Historischer Bergbau im Allgäu – Das Museumsbergwerk am Grünten

Am Grünten, einem knapp 1738 m hohen Berg in den Allgäuer Alpen, wurde seit dem 15. Jahrhundert bis ins 19 Jahrhundert Eisenerz abgebaut. Die Folgen dieses Bergbaus waren weitreichend. Die Gruben gaben nicht nur vielen Familien der Bergleute und der verarbeitenden Industrie und Handwerk Arbeit und Brot, sie veränderten auch die Umwelt deutlich. Heute erinnert ein Museumsdorf und Museumsstollen an die Zeit des Bergbaus im Allgäu.

Die Alte Anna Grube. Zu bischöflichen Zeiten trugen die Gruben die Namen von Heiligen. Eigenes Foto

historischer Bergbau

Die Anfänge des Erzbergbaus am Grünten werden mit der ersten schriftlichen Erwähnung 1471 gesehen. Bergknappen aus Tirol hatten kurz zuvor am Grünten Erz entdeckt und mit den Abbau begonnen. Der Kaiser verlieh die Schürfrechte an den Grafen von Montfort. Interessanter Weise gehörte das Gebiet um den Grünten dem Augsburger Bischof, was in der Folge zu einigen Streitereien führte. Der Bischof erlaubte seinen Untertanen ab 1563 auf eigene Rechnung und vor allem natürlich eigene Gefahr Erz zu schürfen. Natürlich durften sie ihr Erz nur an ihn verkaufen.

Ab 1802 wurden die Besitzungen der Kirche staatlich, wodurch auch die Knappen in den Staatsdienst kamen und nicht mehr freischaffend waren. Überhaupt war die Arbeit extrem hart und gefährlich. Ihre Schutzkleidung entsprach absolut nicht heutigen (oder überhaupt irgendwelchen) Standards, auch wenn sie sicher etwas schützte.

Während die Gruben später nach Familienangehörigen des Königs benannt wurden. Eigenes Foto

Zwergenmützen und Hunde

Die hohen Mützen, in den Märchen als Zwergenmüzen verewigt, waren mit Stroh gestopft und stellten so etwas wie einen Kopfschutz dar. Die Beleuchtung mit Hilfe von Fackeln, Kienspänen und später kleinen Öllampen, so genannten Fröschen, war dürftig. Viel Platz war unter Tage auch nicht, so dass der Knappe die ganze Arbeitsschicht meist im Dunkeln kauerte und mit seinem Gezähe, meist nur Schlegel und Eisen, das Gestein bearbeitete.

Das Erz wurde mit kleinen Loren, den so genannten Hunden, aus dem Stollen gebracht. Diese liefen zur „Erleichterung“ der Arbeit auf Holzschienen. Voll beladen war das kein Vergnügen, und man ging, im wahrsten Sinne des Wortes, vor die Hunde. Dies ist der Ursprung des Satzes. Wer das nicht glauben mag, im Museumsdorf am Grünten kann man spaßeshalber eine volle Holzlore schieben.

Hier geht ein Bergknappe vor die Hunde. Eigenes Foto

Kahlschlag

Das Eisen der Grüntener Gruben war für die Region ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, auch wenn die Vorkommen nur klein und von schlechter Qualität waren. In und um die Ortschaft Burgberg fanden sich viele Nagel- und Hufschmieden, die das Eisen der örtlichen Gruben verarbeiteten. In Sonthofen gab es ein größeres Hüttenwerk, das zeitweise über 100 Beschäftigte hatte.

Die Bergbau und Hüttentätigkeiten hatten direkte Folgen für die Umwelt. Um das Erz zu verhütten und das Eisen zu schmelzen wurden große Mengen an Holzkohle benötigt. Dies führte sehr schnell zu einer Entwaldung des Grünten und der umliegenden Berge. Der Name des Berges „Grünten“ leitet sich vom Grind / Kahlkopf her. Die alten Wälder wurden schnell durch rasch wachsende Monokulturen ersetzt, damit der Nachschub an Holzkohle nicht versiegt.

