Geologische Wanderung am Litermont / Saarland

Obwohl wir hier in Deutschland in einer aus geologischer Sicht recht vielgestaltigen Landschaft leben, ist geologisches Wissen im Allgemeinen und das Wissen um die geologischen Zusammenhänge und Landschaftsgenese in der breiten Bevölkerung recht dünn gesät. Schade eigentlich, denn die Geologie ist meiner Meinung nach nicht nur ein interessanter Zeitvertreib, sie ermöglicht auch, in einer Landschaft quasi wie in einem Buch zu lesen. Und natürlich ermöglicht geologisches Grundwissen auch, die aktuellen Zusammenhänge und Bedrohungen besser zu erkennen, wie wir sie zum Beispiel im Klimawandel erleben.

Litermont
Das Gipfelkreuz des Litermont. Eigenes Foto.

Der Litermont

Eine sehr schöne Gelegenheit, sein geologisches Wissen um die Welt zu erweitern bieten geologische Lehrpfade. Diese werden in den letzten Jahren verstärkt neu eingerichtet, sodass ständig neue hinzukommen. Und da sie meist auch in sehr schöner Landschaft liegen, bieten sie sich für einen schönen Spaziergang regelrecht an. Ein sehr schönes Beispiel dafür ist der geologische Lehrpfad auf dem rund 414 m hohen Litermont bei Nalbach im Saarland, nordöstlich von Dillingen.

Nicht nur geologisch bietet der Litermont eine Menge. Der gut 13 Kilometer lange Gipfelpfad ist ein 2007 vom deutschen Wanderinstitut mit 80 Erlebnispunkten bewerteter Premiumwanderweg. Der geologische Pfad gliedert sich zum Teil in den Gipfelpfad ein, ist aber mit 9 Kilometern etwas kürzer, man durchläuft aber mit gut 300 Millionen Jahren Erdgeschichte eine ziemlich lange Zeit. Man kann aber auch abseits davon eine Menge entdecken. Eine gute Gelegenheit, sich mit den Dimensionen der geologischen Überlieferung vertraut zu machen. Die geologische Geschichte des Litermonts reicht von den Vulkanen des Perm bis in die jüngste Vergangenheit des letzten Jahrhunderts.

Das fängt schon auf dem Weg zum Litermont an. Wenn man von Nalbach aus dem Tal der Prims in Richtung Litermont kommt. Als erstes passiert man die jüngsten Ablagerungen in dieser Gegend. Aus Nalbach, vom Tal der Prims kommend in Richtung des Ausflugslokals und des Geschichtsparks passiert man die verschiedenen jüngeren Schotterterrassen des Flusses. Die Prims hat sich hier während des Pleistozäns ein klein wenig als Landschaftsbauer betätigt.

Litermont
Diese unscheinbare “Pfütze” ist die Quelle des Etzelbaches. Eigenes Foto.

Quellgebiet

Vom Parkplatz beziehungsweise vom Ausflugslokal aus beginnt auch der geologische Rundweg. Als Erstes trifft man auf die Quelle des Etzelbaches. Hier tritt Wasser aus dem Untergrund zutage und speist einen kleinen Bach, den Etzelbach. Wasser, das weiter oben am Hang als Regen fällt, versickert im lockeren Hangschutt und fließt hangparallel ab. Hier trifft es auf eine wasserundurchlässige Schicht aus Fels. Da die stauende Schicht flacher einfällt als der Hang, tritt das Wasser hier wieder an die Erdoberfläche.

Paradies von Menschenhand

Bei Rohstoffgewinnung haben viele sicher die großen Umweltveränderungen vor Augen, die oft damit einhergehen. Das ist sicher die eine Seite, besonders wenn für die Gewinnung größere Erdbewegungen nötig sind. Manchmal kann man aber auch beobachten, dass die Natur erstaunlich pragmatisch mit diesen Narben umgeht, die ihr der Mensch zufügt. Das soll hier kein Plädoyer für gewollte Umweltzerstörung sein, zeigt bare auch, dass die Natur erstaunlich gut darin ist, mit Veränderungen fertig zu werden. Wenn man sie nur lässt und eventuell etwas darin unterstützt. In diesem Fall ein Froschparadies.

