Mission erfolgreich: Körper unterworfen

Was haben Leichtathletik und Feminismus miteinander zu tun?

Die junge Hürdenläuferin Pamela Dutkiewicz wurde vor Kurzem dafür gefeiert, dass sie über den Leistungsdruck in der Leichtathletikwelt geschrieben hat. Beispielsweise wurde ihr bereits im März verfasster Artikel “Der Kampf mit meinem Körper” unlängst auf ZEIT Online aufgegriffen (Sie fühlte sich zu fett). Dort wird daraus eine Geschichte über den Umgang von Frauen mit Übergewicht.

Frauenbilder in den Medien

Erinnern wir uns an die Diskussion über Frauenbilder in den Medien, beispielsweise in der Werbung. Berühmt geworden ist Doves “Self Esteem”-Kampagne, mit der Frauen dazu ermutigt werden sollten, ihren Körper zu akzeptieren (hier ein Beispiel für Mädchen). Das Modelabel Lane Bryant bewarb unter der Überschrift “#ImNoAngel” erotische Unterwäsche für Frauen mit Rundungen.

Nike Women thematisierte mit “Better for it” die Neigung mancher Frauen, sich permanent mit anderen zu vergleichen. Und auch Slipeinlagen können feministisch sein, wenn Always mit “#LikeAGirl” positive Frauenbilder darstellt.

Feminismus oder Konsumkultur?

Es geht dabei vordergründig um Emanzipation – der Funktion von Werbung nach aber natürlich ums Konsumieren von Produkten, die zu einem besonders schönen, attraktiven und/oder reinen Körper führen sollen. Ob man so den traditionellerweise hohen Stellenwert des Äußeren für Frauen überwinden kann, darf bezweifelt werden. Dann bräuchte ja schließlich auch niemand mehr die beworbenen Mode-, Sport- und Beauty-Produkte zu kaufen.

Auf die Spitze getrieben hat dieses “Femvertising” kein Geringerer als der Modepapst Karl Lagerfeld. Dieser ließ die Top-Models für die Frühjahr-Winter-Kollektion 2015 von Chanel in einem gespielten Protestzug feministische Slogans skandieren (oder wurde doch nur eine Aufzeichnung abgespielt?). Auf die Frage, ob er Feminist sei, würde er vielleicht antworten: Im Frühjahr/Sommer 2015 schon. Es hat sich mit Sicherheit in barer Münze ausgezahlt.

Traditionelles “Femvertising”

Dabei dürften Modeshows mit ihren auf Schönheit getrimmten, dressiert über Laufstege laufenden Püppchen – analog gilt das natürlich auch zunehmend für Männermode – mit das unfeministischste sein, was man sich vorstellen kann; jedenfalls dann, wenn man sich Emanzipation als eine Bewegung zur Selbstbestimmung vorstellt, nicht zur Anpassung. Dabei ist nur das Wort “Femvertising” neu, die Idee dahinter nicht:

Es gab immer wieder geschickte Versuche, gezielt Frauen als Käuferinnen anzusprechen, etwa schon als die Zigarettenindustrie ihre Glimmstengel in den 1920er Jahren als “Freiheitsfackeln” (Torches of Freedom) bewarb. Rauchen war damals für Frauen verpönt. Im Zuge der zweiten Welle des Feminismus in den 1960ern gab es dann auch besonders schlanke Zigaretten für Frauen.

Eine Erfolgsfrau

Das Bild einer jungen Hürdenläuferin wie Pamela Dutkiewicz ist natürlich an sich schon feministisch: Eine Frau, die diszipliniert und hart arbeitet, um zu immer neuen Höhen zu gelangen; die wörtlich wie bildlich immer mehr Hürden nimmt; die im Wettbewerb nicht nachgibt, um Zehntel- oder gar nur Hundertstelsekunden schneller als die – bis auf Weiteres allerdings nur weibliche – Konkurrenz zu sein. Wenn diese Frau dann auch noch das System Sport kritisiert, was könnte emanzipatorischer sein?

“Also wurde ich immer wieder auf die Waage gestellt und alles wurde dokumentiert. Für mich war das eine absolute Erniedrigung. Es war mir peinlich. Und da hat es auch angefangen, dass ich sehr unregelmäßig gegessen habe. Ich wusste beispielsweise, mittwochs werde ich gewogen. Also habe ich schon einmal den ganzen Mittwoch lang nichts gegessen und wenig getrunken – spart ja auch Gewicht.” (Pamela Dutkiewicz)

Vom Leistungswillen zur Essstörung

Dass ausgerechnet eine Leichtathletin furchtbare Angst davor hat, auf einem Pressefoto könnte man irgendwo ein Speckröllchen sehen, hätten viele wohl für unmöglich gehalten. Übergewicht im medizinischen Sinne, wie es der ZEIT-Artikel suggeriert, dürfte aber eher nicht vorgelegen haben; vielmehr eine Essstörung, die so weit ging, dass die junge Frau sich eine Zeit lang nur von einem Apfel am Tag und Tee ernährte.

