Organspende und der Sinn des Lebens

Im Gespräch mit dem Regisseur Godfried Beumers über die zweite Chance im Leben

Gesundheit ist ein hohes Gut in unserem Leben. Zwar genießen viele Menschen eine höhere Lebenserwartung denn je, abhängig vom Land, Geschlecht (Für einen “Equal Age Day”), Wohlstand und auch der ethnischen Herkunft. Doch selbst wenn es immer mehr hochbetagte Alte gibt, scheint einem Menschenleben spätestens um das Lebensalter 115 herum ein endgültiges Ende gesetzt (Maximales Lebensalter von etwa 115 Jahren?). Das heißt, dass wir alle, unseren Wohlstand und wissenschaftlichen Fortschritt zum Trotz, höchstwahrscheinlich einmal sterben werden. Wie können wir damit umgehen?

Godfried Beumers (65) ist Theaterregisseur und Erzähler und wohnt im niederländischen Nijmegen (Nimwegen). Vor einigen Jahren stellte ihn eine schwere Lebererkrankung vor die Entscheidung: Mit Sicherheit sterben oder wahrscheinlich sterben, wenn sich schnell genug ein Spenderorgan findet? Heute hält er vor Schulklassen und für Erwachsene Seminare über Organspende. Im Gespräch zeigt sich, was auch jüngere und gesunde Menschen aus seinen Erfahrungen lernen können.

Frage: Herr Beumers, gerade erhielt ich Post vom niederländischen Institut für Volksgesundheit, ob ich mich als Organspender registrieren lasse. Wie soll ich reagieren?

Beumers: Das ist natürlich Ihre Entscheidung. Doch selbst wenn Sie sich registrieren lassen, beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass es wirklich so weit kommt, gerade einmal 0,01%.

Warum so niedrig?

Ich wünsche Ihnen natürlich, dass Sie noch lange leben. Eine Organspende kann jedoch nur durchgeführt werden, wenn jemand auf der Intensivstation stirbt. Ansonsten dauert es zu lange und sind die Organe nicht mehr lebensfähig.

Hätte es in Ihrem Fall nicht eine bestimmte anonyme Spenderin gegeben, dann könnten wir jetzt aber nicht dieses Gespräch führen.

Das stimmt. Und dafür war und bin ich sehr dankbar. Tatsächlich haben viele Patientinnen und Patienten ein großes Bedürfnis, ihre Dankbarkeit auszudrücken. Immerhin musste jemand sterben, damit wir leben können. Das erzeugt auch Schuldgefühle. Manche standen jahrelang auf der Warteliste.

Wie lässt sich dieser Dankbarkeit Form geben?

Die Identität der Spenderin oder des Spenders wird natürlich geheim gehalten, sofern es keine direkte Spende etwa von einer Niere oder von Lebergewebe innerhalb einer Familie ist. Ich bekam nur das Geschlecht und das Alter mitgeteilt. Es gibt aber die Möglichkeit, den Hinterbliebenen über eine Vertrauensperson einen Brief zukommen zu lassen, der ebenfalls anonym sein muss. Oft haben Menschen diesen Wunsch, finden später aber nicht die passenden Worte. Die Hinterbliebenen werden aber erst gefragt, ob sie so einen Brief empfangen möchten.

Haben Sie sich so bedankt?

Ich habe ein halbes Jahr später ein Buch über die fünf Wochen im Krankenhaus geschrieben, weil alles so schnell gegangen war; und ich schrieb tatsächlich auch einen Brief. Zwei Jahre später hörte ich, dass sich die Empfänger darüber sehr gefreut haben.

Der Theaterregisseur und Erzähler Godfried Beumers. Foto: Patricia Steur.

Vielleicht fassen Sie kurz zusammen, was damals passierte.

Ich war im Endstadium so krank, dass ich mich für jeden Atemzug bedankte: Wieder einer geschafft. Die Krankheit kam überraschend und innerhalb weniger Monate.