Litermont
Das Froschparadies von oben gesehen. Eigenes Foto

Die Grube selbst entstand durch den Abbau von Buntsandstein. Der hier ursprünglich anstehende mittlere Buntsandstein war verhältnismäßig locker und stellte als Sand einen begehrten Rohstoff dar. Als der Abbau endete, wurde die Grube sich selber überlassen. Es bildete sich ein kleinräumiges Netz verschiedener Lebensbereiche. Dort, wo toniges Rotliegendes das Wasser am Versickern hinderte, entstanden Teiche und Feuchtbiotope, auf sandigen Arealen herrschten trockene Bedingungen. Ideale Bedingungen für diverse Amphibien wie Lurche und Frösche, aber auch für Reptilien. Die Vegetation ist typisch für saure Sandböden.

Bedrohtes Paradies

Dieses Paradies ist allerdings bedroht. Und diesmal ist es weniger der Mensch als die Natur selber. Denn mit der Zeit wird der Wald sich das Areal unter die Wurzeln reißen. Man kann, zumindest zur Zeit, gut die ersten Birken und andere Bäume erkennen, die dort wachsen. Sie werden die Heide und andere typische Pflanzen mit der Zeit verdrängen. Und so ganz unschuldig ist der Mensch auch nicht, obwohl dieser Vorgang an sich ganz natürlich ist. Seine diversen Einflüsse, angefangen von Stickstoffeintrag über die Luft bis hin zum Klimawandel werden auch hier wirken.

Allerdings kann der Mensch auch auf der anderen Seite eingreifen. Im Zuge der Pflege des Biotops wird hier von Zeit zu Zeit entkusselt. Dabei werden aufkommende Bäume, besonders der Pionierarten wie eben der Birke, von den sensiblen Flächen wieder entfernt. Das ist ein ständiger Kampf.

Litermont
Und so sieht es unten in der ehemaligen Grube aus. Langsam gewinnen Birken und andere Bäume wieder die Oberhand, sodass landschaftspflegerische Maßnahmen kommen müssen. Eigenes Foto

Buntsandstein

Wenn man dem Pfad folgend in die ehemalige Sandgrube hinabsteigt, wird einem der geologische Sprung schnell deutlich. Ab einer gewissen Stufe wird der Boden sandiger. Man hat den mittleren Buntsandstein erreicht. Abgelagert wurde er vor rund 250 Millionen Jahren unter ähnlichen Klimabedingungen, wie sie in den heutigen heißen Wüsten, z.B. der Sahara, herrscht. Die Welt sah auch ein klein wenig anders aus. Die Kontinente waren damals dicht zusammengedrängt und bildeten den Superkontinent Pangaea. Diese gewaltige Landmasse war in ihrem Inneren warm und trocken. Wind, aber auch Flüsse, die bei größeren Sturzfluten flossen, schwemmten Sande zusammen.

Buntsandstein ist vielleicht vielen bekannt als das Gestein, das die Insel Helgoland so charakteristisch rot färbt. In diesem Fall war es noch lockerer. Das Vorkommen hier bei Nalbach hat seine Existenz einem tektonischen Graben zu verdanken. Dadurch war der weiche Buntsandstein vor der Abtragung hier geschützt, während er in den umliegenden Bereichen bereits abgetragen wurde.

Der große Porenraum im Buntsandstein ist für Wasser gut durchlässig, dadurch eignet er sich auch gut als Grundwasserspeicher. Das unterlagernde tonige, wasserundurchlässige Rotliegende wirkt als Stauhorizont. Dadurch bilden sich im Bereich der ehemaligen Sandgrube etliche kleine Quellen, welche die Feuchtbiotope speisen.

Litermont
Sand, um den ging es hier. Eigenes Foto

Wald im Wandel

Ein Wald mag uns Menschen als weitgehend unveränderlich erscheinen. Dabei ist er ständigem Wandel unterworfen. Das liegt nicht nur daran, dass ein Wald hier in Deutschland nicht nur Naherholungsgebiet ist, sondern auch Rohstofflieferant. Holz ist ein wertvoller Werkstoff, und daher wurde schon früh dafür gesorgt, dass der Nachschub läuft. Lange Zeit wurde auf eine möglichst schnelle Holzproduktion gesetzt. Dafür wurden schnell wachsende Bäume gepflanzt, die rasch wieder geerntet werden konnten. Vielfach waren das Fichten, die mit ihren flachen Wurzeln in den Lehmböden des Litermonts jedoch nicht viel Halt finden. Nachdem man die Straße überquert hat, kann man gut erkennen, dass Fichten nicht immer einen leichten Stand haben, besonders im Sturm. Ein Großteil der Fichten ist von einem Sturmereignis umgeknickt oder entwurzelt. In einem naturnahen Wald ist totes Holz aber nicht nutzlos. Es dient unzähligen Lebewesen als Nahrungsquelle und Wohnung.