Wie hat die Sportlerin ihr Dilemma schließlich aufgelöst? Sie versuchte es mit verschiedenen Ernährungsberatern. Bei einem habe sie innerhalb eines halben Jahres einige Kilo abgenommen, in den folgenden eineinhalb Jahren jedoch nicht mehr. Das hat ihr nicht gereicht. Die Veränderung kam erst durch einen Bänderriss, jedoch anders, als man sich das vielleicht denken würde: “Aber das war mein Segen – weil ich endlich Zeit hatte.”

Gesund! Was für eine Enttäuschung

Diese Zeit nutzte Pamela Dutkiewicz weiter zur Problemsuche in sich selbst. Ein ausführlicher medizinischer Test ergab, dass sie körperlich gesund war. Darüber war sie “super enttäuscht”. Danach geriet sie aber an ein Team von einem Arzt und einem Ernährungswissenschaftler, die ihre Ernährung anpassten: Nur drei Hauptmahlzeiten statt wie vorher drei Haupt- plus zwei Nebenmahlzeiten am Tag; dafür durfte sie morgens essen, was sie wollte, sogar Schokolade, die es bei ihr seit Jahren nicht gegeben habe.

Man wundert sich, dass mit dieser Umstellung endlich gelang, was viele Jahre zuvor nicht möglich gewesen war: Die Leichtathletin verlor zehn Kilo, scheinbar ganz von selbst: “Ich habe nie gedacht, dass man bei meinem Körper mal Bauchmuskeln sehen würde. Endlich bin ich selbstbewusst, wenn ich auf der Bahn stehe.”

Ein neunjähriger Kampf mit sich selbst

Ein sage und schreibe neunjähriger innerer Kampf war gewonnen; der Körper war besiegt und der Vorstellung unterworfen. Das Ist-Bild war dem Soll-Bild angepasst. Der große Gewichtsverlust und die Fähigkeit, auf der Startbahn endlich konzentriert zu sein, mögen den Einen oder die Andere allerdings an den Einfluss von Medikamenten denken lassen. Doch darum soll es hier nicht gehen.

Denken wir noch einmal an das Femvertising, das die Botschaft transportierte: Akzeptiere dich so, wie du bist. Dieses sollte Frauen gerade dabei helfen, die starke Fokussierung auf ihren Körper zu überwinden. Die in klassischen sowie sozialen Medien vielfach gelobte Erfolgsgeschichte der Leichtathletin geht jedoch in einer ganz andere Richtung: Kämpfe so lange gegen deinen eigenen Körper, bis du dem Ideal entsprichst, so dünn wie möglich zu sein.

Anpassung wird belohnt

Es scheint wirklich nicht einfach zu sein, eine Frau zu sein. Selbst eine Leichtathletin muss nicht nur schnell sein; nein, man muss auch ihre Bauchmuskeln sehen können. Das System, das den Menschen so viel Stress, Leistungsdruck und Demütigungen am laufenden Band zumutet, wird nicht grundlegend kritisiert, sondern über das Lob der Erfolgsgeschichte sogar instandgehalten. Eine kritische Reflexion sucht man vergebens.

Man fühlt sich an die erfolgreiche Popmusikerin Beyoncé erinnert, die einerseits in ihrem Video “Pretty Hurts” eben diese Demütigungen und den Kampf gegen den eigenen Körper auf dem Weg zum Erfolg kritisiert und Perfektion als Krankheit bezeichnet, andererseits aber mit Schönheitskliniken Geld verdient.

Kampf der Frauen gegeneinander

Ein Zwiespalt wird auch in ihrem Song “Flawless” deutlich, in dem sie die feministische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie zu Wort kommen lässt: “We raise girls to see each other as competitors – not for jobs or for accomplishments, which I think can be a good thing, but for the attention of men.” Wenn Frauen also miteinander um den besten Job oder Erfolg kämpfen, so wie Pamela Dutkiewicz, so wie Beyoncé, so wie Adichie, dann sei das eben eine gute Sache.

