Brauchen und wollen Lehrer Wissen über das Gehirn?

In den letzten Jahrzehnten hat die Erforschung des menschlichen Gehirns zahlreiche neue Erkenntnisse über kognitive Prozesse zutage gefördert – insbesondere über den Prozess des Lernens.
Zum Teil können aus dieser Grundlagenforschung recht konkrete Schlüsse für die pädagogische Praxis gezogen werden. So kann etwa, um ein Beispiel aus meiner eigenen Forschung zu bringen, das Lernen von Vokabeln in einer Fremdsprache sehr einfach unterstützt werden, indem man neue Worte mit Gesten kombiniert. Die Vokabeln werden dadurch in großen multimodalen Netzwerken im Gedächtnis abgespeichert und später leichter erinnert (siehe dazu: Body in Mind: How Gestures Empower Foreign Language Learning, Nov. 2011)

Da muss es eigentlich sehr verwundern, dass es bisher kaum gelungen ist, einen wirklich fruchtbaren und vor allem dauerhaften Dialog zu etablieren zwischen Hirnforschung und Pädagogik, Grundlagenforschung und konkreter Anwendung in Lehrerfortbildung oder im Schulalltag.

Meiner Meinung nach braucht Schule Wissen über das Gehirn. Nur, wenn Lehrkräfte wissen, was sich im Gehirn von Lernenden abspielt, sind sie in der Lage, Vorgangsweisen gekonnt einzusetzen, um Lernprozesse optimal einzuleiten und zu steuern. Pädagogisches Handeln prägt und verändert das Gehirn von Menschen. Diese Verantwortung ist zu groß, um im Unterricht einfach nach der Motto „trial and error“ zu verfahren und methodischen Moden und Trends zu folgen.

Wenn wir darüber sprechen, wie unser Gehirn das Lernen am besten meistert, geht es nicht um Thesen und Antithesen, sondern um Messbares und empirisch Verifizierbares: Tests im Verhalten und Bildgebung geben aufschlussreiche Antworten. Daher glaube ich, dass sich die Pädagogik empirischem Wissen über Lernprozesse stärker öffnen sollte.

Im Blog NeuroKognition möchte ich Schwierigkeiten beim Austausch zwischen den Disziplinen thematisieren, aber auch konkrete Vorschläge für unterschiedliche Aspekte der Sprachvermittlung geben (Aussprache, Vokabellernen, usw.), die ich mit Wissen aus der Kognitions- bzw. Neurowissenschaft untermauern werde. Ich freue mich auf interessante Debatten und hoffe, den einen oder anderen vom Nutzen der Hirnforschung für das Lernen im pädagogischen Kontext überzeugen zu können.

Veröffentlicht von

Dr. Manuela Macedonia erforscht seit vielen Jahren neue Strategien, um das Erlernen von Fremdsprachen effizienter zu gestalten. Die gebürtige Italienerin studierte allgemeine Sprachwissenschaft, Germanistik und Kognitivpsychologie in Turin und an der Universität Salzburg, wo sie 2003 mit einer Arbeit über Fremdsprachenlernen und Gedächtnis promovierte. Derzeit untersucht sie in der Max-Planck-Forschungsgruppe "Neuronale Mechanismen zwischenmenschlicher Kommunikation" den Effekt, den multisensorische Anreicherung auf Gedächtnisprozesse bei jungen Erwachsenen während des Sprachenlernens hat. Im Jahr 2010 gründete sie "Neuroscience for you" ein Institut für Wissenstransfer aus den Neurowissenschaften. http://www.das-gehirn.com/

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  1. Ich freue mich…

    … auf den neuen Blog! Bin gespannt 🙂

    Und hätte gleich eine kritische Anmerkung: Mein Eindruck ist, dass Lehrer und Lehrerinnen die Ratschläge aus der Wissenschaft als äußerst veränderlich und Modeströmungen unterworfen empfinden, zum Beispiel im Fremdsprachunterricht. Was gabs da nicht schon alles! Und immer abgesichert mit (damals jedenfalls) gültigen wissenschaftlichen Erkenntnissen.
    Und dann greift genau das: “Diese Verantwortung ist zu groß, um im Unterricht einfach nach der Motto „trial and error“ zu verfahren und methodischen Moden und Trends zu folgen.” Da verlassen sich die meisten lieber auf ihre Erfahrungen – und ignorieren die Ratschläge von den Unis.

