Kick It Orange*

BLOG: MENSCHEN-BILDER

Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft
MENSCHEN-BILDER

Was wissen wir eigentlich über unsere Nachbarn im Nordwesten? Eine Forschungsreise in die niederländische Kultur.

Vor meinem Wechsel in die niederländische akademische Welt vor gut acht Monaten haben mich einige (holländische) Kollegen gewarnt: Rau gehe es dort zu, in Diskussionen nehme man kein Blatt vor den Mund, da werde öffentlich kritisiert, was das Zeug hält. Diesen Eindruck habe ich allerdings noch nicht bestätigen können – vielleicht liegt das auch an meiner eigenen Vorliebe für harte aber faire Debatten. Tatsächlich habe ich es in der Tanzschule aber schon mehrmals erlebt, dass man von quasi Fremden vor der ganzen Gruppe einer Fundamentalkritik unterzogen wird – schade, dass man auf Holzparkett nicht im Boden versinken kann.

In der Zusammenarbeit sind mir vor allem die flachen Hierarchien aufgefallen. Die Wörter „Chef“ (baas) oder „Professor“ (hoogleraar) hört man eher selten. In Diskussionen gilt es als besonders wichtig, alle zur Sprache kommen zu lassen. Wer sich noch nicht selbst eingebracht hat, wird daher oft am Ende noch persönliche angesprochen, etwas zum Thema zu sagen – und das gilt wirklich für alle, die mit am Tisch sitzen, vom Abteilungsleiter zum Praktikanten.

Die Arbeitsbedingungen kann ich nur loben. Eine Bekannte, die hier schon etwas länger in den Niederlanden arbeitet, erzählte mir einst eine Anekdote aus ihrer Anfangszeit. Da sei um 18 Uhr das Wachpersonal in ihr Büro gekommen und habe sie gefragt, was sie dort so spät noch mache. Auch für den Nachwuchs sieht es gut aus. So habe ich hier noch von keiner „Politik der halben Stellen“ gehört, dass man seine Doktorandinnen, also hoch qualifiziertes Personal mit mehr als 17 Jahren Bildung, 50% Prozent bezahlt und 150% Arbeit erwartet.

Academiegebouw Groningen
Der linke Flügel des Hauptgebäudes (Academiegebouw) meiner Uni, hier bei Sonnenschein im Winter.

Promotionsstellen (siehe auch unsere aktuelle Ausschreibung Ein moralisches Angebot) werden gleich für komfortable vier Jahre vergeben. Den Nachwuchs, liebevoll „AiO“ genannt (assistent in opleiding – Assistent in Ausbildung), entlohnt man anfangs mit ordentlichen EUR 2.042 p.M. im ersten Jahr bis zu EUR 2.612 p.M. im vierten. Auch finden sich im Mittelbau noch feste Stellen für AkademikerInnen auf dem Weg zur Professur – oder die mit ihrem Assistentendasein zufrieden sind. Verfällt hier jemand in Nostalgie?

Niederländer sind pragmatisch

Doch genug der Zahlen. Der auffälligste Unterschied ist meines Erachtens der ausgeprägte Pragmatismus. Vielleicht muss man sich selbst erst ein paar Wohnungen angesehen haben, um das besser zu verstehen. Wer jedenfalls in einem rohen, unverputzten Treppenhaus auf dem nackten Zement denkt, das Haus sei gerade erst erbaut worden, liegt damit wahrscheinlich falsch. Auch in den verschiedensten Schließmechanismen für Schränke und Türen oder Spülvorrichtungen für Toiletten äußert sich eher ein kreativer Erfindungsreichtum fürs Nützliche als ein Sinn für Ästhetik. Das soll jedoch nicht heißen, dass man beispielsweise keine Vorliebe für Kunst hat – in Groningen, einer für deutsche Verhältnisse eher kleinen Stadt mit knapp 190.000 Einwohnern, finden sich erstaunlich viele Kunst- und Designläden.

Vor allem die Sprache ist aber ein gutes Anschauungsbeispiel und führt einem vor Augen, wie weit im Deutschen das Prinzip „Warum einfach, wenn es auch schwer geht?“ befolgt wird. So fährt man hier nicht mehr mit dem Fahrrad, sondern fietst schlicht; das wörtliche Fahr-Rad rijwiel gibt es nur noch in der Behördensprache. Auch muss man nicht umständlich ins Internet gehen, sondern kann einfach internetten; warum muss man Fußball noch spielen, wenn schon voetballen ausreicht?

