Arterhaltung, sprach Professor Nietzsche

BLOG: MENSCHEN-BILDER

Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft
MENSCHEN-BILDER

Friedrich NietzscheWas ist der grundlegende Antrieb des Menschen, sein letztes Motiv? Den Berühmten Ausspruch des britischen Philosophen Thomas Hobbes’ aufgreifend, homo homini lupus, der Mensch [ist] des Menschen Wolf, haben wir bereits die Schwächen des Unterfangens entlarvt, alles menschliche Verhalten als Ausdruck des Egoismus zu verstehen. Jetzt bin ich in Nietzsches Die fröhliche Wissenschaft auf einen Aphorismus gestoßen, in dem er allen Ernstes behauptet, das Böse diene der Arterhaltung:

Die stärksten und bösesten Geister haben bis jetzt die Menschheit am meisten vorwärts gebracht: sie entzündeten immer wieder die einschlafenden Leidenschaften […]. In Wahrheit sind aber die bösen Triebe in eben so hohem Grade zweckmässig, arterhaltend und unentbehrlich wie die guten: – nur ist ihre Function eine verschiedene. (Friedrich Nietzsche (1887), Die fröhliche Wissenschaft, Erstes Buch, § 4: Das Arterhaltende.)

Könnte man damit alle Angriffskriege, alle Grausamkeiten und Verbrechen der Menschen, wenn auch nicht moralisch, so wenigstens aus Sicht der Evolution nachträglich adeln? Frei nach dem Motto: Ja, es war schon sehr schlimm, aber letztlich hat es uns doch genutzt, hat es die Menschheit als Ganze vorangebracht; wo wären wir heute ohne das Böse?

Ich muss gestehen, ich habe so meine Schwierigkeiten, der Logik Nietzsches zu folgen. Denken wir etwa an das Beispiel des Verbrechens: Sicher hat es Staaten dazu mobilisiert, die Institution der Polizei einzurichten; und die Polizei ist doch etwas Gutes und Nützliches, sofern sie weder zu korrupt, noch Staatsanwalt, Richter und Henker in einer Person ist; und wenn die Polizei für (relative) Sicherheit sorgt, schafft das dann nicht Umstände, die der Arterhaltung dienlich sind? So geneigt man auch sein möchte, diese Frage zu bejahen, wird hier doch der Denkfehler deutlich: Die Polizeiarbeit versucht lediglich, durch Aufklärung und Abschreckung den Zustand des Nicht-Verbrechens möglichst gut wiederherzustellen.

So wird es schwierig, von einer arterhaltenden Wirkung des Verbrechens zu sprechen, wenn es in der Reaktion darauf lediglich darum geht, seine schädlichen Auswirkungen zu minimieren – was mal besser, mal schlechter gelingt. Geht es nicht vielmehr darum, die Wagschaale auszubalancieren, nachdem sie durchs Verbrechen ins Negative ausgeschlagen ist? Anders formuliert, man steckt viele Ressourcen in die Beseitigung von Problemen, die man ohne Verbrechen erst gar nicht hätte. Somit kommt der Institution Polizei zwar eine arterhaltende Wirkung zu, ob die Nutzensumme damit aber großer ist als in einem Zustand, in dem es erst gar kein Verbrechen gäbe, das ist höchst fraglich.

Betrachten wir ein anderes Beispiel, das Wettrüsten. Zweifellos hat die Furcht vor dem Feind, ob begründet oder unbegründet, die Menschen schon seit der Antike zu höheren Leistungen angespornt. Immer bessere Stadtmauern, Rüstungen und Festungen sind Verkörperungen menschlicher Kreativität und sollen der Verteidigung und damit auch der Arterhaltung dienen. Damit ist die Situation aber wieder eine ganz ähnliche wie zuvor, denn diese Verteidigungsmaßnahmen sollen doch nur eine Sicherheit herstellen, die es ohne die Gefahr des Angriffs ohne große Anstrengung gäbe. Außerdem hat das 20. Jahrhundert Angriffswaffen hervor gebracht, welche die gesamte Art vernichten könnten.