Damals hatte ich einen großen Auftrag als künstlerischer Leiter einer multikulturellen Organisation. Wir arbeiteten an einem Projekt für die Stadt Nijmegen, in dem es um Zuwanderer ging. In der Geschichte der Stadt hat es schon immer viele Zuwanderer gegeben. In dem Jahr der Produktion drohte sogar ein Iraker, von der Walbrücke in den Tod zu springen, da er abgeschoben werden sollte. Wir hatten alle einen immensen Arbeitsdruck, da die öffentliche Förderung davon abhing, ob unser Projekt ein Erfolg würde.

Und in dieser Zeit starben Sie beinahe?

Ja. Erst färbte sich meine Haut orange. Wir fragten uns am Anfang: Hatte ich zu viel in der Sonne gelegen? Dazu kamen unter anderem Körpergeruch, Stimmprobleme, große Müdigkeit und Reizbarkeit.

Wie lange dauerte es, bis Ärzte die Ursache fanden?

Monate. Im Frühjahr des betreffenden Jahres dachten wir das erste Mal daran, einen zweiten Arzt einzuschalten. Schließlich wurden wir von Spezialist zu Spezialist geschickt, doch niemand sah das große Ganze. Erst im Juni stellte sich heraus, dass meine Leber nicht mehr gut funktionierte und das Eisen nicht mehr verarbeitete. Dadurch kam es zur Verfärbung meiner Haut.

Und danach ging alles sehr schnell?

Im Oktober war ich kurz im Krankenhaus. Ich erinnere mich noch an einen Arzt, der zu mir sagte: Wenn ich Sie hier noch einmal beim Arbeiten erwische, dann stelle ich die Behandlung ein. Schließlich wurde klar, dass meine Leber wegen eines Gendefekts völlig kaputt war. Im Dezember sagte man mir, dass eine Transplatation meine einzige Chance wäre und setzte man mich auf die Warteliste.

Wie standen damals Ihre Chancen?

Die Wartezeit für eine Spenderleber betrug durchschnittlich drei bis sechs Wochen. Die Ärzte gaben mir aber nur noch zehn Tage.

Dass es schneller ging, klingt fast wie ein Wunder.

Ja. An einem Montag kam ich auf die Warteliste; einen Tag später konnte ich schon operiert werden.

Über die Entscheidung dafür brauchten Sie sicher nicht lange nachzudenken.

Mir ging es damals unendlich schlecht. Selbst mit einem Spenderorgan betrug die Überlebenschance nur 25%. Es ging also um die Entscheidung, keine Transplantation zu versuchen und mit Sicherheit zu sterben oder es zu probieren und wahrscheinlich zu sterben.

Ich dachte damals: Du hast keine Wahl. Doch ein befreundetes Paar, beide Hausärzte, korrigierten mich: Natürlich hätte ich eine Wahl. Die Frage sei, ob ich mit meinem Leben schon fertig sei oder es noch etwas für mich zu tun gäbe.

Und Sie waren noch nicht fertig?

Da war natürlich das große Projekt, eines von mehreren, an denen ich damals arbeitete. Ohne mich würde es scheitern und die Stadt die Förderung einstellen. Davon waren 50-60 Menschen direkt betroffen. So ist es dann leider auch gekommen.

Ich hatte aber das große persönliche Bedürfnis, nicht so aus dem Leben zu scheiden. Die Monate vor der Operation war ich nicht mehr ich selbst gewesen. Wahrscheinlich spielte eine Ammoniakvergiftung im Gehirn hierbei eine Rolle. Jedenfalls hatte ich zu meinem Partner und zu guten Freunden Dinge gesagt, die ich so nicht stehenlassen wollte; ich wollte nicht mit so einem verkehrten Bild von mir gehen.

Und die Gelegenheit, das zu korrigieren, haben Sie ja zum Glück bekommen. Leben Sie heute anders als vor der Transplantation?

Ja. Ich stelle mir häufiger die Frage, ob Dinge die Mühe wert sind. Will ich etwas wirklich? Wenn nicht, dann tue ich es auch nicht mehr. Ich lebe bewusster, bin aber auch körperlich und emotional weniger belastbar. Dass mein Partner nach der Erkrankung zu mir sagte: “Du brauchst kein Geld mehr zu verdienen”, war natürlich eine große Erleichterung.

