Ambra in totem Pottwal – Graues Gold im Gekröse

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Bei der Nekropsie eines auf La Palma tot gestrandeten Pottwals fanden Biologen und Veterinäre Ambra – die kostbare Substanz, die bis heute in der Parfumindustrie unentbehrlich ist. Der große Zahnwal war Ende Mai am Strand von Nogales auf der Kanareninsel La Palma angespült worden.

Die Strandung eines Pottwals ist ein seltenes Ereignis, darum wollten die Wissenschaftler nach Hinweisen auf die Todesursache des 10 Meter langen und schätzungsweise 10 bis 12 Tonnen schweren Wals suchen. Hatte er Plastik gefressen? War er verhungert? Schwere See und steigende Flut machten die Autopsie am Strand schwierig. Da ein Pottwal extrem schnell verrottet, muss so eine Nekropsie baldmöglichst durchgeführt werden und da sie in keinen Sektionssaal passen, werden Großwale am Strand zerlegt. Dabei ist Eile geboten, denn unter der dicken Blubberschicht sorgen die Verdauungsbakterien nach dem Tod eines Wals extrem schnell für die Verwesung. Dann ist entweder kaum noch etwas zu erkennen oder der Kadaver des Meeresriesen explodiert – beide Situationen machen sogar Wal-Enthusiasten keinen Spaß.
Schließlich konnten sie mit Kränen den Wal heben und per LKW zum Hafen von Santa Cruz de La Palma bringen, wo die Nekropsie dann stattfand (im Artikel ist ein Video vom angespülten Walkadaver).

Antonio Fernández Rodríguez, Leiter des Instituts für Tiergesundheit und Ernährungssicherheit an der Universität Las Palmas, machte sich mit seinem Team also an die Arbeit. Da er ein Verdauungsproblem vermutete, untersuchte er den Dickdarm des Tieres und stieß auf eine harte Substanz: “Was ich herausnahm, war ein Stein mit einem Durchmesser von etwa 50 bis 60 Zentimeter und einem Gewicht von 9,5 Kilogramm“, erzählte Fernández Rodríguez Journalisten. „Die Wellen überschwemmten den Wal. Alle schauten zu, als ich zum Strand zurückkehrte, aber sie wussten nicht, dass das, was ich in meinen Händen hielt, Ambra war. In diesem kostbaren Klumpen vermutet Fernández, der Autopsien schon an mehr als 1.000 Walen durchgeführt hat, die Todesursache dieses Wals: Der große Zahnwal sei durch eine durch Ambra verursachte Sepsis gestorben.
(Anmerkung Meertext: Ich habe noch nie gehört oder gelesen, dass Ambra Sepsis verursacht und wüsste gern mehr über diesen Fall. Zurzeit habe ich aber noch keine weiteren Ergebnisse und zitiere darum die von Fernandez genannte Todesursache. Dass Pottwale in Folge einer bakteriellen Infektion Sepsis entwickeln und daran sterben können, war 2013 an einem in den Niederlanden gestrandeten Pottwalbullen publiziert worden.).

Sagenumwobene Ambra

Ambra wird am Strand angespült, auf dem Meer treibend oder im Darmtrakt toter Pottwale gefunden. Die anrüchige Substanz kann grau, grünlich, weißlich marmoriert und von schmieriger bis fester Konsistenz sein. Diese Substanz entsteht nur im Darm von Pottwalen und ist extrem wertvoll. Das Gemisch aus halb verdauten Tintenfischen und anderen geheimnisvollen Zutaten ist bis heute eine elementar wichtige Substanz in der Parfumindustrie, bis heute ist es nicht durch künstlich hergestelltes Surrogat ersetzbar.
Ambra riecht zunächst nicht sehr gut, sondern entwickelt ihren außergewöhnlichen Duft erst mit der Zeit. Wegen des Wohlgeruchs und der Fähigkeit, andere Düfte zu fixieren, spielte die gräulich-marmorierte Masse lange Zeit eine essentiell wichtige Rolle in der Parfumherstellungt, gerade im oberen Preissegment. Ambra wurde mit Gold aufgewogen und entfaltete dann seine betörende Wirkung in Parfums auf der zarten Menschenhaut (damals griffen auch Männer häufiger zum Parfum). Eine außergewöhnliche Karriere für einen Stoff, der im Verdauungstrakt eines Wals entsteht.
Die Sache hat allerdings einen Haken: In der EU und vielen anderen Ländern dürfen Produkte von Meeressäugern nicht gehandelt werden. Darum weiß ich nicht, ob die spanischen Wissenschaftler ihren Fund wirklich in den Handel bringen dürfen. Das Institut ist nämlich auf der Suche nach einem Käufer, und, so Fernández, hoffe, dass die gesammelten Mittel den Opfern des Vulkanausbruchs auf La Palma im Jahr 2021 zugutekommen würden. Die Eruption richtete mehr als 800 Millionen Euro Schaden an und hatte Hunderte von Häusern und Geschäften zerstört.