Auch der Klimawandel macht sich hier gut bemerkbar. Die enorme Trockenheit der Jahre 2018 bis jetzt setzt den Fichten deutlich sichtbar zu. Viele haben in diesem Sommer ihre grünen Nadeln abgeworfen, die als dicke Teppiche den Waldboden bedecken. Eine deutliche Warnung, dass der Weg, den die Menschheit klimatologisch beschreitet, für den Planeten deutliche Folgen hat.

Litermont
Ein Teppich aus grünen Nadeln. Ein deutliches Zeichen, dass es den Bäumen hier nicht sonderlich gut geht. Die letzten Jahre waren definitiv zu trocken, der Klimawandel spielt sich vor unseren Augen ab und wir werden auf große Schwierigkeiten stoßen, wenn wir so weiter machen. Eigenes Foto

Der Piesbach

Wenn wir etwas weiter auf unserem Weg gehen, kommen wir an den Piesbach. Dieser Bach darf sich noch ganz natürlich seinen Weg selber suchen. Etwas, das in unserer Kulturlandschaft nicht mehr häufig zu beobachten ist. Hier wachsen hauptsächlich wasserliebende Baumarten wie Erlen, Eschen und Weiden, die sich hier selber ausbreiten und einen natürlichen Bruchwald bilden. So kann ein Wald aussehen, wenn der Mensch ihn nicht nach seinen Bedürfnissen formt. Auch auf dem weiteren Weg kann man unterschiedliche Formen der Landnutzung erkennen. Das reicht von den bekannten, intensiv genutzten Ackerflächen über Brachflächen und eine kleine Streuobstwiese.

Brunnen und Bunker

Der Klingenborn ist wieder eine Quelle. Genauer gesagt eine Kluftwasserquelle. Das Wasser versickert in den Spalten und Klüften des Felsgesteins und wird in diesen abgeleitet. Treffen diese Klüfte an die Oberfläche, kann das Wasser hier als Quelle wieder austreten. Diese Quelle wurde im Dritten Reich als Pferdetränke gefasst, sie schüttet meist 1 bis 10 l/min. Heute speist sie ein unterhalb gelegenes Kneipp-Becken mit kaltem Wasser.

Litermont
Die gefasste Quelle am Klingenborn. Eigenes Foto

Etwas weiter befinden sich noch weitere Zeitzeugen. Abseits des Weges liegen große Betonbrocken herum. Sie sind die Überreste eines der Westwallbunker, die sich am Litermont und Umgebung befanden. 1938 von der Organisation Todt errichtet sollten diese standardisierten Bunker die Westgrenze des Reiches schützen. Sie entstanden aus einem Kampfraum und einem Gruppenunterstand. Heute sind nur noch sehr wenige Bunker im Originalzustand erhalten. Die Meisten wurden nach dem Krieg gesprengt, so auch dieser hier.

Die Überreste der Bunker dienen heute als Sekundärbiotop. Zwischen den großen Betonbrocken haben sich Hohlräume erhalten, die sehr gerne von Fledermäusen genutzt werden. Auch Wildkatzen und andere Tiere nutzen die Bunkerruine gerne als Wohnraum. Auf den Betonoberflächen findet sich auch eine beachtliche Bandbreite an kalkliebenden Moosen und Flechten.

Vulkanismus und Verwitterung

Ein verlassener Steinbruch bringt uns wieder zur Geologie zurück. Hier wurde Rhyolith abgebaut, das vulkanische Gegenstück zum Granit, abgebaut und als Material zum Hausbau verwendet. Während bei einem Granit die Schmelze aber viel Zeit zum Abkühlen hatte und daher deutlich erkennbare Kristalle, hauptsächlich Quarz, Glimmer und Feldspat, ausbilden konnte, ging es beim Rhyolith sehr schnell. So schnell, dass die Kristalle keine Zeit zum Wachsen hatten und daher mit dem bloßen Auge nicht erkennbar sind.