Aber wenn Sie Ihr Leben vor und nach der Transplantation vergleichen – hätten Sie mit der Erfahrung von heute etwas anders gemacht?

Wie gesagt, ich hätte es schlimm gefunden, ein paar große und für mich wirklich sehr wichtige Dinge mit solch losen Enden hinter mir zu lassen. Meine Empfehlung ist, es nicht auf so einen dramatischen Moment der Erkrankung oder vielleicht eines schweren Unfalls ankommen zu lassen, um sich zu fragen, wie steht es mit meinen Beziehungen, was will und was kann ich in meinem Leben noch erreichen?

Spielen die unterschiedlichen Lebensphasen hierfür vielleicht auch eine Rolle?

Ich teile das Leben in zwei Phasen, die Jugend und das Älterwerden. In der Jugend scheinen die Möglichkeiten unbegrenzt, “the sky is the limit”. Wenn wir älter werden, ändert sich das: Wir müssen zunehmend mit Rückschlägen zurechtkommen, leiden vielleicht an körperlichen Gebrechen. Es ist nicht mehr so selbstverständlich, nach einer Kündigung eine neue Arbeit zu finden, wenn man erst einmal über vierzig oder fünfzig ist. Und wie ist das nach einer Trennung? Findet man dann noch einmal eine neue Partnerschaft?

Das heißt, man muss Grenzen akzeptieren und damit umgehen lernen, dass man vielleicht nicht mehr alle Träume aus der Jugendzeit in seinem Leben verwirklichen wird. Es ist wichtig, sich in regelmäßigen Abständen zu fragen: Wo stehe ich? Wie geht es mir und wie ist es um meine Freundschaften und andere Beziehungen bestellt?

Viele stellen sich solche Fragen erst, wenn sie alt oder sehr krank sind. Oder vielleicht erst nach einer existenziellen Krise. Dann sind die Möglichkeiten, noch einmal etwas zu ändern, aber sehr begrenzt. Lassen Sie es nicht auf so einen Moment ankommen und schauen Sie sich gelegentlich auch Ihre Schattenseiten an. Das ist vielleicht unangenehm und die Hektik des Tages lenkt uns schnell ab. Es lohnt sich aber, nicht zu lange damit zu warten.

Vielen Dank für die Anregungen zum Nachdenken. Kommen wir am Ende noch auf Ihre Dozententätigkeit zu sprechen. Sie sagten, dass Sie Seminare über Organspenden halten. Wie gehen Sie dabei vor?

Ich stelle zwei Fragen: Erstens, stellen Sie sich vor, Sie wachen eines Tages auf und es heißt, Sie seien so schwer erkrankt, dass Sie nur mit einer Organtransplantation überleben können. Würden Sie dann ein Spenderorgan wollen? 90% sagen dann “ja”. Bei Menschen über 60 sind es übrigens nur 60-80%. Eine kleine Gruppe sagt dann, schon ein erfülltes Leben gehabt zu haben.

Darauf folgt die zweite Frage: Würden Sie selbst ein Organ spenden? Rund 15% sagen dann “ja”, ein großer Teil weiß es nicht und 10% lehnen es ab. Die sagen zum Beispiel: “Bleibt mir vom Leib, sonst liege ich beschädigt im Sarg.”

Ich würde mich vor allem freuen, wenn die Menschen sich registrieren lassen, ob sie nun “ja” oder “nein” sagen. Denn andernfalls werden die Hinterbliebenen gefragt. Die sind dann aber meistens schon mit der Botschaft überfordert, dass gerade ein geliebter Mensch stirbt. Rund 80% lehnen dann ab; drei Jahre später gibt aber die Hälfte von ihnen an, dass sie lieber eine andere Entscheidung getroffen hätte.

Es scheint, dass Entscheidungen zur Organspende nicht immer rational getroffen werden.

Ja. Wenn jemand auf die erste Frage mit “ja” antwortet, warum reagiert er oder sie dann auf die zweite mit “nein”?