Es darf bezweifelt werden, dass damit das emanzipatorische Projekt des Feminismus vorangetrieben wird. Vielmehr dürften viele junge Frauen, die ebenfalls den sehnlichsten Wunsch zum Abnehmen haben, bei dem von Dutkiewicz erwähnten Ernährungs-Team nun Tür und Tor einrennen. Dieses wird sich über die Gratiswerbung freuen.

Der persönliche Erfolg der Sportlerin ist damit freilich nicht geschmälert. Von der Rezeption in den Medien sollte man aber doch etwas kritische Distanz erwarten dürfen. Es ist ja nicht so, als gäbe es kein Problem mit Magersucht, die in Einzelfällen sogar tödlich verläuft.

Magersucht als gesellschaftliches Problem

Laut wissenschaftlichen Studien sind ca. ein Prozent aller Frauen von einer Anorexia nervosa im klinischen Sinne betroffen, nach den neueren Kriterien des DSM-5 von 2013 wahrscheinlich doppelt so viele. Die Häufigkeit bei Männern ist noch lange nicht klar. Vereinzelt finden Studien für sie ähnliche Zahlen, laut anderen Untersuchungen sind Frauen aber zehnmal so häufig davon betroffen.

Die vollstationären Behandlungen für Magersucht stiegen in Deutschland seit 2000 um über 40% für die Frauen (rot) und um über 70% für die Männer (blau), jedoch auf viel niedrigerem Niveau. Im selben Zeitraum stieg auch die Dauer der Aufenthalte von rund 43 auf 52 Tage. Das Frau-Mann-Verhältnis betrug im Jahr 2015 in etwa 20:1. Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes.

Dabei sind diejenigen, die die Symptome des Störungsbildes zeigen, die eine Diagnose bekommen oder bei denen es so ernst ist, dass sie sogar im Krankenhaus behandelt werden, nur die Spitze des Eisbergs. Viel mehr Menschen haben Probleme mit ihrem Körperbild oder ihrem Essverhalten. Und gerade diesen ist mit dem Lobgesang auf das Abnehmen, mit der Verherrlichung des Wettbewerbs beileibe kein Gefallen getan.

Immer mehr Wettbewerb

Denken wir zum Schluss noch kurz über diesen Wettbewerb nach. Worum geht es in der Leichtathletik eigentlich? Um das Übertreffen der anderen: höher, weiter oder schneller zu sein als die Konkurrenz. Im Zweifel unterscheiden minimale Unterschiede darüber, wer aufs Siegertreppchen darf und wer nicht. Und diese Unterschiede hängen nicht nur von der Disziplin und Aufmerksamkeit der Athletin ab, sondern auch dem Können des Trainers oder der Trainerin, vorhandenen Trainingsmöglichkeiten, physiotherapeutischer wie psychologischer Betreuung und und und.

Manche werden vielleicht sagen, es sei sinnlos, diesem Wettlauf um Medaillen ein ganzes Leben unterzuordnen – aber dass freie und vernünftige Menschen das Recht haben, sich dafür zu entscheiden. Wie frei ist man jedoch für die Entscheidung, wenn man schon als Kind, vielleicht im Alter von zehn Jahren, in dieses System kommt? Wenn die wesentlichen Bezugspersonen – man denke an Freunde/Freundinnen, Trainer/Trainerinnen – zum Sport gehören? Wenn dieser die primäre Bestätigungsquelle für eine heranwachsende Person ist? Kurzum, wenn man nichts anderes kennt?

Keine Zeit zur Reflexion

Bezeichnenderweise schreibt Pamela Dutkiewicz über ihre Laufbahn vor dem Bänderriss: “Sonst habe ich immer von Saison zu Saison gelebt und habe eigentlich immer an
dem festgehalten, was ich gemacht habe, um mir die Chance auf die nächste Saison nicht zu verbauen.” Es schien keinen Moment des Innehaltens gegeben zu haben, keinen geistigen Raum dafür, ein paar Schritte weiterzudenken als bis zu den nächsten Wettkämpfen.

Damit erinnert ihre Schilderung an das Schicksal der Turnerin Isabel in Sam de Jongs preisgekröntem Kurzfilm “Magnesium“. Ihr steht bei der Qualifikation für die Europameisterschaft eine Schwangerschaft im Weg. De Jong, der selbst eine Vergangenheit als Schlittschuhläufer hat und den harten Konkurrenzdruck an der Amsterdamer Filmakademie miterlebt hat, zeichnet seine Figur ebenfalls ohne Fähigkeit zur Selbstreflexion, nur vom Gedanken an den Wettkampf getrieben.