Da der Rhyolith ein vulkanisches Gestein ist, muss hier also einst ein Vulkan gestanden haben. Hat er auch, das ist aber schon sehr lange her. Um genau zu sein, rund 260 Millionen Jahre. Die Welt sah damals noch anders aus als wir sie heute kennen. Die Dinosaurier hatten ihre Herrschaft noch nicht angetreten. Pangaea, der Superkontinent, existierte noch, begann aber schon so langsam, auseinanderzureißen.

Dieses Zerbrechen des Superkontinents förderte den Vulkanismus auch hier im heutigen Saarland am Litermont.

Litermont
Rhyolith Steinbruch. Eigenes Foto.

Steinbruch am Herchenbach

Die Herchenbachschlucht ist eigentlich ein alter Steinbruch, der mittlerweile von der Natur zurückerobert wurde. Der hier eigentlich anstehende Rhyolith ist einer intensiven tropischen Verwitterung unterzogen worden. Die mobilen Elemente sind abgeführt, übrig blieb Tonerde, also Aluminium(hydrogen)Oxid.

Auf den Hinweistafeln am Ort ist von Feldsparabbau die Rede. Das scheint mir etwas unwahrscheinlich. Feldspat ist zwar ein Bestandteil von Rhyolith, ebenso wie von seinem plutonischen Pendant, dem Granit (Feldspat, Quarz und Glimmer, die vergesse ich nimmer…). Im Rhyolith ist er aber selten groß genug, um ohne Lupe erkennbar zu sein, geschweige denn, dass man ihn in Reinform abbauen kann.

Außerdem sind Feldspäte gegenüber der Verwitterung deutlich anfälliger als z.B. Quarz (obwohl der auch bei tropischer Verwitterung in die Knie geht). Es wäre also ebenfalls unwahrscheinlich, dass der Quarz geht und nur der Feldspat bleibt. Was aber bleibt, wenn Feldspäte und schließlich auch die Quarze verwittern ist der unlösliche Rest, eben die Aluminiumoxide, Tonerde, oder in seiner Reinform: Kaolin, ein wasserhaltiges Aluminium-Hydrosilikat Al4[(OH)8|Si4O10].

Und auf dieses Mineral hatte es Villeroy & Boch abgesehen, als sie Mitte des 19. Jahrhunderts hier mit dem Abbau begannen. Denn es handelt sich um einen wichtigen Rohstoff für die Keramikindustrie. Die hier lagernden Vorkommen waren jedoch nicht hochwertig genug für Porzellan, sie wurden in der Feuerfestindustrie und für Steingut verwendet. Die Trasse der Lorenbahn, mit der die Abbauprodukte transportiert wurde, ist immer noch in der Landschaft erkennbar. Der Abbau lief bis 1914.

Litermont
Diesen alten Steinbruch am Herchenbach hat sich die Natur längst zurückgeholt. Eigenes Foto

Der Graue Stein

Hier ragt eine markante Felsformation aus dem Boden, der Graue Stein. Hier zeigt sich, dass der alte Vulkan, der den Rhyolith des Litermonts gefördert hat, auch noch weiteren Einfluss auf seine Umgebung ausübte. Denn der Graue Stein sowie die anderen markanten Felsen, die man auf dem Weg zum Gipfel immer wieder beobachtet, sind keine vulkanischen Gesteine, sondern bestehen aus Sedimentgesteinen. Genauer gesagt aus Konglomeraten des Unterrotliegenden, das vor rund 280 Millionen Jahren abgelagert wurde. Damit ist das Sediment älter als unser alter Vulkan des Litermonts. Aber dass es heute so prominent aus dem Boden ragt, hat es dem Vulkan zu verdanken.

Vor ca. 260 Millionen Jahren wurden die Konglomerate durch kieselsäurereiche, heiße Lösungen aus dem vulkanischen Umfeld verkieselt. In manchen Klüften kann auch reiner Quarzit beobachtet werden. Diese Verkieselung hat den Konglomeraten eine enorme Verwitterungsbeständigkeit gebracht, sodass sie heute als Härtlinge über das Bodenniveau herausragen.