Die Eisenbahn bring das Ende

Das Ende des kleinen lokalen Wirtschaftsbooms kam mit einer Erfindung, die eigentlich das Leben verbessern sollte. Ab 1853 wurde Sonthofen an die Eisenbahn angeschlossen. Diese konnte hochwertiges Erz schnell und billig transportieren, so dass das schlechte und minderwertige der Grüntener Gruben nicht mehr gefragt war. Der Niedergang setzte eine Auswandererwelle in Gang. Viele der ehemaligen Bergknappen suchten eine neue Existenz in der Neuen Welt.

Noch einmal erwachte Interesse an den Erzvorkommen, als man in Vorbereitung für den Krieg 1936 nach Vorkommen innerhalb des Reiches suchte. Aber die Lagerstätte am Grünten war von zu schlechter Qualität. Nach dem Krieg, 1946/47 wurden die alten Stollen aus Sicherheitsgründen gesprengt und gerieten in der Folgezeit in Vergessenheit.

Mit Schlegel und Eisen wurde das Erz dem Berg entrissen. Eine Knochenarbeit. Eigenes Foto

neues Interesse an altem Bergbau

Erst gegen 1989 erwachte das Interesse an der bergbaulichen Vergangenheit wieder, es wurde eine Interessengemeinschaft gegründet, um die alten Anlagen zu erkunden. Neun Jahre später, 1998, wurde der Verein„Historischer Bergbau Allgäu“ gegründet. Es dauerte dennoch bis 2003, um die alten Bergwerke touristisch nutzbar zu machen. Das Problem war dabei, dass die historischen Bergwerke selber relativ schlecht erreichbar und weit ab lagen. Daher war die Idee, ein geologisch-historisches Museumsdorf zu bauen, das unabhängig von den historischen Anlagen war. 2005 wurde mit dem Aufbau begonnen und 2006 konnte das Museumsdorf seine Pforten öffnen.

Das Erz

Wie kam das Eisenerz eigentlich an den Grünten? Wenn man sich die umgebende Geologie anschaut, die hauptsächlich aus verschiedenen Kalken besteht, kann man sich die Frage sicher gut stellen.

Dazu muss man sich das Erz einmal genauer anschauen. Hauptsächlich waren die alten Bergknappen hinter dem so genannten Reicherz her. Dieses Erz besteht aus 0,5 bis 1 mm großen, konzentrisch aufgebauten Kügelchen, hauptsächlich aus Chamosit, einen Eisen-Silikat. Diese werden auch Brauneisen-Ooide oder einfach kurz Eisen-Ooide genannt und bilden sich meist um Kerne herum. Das aus den Eisen-Ooiden aufgebaute Gestein wird als Eisen-Oolith bezeichnet.

Eisen-Ooide

Im Inneren der Ooide finden wir oft Glaukonitkörnchen oder auch Schalenreste von Meerestieren, die als Keim für die Ooid-Bildung fungiert haben. Eisen-Oolithe als Eisenerz wurden an vielen Orten abgebaut, nicht nur im Allgäu am Grünten.

Das oolithische Erz am Grünten zeigt gegenüber dem unterlagernden Nummulitenkalk eine scharfe Grenze. Die Linsen oder manchmal auch durchgehenden Flöze füllen auch im Kalk vorhandene Taschen und Spalten aus. Das deutet auf eine zumindest kurz vor der Erzbildung im Paläogen stattfindende Verkarstung des Nummulitenkalkes hin. Das Gebiet des heutigen Grünten muss also für einige zeit über dem Meeresspiegel gelegen haben.

Hinzu kommt, dass sich den Ooiden ähnliche Eisenpisoide in tropischen Lateritböden bilden, während man eine Bildung von Ooiden im Meer noch nicht beobachten konnte. Allerdings können sich die Ooide auch nicht an Land gebildet haben, darauf weisen die in ihnen enthaltenen Glaukonite und Schalenreste von Meereslebewesen hin.

Alter Tagebau. Ganz früh wurde das Erz im Tagebau abgebaut. Man kann sehr gut erkennen, wie schmal das Flöz eigentlich ist. Eigenes Foto

tropische Verwitterung

Man kennt keine heutigen Bildungen vergleichbarer Eisen-Ooide, kalkige Ooide kommen jedoch in Lagunen zum Beispiel auf den bahamas vor. Allerdings finden sich im Delta des Niger in über 10 m Wassertiefe Sedimente aus Chamosit. Die dafür benötigten eisenhaltigen Lösungen werden vom Fluss heran transportiert und vermutlich chemisch oder biochemisch während der Sedimentation gefällt.