Nur Erfolg wird belohnt

Natürlich muss eine Geschichte wie die von Dutkiewicz erfolgreich enden, um solch eine Medienwirkung zu entfalten. Für eine Verliererin hätte unsere Gesellschaft bestenfalls Mitleid, wahrscheinlich aber vor allem Häme übrig. Die Rezeption verrät wahrscheinlich mehr über unser Denken als über ihr Leben.

Wird es jetzt weniger Leistungsdruck im Sport geben? Werden sich weniger Mädchen auf die Waage stellen und auf die Zahlen schauen, als hinge das Schicksal der Welt davon ab? Werden weniger ihren Körper disziplinieren, um das Meiste aus sich selbst zu holen? Werden weniger heranwachsende Menschen sich selbst mit anderen vergleichen und es furchtbar finden, sich selbst als “das Andere” wahrzunehmen?

Wohl kaum.

Man kann die Erfolgsgeschichte der Leichtathletin loben und teilen; man kann aber auch derjenigen, die es nicht schafft, zu verstehen geben, dass sie so in Ordnung ist, wie sie ist. Ernsthaft.

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint parallel auf Telepolis – Magazin für Netzkultur.

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten. Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei die Frage, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promoviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Der Forscher und Autor ist auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschsprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert." Ausgewählte Beiträge erscheinen auch auf Telepolis – Magazin für Netzkultur, für das Stephan Schleim seit vielen Jahren schreibt.

21 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Eine geringeres Gewicht bringt in einigen Sportarten enorme Vorteile. Lance Armstrong wurde erst durch den Krebs und die damit verbundene Gewichtsreduktion zum dominanten Radfahrer seiner Zeit (gedopt hat er schon vorher). Aus diesem Grund leiden auch viele maennliche Radfahrer oder Skispringer unter Esstoerungen. Ich kenne keine Zahlen, wuerde aber schaetzen dass es Maenner ebenso betrifft wie Frauen.

  2. Die Instagram-Generation – ob nun Frauen oder Männer – neurotisiert sich mit ihrer Lieblingsbeschäftigung (vergleichen) gleich selbst. Politisch gesehen und altersmässig passt Donald Trump überhaupt nicht zur Generation dieser Millenials, von der Subjektivität und dem Narzissmus her passt er allerdings bestens. Man kann sogar sagen: zu keiner anderen Zeit als der heutigen wäre ein so offensichtlich narzisstischer Mensch zum US-Präsidenten gewählt worden.
    Was aber hat das mit dem Thema zu tun? Nun: sehr viele gesellschaftliche Phänomene unserer Zeit wie das eigene Selbstbild, die Lebenswünsche, die Leitbilder, die als Brennpunkte empfundenen gesellschaftlichen Probleme haben oft einen gemeinsamen Ursprung, ein gemeinsames Leitmotiv, ein gemeinsames Mem. Und dieses Leitmotiv, dieses Mem findet sich in den Köpfen der Menschen, die die Gesellschaft ausmachen, als immanente Ziele, die den Alltag formen und die bestimmen, was glücklich und was unglücklich macht. Glücklich macht heute, wenn die Fremdwahrnehmung – und zwar die öffentliche, medial transportierte – möglichst dem gewünschten Selbstbild entspricht.
    Und klar findet man das eben beschriebene auch bei aktuellen Themen wie der weiblichen Selbstbestimmung im Rahmen eines “weichen” Feminismus. Und klar kommt es dabei zu inneren Widersprüchen. Eine Zeitepoche erkennt man gerade an ihren inneren Widersprüchen, denn die Widersprüche offenbaren überzogene Ideale und Ziele – Ideale und Ziele nämlich, die mit Teilen der menschlichen Natur kollidieren.

  3. “Für eine Verliererin hätte unsere Gesellschaft bestenfalls Mitleid, wahrscheinlich aber vor allem Häme übrig. ”

    Gerade die Moderatoren der Leichtathletik im öffentlichen deutschen Fernsehen gehen eher in die andere Richtung. Athleten werden zunehmend nach ihren Fähigkeiten beurteilt, selbst die von den Medaillen weit entfernte Teilnahme an einem Halbfinale (Laufwettbewerb) wird gelobt, wenn sie dem Potenzial des Läufers entspricht.

    Häme sehe ich da nicht, auch nicht, aktuelles Beispiel, bei unglücklichen Verläufen bei der jüngst abgeschlossenen WM, obwohl die ein oder andere Sportlerin (z.B.Gesa Krause) dazu genügend Anlass geboten hätte, wenn der Wille dazu vorhanden gewesen wäre.