Litermont
Verfestigte Konglomerate. Die Verfestigung durch kieselsäurereiche Lösungen lässt sie heute als Härtlinge weit über die Oberfläche herausragen. Eigenes Foto.

Wenn man die einzelnen Felsen auf dem Weg zum Gipfel verbindet, wird man eine Linie erkennen. Sie zeichnet eine alte Störung nach, die den aufsteigenden Lösungen einen leichten Aufstieg ermöglichte.

Hier bei den Mondsteinen haben die Felsen einen grünen Überzug. Das sind Moose, welche die durch Verwitterung aufgeraute Oberfläche der Gesteine ausnutzen und über die sonst häufiger auf den Felsen vorkommenden Flechten dominieren. Hier kommen einige seltenere Moose und Lebermoose vor.

Das ist der Gipfel

So langsam gelangen wir an den Gipfel des Litermont. Hier steht nicht nur der Weidendom, ein Pavillon aus Weidenbäumen und Reste einer keltischen Fluchtburg, sondern auch eine Replik eines optischen Telegrafen aus napoleonischer Zeit. Damals war der Litermont ein Teil der Telegrafenkette von Paris nach Mainz. Aber man kann noch viel mehr sehen. Der Sporn, auf dem das Gipfelkreuz steht, besteht auch wieder aus verkieselten Konglomeraten der Unterrotliegenden. Von hier hat man eine sehr gute Sicht auf die unterhalb des Litermonts liegende Primsmulde. Das Tal, in dem heute die Prims liegt, hat eine lange Geschichte, weit älter als das Flüsschen Prims. Bereits vor rund 275 Millionen Jahren hat sich die Senke durch tektonische Bewegungen herausgebildet. Die hier in der Mulde vorkommende Steinkohle wurde bergmännisch abgebaut. Sie hat der Primsmulde auch eine etwas zweifelhafte Berühmtheit beschert. Am 23. Februar 2008 ereignete sich ein Erdbeben der Stärke 4, welches durch den Steinkohleabbau in der Primsmulde ausgelöst wurde. Dieses Schadbeben sorgte dafür, dass der Steinkohleabbau hier im Saarland im Juni 2012 endgültig eingestellt wurde.

Litermont
Replika eines historischen Telegrafenturms. Eigenes Foto

Die Ursache des Bebens war eine Verkettung mehrerer Umstände. Zum einen lag der Abbau mit rund 1800 m in großer Tiefe. Der Abbau selber erfolgte im Doppelstreb-Verfahren und wurden die Steinkohleflöze von Sandsteinschichten überlagert. Im Strebverfahren werden die Flöze in breiter Front abgebaut, hinter dem Abbau wird der sogenannte „alte Mann“ meist mit Abraum verfüllt. Dennoch bricht das Deckgebirge meist nach, der „alte Mann“ wandert mit der Zeit nach oben. An der Erdoberfläche zeigen sich dann charakteristische Absenkungen. Das kann man vor allem in vielen Gegenden des Ruhrgebiets gut erkennen.

Meist geschieht dies langsam und stetig, sodass größere Schäden an der Erdoberfläche ausbleiben. Im Falle der Primsmulde stützten die überlagernden Sandsteinschichten aber sehr lange das Deckgebirge ab, bis sie schließlich auf einen Schlag nachgaben. Daher das relativ schwere Beben.

Litermont
Blick vom Gipfel des Litermonts in die vorgelagerte Primsmulde. Eigenes Foto

Höllenschlucht

Die heute als Höllenschlucht bezeichnete Kerbe im Litermont ist eigentlich ein alter Steinbruch, da ändert auch der Verweis auf eine alte Sage nichts, nach der ein wilder Ritter auf der Jagd nach einem Hirschen in diese Schlucht gestürzt sein soll.

Auch hier liegen die verkieselten Unterrotliegendkonglomerate vor, aber auch reine Quarzite. Diese Quarzite ragten ursprünglich als Felsrippe vor. Und genau diese Quarzite waren es, die seit 1909 hier abgebaut wurden. Sie eigneten sich gut als Baustoff für Hochöfen.

Litermont
Massiver Quarzit. Dieser wurde hier abgebaut und als Schamottstein genutzt. Eigenes Foto.