Bankgeschäfte wollen nicht mühsam erledigt werden, man bankiert; ähnlich wird nicht kompliziert mit der EC-Karte oder gar im EC-Lastschriftverfahren bezahlt, während man schon drei andere Kunden hätte bedienen können, sondern gepind. Pinnen ist tatsächlich, was man am geldautomaat oder im winkel (Geschäft) tut. Wie praktisch: Es kann aber auch „anzapfen“ bedeuten von pin – der Zapfen. Was sollte man mit einem pin auch anderes machen, als ihn zu pinnen? Na dann prost! Und nochmal pinnen, wenn der ober die rekening bringt.

Man kann sich natürlich fragen, ob es mit der Sprachpragmatik nicht manchmal zu weit getrieben wird. So darf man Verben beispielsweise ganz offiziell weglassen, wenn sie „offensichtlich“ sind – das erkläre man einem Ausländer, der die Sprache neu lernt. Der Genitiv ist längst ausgestorben – wieso auch vier naamvallen, wenn schon drei ausreichen? Ebenso braucht man bestimmte Artikel nicht deklinieren – alles ist immer het – das – oder „de“ – der/die. Das Geschlecht spielt aber eigentlich nur noch bei Personen eine Rolle – alles andere wird umgangssprachlich männlich. Sie haben gestern eine Katze, ein Rad, einen Tisch gekauft? Es wird immer hij/hem/hem – er/ihm/ihn. Was Feministinnen davon wohl halten? Ob beispielsweise eine Maus männlich oder weiblich ist, dafür muss man schon ein dreibändiges Wörterbuch befragen. Nach acht Monaten weiß ich es nun: Sie ist meistens weiblich, kann aber auch männlich sein. Bei der Katze ist es übrigens genau umgekehrt. Aha.

Vismarkt am Königinnentag
Hier wird gefeiert, was das Zeug hält. Auf dem Foto am Königinnentag. Gut Erkennbar: orangefarbene Hüte, Flaggen usw. Übrigens gilt Groningen unter den Studierenden als Partystadt, wie ich mir sagen ließ. Nicht gerade zur Freude unseres Uni-Präsidenten.

Überhaupt (selbst ein beliebtes deutsches Fremdwort ebenso wie „sowieso“) lädt einen der Sprachgebrauch häufig zum Schmunzeln ein. Wer beispielsweise den Diebstahl seines Fahrrads bei der Polizei melden will, was hier leider oft passiert, der muss aangifte doen – also jemanden angiften? Wer boodschappen doet, der will aber keine wichtigen Botschaften los werden, sondern schlicht seine Einkäufe erledigen. Geht es aber ums Shoppen, dann geht man natürlich winkelen, macht man das doch im winkel

Niederland im Wandel

Holland ist durch einen Wandel ausgezeichnet. Das kleinere Land hatte 1900 noch 5 Millionen Einwohner, hundert Jahre später rund 16 Millionen. Einwanderung ist in vielen größeren Städten ein Thema und auch in einer hiesigen Studentenzeitung wurden kürzlich unter der Überschrift „Der deutsche Übermensch“ Bedenken über den Zustrom deutscher Studierender geäußert. Aus meiner Erfahrung muss ich aber sagen, dass beinahe alle Niederländer sehr gastfreundlich und hilfsbereit sind.

Für ein Fernsehprogramm wurde 2005 eine Umfrage durchgeführt, welche Probleme die Niederländer für die größten in ihrer Gesellschaft halten. Auf Platz 1 waren dabei mit jeweils 23% Respektlosigkeit und steigende Lebenskosten angegeben. Wenn ich durch die Stadt oder einkaufen gehe, habe ich durchaus den Eindruck, dass viele Menschen mit sich selbst beschäftigt sind und nicht nach links oder rechts schauen; auch scheint der persönliche Raum um einen herum kleiner, laufen Leute manchmal beinahe gegeneinander – eine Erfahrung, die ich auch im Straßenverkehr regelmäßig mache, wo es mehr darauf anzukommen scheint, den kürzesten Weg zu wählen, als möglichen Hindernissen auszuweichen. Der Groninger Sozialpsychologe Jan Pieter van Oudenhoven verwies außerdem auf fehlenden Respekt gegenüber älteren. Manchmal frage ich mich daher, ob das ausgeprägte Freiheitsverständnis, für das wir die Niederländer im Ausland oft preisen – siehe Abtreibung, Drogenpolitik, Euthanasie, gleichgeschlechtliche Ehe oder Prostitution – eher in Indifferenz als in Toleranz gegründet ist, frei nach dem Motto: Soll jeder doch machen, was er will, solange er mich damit nicht stört.