  2. Herzlich willkommen…

    …in den Scilogs und ein Gruß von einem Chronologs-Blognachbarn! 🙂

    Danke auch für den spannenden Einstiegspost, der bereits neugierig macht!

    Da ich im Bereich Religion & Hirnforschung promoviert hatte, erlebe ich immer wieder sowohl Faszination wie auch Ablehnung dieser Forschungsrichtung. Vielleicht verblüffenderweise scheint dabei die Offenheit von theologischer Seite eher größer zu sein als von pädagogischer Seite – da hört man dann doch öfter “das sei doch alles schon bekannt, redundant, effektheischend” o.ä. Insofern könnte “NeuroKognition” wichtige Themen und Diskussionen anstoßen!

  3. Rezepte statt Rezeptoren ?

    “Rezepte statt Rezeptoren”, so kritisierte Elsbeth Stern 2003 in der Zeit den Versuch Wissen um biochemischen Prozesse im Gehirn den Lehrern, die im Klassenzimmer stehen, beizubringen.

    Vorab hatten, glaube ich, Henning Scheich, Katharina Braun und Manfred Spitzer sich ebenfalls in der Zeit für den Wissenstransfer ausgesprochen.

    Wie ist diese Diskussion ausgegangen? Sehen Sie eine Grenze, wo Wissen in den Neurowissenschaft über Plastizität (und damit Lernen) nichts mit dem Lernen, wie es Lehrer verstehen und umsetzten sollen, zu tun hat?

    Freue mich auf diesen Blog.

  4. Als Lehrer gebe ich auch einmal meinen Senf dazu 🙂
    1.) Hirnforschung finde ich sehr interessant und auch durchaus relevant. Privat versuche ich mich damit auch zu beschäftigen – aber natürlich versuche ich mich auch mit meinen Fächern (Chemie und Mathematik) zu beschäftigen, dort neue Sachen zu finden und ebenso in der eigentlichen Didaktik. Das ist insgesamt sehr viel, was man “nebenbei” macht, zusätzlich zum normalen Unterrichtsalltag (wo ich zu Hause eben noch Unterricht vorbereite, korrigiere etc.). Familie habe ich auch, ein paar Hobbys ebenso… Kurz: es ist auch Zeitproblem. Und alles ist wichtig 😉
    Daher bin ich sehr dankbar, wenn auch konkrete Tipps gegeben werden, denn dann kann ich die besser augnehmen und muss nicht noch verarbeiten. Da gibt es allerdings wiederrum das Problem, dass sich nicht alles so ohne weiteres umsetzen lässt (Disziplin, andere Fächer, Zeit, Raum, etc.).

    2.) Viele Kollegen – das ist richtig – sind damit beschäftigt, mit der ständigen Rahmenplanveränderungen (Berlin) Schritt zu halten und noch so das wichtigste aus der aktuellen Forschung in ihren Fächern mitzunehmen. Hinzu kommt tatsächlich eine Verweigerungshaltung á la “Was mussten wir nicht schon alles einbauen?”, meistens kombiniert mit einem Hinweis auf die Mengenlehre (ein projekt das ich als Idee gut fand, aber die Umsetzung war mäßig, dazu gleich). Da steckt mehr hinter als das übliche “Lehrer sind faul bzw. verweigern sich sowieso”. Das Problem ist, dass oft Forderungen ohne Konzepte auf die Lehrer abgelassen werdem. So nach dem Motto: “Macht mal (z.B.) Mengenlehre! Bringt euch selbst bei, wie das geht!”. Da kann nur Murks bei rauskommen. (Aktuell dürfen wir gerade per “Learning by Doing” herausfinden, wie man Sonderschüler in den Unterricht integriert – Blinden- und Sonderschulen werden ja jetzt geschlossen).

    Insofern: Ein spannendes Thema und im Rahmen eines Blogs auch angemessen. Wer allerdings erwartet, dass Lehrer das auch alles sofort umsetzen, muss sich auch Gedanken darüber machen, wie man dieses Wissen und die Praxis den Pädagogen vermittelt.

  5. Lernen: so schwierig/leicht wie Schlafen

    Am besten ist ihr Wissen über Lernprozesse bei denen aufgehoben, die lernen wollen.