Als man im Jahr 1927 nach einer Sprengung hier auf undatierte Mauerreste stieß, wurde der Abbau vorübergehend eingestellt. Man vermutete oder hoffte auch, dass diese Mauerreste die Überbleibsel einer alten sagenhaften Burg auf dem Litermont darstellen.

Da auch Naturfreunde seit Beginn des Abbaus dagegen protestierten, wurde der Steinbruch nach einigen Verhandlungen im Jahr 1934 stillgelegt. Seither kann sich die Natur hier wieder fast ungestört ausbreiten, abgesehen von regelmäßigen Arbeiten an der Felswand, um deren Standsicherheit sicherzustellen. Hier kann man einige seltene felsliebende Farne beobachten.

Zurück

Von hier ist es nicht mehr sehr weit bis zum Parkplatz, von dem unsere ca. 9 Kilometer lange Wanderung begann. In der weiteren Umgebung kann man noch mehr geologisch interessantes finden, z.B. ein altes Kupferbergwerk, das einige Kilometer entfernt liegt, und das vom Litermont ausgeschildert ist. Direkt am Parkplatz liegt ein Geschichtspark, in dem neben allerlei historischen Gegenständen auch ein noch intakter Westwallbunker zu beobachten ist.

Litermont
Als Geologe muss man sich auch mit Kollegen gut stellen. Eigenes Foto

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

5 Kommentare

  1. Das ist schön beschrieben und bebildert und bringt mir deshalb meine geologische Ignoranz, die ich schon lange bedaure, um so schmerzhafter zu Bewusstsein.

    Es ist aber auch eine Schande – ohne ein Gran an geologischer Bildung bin ich aus dem humanistischen Gymnasium marschiert. Und selbst das Biologie-Studium hat mich zwar mit den diversen “-zänen” und “-zoika” vertraut gemacht, nicht aber mit den Tonen, den Sanden, den Steinen … arg eng ist mein geologischer Horizont, von den Horizonten, die in der Tiefe liegen, gar nicht zu reden.

    Es ist aber auch verzwickt – wie redet man Steinen das Wort, wie bringt man Tone zum Tönen und Sande dazu, ihr Lied zu singen? (Ich denk’ da natürlich gerade an Eichendorff: ” Schläft ein Lied in allen Dingen / Die da träumen fort und fort / Und die Welt hebt an zu singen / Triffst du nur das Zauberwort.“) Manchmal mein’ ich, dass es die Namen dieser Steine – seinen sie deutsch, seinen sie griechisch/lateinisch – diese Zauberworte sind:

    – Rotliegendes
    – Sande
    – Schluffe
    – Ignimbrite

    Wie vom Feuerregen herabgestürzte fremdartige Wesen liegen sie rot und tot vor uns, diese Worte, und selbst der wohlvertraute “Sand” wird wieder interessant, weil die Geologie, anders als die Alltagssprache, dessen Plural kennt. Nix’ für Schluffis aber, all diese schönen Worte!

    Mut zur Fachsprache! EIn Aufsatz über Ignimbrite, bitte, und einen über die huronischen Tillite im Geschiebemergel. Poesie pur!

    Gruss und Dank,

    Helmut Wicht

    Helmut WIcht

  2. Unbekanntes Deutschland, kann man da nur sagen. Herr Ries, Sie schreiben mit solcher Leidenschaft und Eindringlichkeit, dass das Saarland eines unserer nächsten Urlaubsziele werden wird.
    Wer ahnt denn, wenn man mit dem Zug an Völklingen und Dillingen vorbei fährt, was sich da im Osten offenbart !

  3. Dadurch dass die Stundenzahl im Schulfach Erdkunde seit Jahren rückläufig ist und sich in den verbleibenden Stunden – zumindest in Nordrhein-Westfalen – der Unterrichtsfokus zunehmend auf die sozialwissenschaftliche Anthropogeographie konzentriert, besteht leider nicht einmal mehr die Möglichkeit die Schülerinnen und Schüler für geowissenschaftliche Themen (und Studiengänge) zu begeistern, oder zu vermitteln, dass es die verschiedenen geowissenschaftlichen Disziplinen sind, die sich mit den drängenden Themen der Gegenwart (allen voran der Klimawandel) wissenschaftlich auseinandersetzen.

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