Aus Sicht des Walschutzes kann dieser Brocken problemlos in die Parfüm-Industrie gehen, denn dafür ist kein Wal gestorben.
Dass Ambra in einem toten Pottwal gefunden wird, ist sehr selten. Häufiger stranden Ambraklumpen an Stränden, ohne dass ein Wal in Sichtweite ist. Dann hat sich irgendwo im Ozean ein Pottwal von den lästigen Tintenfisch-Schnäbeln in seinem Darm befreit, der Ambra-Klumpen treibt umher und wird schließlich an einen Strand gespült. Z B an den von Lancashire: An diesem langen Küstenstreifen, der über die Irische See mit dem offenen Atlantik verbunden ist, haben Spaziergänger bzw. ihre Hunde schon häufiger Ambra gefunden.

Melville, Walfang und Ambra

Früher war Ambra ein willkommener Extra-Bonus für Walfänger, gerade bei den wehrhaften und übel riechenden Pottwalen. So hat Hermann Melville in „Moby Dick“ formuliert: „Wer würde wohl denken, dass die feinsten Damen und Herren sich an einem Wohlgeruch laben, den man aus den ruhmlosen Gedärmen eines kranken Pottwals holt! Und doch ist es so. Der graue Amber wird von manchen für die Ursache, von anderen für die Folge mangelhafter Verdauung gehalten, an der Wale mitunter leiden. Wie eine solche Dyspepsie zu kurieren wäre, lässt sich schwer sagen; es sei denn, man gibt dem Patienten drei, vier Bootsladungen Rhabarberpillen ein und verzieht sich dann schleunigst aus der Schusslinie.“

Ambra – “Grauer Bernstein”

Die chemische Zusammensetzung des „Amber gris“ (grauer Bernstein) ist mittlerweile bekannt, seine Entstehung ist aber immer noch ein Rätsel.
Fest steht: Ambra enthält Reste von Pottwalnahrung.
Pottwale jagen in der Tiefe der Ozeane Kalmare unterschiedlicher Größen, manchmal steht als Beilage auch noch ein Krake oder Fisch auf der Speisekarte. Kalmare sind Weichtiere, die allerdings einige unverdauliche Teile enthalten. Vor allem die scharfkantigen Schnäbel überfordern den Pottwaldarm mit seiner zarten Haut. Darum erbrechen sich Pottwale regelmäßig und werden dabei die meisten der scharfkantigen Tintenfisch-Schnäbel los.
Normalerweise entleeren Pottwale vor dem Tauchgang ihren Darm. Während meiner Zeit als Whale-watching-Guide vor den norwegischen Vesteralen-Inseln  habe ich oft zugesehen, wie die Kolosse durch eine flaschengrüne Wolke senkrecht abtauchten. Die Ausbreitung der grünen Wolke und deren Quelle sind durch das stille Wasser im sogenannten „Fußabdruck“ des Wals gut zu erkennen. Auch bei stark bewegter See gibt es an der Stelle des Abtauchens ein kleines Rund mit glattem Wasser, es entsteht durch die gewaltige Wasserverdrängung des größten Zahnwals.

Ein Teil der chitinigen Schnäbel passieren aber weiter den Darm. Wissenschaftler meinen, dass die schmierige Substanz die scharfen Tintenfischschnäbel in den Wal-Eingeweiden umhüllt und diese so vor inneren Verletzungen schützen soll. Aber was genau im Pottwaldarm passiert, weiß bis heute kein Mensch. Genauso wenig ist bekannt, ob die Produktion von Ambra für Pottwale normal ist oder eher krankhaft.
Sicher ist nur: Irgendetwas  passiert tief in den Gedärmen des gewaltigen Wals und statt des üblichen grünen Kots entsteht ein fester Brocken Ambra.
Diese Brocken können lange im Wasser treiben oder angespült werden, in einem jahrelangen „Reifeprozess“ verändern sie Konsistenz, Farbe und Geruch. So wird aus dem Walkot mit der Zeit eine kostbare Substanz.
Geheimnisvoll, unersetzlich und heiß begehrt.