    Also nicht unbedingt bei den Lehrern und Schülern, die noch mit vielem anderen beschäftigt sind als mit dem Lehren und Lernen und sich nur in guten Momenten auf das Lernen selbst konzentrieren können.

    Die Schule ist ja schon länger ein grosses Experimentierfeld und es sind weniger die Lehrer, die nach dem Motto „trial and error“ verfahren, als vielmehr die Politiker und Experten, die oft meinen die richtigen Rezepte zu haben, aber eigentlich genau nach dem “trial and error”-Verfahren der Schule etwas aufzwingen wollen, was sie selber für richtig halten: also beispielsweise eine neue Schulform (Gesamtschule), eine andere Stoffgewichtung (Fremdsprachen schon früh, am besten schon im Kindergarten), oder eine andere Methodik (früher mal audiovisueller Unterricht, heute wer weiss was ich).

    Damit aber etwas gelernt wird, muss zuerst alles rundherum stimmen. Wer lernen will und aufnahmebereit ist, dem fällt Lernen of so leicht wie irgend eine andere Tätigkeit, z.B. schlafen. Wer aber in irgend einer Art gestört ist, hat Lernprobleme wie andere Probleme beim Einschlafen haben.

    Wenn es wirklich neue wichtige Erkenntnisse aus der Kognitionsforschung gibt, die das Lernen betreffen, dann sollten alle Lernwilligen in den Genuss dieser Erkenntnisse kommen. Ich kann mir gut vorstellen, dass man in Zukunft beim Lernen nicht mehr an die Schule denkt, sondern vielmehr die Schule als etwas historisch überholtes betrachtet, als ein Beispiel für eine Fehlentwicklung in der menschlichen Geschichte.

    Ein gutes Beispiel für die Tatsache, dass vieles in der Schule falsch läuft oder mindestens viel schlechter läuft als in einer nichtschulischen Umgebung ist gerade das Sprachenlernen. Kinder, die früh in eine andere Sprachumgebung kommen, lernen oft in wenigen Monaten eine neue Sprache. Doch in der Schule scheint das viel weniger zu funktionieren. Nun vielleicht liegt es ja daran, dass die Lehrer ihre Ratschläge noch nicht kennen und nach ein paar Blogbeiträgen ihrerseits sieht es dann ganz anders aus.

  6. Vokabeln mit Gesten lernen

    Hatte letzte Woche die Freude, einer jungen Lehrerin beim Unterricht in einer Grundschulklasse zuzusehen, die neue Worte mit neuen Lauten lernten. Sie kombinierte jeden Buchstaben mit dem passenden Zeichen aus der Gebärdensprache. Kinder buchstabierten mittels dieser Zeichen für den Rest der Klasse mittels Gebärde und diese “lasen” das Wort und sagten es dann laut. Den Kindern machte das einen Riesenspass.

  7. Geschlossenheitstheorem

    Wie stehen Sie zum Geschlossenheitstheorem, das besagt, dass das Gehirn ein selbstreferenzielles System ist und der generalisierten Schlussfolgerung, dass aus diesem Grund eine Intervention vonseiten der Lehrer unmöglich ist? Ist diese Schlussfolgerung, die in der konstruktivistisch orientierten Pädagogik anzutreffen ist nicht ungenau? Wird nicht zwischen der Systemebene des Gehirns und der sinnlichen Ebene unterschieden? Aus der Systemebene ist das Gehirn geschlossen, doch über die Sinnes- und Rezeptorenoberfläche ist das Gehirn offen für Reize (und eben auch für soziale Einflüsse)!

  8. Gestik als Vokabel-Lernhilfe?

    Warum gestikulieren Frauen mehr als Männer? Vor allem heftiger und ununterbrochener – zuweilen bei mehreren Wörtern hintereinander auch deutliche Hand- und Armbewegungen parallel mit machen.

    Haben Frauen schon das Sprechen und den Wortschatz mit der Hilfe der Gesten gelernt, das sie es so tun?
    Wieso soll dass denn eigendlich helfen? Mit kommt dabei gerade nur die Eigenschat der Bewegung in den Sinn, die da bei Ausführung durch oder zu emotionaler Erregung führt. Und die Erregung also als Potenzierung beim Lernen benutzt wird. Wobei die vorbereitende Haltung beim bevorstehenden Sprechen (etwa schon den Arm in Ausgangsposition für die Geste) also schon zur Vorbereitung auf die Emotion gelten dürfte, die aber doch erst beim Ausprechen des Wortes entsteht (und nicht vorher). Ist die Emotion also nur die Belohnung für das richtige (so erscheinende) Wort?
    Sicher ist, dass weniger Geste wohl weniger Emotion erzeugt. Aber keine Geste nicht keine Emotion.