  4. Anhand einer Leistungssportlerin das Körperbild von Normalmenschen zu messen, ist so dumm und dämlich, dass es schon zum Himmel schreit.

    Wer macht denn sowas? Die Medien? Sie, Herr Schleim?

  5. Pamela Dutkiewic glaubt daran, mit ihren Erfahrungen anderen “Mädels” helfen zu können. Zitat:

    Ich habe unfassbar viel Wissen und Vertrauen über und auch Verständnis für meinen Körper gewonnen [sie wurde von Mark Warnecke – ehemaliger Schwimmer, heute Mediziner] und von Dr. Heinze, seinem Ernährungswissenschaftler, betreut] . Und es klingt super abgedroschen, das ist mir schon bewusst, aber ich glaube, dass viele Leute, viele Mädels, ein ähnliches Problem haben.

    Damit empfiehlt Pamela Dutkiewic professionelle Hilfe anzunehmen um zum Idealkörper zu kommen. Einige werden sich dabei wirklich beeinflussen lassen – sogar “Mädels”, die nur attraktiv sein wollen und den Ehrgeiz haben, ihren Körper gemäss ihren Vorstellungen zu formen.

  6. Influencer(in) ist heute ein Wunsch”beruf” und auch Modeling hat nichts an Anziehungskraft verloren. Heute können sogar Frauen/Mädchen und Guys ohne klassische Idealfigur Models werden, was allerdings nicht bedeutet, dass diese nicht ebenfalls auf ihr Äusseres achten müssen. Sie müssen halt den Typ für den sie stehen, ideal repräsentieren. Ein Leben, mindestens aber Aussehen, nach einem Bild also. What It’s Truly Like to Be a Fashion Model berichtet über die Bedingungen unter denen Models oft arbeiten. Nicht selten erleben die Models – trotz ihrer Schönheit – Verachtung. Und oft beginnen sie im Alter von 13, 14 und erleben dann, wie von ihnen erwartet wir, ihren Körper entsprechend den Anforderungen zu verändern (meist abzunehmen). Zitat:

    Ich war 11, als ich zum ersten Mal angeworben wurde. Ich war in einem Pool mit meiner Familie. Ich habe einen Vetrag mit einer Agentur in Arizona unterschrieben, und fing an, Vollzeit auf dem Laufsteg zu arbeiten, als ich 16 war. Als ersten Job buchte ich eine Prada Kampagne. … Als ich 16 war, zeigte ich auf dem Set ein Camp T-Shirt, athletische Shorts und Toms. Es war S&M-inspiriert. Es gab da einen Tisch mit Peitschen und Fesseln und verschiedenenartige Bälle für verschiedenartige Aktivitäten. Dabei hatte ich noch keinen Jungen geküßt.

  7. Man kann die Erfolgsgeschichte der Leichtathletin loben und teilen; man kann aber auch derjenigen, die es nicht schafft, zu verstehen geben, dass sie so in Ordnung ist, wie sie ist. Ernsthaft.

    Diejenigen Leichtathleten, die, wie es im WebLog-Artikel so schön heißt, es nicht schaffen, also permanent auf dem Siegertreppchen zu stehen, sind hochspezialisierte Leistungssportler, die es auch dann geschafft haben, wenn sie es nicht in die deutsche Spitze oder gar in die Weltspitze geschafft haben.
    Sie haben es nämlich schon irgendwie geschafft, in einem Bereich sehr gut zu werden.
    Die meisten schaffen ja nicht einmal dies.

    Womöglich liegt dem ganzen dankenswerterweise bereit gestellten das Missverständnis der Kompetitivität zugrunde.
    Kompetitivität ist per se gut, auch wenn das in der Regel dreielementige Siegertreppchen nie bestiegen werden kann.

    Der werte hiesige Inhaltegeber ist ja selbst kompetitiv und kritisch, nur deshalb wird er bemerkt von einigen.

    MFG
    Dr. Webbaer

  8. @ Kommentatorenkollege ‘DH’ :

    Häme sehe ich da nicht (…)

    Genau, die gibt es in der Regel auch nicht, wenn der Hochleistende nicht der Hochleistendste wird. – ‘Häme’ ist regelmäßig fehl am Platze, wenn sich i.p. Leistung ernsthaft bemüht wird.

    Der Schreibär dieser Zeilen geht mal gnädigerweise davon aus, dass unser Herr Dr. Schleim hier in einer Art Potpourri seine Gedanken schweifen ließ, um bessere zu gewinnen, auch dank des zu erwartenden Feedbacks.