Es lohnt sich, selbst darüber nachzudenken und die Entscheidung nicht einfach so den Hinterbliebenen zu überlassen.

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint parallel auf Telepolis – Magazin für Netzkultur.

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Stephan Schleim ist studierter Philosoph, Psychologe und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Der Autor schreibt auch für zahlreiche andere Medien. Die Diskussionen hier sind frei und werden nicht moderiert. Gehen Sie respektvoll miteinander um, orientieren Sie sich am Thema der Blogbeiträge und vermeiden Sie Wiederholungen. Beim Gedankenaustausch darf es auch mal heiß hergehen, jedoch nicht beleidigend werden, vor allem nie unter die Gürtellinie gehen.

26 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die durchschnittlich kleine Spendenbereitschaft deute ich als „religiöse“ Rückbleibsel im Denken vieler insgesamt säkular/agnostisch eingestellten Zeitgenossen, wobei damit nicht gesagt ist, dass überzeugte Christen oder Muslime noch weniger spendenbereit sind als die Säkularen, denn überzeugte Gläubige sehen in der Spende vielleicht gerade einen Akt der (von ihrer Religion eingeforderten) Nächstenliebe, während Säkulare tendenziell zuerst einmal ans sich selbst denken.

  2. @Holzherr: religiöse “Flexibilität”

    Nennen wir es positiv einmal “Flexibilität”, dass sich aus den Religionen widersprüchliche Begründungen ableiten lassen:

    Man könnte Organspende beispielsweise als Nächstenliebe sogar als Pflicht auffassen; oder man verbietet sie als Unvereinbar mit “Gottes Willen”, so wie meines Wissens die Zeugen Jehovas bestimmte medizinische Verfahren prinzipiell ablehnen.

    Analog dazu der Umgang mit Trans- bzw. Homosexualität im Iran (ich stütze mich hier auf eine BBC-Dokumentation): Erstere ist unter strikten Auflagen erlaubt, weil man sagt: Gott könne sich nicht irren, die Natur aber wohl; jemand, der dann denkt, er sei eigentlich Mann, obwohl er in einem Frauenkörper lebt (und umgekehrt), gilt dann als so ein Irrtum der Natur und darf per Hormone und zum Geschlecht übertreten, das Gott für ihn bestimmt habe.

    Bei Homosexualität (v.a. männlicher Form) lässt man das Natur-Argument nicht gelten. Hier sind es die Menschen, die angeblich böse sind – und im Extremfall dafür hingerichtet werden.

    • Ja, Homosexualität wird von vielen als Fehlverhalten eingestuft – wohl weil homosexuelle Neigungen bei sehr vielen Menschen vorübergehend (z.B. in der Pubertät) auftauchen. Wer gottesfürchtig ist und ein gottgefälliges Leben führt, der widersteht solchen Versuchungen und findet den Weg zur Heterosexualität oder Asexualität. Wer dagegen diesen Neigungen nachgibt, der muss Strafen bis zum Tode gewärtigen. Im Alten Testament findet sich dazu die Stelle:

      Lev 20,13 EU: Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen.

      In dieses Bild passt auch, dass vor allem christliche Gruppen immer wieder Therapien für Homosexuelle anbieten, die ein Umdrehen des vom rechten Wege abgekommenen anstreben.

  3. Also ich möchte kein fremdes Organ!

    Für meine Verwandten wäre ich allerdings bereit eine Niere, einen Lungenflügel, eine halbe Leber, Blut oder Knochenmark zu spenden. Blut habe ich aber auch schon an Fremde gespendet. Für Knochenmark war ich viele Jahre eingetragen, hat aber nie einer gebraucht und nun bin ich wegen des Alters in “Knochenmarkspender-Rente” 😏

    Ich trage stets einen Organspendeausweis bei mir, wo NEIN angekreuzt ist, denn ich verabscheue GRUNDSÄTZLICH dieses System des “Zusammenlebens” und seine zu oft miesen Praktiken.