Nietzsches Argument setzt zusätzlich voraus, dass es noch genügend Menschen gibt, die sich nicht dem Bösen verschrieben haben und sich stattdessen zu seiner Bekämpfung mobilisieren lassen, die auf seine Herausforderung reagieren. Wer sagt, dass das Wechselspiel nicht irgendwann aus den Fugen gerät und sich die Menschen nur noch um weitere Bosheiten bemühen, anstatt sie zu bekämpfen? Es darf zudem nicht vergessen werden, dass auch die Verbrecher zur Art gehören; und wie wollte man zeigen, dass etwa Strukturen des organisierten Verbrechens nicht sogar besser der Arterhaltung dienen als unsere ordentlich verwalteten Staaten, in denen die Geburten zurückgehen? Schließlich könnte man die Logik sogar völlig umkehren und behaupten, Gutes würde die Artvernichtung fördern, indem es die schädlichen Neigungen der bösen Mitmenschen herausfordere.

Sorry, Herr Nietzsche, aber so geht es nicht. Ich wünschte, Sie würden besser begründen und weniger behaupten.

Foto: © Gitti (Gitti) / PIXELIO

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33 Kommentare

  1. Das sprechen Sie ein großes Dilemma an. Nietzsche gleicht einem Bergwerk und es läßt sich für jede Weltanschauung ein passendes Zitat bei ihm finden. Er schreibt im Stil der Bibel -jedenfalls, was den Zarathustra anbelangt. Auch in der Bibel ist “Gutes” und “Böses” zu finden. Nietzsche ist mehr Künstler, Dichter denn Philosoph mit System. Ja er verachtete eine Philosophie, die sich in ein System zwängt, da das Leben und die Welt viel zu komplex ist. So muß man auch bei ihm Handschuhe anziehen -ein Rat, den er selbst beim Bibellesen beherzigt sehen wollte. Großartig finde ich, daß er vor sich selbst warnt:

    “Allein gehe ich nun, meine Jünger! Auch ihr geht nun davon und allein! So will ich es.

    Geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra! Und besser noch: schämt euch seiner! Vielleicht betrog er euch.

    Der Mensch der Erkenntiss muss nicht nur seine Feinde lieben, er muß auch seine Freunde hassen können.

    Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen? …

    Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.”

    Was Ihr Zitat anbelangt, so sehe ich es auf dem Hintergrund Schopenhauers und Wagners, von denen er ja zunächst beeinflußt war. Er lehnte sich gegen das “Haustier Mensch” auf, gegen Askese und aller Triebverneinung. Das Christentum, so sein Vorwurf, hat den Körper und die Sexualität hassen gelehrt -dagegen stand er auf. Was er das “Böse” nannte, war eigentlich der Versuch, dem Willen/Trieb zu seinem Recht zu verhelfen.

  2. böse Lücken

    Hallo,
    zumindest gibt das Böse dem Leben die Gelegenheit sich in den Lücken, die es schlägt, mit Neuem breit zu machen. Unsere Verfassung hätte es wohl in der Form, ohne den Zweiten Weltkrieg nicht gegeben.

    Gruß Uwe Kauffmann

  3. @ Hilsebein

    Lieber Herr Hilsebein,

    es ist eine Diskussion, die mir unter Philosophen schon begegnet ist, ob man Nietzsche überhaupt als Philosophen ansehen könne oder nicht; wenn ich bedenke, wie schwammig der Begriff “Philosoph” ist, dann möchte ich mich dazu eher nicht äußern.

    Meines Erachtens sprechen ihre Aussagen aber dafür, dass man ihn nicht so ernst nehmen muss.

    Ein kleiner Hintergrund, wie dieser Blogbeitrag entstanden ist: Ich hatte eine Woche Urlaub und wollte die Zeit nutzen, um etwas zu tun, das ich lange nicht mehr getan hatte.

    Zu meinen frühen Studienzeiten habe ich mir Nietzsches gesammelte Werke gekauft und der Zarathustra hatte damals einen gewissen Eindruck auf mich gemacht.

    Ich dachte, vielleicht würde es sich unter diesen Umständen, ca. sieben Jahre, nachdem ich zuletzt Nietzsche gelesen hatte, anbieten, mich einer der anderen Schriften zu widmen.

    Da ich mich hin und wieder mit Wissenschaftsphilosophie beschäftige, dachte ich dabei an die “Fröhliche Wissenschaft” in der Erwartung, darin ein paar kritische und clevere Anmerkungen zur Wissenschaft seiner Zeit zu finden.