  9. Wir haben Kapazitätsgrenzen.

    Ich muss mal ein großes Stopp! äußern. Ich denke, in der Fülle an Forderungen nach “Immer mehr Lernen” vergessen wir immer den Kontext und die Interaktion. Leider werden den Lehrern diese Mittel einzusetzen von zig Reformen erschwert, auch die Fülle der Schüler, die ein Lehrer zu betreuen hat, ist eine Frechheit. Wir brauchen uns doch nur anzuschauen, wie wir als Kleinkinder das sprechen oder einfach das gehen gelernt oder sozial Verhalten gelernt haben. Wir haben es am Modell gelernt. Ich denke das dabei auch die Gruppenzugehörigkeit eine Rolle spielt. Unbewusst entwickelt sich die Dynamik die Verhaltensweisen aber auch schon die physische Haltung zu emittieren und durch Freude der Eltern und Unterstützung erhalten wir die Rückkopplung, dass diese Entwicklung von der Gruppe gewünscht ist, quasi gefördert wird. Ich denke, je größer die Klassen werden, desto mehr willkürliche Dynamiken entstehen in der Gruppe (Schulklasse) und der Lehrer hat kaum die Kapazität diese zu unterbinden bzw. auf bestimmte Fälle einzugehen. Allerdings machen diese Dynamiken es schwierig eine Gruppenentwicklung an der sich jeder Schüler orientieren könne fast unmöglich. Ich möchte keine Uniformen oder Strenge und so weiter sondern es geht darum, dass kleinere Klassen es möglich machen, individuelle Anpassungen an den Lern-Kontext und der Interaktion mit dem Schüler vorzunehmen. Dabei sollten es nicht nur kleinere Klassen sein, sondern auch entsprechende individuell flexible Lernmaterialien. Ich finde, der Lehrer soll die Möglichkeit haben als Modell im Unterricht zu fungieren und quasi mit den Schülern gemeinsam lernen können, natürlich seinem entsprechendem Kontext nach. Das Interessante dabei ist, dass der Lehrer den Schülern indirekt Benimm-Regeln. Zum Beispiel, wenn ich im Unterricht mit meiner Aufgabe früh fertig war und der Lehrer selber an der Aufgabe saß oder andere Dinge konzentriert tat, wusste ich, dass ich nicht stören dürfte, ich habe dann einfach je nach dem andere Aufgaben oder zusätzliche Aufgaben gemacht, manchmal schon Aufgaben, bei denen ich annahm sie würden als Hausaufgabe auf sein. Doch in erster Linie dachte ich immer daran, dass der Lehrer auch die Aufgabe macht und selber noch nicht fertig ist. Ich füllte mich verbundener. Ich denke daher, dass die Lehrer-Schüler-Beziehungen bedacht werden müssen, anstatt zu verlangen, dass immer mehr Kompetenzen aufgebaut werden ohne zu wissen wie viel und welche Kompetenzen dadurch überlagert werden. Ich denke gerade Experten dürfen nicht vergessen, von wie vielen Dinge sie keine Ahnung haben/ haben können, weil sie sich extrem spezialisiert haben. Wir wissen doch: Theorie und Praxis sind nicht selten wie Hund und Katze 🙂

  10. Zuerst einmal: Ich freue mich wahnsinnig über diesen Blog. Ich habe für mein Studium der Psychologie soeben den Schwerpunkt “kognitive Neurowissenschaften” gewählt. Daher finde ich mehr Input “außerhalb der Uni” und des dort vorgegebenen Stoffrahmens auch gut. 🙂

    Zu der Frage und auch zu den Kommentaren hier:
    Es ist doch Schade, dass sich alle immerzu Gegenseitig vorwerfen mehr zu wissen als der andere. Die Lehrer fühlen sich gegängelt, weil sie denken die Hirnforschung (aber auch alle anderen) wollten ihnen noch mehr Arbeit, noch mehr Konzepte, noch mehr “Blabla” aufdrücken…
    Die Forscher fühlen sich gegängelt, weil sie ja nur helfen wollen, ihre Erkenntnisse praktischen nutzen haben (oder sie es jedenfalls glauben), so vieles erleichtern könnten – wenn man nur auf sie hören würde.