    MFG

  9. @DH & Webbär: Umgang mit Verlierern

    Ich bin natürlich immer dankbar für Anregungen. Da ich seit Anno 1997 kein fern mehr schaue, haben Sie sicher auch Informationen, die ich nicht habe…

    Sie haben aber vielleicht meinen Schlusssatz missverstanden: Es geht ja nicht um jemanden, der bei einem bestimmten Wettkampf nicht an die Spitze kommt, sondern der insgesamt das Handtuch wirft.

    Stellen Sie sich selbst die Frage, wenn die Leichtathletin gesagt hätte: Hmm, mein Körper scheint schlicht nicht für den Sport geeignet zu sein, ich habe es schon fünf Jahre versucht, ich werde doch Grundschullehrerin.

    Wer hätte sie dafür bejubelt? Außer vielleicht die Kinder ihrer zukünftigen Schulklassen?

    Das Lob, von dem Sie sprechen, findet doch immer unter der Prämisse statt, dass der/die SportlerIn es beim nächsten Mal wieder versucht, also vor allen Dingen eins tut: nicht aufgibt. Denn dann wäre die ganze Sache ja entzaubert und es würde klar, dass es dabei eigentlich um nichts geht.

  10. Social Media, insbesondere Instagram & Co. bedeuten die Vorherrschaft des Bildes stärker als je zuvor. Und zwar die Vorherrschaft des Bildportraits. Während früher solche Portraits und “Profile”-Bilder nur in Werbung und Film vorkam, sind sie heute auf jedem Facebookaccount und natürlich in Überzahl auf Instagram zu finden.
    Wozu dies führt zeigen insbesondere die Personen mit der grössten Followerzahl, beispielsweise Kim Kardashian über die man in Nackt auf Baum Kim Kardashians steiler Aufstieg liest:

    Kim Kardashian sorgt mit einem Schwarz-Weiß-Foto für Verwirrung. Darauf ist sie splitterfasernackt auf einem Baum zu sehen. Warum eigentlich?

    und eine Kommentatorin meinte zum Ganzen:

    “Kim sagt, sie tue alles im Namen des Feminismus, aber das ist kein Feminismus”, hatte die Moderatorin [Sharon Osbourne] im britischen “Telegraph” gerügt. “Diese Mädchen leben von ihren Körpern (…) alles was sie tun, vom Sex-Video über die durchsichtigen Plastikkleider bis hin zur Fitnessklamotte, dreht sich um Sex, nicht um den Fortschritt der Frauen.”

  11. Aja, gut, lieber Herr Dr. Schleim, vermutlich ist der Absatz mit der Überschrift ‘Nur Erfolg wird belohnt’ hier dann falsch verstanden worden.
    Dennoch scheint sich die Kritik an der Kompetítivität wie ein roter Faden durch den dankenswerterweise bereit gestellten WebLog-Eintrag zu ziehen…
    Was aus liberaler Sicht ginge, wäre die Kritik an falscher Zielsetzung, aber auch diese wäre schwierig, denn es obliegt Kritikern oft nicht Ziele anderer als falsch oder richtig zu bestimmen.

    MFG
    Dr Webbaer (der ebenfalls zu fast genannter Zeit dem Fernsehen untreu geworden ist, das Hausfrauen- und Deppenfernsehen heutzutage nur vom gelegentlichen Vorbeischauen kennt)

  12. PS :

    Das Lob, von dem Sie sprechen, findet doch immer unter der Prämisse statt, dass der/die SportlerIn es beim nächsten Mal wieder versucht, also vor allen Dingen eins tut: nicht aufgibt. Denn dann wäre die ganze Sache ja entzaubert und es würde klar, dass es dabei eigentlich um nichts geht.

    Der Schreiber dieser Zeilen war mal ein verdammt schlechter Sportschütze und Skatspieler, hat beides aufgegeben, sieht sich allerdings so nicht als Loser.
    (Klar, er kann auch etwas sehr gut, auch etwas, das er aufgegeben hat, hier sind drei Fachgebiete zu notieren, wobei nur noch eines gepflegt wird, auch hier sieht sich der Schreibär dieser Zeilen nicht als Loser.)