    Allerdings hatte ich den Eindruck, ca. jeden fünften Aphorismus etwas Interessantes zu lesen. Das ist meines Erachtens aber keine gute Ausbeute. So habe ich die fröhliche Wissenschaft nach dem ersten Buch weg gelegt und, naja, es ist wenigstens ein Blogbeitrag daraus entstanden. 🙂

    Viele Grüße

    Stephan Schleim

  4. “Meines Erachtens sprechen ihre Aussagen aber dafür, dass man ihn nicht so ernst nehmen muss.”

    Das wäre ein Mißverständnis. Ich persönlich nehme Nietzsche so ernst, wie die Bibel. Doch genauso einfältig es ist, die Bibel nicht als Symbolsprache zu verstehen, genauso einfältig ist es, Nietzsche nicht auf dem Hintergrund des Pastorensohns, des Muttersohns zu lesen. Nietzsche kann man nicht einfach verstehen -nicht muß man erleben!

  5. Korrektur

    “Nietzsche kann man nicht einfach verstehen -nicht muß man erleben!”

    …Nietzsches Gedanken muß man erleben.

  6. @Schleim

    Hallo,
    inwiefern tue ich das? Ich sprach nicht von Nitzsche. Da Evelution nicht nur Leben sondern vor allen auch sterben bedeutet. Schließlich sind wir ja gewinntragende der Dinopanne. Ich denke mal wir werden uns einig, das es auch soziale Evolution gibt. Und wo es Lebensraum gibt(der einfach nur daliegt),
    ergeben sich auch Chancen. Deshalb Zweiter Weltkrieg, wegen dem politischem Vakuum danach. Es gibt nichts gutes im Bösen, sondern das Nichts danach macht alle gleich.

    Gruß Uwe Kauffmann

  7. @Hilsebein

    Hallo,
    ich glaube das wollen Sie nicht wirklich.
    Sie sollten es auch beim entzucken Schauer, beim drüber nachdenken belassen.

    Gruß Uwe Kauffmann

  8. @ Kauffmann: Leben und Tod

    Wie meinen Sie das? Im Durchschnitt leben wir in Deutschland 75(?) Jahre und sterben dann. Wie soll man es verstehen, dass Evolution vor allem Sterben bedeute?

  9. Recht verstanden?

    Ich glaube nicht, dass wir Nietzsche heir richtig verstehen, wenn wir ihm lediglich eine praktisch-politische Aussage unterstellen. Wenn er hier “das Böse” beschwört, meint er sicherlich nicht die moralische Kategorie, die Sie ansprechen. Eher geht es ihm – vor allem bei den “stärksten”, weniger bei den “bösesten” Geistern – um die ästhetische Kategorie, die er dem geordneten Apoll entgegensetzt: das Dionysische. (Leider haben Sie Ihr Zitat um die wesentliche Stelle gekürzt, die von der “geordnete[n] Gesellschaft spricht.)

    Zudem darf man Nietzsches Kategorie des Bösen nicht im Alltäglichen Sinne verstehen, man muss ihr voraus die “Umwerthung aller Werthe” denken (oder jedenfalls “Jenseits von Gut und Böse” mit einbeziehen).

  10. @Schleim

    Hallo,
    ein Lebewesen verbraucht Lebensraum und Energie. Eine evolutionäre Chanche ist von Reproduktionszeit und Lebensdauer bestimmt. Generationenfolge bei Menschen 30 Jahre, bei Fruchtfliegen (?). Es bestehtstehen also artenspeziefische Unterschiede in der Häufigkeit der möglichen Erbvarianz durch Genkombinatorik oder Mutation. Sterben ist in sofern förderlich, weil der Anteil an Wessen, den die Umwelt trägt, zu gunsten der Reproduktionsnahen verschoben wird. Gilt natürlich für Menschen nur sehr eingeschränkter Form, da in sozialen Verbänden, Erfahrungswissen durchaus von Vorteil für die ganze Gruppe sein kann, somit auch dem erbnahem
    Nachwuchs zu gute kommt.
    Nach einem Ereignis das ganze Lebensräume
    leerfegt (auch im sozialem Sinne), können sich auch nichthardcore Überlebensvorteile durchsetzen. In diesem Sinne, möchte ich meine Aussage verstanden sehen. Das ganze relativiert sich dann nochmal dürch die Tatsache, das bei der Evolution manchmal 2+2=15 (Evolutionssprünge!) ist .

    Gruß Uwe Kauffmann

  11. @ anouphagos

    Das ist wohl ein Risiko, wenn jemand vor allem in Aphorismen schreibt: Dass man sich einen herauspickt und ihn interpretiert, ohne ihn zur anderen Arbeit in Bezug zu setzen.