  4. In Österreich ist man so lange Organspender, bis man das aktiv ablehnt.
    —–
    Christen schützen Embryonen, aber nicht den menschlichen Leichnam vor einer medizinischen Nutzung.
    In der jüdischen Religion scheint das umgekehrt zu sein.

  5. Bei uns in Deutschland werden bei diagnostiziertem Hirntod die Geräte abgeschaltet. Und die Leiche wird entsorgt.

    Ich empfehle daher jedem, der an seinem Leben hängt, sich als Organspender zu melden. Denn bei einem Organspender wird der Körper weiter in Funktion gehalten, dann wird die Diagnose ´Hirntod´ noch ein zweites Mal überprüft. War die erste Diagnose falsch – dann bekommt man noch eine zweite Chance

    Der Begriff ´zweite Chance´ ist daher doppeldeutig

      • Um Fehler bzw. Interessenkonflikte zu vermeiden, muss die zweite Diagnose von einem anderen Arzt-(team) durchgeführt werden – welcher die Organe nicht verwendet. Außerdem werden Organe nur dann entnommen, wenn der Hirntod vor dem Herzstillstand eintritt – da in umgekehrter Reihenfolge der Tod nicht eindeutig zu diagnostizieren ist.

  6. @Bednarik: Opt-out-Lösung

    Interessant – und wie wurde dieses Gestz in der Bevölkerung aufgenommen?

    In den Niederlanden gab es auch so eine Vorlage, die, wenn ich mich recht entsinne, durch ein Versehen sogar im Parlament verabschiedet wurde. Mit den Machtverhältnissen im Senat und der neuen Regierungskoalition (mit zwei christlichen Parteien) ist es aber so gut wie aussichtslos, dass es in Kraft tritt.

  7. “… was will und was kann ich in meinem Leben noch erreichen.”

    Wer den Sinn des Lebens im / durch ICH glaubt / meint zu finden, der ist SYSTEMRATIONAL auf dem Holzweg der zeitgeistlich-materialistischen Illusionen.

  8. @Bednarik: Homosexualität und Evolution

    Ich weiß, ich habe das Thema hier selbst ins Spiel gebracht – als Analogiebeispiel.

    Die Frage wie die Evolution eine sexuelle Neigung hervorbringen kann, die nicht zur Reproduktion führt, wurde schon x-mal diskutiert (z.B. weil sie die Überlebenschancen einer Gruppe verbessern kann). Ich verweise auf die einschlägigen Quellen im Internet.

    • @Stephan Schleim (Zitat):

      Die Frage wie die Evolution eine sexuelle Neigung hervorbringen kann, die nicht zur Reproduktion führt, wurde schon x-mal diskutiert (z.B. weil sie die Überlebenschancen einer Gruppe verbessern kann)

      Homosexualität muss gar nicht evolutiv gewollt sein – auch nicht um die Überlebenschancen einer Gruppe zu verbessern. Vielmehr gilt wohl: Homosexualität wird von der Evolution nicht vollkommen ausgeschlossen, weil sie für die Reproduktion keine entscheidende Rolle spielt. Nur das statistische Mittel spielt in der Evolution eine Rolle, nicht aber Abweichungen im einstelligen Prozentbereich. Wenn es anders wäre, dann wären auch Depressionen und andere psychische Erkrankungen nicht so häufig wie sie es in der Tat sind (in Deutschland erkranken 20% der Frauen irgendwann daran und 12% der Männer; es gibt sie aber in allen Kulturen). Warum wird gerade bei der Homosexualität nach einer evolutiven Absicht gesucht? Antwort: Einfach darum, weil viele Menschen damit ein Problem haben. Die Natur aber hat dieses Problem nicht, denn sie ist diesbezüglich neutral.

  9. @Holzherr: Evolution

    Ja, gut argumentiert.

    Davon abgesehen: ob hetero, bi, homo oder was auch immer – beim meisten Geschlechtsverkehr geht es gar nicht um Reproduktion und auch ihrer Präferenz nach Homosexuelle können natürlich Kinder zeugen.

    Das zeigt schlicht, dass Sex breiter gedacht werden muss als rein evolutionsbiologisch.