Der Niger ist vermutlich auch für unser Erz am Grünten ein gutes Beispiel. Langsam fließende Flüsse und tropische Verwitterung können zur Bildung beigetragen haben. Wenn dann noch entlang der Flüsse eine reiche Vegetation für die Zufuhr von Huminsäuren und organische Substanz sorgt, haben wir eigentlich alle Mittel zusammen, um vergleichbare Erzlager zu bilden.

In lateritischen Böden erfolgt eine erste Anreicherung des Eisens. Durch Huminsäuren angesäuertes Wasser kann dieses Eisen auswaschen, denn in sauren, moorigen Wässern kann Eisen als Fe2+ vorliegen und ist dann wasserlöslich. Es kann außerdem auch noch in kolloidaler Form an die organische Substanz gebunden sein und so über die Flüsse in das Meer oder in vorgelagerte Lagunen transportiert werden.

Wenn sich dort der pH-Wert ändert, kann das gelöste und transportierte Eisen ausfallen und steht dann für den Aufbau von Ooiden zur Verfügung.

Damals, im Paläogen

Im Paläogen vor gut 40 Mio. Jahren herrschte im heutigen Mitteleuropa ein tropisches Klima. Auf den über dem Meeresspiegel liegenden Gebieten entstanden durch die tropische Verwitterung Lateritböden, von denen wir heute noch klägliche Reste auf der Schwäbischen Alb finden können. Dort finden sich die selben eisenreichen Pisoide wie in heutigen Lateritböden. Als Bohnerze wurden sie stellenweise sogar abgebaut.

Diese Böden waren möglicherweise die Quelle unseres Eisens, dass dann durch Flüsse in das helvetische Meer transportiert wurde. Meeresspiegelschwankungen führten dazu, dass der Nummulitenkalk zeitweise über dem Meeresspiegel lag und verkarsten konnte. Auf diese Karstoberflächen können sich dann eisenreiche lateritische Böden abgelagert haben. Zur Ooidbildung kam es dann, als der Meeresspiegel erneut stieg und die ehemalige Karstfläche wieder überflutete

Die Bedeutung oolithischer Erze

Die Eisen-Oolithe vom Grünten hatten nur lokale Bedeutung, und heute sind oolithische Eisenerze aufgrund ihres niedrigen Gehalts an Eisen und ihres hohen Gehalts an unerwünschten Stoffen wie Phosphor, Aluminium oder SiO2 wirtschaftlich ohne Bedeutung. Das war aber nicht immer so. Die Lagerstätten im Süden Luxemburgs und Lothringens waren einer der Gründe dafür, dass diese Region zwischen dem deutschen reich und Frankreich im 19. und angehenden 20. Jahrhundert so umkämpft war. 1919 waren die „Minette“ Lagerstätten Lothringens mit rund 41 Mio. Tonnen Erz die zweitgrößten Eisenerzproduzenten der Welt.

Museumsdorf und Bergwek

Ein Besuch des Museumsdorfes und der alten Grubenanlagen lohnt sich auf jeden Fall, nicht nur für geologisch und bergbaulich interessierte. Das Schöne ist,dass man in der Hauptsaison vom Ort Burgberg aus das Dorf auch mit dem Erzgrubenbähnle (einer von einem Trecker gezogenen Bahn) erreichen kann. Die Grubenanlagen sind etwas vom Museumsdorf entfernt, der Rundweg dauert ca. 2 bis 2,5 Stunden und ist nicht barrierefrei, da einige Treppen überwunden werden müssen. Die reine Gehzeit zu den Gruben liegt bei ca. 40 Minuten. Für kleinere Kinder empfiehlt sich hier eine Rückentrage, ansonsten sollte wetterfeste Kleidung, Nässeschutz (bei Regen und wegen der Feuchtigkeit unter Tage) sowie festes Schuhwerk zur Ausrüstung gehören. Viele weitere Informationen über Öffnungszeiten und den Fahrplan des Erzgrubenbähnle gibt es auf der Webseite des Museums

Gunnar Ries

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

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