  13. Bonuskommentar hierzu :

    (…) dass der/die SportlerIn (…)

    Der Schreiber dieser Zeilen hat in diesem dankenswerterweise zur Verfügung gestellten WebLog wohl noch nicht derart erklärt, diese Erklärung erfolgt auch nur einmalig :
    In der deutschen Sprache meint das Genus nicht den Sexus.
    Soll u.a. heißen, dass es i.p. Sexus verallgemeinernd möglich ist, in der deutschen Sprache, von ‘Sportlern’ zu reden und zu schreiben, so dass beide Geschlechter mit gemeint sind.
    Es gibt insofern “generische” Genera, unabhängig davon, was Sportsfreunde der feministischen / Gender-Anthropologie hier meinen, K-Probe :
    -> https://scilogs.spektrum.de/sprachlog/frauen-natuerlich-ausgenommen (‘Im Deutschen gibt es kein generisches Maskulinum und die „generische“ Verwendung maskuliner Formen bringt keinen praktischen Vorteil mit sich.’ – Herr Dr. Stefanowitsch ist insofern ein Lügner, hat hier auch gleich einen Doppelfehler begangen.)

    Bei der Suffix ‘-in’ handelt es sich um eine Markierung, die das biologisch feststellbare Geschlecht meint.
    Derartige Markierung ist oft nicht notwendig, in etwa so nicht, wie die selten gebrauchte Suffix “-(e)rich” nicht benötigt wird, vgl. bspw. mit Enterich oder Mäuserich.

    Die Forderung nach dbzl. Suffices-Bildung entspricht der Forderung nach der Sexualisierung der deutschen Sprache.
    Dr. W beömmelt sich auch insofern, weil diese Sexualisierung zwar im Deutschsprachigen möglich ist, in anderen Sprachen aber nicht.

    MFG
    Dr. Webbaer

  14. @Stephan Schleim

    Ich finde nicht, daß es um nichts geht, sportlicher Wettbewerb hat was für sich, man sollte nur nicht denken, daß er alles ist und sonst alles nichts.
    Den Fall des ungeeigneten Körpers werden Sie im Leistungssport nicht finden, solche Leute kommen gar nicht erst auch nur in die erweiterte Nähe der Spitze, es ist schon ein Betriebsunfall, wenn es so jemand überhaupt versucht.

    Das realistische Aufgeben ist dort zwangsläufig der Normalfall, sonst könnten die Allermeisten, die es naturgemäß nicht nach vorne schaffen, gar nicht erst anfangen- mit dem Ergebnis, daß es dann auch keinen Leistungssport gäbe.

    Gerade die deutsche Leichtathletik hat ein ganz massives Problem mit talentierten Leuten, die ihr Potenzial nicht mal versuchen, auszuschöpfen, Hauptgründe sind Sicherheitsdenken und schlechte Förderung. Es wimmelt seit Jahren von Namen, die mal kurzzeitig auftauchen, auch in der Spitze, und dann plötzlich weg sind. Irgendwann hört man dann nebenbei, daß sie die berufliche Sicherheit vorgezogen haben (und dort den Wettbewerb dann sehr kritiklos akzeptieren, obwohl dieser häufig deutlich unfairer abläuft).
    Häme gibt es da nicht, eher einen Mangel an Kritik an den schlechten Strukturen.

  15. Leistungssportler verdienen natürlich Hochachtung, gerade auch diejenigen, die es nicht in die Spitze schaffen, sondern vielleicht “nur” mal Landesmeister (einer Region) werden.
    Letztlich, bildlich gesprochen, hinterherrennen.
    Sie handeln grundsätzlich für sich, oft macht ihnen ihr “Job” Spaß, oft geben sie auf, wenn sie “es” nicht “schaffen”, aber sie haben es zumindest versucht, waren ehrgeizig.

    In der Wirtschaft wird dies, nicht gänzlich überraschend, positiv gesehen. Auch wenn die Zeit, in der eine Ausbildung genossen werden könnte, so in den Sport investiert worden ist.
    Mittelmaß gibt es in der Wirtschaft genug.

  16. Und natürlich haben Leichtathletik und Feminismus nichts miteinander zu tun.
    Was es gibt im Hochleistungssport, Steffi Graf wäre hier ein Exempel, ist, dass Kinder und Jugendliche in ein Schema gepresst werden, in der Hoffnung, dass die Weltspitze erreicht wird und es Dollar regnet.
    Für die meisten kommt es zu diesem Regen nicht und auch insofern könnte von Kindesmissbrauch oder dem Missbrauch von Jugendlichen gesprochen und geschrieben werden.
    Insofern sind die Schutzbefohlenen anzufragen, ob sie wirklich wollen, was sie tun, und diejenigen, die die Sorgepflicht haben, ebenfalls kritisch anzufragen.
    Sicherlich geht hier nicht alles den geordneten Weg und selbst der Schreiber dieser Zeilen hatte Kenntnis von dbzgl. Missbrauch.
    KA, wie hier im feministischen Sinne sinnhaft hinzugebaut werden kann, wenn ‘die junge Hürdenläuferin Pamela Dutkiewicz’ nicht wollte, hätte sie nicht gewollt, was dann hoffentlich auch von ihr durchgesetzt hätte werden können. (Es muss nicht so getan werden, als ob sozusagen überall Opfer eines bösen kapitalistischen Systems vorliegen; die junge Dame kann und konnte selbst entscheiden.)
    Ansonsten darf in Betracht gezogen werden, dass bestimmtes “politisch korrektes” Output dieser Dame selbst einen wirtschaftlichen Wert hat, den es zu versteigern gilt.