      • @Karl Bednarik (Zitat):

        Bei einigen Primaten wird das homosexuelle Verhalten in der hierarchischen Ordnung als Zeichen für Macht und Unterwerfung verwendet.

        Menschen sind solche Primaten, wie dem Wikipedia-Artikel Vergewaltigung von Jungen und Männern zu entnehmen ist, wo man liest:

        Henry Leak, der Vorsitzende der Survivors-Organisation, stellte fest, dass Vergewaltigung von Männern wie bei Frauen mehr mit Macht als mit Sexualität zu tun hat und nicht nur in der homosexuellen Gemeinschaft vorkommt. Die sexuelle Orientierung ist ein komplexes Thema und die Mehrheit der Täter, die Jungen vergewaltigen, sind nicht homosexuell.

  10. Ein Argument gegen die Organspende wurde bisher nicht erwähnt. Sie betrifft die extrem anthropozentrische Sicht, die unsere Gesellschaft eingenommen hat, die zu dem Paradoxon führt, dass einerseits alles getan werden muss, um das Leben eines menschlichen Individuums so lange wie möglich zu erhalten, und zum anderen in Kauf nimmt, dass der Preis dafür die zunehmende Einschränkung seines Rechtes auf Selbstbestimmung ist.
    Das Argument, dass ein toter Mensch dieses Recht nicht mehr hat, zieht nicht, weil wir auch nach unserem Tod nicht nur eine Art Vieh sind, das nach Belieben ausgeschlachtet und verwertet werden darf. Würden wir die Menschen so sehen, würden Beerdigungszeremonien keinen Sinn mehr ergeben, ja es würde unser Bild von uns selbst ad absurdum führen. Damit bin ich beim eigentlichen Punkt:

    Der anthropozentrische Blickwinkel und die Möglichkeiten, die die moderne Medizin offeriert, stellen uns vor Entscheidungen, von denen ich meine, dass wir sie weder treffen können, noch treffen dürfen. Es wird uns damit eine Verantwortung aufgelastet, die wir im Grunde nicht übernehmen können (wobei ich nicht vergessen habe, dass wir inzwischen meinen, für Gott und die Welt Verantwortung übernehmen zu müssen, nur nicht für unser eigenes Handeln; das gehört wohl zu dieser Sichtweise dazu). Das gilt insbesondere dann, wenn die Entscheidung, ein Organ spenden, also einen Teil von sich selbst herzugeben, der in jeder Zelle die eigene DNA enthält, nicht freiwillig, sondern auf moralischen Druck hin gefällt wird. In dem Moment, da man mit einem solchen Druckmittel arbeitet, ja geradezu meint, dazu berechtigt zu sein, kann man sich jedoch nicht mehr auf Ethik und Moral berufen – schon das macht die sogenannte Organspende suspekt. Noch gravierender ist die Schuld, die wir damit auf uns laden, wenn wir solche Mittel zur Verfügung stellen und die Menschen damit in Versuchung führen.

    Vielleicht ist es die Angst vor dem Tod, das Nichtwissen, was danach kommt, der Wunsch, so lange wie irgend möglich an diesem Leben festhalten zu wollen, die zu diesen extremen Auswüchsen führen. Es gibt derzeit 7,5 Milliarden Menschen auf der Erde und die Zahl wächst unaufhaltsam, weil wir einerseits alles dafür tun, dass jeder Mensch, der geboren wird, auch am Leben bleiben kann und wir kein Mittel kennen, mit dem wir diese Zunahme ethisch gerechtfertigt begrenzen können, wir andererseits aber auch am anderen Ende, nämlich wenn es ums Sterben geht, alles dafür tun, dies um jeden Preis hinauszuzögern, u.a. mit Organspenden.
    Wir haben das Maß und die Kontrolle verloren!
    Dabei geht es nicht nur darum, ob jemand eine zweite Chance erhält oder dankbar ist, sondern auch darum, dass es immer zu viele Menschen geben wird, die ein Organ oder auch mehrere brauchen, und zu wenige, die zur Verfügung stehen, was zur Entscheidung zwingt, zu bewerten, welcher Mensch für die Gesellschaft wertvoller ist als die anderen – und diese Entscheidung steht uns nicht zu.