“Floating gold”

Der US-amerikanische Wissenschafts-Autor Christopher Kemp hat jetzt ein Buch zu diesem spannenden Thema geschrieben: „Floating Gold: A natural (and unnatural) history of ambergris“ (University Press, Chicago, 2012).
Kemp hat akribisch den derzeitigen Stand der Wissenschaft zur chemischen Zusammensetzung und Entstehung der begehrten Wal-Ausscheidung zusammengetragen. Bemerkenswert ist, dass die meisten Ingredienzien der geheimnisvollen Substanz zwar chemisch analysiert sind, die künstliche Version aber insgesamt nicht die Qualität des Original-Wal-Produkts erreicht. Darum ist Ambra heute immer noch in besonders kostbaren Parfums enthalten. Erstens aufgrund seine eigenen Duftes und zweitens, weil es auf geheimnisvolle Weise alle anderen Düfte verbindet und verstärkt.
Noch interessanter ist Kemps  ganz persönliche Annäherung an das Thema: Seine vergebliche Suche an neuseeländischen Stränden – erst bei Mike Hill, einem Geographen der Universität Otago in Neuseeland kann er dann tatsächlich an einem Stückchen Ambra riechen. Seine Schwierigkeiten, den besonderen Duftes der grauen Substanz zu beschreiben – er findet keine Worte. Und seine vergeblichen Versuche, Kontakt zu Ambra-Händlern aufzunehmen – die Gesprächspartner verstummen bei dem Thema sehr schnell.
Dabei stößt er auf einen besonders bizarren Umstand des Themas: Der Handel mit Ambra ist gesetzlich nicht eindeutig geregelt. Pottwale sind eine geschützte Spezies, darum ist in den meisten Ländern der Handel mit Walprodukten grundsätzlich oder teilweise verboten.
In Australien etwa fallen die Pottwale unter den strengsten Schutz der CITES (Convention of International Trade in Endangered Species), die den Import und Export von Ambra verbietet. In den USA ist der Handel mit Ambra trotz der CITES-Klassifikation erlaubt, wird aber durch den Marine Mammals Protection Act verboten.
Dabei wird keine Rücksicht darauf genommen, dass die meisten Ambra-Brocken heute nicht mehr aus dem Walfang stammen – Pottwale werden so gut wie nicht mehr bejagt – sondern im Wasser treibend oder an den Strand angespült gefunden werden. Die Ambra-Händler haben die begründete Befürchtung, sich mit dem Ankauf der begehrten Substanz strafbar zu machen. Es ist also nicht verwunderlich, dass sie über ihre Ambra-Geschäfte nicht sprechen.

Vielleicht ist der Pottwaldarm gar nicht so ruhmlos, wie Melville meinte?
Immerhin ist dies der Ort, wo aus Tintenfischschnäbeln und anderen ominösen Bestandteilen Ambra entsteht. Das dürfte dem Pottwaldarm doch einigen Ruhm bescheren


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Auf dem Science-Blog „Meertext“ schreibe ich über meine Lieblingsthemen: Biologie, Zoologie, Paläontologie und das Meer. Wale, Fische und andere Meeresgetüme. Tot oder lebendig. Fossile Meere, heutige Meere und Meere der Zukunft. Die Erforschung, nachhaltige Nutzung und den Schutz der Ozeane. Auf der Erde und anderen Welten. Ich berichte regelmäßig über Forschung und Wissenschaft, hinterfrage Publikationen und Statements und publiziere eigene Erlebnisse und Ergebnisse. Außerdem schreibe ich über ausgewählte Ausstellungen, Vorträge, Bücher, Filme und Events zu den Themen. Mehr über meine Arbeit als Biologin und Journalistin gibt´s auf meiner Homepage “Meertext”.

4 Kommentare

  1. Danke für den Hinweis.

    Ich finde gut, dass versucht wird, das Ambra zu veräußern, so dass der Erlös den Opfern des Vulkans auf La Palma zugute kommt (*). Mal sehen, wie dieser Schritt letztendlich ablaufen soll.

    (*) Ist das Ereignis tatsächlich erst knapp 2 Jahre her? Es ist inzwischen wieder so viel geschehen, dass mir die Zeitspanne viel länger vorkommt.

  2. Bin Team RPGNo1, nämlich auch der gefühlten Meinung, daß der Ausbruch doch schon soooo lange zurückläge, daß es unmöglich nur zwei Jahre sein könnten…

    Bei aller inneren Sinnhaftigkeit des totalen Handelsembargos (offiziell-stabile Unterdrückung von Wilderei (Schwarzhandel ist – im Gegensatz zu allem Lebendigen – nicht ausrottbar)) ist zu hoffen, daß ein ordentliches Sümmchen zusammenkommt. Den ThaiFund zugrundegelegt, löckt ne DrittelMillion aufwärts am Horizont.

  3. “Der Vulkanausbruch auf La Palma dauerte vom 10. September bis 13. Dezember 2021 und gilt als der längste bekannte Ausbruch auf der kanarischen Insel…” Fast fehlerfrei abgeschrieben bei Wikipedia.

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