  17. Kommentatorenfreund Dr. Webbaer,
    Kritik am Leistungssport,
    da verlangt ein Tennislehrer für eine Unterrichtsstunde 100€ bei einem 6 – jährigen.
    Der 7-jährige der nur Spaß und Freundschaft im Sportverein sucht, soll jedes Wochenende an einem Wettkampf teilnehmen. Als er zum ersten Mal zum Training kam, wurde er gefragt: “Wo hast du deine Stollenschuhe”.

    Das ist jetzt keine Ausnahme mehr. Das sind Auswüchse einer saturierten Luxusgesellschaft. Sport wird zum Werkzeug der Selbstdarstellung.
    Dass Frauen dem gesellschaftlichen Druck als erste zum Opfer fallen ist klar. Da setzt die Gesellschaft die falschen Zeichen. So wie sich Models zu Tode hungern (bildhaft), so ruinieren viele frauen ihre Gesundheit, wenn sie sportliche Höchstleistungen anstreben. (siehe ehem. DDR Sportlerinnen)

  18. @ Kommentatorenfreund ‘R’ :

    Leistungssport wäre umfänglich OK, wenn er den Sportlern nicht Gesundheitsprobleme bereiten würde, bei Minderjährigen entsteht insofern direkt ein Schutzbedürfnis, das staatlich bearbeitet werden soll.
    Ansonsten gibt es ja noch Extremsportler, die die Lebensgefahr quasi suchen, und manchmal recht früh durch Unglücke versterben, und Leistungssportler der Güteklasse Rich Piana, von dem sich der Schreiber dieser Zeilen ein paar Videos zugeführt hat, der Mann war i.p. Doping ehrlich und kannte die Risiken.
    Der Staat kann solche Leute nicht vor sich selbst schützen – und viele überleben ja auch und machen so ihr Geld.
    Es sind im Erwachsenenalter meist Männer, die sich so verausgaben.
    Aus liberaler Sicht soll dies möglich sein.
    Auch der Manager, der 60 Stunden plus die Woche arbeitet, sich so besonderer Kompetitivität aussetzt oder der Soldat sind womöglich eher zu bewundern als vor sich selbst zu schützen.
    Übrigens sieht der Schreiber dieser Zeilen eher einen Rückbau von Kompetitivät, eher ein allgemeines Versacken in der Mittelmäßigkeit.

    MFG
    Dr. Webbaer

  19. Kommendatorenfreund Dr. Webbaer,
    Sport und Leistungssport sind notwendig in einer Welt, wo wir Menschen zu einer falschen, bewegungsarmen Lebensführung gezwungen sind. Zweifellos !
    Erst die Kombination mit Gender , wo eine autonome, sportlich gestählte Frau als Idealform in der Werbung dargestellt wird, wird der Sport fragwürdig.
    Einige Frauen stillen schon nach 1/2 Jahr ab, weil sie Einbußen bei ihrer Figur befürchten.
    Im Extremfall in den USA lassen die Wohlhabenderen ihre Kinder von Leihmüttern austragen.
    Sport und Schönheitsideal sind so betrachtet bedenklich.
    Bei den Männern geht es ohne Anabolika nicht mehr. Wer keine nimmt, der hat im Wettkampf keine Chance.
    Wer ist in dieser Situation das notwendige Korrektiv? (zum Glück gibt es ja noch die Bierwerbung)

  20. @R: Zu DDR-Sportlerinnen…

    …empfehle ich Ihnen die Arbeiten von Ines Geipiel, die mir sehr gut bekannt sind; oder in anderen Worten: Die Ungesundheit dieses Sports lag sicher auch am staatlichen Dopingprogramm.

    Danke im Übrigen aber für Ihre wichtigen Ergänzungen hier zum Thema Leistungsdruck.

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