    • Die Beerdigungszeremonien ergeben tatsächlich keinen Sinn.
      In relativ kurzer Zeit wird man die Ersatzorgane aus den eigenen Zellen des Patienten erzeugen.
      Was ist wirklich schlimmer, der Tod oder die biologische Unsterblichkeit?

  11. @Trice @ Karl Bednarik: sowohl die Sakralisierung des eigenen Körpers über den eigenen Tod hinaus und gegen die Interessen der Mitmenschen (Trice) als auch die Heilssuche in der forcierten, mit technologischen Mitteln erreichten Unsterblichkeit (Bednarik) verkennt die tiefere Wahrheit, dass jedes Lebewesen den eigenen Tod vermeiden will (wenn nötig auf Kosten von anderen) und dass gleichzeitig der Tod unvermeidlich ist, wenn man auch neuem Leben eine Chance geben will. Mehr und bessere Technologie sollte den Lebenden dabei helfen zu vermeiden unnötig zu leiden oder dar unnötig zu sterben, sie sollte aber nicht dem Lebensprinzip grundsätzlich widersprechen. Das Lebensprinzip bedeutet, dass alles im Fluss ist und Generationen auf Generationen folgen. Unsterblichkeit wäre nur dann mit diesem Prinzip vereinbar, wenn die Unsterblichen die Erde verlassen um Raum für neues Leben zu machen.

    • “gleichzeitig der Tod unvermeidlich ist, wenn man auch neuem Leben eine Chance geben will. Mehr und bessere Technologie sollte den Lebenden dabei helfen zu vermeiden unnötig zu leiden oder dar unnötig zu sterben, sie sollte aber nicht dem Lebensprinzip grundsätzlich widersprechen”

      Und wieso ist dieses Lebensprinzip jetzt irgendwie normativ relevant. Warum sollte es neue Generationen geben?
      Nur weil der Tod Vorraussetzung dafür war, wie das Leben bisher funktioniert hat, folgt daraus aber doch nicht das dieser Ablauf gut ist.

      • @libertador:

        Und wieso ist dieses Lebensprinzip jetzt irgendwie normativ relevant. Warum sollte es neue Generationen geben?

        Nicht normativ, sondern faktisch relevant ist eine Folge von Generationen. Schon heute gibt es eine zunehmende Übermacht der Alten, was sich beispielsweise in Abstimmungen auswirkt, die sowohl Alte wie Junge betreffen, wo aber die Alten aufgrund ihrer zunehmenden Überzahl, die Oberhand gewinnen. Heute hat jede Generation (Generation Y, Generation Z) andere Lebensvorstellungen, weil sie auf eine andere Welt trifft (digital natives gab es nicht schon immer): Wenn Unsterbliche immer wieder zur Neuorientierung in der Lage wären und auch dazu bereit wären, könnte es auch ohne Generationenabfolge gehen. Doch in jedem Fall wird eine Gesellschaft mit einem Anteil von nur noch Promillen von Jungen eine ganz andere sein als die heutige.

    • Gegen die Ausbreitung der Menschen in den Weltraum ist nichts einzuwenden.
      Zur Übervölkerung gebe ich zu bedenken:
      Geburtenüberschuss ist eine Folge von Armut, denn in den reichen Industriestaaten herrscht ein Mangel an Geburten.
      Sobald der Vermehrungsfaktor unter eins gesunken ist, kann auch eine unsterbliche Bevölkerung nach unendlich langer Zeit nur eine endliche Zahl an Menschen umfassen.
      Zum Beispiel steigt die Bevölkerung beim Vermehrungsfaktor von 0,8 nur um den Faktor 5 an.
      Limes-Funktion: L = 1 / ( 1 – 0,8 ) = 1 / 0,2 = 5

  12. @Holzherr

    “… das alles im Fluss ist …”

    Wir stecken im Sumpf des geistigen Stillstandes, während die “toten Fische” im Fluss mit dem Strom dem sicheren … 😶

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