    Sie können mir natürlich vorwerfen, dass ich Nietzsche nicht gerecht werde; das vermindert aber meine Motivation, mich mit seiner Philosophie zu beschäftigen, wenn ich ihn nicht beim Wort nehmen kann.

  12. @ Schleim

    “…mich mit seiner Philosophie zu beschäftigen, wenn ich ihn nicht beim Wort nehmen kann.”

    Lieber Herr Schleim,

    Beim Wort nehmen? Muß nicht jeder einzelne Mensch den Mut aufbringen, “sich seines eigenen Verstandes zu bedienen”? Und ist es nicht so, daß es vom Menschen abhängt, welcher Philosophie er zustrebt? Nietzsche ist keine Lösung, sondern ein Weg, den er für sich gegangen ist -da mag man ihm eine Weile Weggefährte sein. Letztlich muß aber jeder seinen eigenen Weg finden und gehen.

    Liebe Grüße

    Dietmar Hilsebein

  13. Fortschritt

    Es ist eine Tatsache, dass die Medizin enorme Fortschritte durch menschenunwürdige Experimente der “Nazi-Mediziner” im 3. Reich gemacht hat.

  14. Kein Wasser im Wein

    Hallo,
    Komunikation ist zweischwellig. Meint sagen und verstehen, sind zwei Dinge. Sie haben alle Recht. Ich denke aber einmal Nitzsche ist nur im sozialem Kontext und im Sprachgebrauch seiner Zeit zu verstehen. Insofern haben Sie auch alle Unrecht.
    Der Mann war weit weg von einem alltäglichen Leben und man mus es eher so betrachten wie Herr Hilsebein. Es sind sprachliche und gedankliche Perlen.
    Auch Herr Schleim liegt nicht ganz unrichtig, wenn er sich fragt, was hat uns Nietzsche für unser heutiges Leben zu sagen.
    Ich sage nur zurücklehnen und geniesen.

    Gruß Uwe Kauffmann

  15. Na ja, vielleicht sollte man hier stärker differenzieren. Es gibt sicher das Böse in Form von Perversionen oder Sadisten, die aufgrund fehlgeleiteter Triebe agieren oder einfach krank sind und es gibt die eher normalen Verbrecher, die ihre Bedürfnisse über die sozialen und gesetzlichen Regeln stellen. Ich vermute eher, dass Nietzsche bezüglich der Arterhaltung die Fähigkeit des Menschen meint, sich über Normen und Regeln hinweg zusetzten und diese Fähigkeit ist ab und zur Anpassung an veränderte Umstände erforderlich. Das diese Freiheit als Kollateralschaden die Kriminalität beinhaltet, ist unvermeidlich.

  16. @ Wald: Fortschritte?

    Woher wissen Sie das? Welche Fortschritte sollen das sein?

    Sind Sie Mediziner? Wenn nicht, reden Sie mal mit welchen darüber.

  17. @ Hilsebein: Vernunft

    Es ist gerade ein Vernunfturteil, wenn man feststellt, dass die Aussagen eines anderen nicht (philosophisch) Ernst zu nehmen sind; diesen Eindruck hatte ich beim Lesen des ersten Buchs und er hat sich in dieser Diskussion bestätigt.

    Bei Schopenhauer, um einen Vergleich zu nennen, hatte ich diesen Eindruck jedenfalls nicht.

  18. @ Schleim

    “Es ist gerade ein Vernunfturteil, wenn man feststellt, dass die Aussagen eines anderen nicht (philosophisch) Ernst zu nehmen sind”

    Damit habe ich noch ein Problem. In meinem Denken kommt ein “Vernunfturteil” nicht vor. Ich kann nur eines für mich wahrnehmen: freier oder unfreier. Da Freiheit für sich genommen ein zusammenhangsloser Begriff ist, setze ich ihn in bezug zum Willen. Die Vernunft vernimmt und hinterfragt den Willen. Der Wille gibt Antwort in der Form des Behagens oder Unbehagens. Ab da gibt es nur noch ein Denken jenseits von “Gut” und “Böse”. Ernst nehmen muß ich also all das, was den Menschen befreien kann. Das allein bleibt letztlich als Wegweiser übrig.