Der Wandel könnte sich auch in der unsicheren politischen Situation ausdrücken. So sind zurzeit von der kleinen Partij voor de Dieren (Tierpartei) mit zwei Sitzen bis zur christdemokratischen CDA mit 41 Sitzen ganze zehn Parteien im Parlament, der Tweede Kamer, vertreten – ebenso wie die von vielen als rechtsextremistisch eingestufte Partij voor de Vrijheid (Freiheitspartei) des umstrittenen Geert Wilders mit neun Sitzen. Im Juni finden aber Neuwahlen statt, da zum wiederholten Mal binnen weniger Jahre die Regierung scheiterte, diesmal an der Frage des Afghanistaneinsatzes. Das Land verändert sich also. Wohin es aber geht, das dürften selbst die Einheimischen nicht genau wissen. Es ist jedenfalls eine spannende Zeit, um hier Fuß zu fassen.


*Dass Orange die Nationalfarbe der Niederlande ist, rührt von seiner Königsfamilie, dem Haus Oranje-Nassau. „Oranje“ bezieht sich ebenfalls auf niederländische Nationalmannschaften, vor allem natürlich das bekannte Fußballteam. Übrigens muss man ein bisschen damit aufpassen, wen bzw. was man als "Holländer" bzw. "Holland" bezeichnet. Im strengeren Sinn besteht Holland nämlich nur aus den beiden westlichen Provinzen Noord- und Zuid-Holland, die im Goldenen Zeitalter, der wirtschaftlichen Blütezeit der Niederlande, aufgrund des Seehandels weltweit bekannt wurden und deren Name sich dann für das ganze Land einprägte. Will man jedenfalls das Risiko vermeiden, jemandem aus einer der zehn anderen Provinzen gegenüber unhöflich zu sein, sollte man "Niederländer"/"Niederland" vorziehen.

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Die Diskussionen hier sind frei und werden grundsätzlich nicht moderiert. Gehen Sie respektvoll miteinander um, orientieren Sie sich am Thema der Blogbeiträge und vermeiden Sie Wiederholungen oder Monologe. Beim Gedankenaustausch darf es auch mal heiß hergehen, jedoch nicht beleidigend werden, vor allem nie unter die Gürtellinie gehen. Stephan Schleim ist studierter Philosoph, Psychologe und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Der Autor schreibt auch für zahlreiche andere Medien.

4 Kommentare

  1. Noch ein paar “orange” Eigenarten…

    Schöner Beitrag :-). Da frag ich mich glatt, was Du in der Tanzschule so treibst… 😉

    Die Niederlande sind ja auch aus medizinischer Sicht ein interessanter Staat – nicht nur da sie dank ihres hervorragenden Hygiene-Managements im Gegensatz zu ihren deutschen Nachbarn die Krankenhausinfektionen weitgehend im Griff haben.

    An den Niederlanden fasziniert mich auch immer wieder, wie die Leute dort umziehen. Denn die Treppen sind ja nicht nur meist unverputzt, sondern entsprechen auch in Dimension und Form eher Hühnerleitern. Ich habe da schon einmal ein paar gestandene (deutsche) Möbelpacker gesehen, die angesichts dieses Dilemmas ziemlich in Panik geraten sind. Sie wollten einfach nicht wahrhaben, dass der Weg der Möbel in den Niederlanden im Normalfall durch die Fenster führt… Nur so als kleine Anmerkung für die hoffentlich zahlreichen deutschen Bewerber auf die ausgeschriebene Stelle 😉

  2. @ – Stephan: Frage

    Die “Partij voor de Vrijheid” ist aber nicht die VVD, der beispielsweise Ayaan Hirsi Ali angehört(e), oder?

    Hast Du irgendetwas von der vermeintlich gescheiterten Immigrationspolitik bemerkt?

  3. @ Edgar: VVD und PVD

    Die VVD ist die “Volkspartij voor Vrijheid en Democratie” und tatsächlich eine liberale Partei. Die PVD hat die “Vrijheid” auch im Namen, wenn du dir aber diesen offiziellen Werbespot anschaust, dann siehst du, dass es für die vor allem zwei Themen gibt: Erstens den Einwanderungsstopp aus “Moslemländern”, zweitens mehr Sicherheit.

  4. Kick it Orange

    Es gibt für Deutschsprechenden ein paar Gelegenheiten für Mißverständnisse: wenn ein Niederländer sagt, er geht “deftig eten” bedeutet das, daß er vornehm/gehoben essen geht. Wenn jemand auf niederländisch fragt: “Ben je zat” fragt er nicht, ob du satt geworden bist, sondern ob du betrunken bist. Auch die ewige Gleichsetzung Holland=Niederlande kann verwirren, wenn z.B. ein Bootsvermieter in Friesland verbietet: “niet naar Holland varen”. Dann meint er, daß er nicht will, daß Sie quer über das Ijsselmeer in die Provinz Noordholland segeln.

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