    Ich denke mir: Die Wissenschaft sollte praxisnahe Konzepte entwerfen und anbieten. Die Lehrer sollten, wenn Zeit und Raum vorhanden, auf diese Konzepte zugreifen können. Wenn es funktioniert, wird es sich hoffentlich rumsprechen und bald zum flächendeckend Angewendet.

    Was aber – meiner Meinung nach – dringend getan werden müsste ist: Mit Pädagogischen Mythen aufräumen. Dann erst können neue Konzepte an den Mann/die Frau gebracht werden. Was ich in meiner Schulzeit alles für einen – neurologisch betrachtet – Blödsinn über mich hab ergehen lassen.
    Ich konnte bereits vor der ersten Klasse buchstabieren. Aber uns wurden die Buchstaben vehement mit “Bildern” beigebracht, sodass ich Kinder kannte, die kaum ein Wort mit “A” Buchstabieren konnten, ohne das Bild eines Apfels im Kopf zu haben. Da wurde uns kurz nach dem Schulwechsel von einer – ich wette inzwischen drauf -absolut unstudierten Person ermittelt, ob wir “auditive” “visuelle” oder “haptische” Lerntypen seien und daraufhin musste ich Monatelang als Hausaufgabe mit der Beilagen-CD zum Schulbuch arbeiten, weil ich ja ein “auditiver” Typ sei. Selbige Dame schlug mir vor doch besser mit Links schreiben zu lernen, weil ich zu den Kindern gehören würde, die ein “Hemisphärisches Defizit” hatte.

    So ein Unfug, so ein Blödsinn. Das habe ich damals schon geahnt, heute weiß ich es. Aber in meiner alten Schule wird dieses Konzept nach wie vor angewandt.
    Dass das Lernen von Buchstaben oder Wörtern mithilfe von Bildern nicht förderlich ist, wurde mir bereits in der zweiten Vorlesung meines frischen Studiums beigebracht. Und der Berg an “Und das wird in der Schule heute noch gemacht!!” – Aussagen wuchs seitdem beständig.

    Solange die deutlichsten Falsifizierungen irgendwelcher Konzepte nicht in den Schulen angekommen ist, sind die wagen “Es gibt Hinweise darauf, dass dieses und jenes das Lernen verbessert” von vornherein chancenlos.

    My 2 cents.

  11. Eindeutig: nein

    Solange keine Interventionen auf Hirnebene geplant sind (z.B. Medikamente) brauchen Anwender (Lehrer, Werbeagenturen, usw.) kein Wissen über Hirnmechanismen, sondern nur über zuverlässig auftretende psychologische (bzw. pädagogische) Effekte.

    Bei dem geschilderten Beispiel – Gestikulieren beim Vokabellernen – handelt es sich um einen psychologischen Effekt: eine Verhaltensveränderung führt zu einer Verhaltensveränderung (nämlich einer Lernsteigerung). Wie das genau zustande kommt, ist für den Effekt selbst ohne Belang.

    Mehr noch: psychophysiologische und neuropsychologische Studien werden solche psychologischen Effekte (lern- oder auch werbepsychologische Effekte) prinzipiell nicht entdecken können; sie zielen ja auf die Hirnmechanismen hinter diesen Effekten, verfolgen also eine ganz andere Fragestellung.

    Schlussendlich: Neurokognition, also Kognitive Neurowissenschaften, sind genau genommen entweder Psychophysiologie oder Neuropsychologie. Selbst die Psychophysiologie fällt traditionell in das Gebiet der Psychologie, weil hier keine neuen physiologischen Phänomene entdeckt werden, sondern physiologische Phänomene mit Interesse an psychischen Phänomenen untersucht werden.