  19. Ich lese Nietzsche da anders und denke, dass die gewählten Beispiele seinem Gedanken nicht ganz gerecht werden.

    Zum Einen sagt er schon in dem zitierten Abschnitt nicht, das Böse, also das Verbrechen an sich, sei arterhaltend oder unentbehrlich, sondern die “bösen Triebe”. Warum dem so sein soll, beschreibt er im ausgelassenen Teil: “Die selbe ‘Bosheit’ ist in jedem Lehrer und Prediger des Neuen (…) Das Neue ist aber unter allen Umständen das Böse, als Das, was erobern, die alten Grenzsteine und die alten Pietäten umwerfen will; und nur das Alte ist das Gute!”

    Es geht Nietzsche also nicht darum, das Böse, das einzelne Verbrechen etwa, zu rechtfertigen, sondern er sieht nur den Trieb zum Bösen verwandt mit dem, herrschende Moralvorstellungen und Gesellschaftsstrukturen zu überwinden, um sie zu verändern. Die (nach Nietzsche für die Art ebenso notwendige) Erneuerung kann dabei sowohl aus dem Vakuum entstehen, das die Katastrophe hinterlässt, sie kann aber auch aus einer direkten Auflehnung entstehen, die in einer rigiden Gesellschaft mit starren Moralvorstellungen stets als böse empfunden und so bezeichnet werden wird.
    Was nun eben nicht heißt, dass alles aus dem Trieb zum Bösen Entstandene darum eigentlich und über Umwege gut sein muss. Nur dass es vor Nietzsches Horizont die überhaupt einzige Möglichkeit von Fortschritt ist, wenn man das Gute als das Erhaltende definiert und das Böse als das Umstürzende, Verändernde.

    Das ist natürlich nicht unser heutiges Begriffsverständnis von “böse”. Aber unsere Ideale einer pluralistischen Zivilgesellschaft reflektieren ja immerhin das Problem, dass Veränderung auch anders möglich sein muss. Kennedy: “If we make peaceful revolution impossible, we make violent revolution inevitable.” Viele unserer heutigen Freiheiten fallen unter das, was Nietzsche als böse und unmoralisch inszeniert hat, aber halt vor einem ganz anderem Hintergrund.

  20. @Kamenin

    Hallo,
    sehr schöner Beitrag. Aber was ist unter den “bösen Trieben” zu verstehen?
    Vielleicht kann ja mal jeder der Blogteilnehmer, mal eine Erklärung abgeben wie er/sie, diese Begrifflichket deuten würde.

    Gruß Uwe Kauffmann

  21. “Sind Sie Mediziner? Wenn nicht, reden Sie mal mit welchen darüber.”

    Diese Frage beantworten nicht Mediziner sondern Historiker.

    Und wenn man es genau nimmt gibt es auch Nietzsche-Forscher… Sind Sie einer?

    So zu argumentieren finde ich nicht sonderlich Sachdienlich. Aber vielleicht geht es Ihnen ja gar nicht um die Sache…

  22. @ Wald

    Idealerweise fragt man hier einen Medizinhistoriker, der sich mit dem Thema beschäftigt hat; aber von “der Medizin” zu sprechen, das hört sich schon verdächtig an.

    Sie haben aber nicht darauf geantwortet, welcher Art diese “Fortschritte” gewesen sein sollen.

    Ich frage einfach nur nach Belegen für Ihre Behauptung, das ist alles.

  23. @schleim

    “aber von “der Medizin” zu sprechen, das hört sich schon verdächtig an.”

    An anderer Stelle fragten Sie “Ist Wissenschaft relevant?”
    Das müsste ich dann genauso als Verdächtig einstufen.

    In einem Interview mit dem Deutschlandfunk antwortete eine Vertreterin des Dresdener Hygienemuseum auf eine entsprechende Frage folgendermaßen:

    “Heinemann: Arbeitet die heutige Medizin oder die medizinische Forschung noch mit Erkenntnissen, die während der Menschenversuche der Nazi-Ärzte gewonnen wurden?

    Uhlig: Das ist natürlich eine sehr schwierige Frage, dies so zu beantworten. Wir wissen, dass natürlich die Erkenntnisse, die beispielsweise aus den Forschungen am Kaiser-Wilhelm-Institut gewonnen wurden, auch nach dem Krieg weiter verwendet wurden bis im Grunde in die 90er Jahre, dass aber dann auch eine sehr systematische Aufarbeitung dieser Vergangenheit und dieser Forschungsergebnisse erfolgte.”

    Das ist natürlich eher schwammig geantwortet, was vielleicht an der Problematik der Thematik liegen mag.

