zu neuen Ackerflächen werden, berechnen die Autoren der Studie. Jährlich würden drei Gigatonnen CO2-Äquivalente in der Landwirtschaft freigesetzt, die Menge ausgebrachten Stickstoffs stiege auf 250 Megatonnen pro Jahr.

Anders sieht es im günstigsten der vier untersuchten Szenarien aus: Würde man Landnutzungsänderungen weitgehend vermeiden und stattdessen versuchen, durch den Transfer von Technologie, Sortenqualität und Managementwissen den Ertrag vorhandener leistungsschwacher Ackerflächen auf das mögliche hohe Niveau mancher Industrieländer anzuheben, sähen die Umweltfolgen harmloser aus. Immerhin noch 200 Millionen Hektar Land müssten zu neuen Äckern werden, aber der Ausstoß an CO2-Äquivalenten läge nur bei einer Gigatonne, der ausgebrachte Stickstoff bei 225 Megatonnen.

Man muss kein Genie sein, um zu erkennen, dass höherer Flächenertrag ökologisch und klimatisch günstiger ist als Landnutzungsänderungen. Immerhin gehen aktuelle Studien davon aus, dass bei konsequenter Berücksichtigung auch indirekter Landnutzungsänderungen sich für manche Feldfrucht die negative Klimabilanz verdoppeln würde – so sehr kann eine Intensivierung der Landnutzung nicht zu Buche schlagen. Vor allem bedeutet ein Technologie- und Wissenstransfer auch eine sozial wesentlich nachhaltigere Vorgehensweise. Sie dürfte auch die ökonomischere sein, da die erhaltenen Naturflächen durch schonende, beispielsweise touristische Nutzung, aber auch schon allein durch ihre „Serviceleistungen“ weiterhin einen Beitrag leisten, anstatt nach der Zerstörung nur noch negativ in der Bilanz aufzutauchen.

So richtig die Empfehlung der Studie auch sein mag, sie lenkt jedoch auch den Blick weg von anderen Ursachen des Welthungers, und auch von teilweise einfacheren Lösungen. Noch immer haben die Industrienationen einen viel zu hohen Fleischkonsum. Wollte jedes Land unser Niveau erreichen, wären übrigens die Berechnungen der Studie hinfällig, der Bedarf an Ackerfrüchten noch deutlich höher. Das überrascht nicht, wo doch eine Kalorie Fleisch bis zu sieben Kalorien Pflanzen in Form von Futter verbraucht. Auch dass wir fast ein Drittel aller Lebensmittel wegwerfen, ließe sich ändern.

Weniger leicht zu ändern, aber nicht minder einflussreich sind Verteilungs- und Managementprobleme innerhalb eines Landes. Wenn Diktatoren lieber Energiepflanzen nach Europa verkaufen als Nahrung für ihre Bevölkerung anzubauen, wenn Bürgerkriege den Anbau behindern, dann sind viele Ernährungsprobleme hausgemacht.

Um so wichtiger, dass wir die möglichen Wege gleichermaßen beschreiten, von der eigenen Ernährungsumstellung bis zum Technologie- und Wissenstransfer. Diese Erfolge im Kampf gegen den Hunger haben wir selbst in der Hand.

Foto: berlin-pics/Pixelio

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Björn Lohmann ist freier Wissenschaftsjournalist und Trainer für Onlineredakteure. Sein Anliegen ist es, die wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen zu hinterfragen, die unser aller Leben maßgeblich beeinflussen - denn nicht immer sind die Prioritäten von Forschern, Unternehmern und Politikern die besten im Interesse der Gesellschaft. In seiner Freizeit rettet Björn Lohmann die Welt, weil er findet, dass es sich mit ihr einfach netter lebt.

3 Kommentare

  1. Ernährung: Mehr Ertrag, mehr rice+corn

    Der Flächenertrag in vielen Ländern Afrikas ist in der Tat sehr gering. Das mag in einigen afrikanischen Ländern am Klima und Boden liegen, in anderen aber ist es das Resultat falscher Politik wie das Beispiel Simbabwe aufzeigt: “For many years hailed as southern Africa’s bread basket, Zimbabwe’s agriculture has been on a steady decline, shrinking by 50 per cent in seven years, triggering a wave of food shortages and pushing up the prices of food stuffs.”

    Was im Artikel aus dem ich zitiert habe auch noch steht, gilt wahrscheinlich für viele afrikanische Länder: “For the CFU, the future of agriculture in Zimbabwe is closely bound to the country’s political fortunes: political stability, macroeconomic stability, maintenance of law and order, long term security of tenure and incentive pricing for commodities are all cited as necessary for reviving the sector.”

    Die Empfehlung, den landwirtschaftlichen Ertrag in Entwicklungsländern zu steigern ist also sicher richtig. Das Problem liegt aber darin, dass dies nicht über Geldzahlungen und auch nicht über die Entsendung ein paar idealistischer Entwicklungshelfer angestossen werden kann. Wie oben angedeutet hängt es von vielen Faktoren ab: von Bildung, politischer Stabilität, der Möglichkeit mit Landwirtschaft ein Auskommen zu erzielen und von vielem mehr. Die Voraussetzungen dafür sind in weiten Teilen der Subsahara (ohne Südafrika) schlecht. In diesem riesigen Gebiet ist der jährliche Energieverbrauch übrigens kleiner als in Spanien, was wohl auch ein Indikator für die Unterentwicklung ist.

    Zum Fleischkonsum der auf Kosten der Armen gehe lässt sich folgendes sagen: Rind, Schwein, Lamm und Geflügel zusammen liefern heute weltweit nur 6% der weltweit konsumierten Kalorien, bei den unterentwickelten Ländern ist es sogar nur 2.5 Prozent. Um die Ernährungssituation zu verbessern muss der bestehende Fleischkonsum also nicht reduziert werden. Es muss nur verhindert werden, dass immer mehr zu Karnivoren werden. Die aufstrebene Mittelschicht in China und Indien tendiert aber leider zu höherem Fleischkonsum und es gibt auch schon viele Länderein in Afrika, die Nahrung für China erzeugen. Solche fremden Agrarbesitzer sind ein zweischneidiges Schwert: Einerseits erzielen sie meist höhere Flächenerträge als die einheimische Bevölkerung, weil sie industrialisiert anbauen, andererseits fördern sie die Landflucht und führen zur Enteignung der Landbevölkerung.

  2. Das ist das was mich ärgert. Überall wird der gesteigerte Nahrungsbedarf bestätigt und dann werden für unsere Autos “Lebensmittel” angebaut.

  3. Helping the poor to to feed themselves

    Auf n-tv und in Science Daily: New Projection Shows Global Food Demand Doubling by 2050 wird die Arbeit von Tilman, Balzer, Hill und Befort, die hier von Björn Lohmann zur Diskussion gestellt wird, ebenfalls aufgegriffen.

    Folgendes Zitat äussert einen Sachverhalt, der mir unmittelbar einleuchtet: “Our analyses show that we can save most of the Earth’s remaining ecosystems by helping the poorer nations of the world feed themselves,” Tilman said.

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