    Kurz: NeuroCognition ist ein kleiner Teilbereich der Psychologie. (Ich weiß, dass nicht wenige “Hirnforscher” unglaublich stolz darauf sind, keine Psychologen zu sein; sind sie aber doch – Physiologen sind nur zu nett, um sie den Unterschied spüren zu lassen …)

    Lehrer/innen brauchen psychologisches und pädagogisches Know-how. Schulzeit ist Lebenszeit und Schüler und Lehrer haben ein Recht darauf, in dieser Zeit zu leben, sprich: authentische und motivierende Persönlichkeiten und Beziehungen zu erfahren. In diesem Rahmen kann Unterrichtsforschung Sinn machen und Forschung zum Transfer von lernpsychologischen Effekten in die Schulsituation – aber wie manche “Hirnforscher” vom Mäuse-Experiment ausgehend die Schule reformieren wollen, das ist schlicht und ergreifend blöde und absurd. Ich finde, dass Elsbeth Stern dazu mutig bei verschiedenen Gelegenheiten die passenden Worte gefunden hat.

  12. Im Boot mit dem PISA-Schock

    Es war sicher sehr verlockend als Ende 2001 der PISA-Schock aufkam, die eigene Lernforschung mit Bedeutung zu überladen, worauf dann eben mit “Rezepte statt Rezeptoren” richtig geantwortet wurde.

    Aber gibt es wirklich kein Beispiel? Vielleicht weniger, dass Lehrer Wissen auf der biochemischen/physiologischen Ebene brauchen (das denke ich in der Tat auch nicht), aber dass Lerninhalte darauf hin überdacht werden?

    Wann wird eine zweite Sprache als Muttersprache im Hirn angelegt, wann ist sie Fremdsprache? Wie plastisch ist das Hirn eines Kindes, dass gerade ins dreigliedrige System wechselt? Können wir wirklich mit 10-12 Jahren solche Entscheidungen sicher treffen?

    Solche Fragen.

    Vielleicht kann hier die Forschung auf der biochemischen/physiologischen Ebene doch auch wichtige Hinweise liefern? Ich bin aber auch da unschlüssig und würde gerne mehr dazu erfahren.

  13. Dialog

    Dialog zwischen Gehirnforschern und Praktikern finde ich sehr wichtig und interessant. Nun stehe ich auf der Seite der Praktiker, unterrichte Deutsch als Fremdsprache und entwickle Lehrmaterialien. Seit einiger Zeit interessiere ich mich für Ergebnisse der Hirnforschung. Mein Problem ist, dass ich keinen Zugang zu den für mich relevanten Forschungsergebnissen habe. Wo finde ich eine aktuelle Einführung in Hirnforschung und Fremdsprachenunterricht, wo finde ich neuere Forschungsergebnisse zu Einzelaspekten, wie z.B. Wie unterstützen Visualisierungen die Grammatikeinführung oder -übung?, Hilft Visualisierung immer oder kann sie auch störend sein? Wie trägt der Klang der Sprache zum Lernen bei? … Aus meiner langjährigen Unterrichtserfahrung habe ich eigene Vorstellungen, fände es aber sehr interessant, diese mit Forschungsergebnissen zu vergleichen, zu ergänzen und zu revidieren. Ich wäre dankbar, wenn Sie mir Literatur zu den verschiedenen Aspekten nennen könnten.

  14. Laien und Gehirn

    @Friederike Jin
    Sie sprechen einen wichtigen Aspekt an und Sie haben recht: Wenn Sie sich als Laie in die Thematik Gehirn einarbeiten möchten, fehlt es an Einführungen, welche die relevanten Themen der Kognition – in Ihrem Fall für Fremdsprachenlehrer/innen – systematisch und seriös abhandeln. Seit einigen Jahren versuche ich Verlagen eine solche Publikation vorzuschlagen: Bisher war ich erfolglos. Ihre Antwort lautete, der Markt sei dafür nicht vorhanden. Ich kann Ihnen also keine Einzelquelle nennen, die Ihnen das gesamte aktuelle Wissen gebündelt und leicht verständlich vermittelt. Ein Versuch in diese Richtung ist das, was ich hier im Blog und auf meiner Website http://www.das-gehirn.com tue.
    Wichtig wären auch Lehrerfortbildungen, die in diesem Bereich aber fast nicht angeboten werden.

    Insgesamt fehlt es noch an systematischer Auseinandersetzung. Praxisbezogene Fragestellungen sind eben nicht die Themen der Grundlagenforschung: Dafür müsste man eigene Forschungsabteilungen einrichten, die “educational neuroscience” betreiben und eben diese Fragen einzeln bearbeiten. Leider gibt es in Deutschland und Österreich dafür (noch) keine Professuren. Vielleicht auch deswegen, weil viele noch meinen, die Pädagogik reiche…

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