    Wenn man denn nun mal schaut, welche Schwierigkeiten so renommierte Institutionen wie die Max Planck Gesellschaft oder die Deutsche Forschungsgemeinschaft mit Ihrer Vergangenheit haben, bin ich nicht verwundert wenn z.B. Thomas R. Müller in seiner Buchbesprechung
    “Vernichten und Heilen” und “Deutsche Medizin im Dritten Reich” abschließt:

    “Doch solange die Deutsche Forschungsgemeinschaft ihre eigene Geschichte verharmlost und die Max-Planck-Gesellschaft wichtige Teile des Archivs für unabhängige Benutzer gesperrt hat, bedarf es klarer Worte und pointierter Aussagen, um endlich Licht in dieses dunkle Kapitel deutscher Medizin zu bringen.”

    In einem Artikel bei science.orf.at wird beispielsweise über die Krebsforschung folgendes gesagt:

    “In einzelnen Bereichen, wie z.B. der Krebsforschung, wurden Arbeiten gefördert, die wissenschaftlich nicht nur auf der Höhe der Zeit, sondern im internationalen Vergleich innovativ waren.”

    Mir zeigt sich natürlich nur ein gewisser Gesamteindruck, und ich habe auch nicht alle verfügbaren Dokumente diesbezüglich studiert, auch nicht ansatzweise wie z.B. diese hier Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, aber ich denke so abwegig wie Sie meine “Tatsachen Annahme” darstellen möchten, ist diese nicht…

  24. @ Wald: enorme Fortschritte

    Hallo Herr Wald,

    vielen Dank für diese ausführliche Recherche. Ich denke, damit wird deutlich, dass sich Ihre ursprüngliche Aussage nicht halten lässt, die nämlich war:

    Es ist eine Tatsache, dass die Medizin enorme Fortschritte durch menschenunwürdige Experimente der “Nazi-Mediziner” im 3. Reich gemacht hat. (meine Hervorherbung)

    Die Quellen, die Sie hier zusammen getragen haben, sind aber hochinteressant.

  25. Zukunft oder langes Leiden?

    Hallo,
    nach lang erwartetem Schlagabtausch und danach einkehrender Ruhe. Möchte ich den Blogusern folgenden Beitrag ans Herz legen.
    Mal was für die Zukunft, raus aus den Fesseln der Vergangenheit.

    http://medien.wdr.de/m/1220000436/radio/lebenszeichen/wdr3_5_lebenszeichen_20080831_0900.mp3

    Für mich war der Beitrag wie bestellt. Da ich durch Herrn Wald und meinen Lieblingspsychologen. Mit Maturana und der Kybernetik 2.Ordnung infiziert wurde.

    Gruß Uwe Kauffmann

  26. @Wald

    Hallo,
    ja könnte es sein, das der Mensch krank ist und weit und breit, kein Therapheut ist, da wir ja Gott(unsere innere Stimme)
    umgebracht haben? Wie auch immer es ist nur ein Durchgang im Roullet des Lebens.

    Wolfgang Niedecken würde sagen:”Er setzt auf Null und sprengt die Bank, drin sind nur Petrodollar und Deutschmark, die allesamt nicht koscher Sinn. Denn uff all denen ist nur der Januskopp.

    http://www.amazon.de/gp/music/clipserve/B000FFJVEG001001/1/ref=mu_sam_ra001_001

    Aber was sooul’s, Live goes on.

    Gruß Uwe Kauffmann

  27. Das Böse erhält auch die Art

    Nitsche war Philosoph, kein Moralist. Die Moral urteilt, teilt ein in Gut und Böse, in richtig und falsch. Die Philosophie wertet nicht, sie erklärt.
    Moral benötigt der stumpfsinnige Alltag, in dem man nicht nachdenken möchte auf der Suche nach dem Futter. Philosophie erhebt sich über den Stumpfsinn und durchdringt das GANZE mit Nachdenken. Nichts weiter hat Nitsche getan. Festgestellt, dass das, was uns in unserem Leben NICHT gefällt, genauso zur Lebensenergie dazugehört wie das, was uns gefällt. Energie besteht aus den Polen Plus und Minus, zwischen denen die lebendige Spannung stattfindet.
    Das ist das Dilemma der Moral. Das ist das ganz allgemeine Dilemma unseres Weltverständnisses. Wer sich weigert, beim Verstehen des Ganzen die polarisierende Moral wegzulassen, wird nur die Hälfte und damit gar nichts verstehen.

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