Weltozeantag und Artenwanderung

Heute ist der Weltozeantag, wie jedes Jahr am 8. Juni. Ein Meeresblog ohne Eintrag am heutigen Tag wäre kein Meeresblog. Jedoch ist mir die Auswahl eines Themas schwergefallen, da ich nichts zu deprimierendes schreiben wollte. Im Moment fallen mir aber überwiegend traurige Themen ein, wenn ich an die Ozeane im Gesamten denke. Beispielsweise die Erwärmung unseres Planeten im Rahmen des Klimawandels.

Luft und Ozeane werden wärmer

Die Erwärmung der Atmosphäre spüren wir fast überall auf der Welt. Im Allgäu, wo ich wohne, merken wir sie vor allem im Winter: die Tagestiefsttemperaturen im Januar sind heute rund 6°C wärmer als vor 130 Jahren, die Tageshöchsttemperaturen immerhin noch etwa 4°C wärmer. Statt -4°C und -10°C als Tagesextreme messen wir heute 0°C und -4°C. Die Luft enthält heute somit viel mehr Wärmeenergie als zu Beginn der systematischen Wetteraufzeichnungen in Deutschland.

Viel mehr Energie als die Luft speichern allerdings die Ozeane. In den letzten fünf Jahrzehnten haben sie mehr als 90 % der überschüssigen Wärme unseres Planeten aufgenommen. Wegen der hohen Wärmeleitfähigkeit des Wassers bleibt die Wärme nicht lokal dort, wo sie aufgenommen wurde, sondern verteilt sich sowohl an der Oberfläche als auch in die Tiefe. Trotzdem sind die oberflächlichen Wasserschichten heute um einiges wärmer als früher, großflächig um ein Grad Celsius herum, lokal auch deutlich mehr.

Tiere haben Lieblingstemperaturen

Genauso wie Landtiere haben auch Meerestiere Temperaturen, an die sie angepasst sind. Es gibt einen gewissen Spielraum, aber wenn er unter- oder überschritten wird können sie an einem gegebenen Platz nicht mehr erfolgreich leben. Sie vermehren sich nicht mehr ausreichend, sterben früher und ihr Lebensraum wird letztendlich von einer anderen Art erobert.

Wenn an einem Platz die Temperaturen steigen, verlagern die betroffenen Tiere ihren Lebensraum in angrenzende, kühlere Regionen, wenn dieses möglich ist.  Das ist beispielsweise an Nord-Süd-verlaufenden Küsten der Fall, wo sich tropische Arten immer weiter polwärts ausbreiten. Aber was passiert an Ost-West-verlaufenden Küsten, die in ihrer gesamten Länge auf der gleichen geografischen Breite liegen? Die Temperaturen steigen, aber die Arten, denen es zu warm wird, können nicht auswandern.

Werden Inselküsten entvölkert?

Und was passiert an Inselküste? Die meisten küstennah lebenden Arten können nicht einfach ins offene Meer hinausschwimmen, auf der Suche nach einer kühleren Inselküste.  Denn auf dem offenen Meer fehlt ihnen die Nahrung, sie können sich nicht vor Fressfeinden verstecken und sie haben nicht die nötige Kraft, um gegen Strömungen oder Wellenbewegungen anzuschwimmen. Heißt das, dass mit dem Klimawandel und den steigenden Wassertemperaturen alle Arten, die in küstennahen Gewässern entlegener Inseln leben, aussterben werden?

Nein, zum Glück heißt es das nicht. Denn die meisten Organismen haben irgendeine Form der Dauerstadien – Samen oder Brutkörper bei Blütenpflanzen, Eier oder Larven bei Tieren. Dauerstadien können oft in Umgebungen überleben, die für den ausgewachsenen Organismus tödlich wären – beispielweise in der offenen See. Larvenstadien sind für viele Fischarten die „Reiseform“ – sie können sich mit Strömungen davontragen lassen und auf diese Art neue Küsten erreichen. Wie weit die Küste von ihrem Ursprung – der Heimat ihrer Eltern – entfernt sein kann, hängt davon ab, wie lange das Tier eine Larve bleibt. Tiere mit langen Larvenstadien können sich also weit im Meer verteilen, solche mit kurzen Larvenstadien bleiben auf kleineren Raum beschränkt.

Lange Larvenstadien als Erfolgsrezept

Die Larven können nicht bewusst steuern, in welcher Strömung sie wohin getrieben werden. Es passiert einfach. Wenn sie Glück haben, landen sie an einer Küste mit passenden Bedingungen. Dann haben sie eine Chance, sich zu erwachsenen Tieren zu entwickeln. Ansonsten sterben sie. Mit steigenden Temperaturen werden jetzt Küsten für Arten interessant, an denen sie bisher verendet sind. Die Arten können sich also anders verbreiten als bisher, Küsten erobern, die ihnen bisher zu kalten waren.

Eine weite Artverbreitung ist nichts Neues – mit dem Klimawandel ändern sich „nur“, welche Art an welcher Küste zu finden ist. Aber schon immer gab es Arten, die sich weit verbreiten konnten und solche, die nur an einem Ort leben. Zur ersten Gruppe gehört auch der Halfterfisch (Zanclus cornutus). Dank seiner langlebigen Larvenform kommt er an den meisten tropischen Küsten im Pazifischen und im Indischen Ozean vor.

Mit den steigenden Temperaturen entlang der amerikanischen Pazifikküste kann er immer weiter im Norden gefunden werden, beispielsweise im nördlichen Golf von Kalifornien vor Mexiko. Er ist so ein Universalist, auch was Temperaturbereiche angeht, dass er derzeit seinen Lebensraum immer weiter ausdehnt, aber zumindest bisher noch nirgends verdrängt wurde. Wen er allerdings mit seinem Vordringen nach Norden verdrängt, ist eine andere Sache. Und wen er schon in seiner 45-Millionen-jährigen Evolution verdrängt hat, auch.

Veröffentlicht von

Ich bin promovierte Biologin, Taucherin und generelle Meeresenthusiastin. Geboren an der Nordsee studierte ich Biologie im Binnenland, ursprünglich um Wissenschaftsjournalistin zu werden. Nach einem über 20jährigen Umweg - der unter anderem eine Promotion in Neurobiologie, einen Postdoc im Bereich Krebsforschung zwischen Mittel-, Rotem und Totem Meer, ein Jahr als wissenschaftliche Reiseleiterin auf den Galapagos-Inseln, zwölf Jahren als Trainerin und Consultant in der Telekommunikationstechnik, Reisen nach Kiribati, Fidschi und in über 40 andere Ländern enthielt - schließt sich der Kreis: Artikel in verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen sowie ein erstes Buch (Klimawandel hautnah, Springer 2018) bringen mich langsam zurück zu den Wurzeln, zum Wissenschaftsjournalismus.

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