Young Entrepreneurs in Science: Wie viel Start-up steckt in (D)einer Doktorarbeit?


Etwa 200.000 Promovierende gibt es derzeit in Deutschland. Doch nur wenige nutzen ihre Erkenntnisse, um ein Unternehmen zu gründen. Die Initiative Young Entrepreneurs in Science soll dies ändern. Ich war beim Kick-off am vergangenen Mittwoch in der Falling Walls Foundation in Berlin dabei und kann nur empfehlen: Bewerbt Euch, es lohnt sich! Die Workshops sind sogar kostenlos, aber ganz und gar nicht umsonst.

Was ist einE DoktorandIn?

Stell Dir vor, Du müsstest von dem leben, was Du in Deiner Doktorarbeit / Abschlussarbeit tust / getan hast? Warum scheint so etwas bislang woanders besser zu gehen als in Deutschland, zum Beispiel in Silicon Valley?

In Deutschland promovieren überdurchschnittlich viele Studierende. Laut dem Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2013 (BuWin) erhielten 2010 etwa 25.600 und damit ein Fünftel aller Absolventen einen Doktortitel. 

Für viele Promovierte ist der Doktorgrad ein Karrierebeschleuniger. In einer Studie des Statistischen Bundesamtes Anfang 2012 gaben immerhin 53 Prozent der erwerbstätigen Promovierten an, bereits in der ersten beruflichen Tätigkeit nach Abschluss der Doktorarbeit eine Leitungsfunktion auszuüben.

Haben es Promovierte (in Deutschland) vielleicht bislang gar nicht nötig, sich selbständig zu machen? Die Arbeitslosigkeit unter Menschen mit Doktortitel ist jedenfalls verschwindend gering. 2011 gab es innerhalb der Hochqualifizierten lediglich ein Prozent Erwerbslose. Allerdings übten rund 65 Prozent und damit die Mehrzahl der Promovierten Tätigkeiten aus, für die ein Fachhoch- bzw. Hochschulabschluss gereicht hätte.

Dieses verschenkte Potential haben nun glücklicherweise auch Politiker und innovationsorientierte Unternehmen entdeckt.

“I would kill for a German postdoc.”

Keine Angst, Jürgen Mlynek, Professor für Physik, ehemals Präsident der Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren und nun Initiator von Young Entrepreneurs in Science zitiert hier nur einen bildhaft sprechenden amerikanischen Kollegen. Zum Kick-off seiner Initiative forderte Mlynek vor allem mehr Mut von allen Beteiligten:

“Mit “Young Entrepreneurs in Science” möchten wir einen Kulturwandel anregen hin zu mehr Entscheidungsfreude und Lust auf Unternehmertum. Das gelingt am besten in einem akademischen Umfeld, das die Entwicklung fördert und vorantreibt.”

Kreativität, Frustrationstoleranz, Mut…

Denn Promovierende haben viele Eigenschaften, die auch erfolgreiche UnternehmerInnen oder PolitikerInnen brauchen: Kreativität, Motivation, Frustrationstoleranz, Ausdauer, Mut, ein funktionierendes Netzwerk und Vorbilder.

Bildungsministerin Anja Karliczek bekräftigte dies vor den Vertretern aus Hochschulen und Unternehmen sowie den Teilnehmenden der Pilot-Phase der Workshops:

“Ideen verwirklichen, wirtschaftliche Kompetenzen entwickeln, das bereichert junge Wissenschaftler und bringt uns als Innovationsstandort voran. Deutschland gehört zu den innovativsten Ländern weltweit. Wir wollen auch künftig zu den Innovationsführern zählen. Dafür braucht es auch eine lebendige Gründungskultur. Die Initiative “Young Entrepreneurs in Science” bringt junge Forschende mit Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft zusammen, um Gründergeist zu wecken. Eine Unternehmensgründung ist eine gute Möglichkeit, Forschungsergebnisse in die Anwendung zu bringen. Ich möchte junge Forschende ermutigen, sich schon frühzeitig damit auseinanderzusetzen.”

Katalysatoren, um die Welt verstehend zu verändern

Dies bestätigte auch Gründerin Dr. Sonja Jost. Die Geschäftsführerin der DexLeChem GmbH studierte Wirtschaftsingenieurwesen und Technische Chemie an der TU Berlin.

Sonja Jost gehört zu den Frauen, die die Welt positiv verändern. Sie entwickelte ein Verfahren, um bei der Produktion von Feinchemikalien für die Arzneimittelherstellung erdölbasierte Substanzen durch Wasser ersetzen zu können. Inzwischen sind ihre Wasserkatalysatoren auch in den USA patentiert. Das Know-how konnte sie in Berlin im Umfeld des Exzellenzclusters zur Katalyse erwerben; seit 2013 vermarktet sie es mit ihrer eigenen Firma.

Sonja Jost suchte sich gezielt ein Dissertationsthema aus, das auch wirtschaftliches Potential hat. Allerdings wusste sie lange Zeit nicht, was sie überhaupt machen wolle und ob sie das alles schaffen könne. An der Schule seien ihr Fächer wie Mathe und Naturwissenschaften eher unverständlich erschienen. Die ersten Aha-Erlebnisse kamen erst an der Uni, wo sie sich plötzlich wunderte, wie einfach die Dinge doch werden können, wenn sie verständlich vermittelt werden.

Die junge Gründerin plädiert für mehr Gründerzentren. Marktreife von einem Produkt für eine Förderung zu fordern, sei in der Chemie illusorisch. Und nicht nur dort. Sie blickt dabei nach Südkorea und Israel – Länder mit einem hohen Anteil an Inkubatoren.

Chuzpah – einfach machen!

Chuzpah, auch Chuzpe,  (von hebräisch חֻצְפָּה [chuzpà]) steht in Israel für Mut, Verwegenheit und Dreistigkeit. Mit einer gesunden Prise Chuzpah läuft es besser – egal ob im Leben, bei der Doktorarbeit oder in einem Unternehmen. Jedenfalls solange wir dabei nicht vergessen, unsere Mitmenschen zu respektieren.

In Israel leben nur 8 Millionen Menschen. Doch das kleine Land hat das höchste pro Kopf Volumen an Risikokapital und Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Damit hat der Standort nach Silicon Valley die höchste Dichte an technologie- und wissensorientierten Startups.

Dennoch möchte Fr. Dr. Jost nicht ins Ausland abwandern. Ganz im Gegenteil. Auch sie sieht Deutschland als Erfinderland und möchte ihren Platz in dieser Gemeinschaft erhalten. Und was gibt es Schöneres, als der Gesellschaft etwas Gutes (zurück)geben zu können, damit die Welt sich ein wenig besser weiterdreht?

Workshop Young Entrepreneurs in Science

Unternehmerisches Denken beginnt nicht erst beim Business-Plan, sondern viel eher mit der schon eingangs erwähnten Kernfrage:

“Was wäre, wenn Ihr morgen von Eurer Doktor- bzw. Abschlussarbeit leben müsstet?”

In den Modulen des Workshops geht es um Design Thinking Methoden zur Entwicklung und Überprüfung der wissenschaftlichen Ideen. 

Natürlich darf die Erstellung des Business Plans nicht fehlen, der später beim Pitchen selbst getestet werden kann. Dabei und in weiteren Modulen lernen die Teilnehmenden viel über die Entwicklung wichtigster personaler und sozial-kommunikativer Kompetenzen.

Praktische Beispiele und Auseinandersetzungen mit erfolgreichen Start-ups und Großunternehmen helfen beim Erwerb der Grundlagen für die wirtschaftliche Verwertung einer Idee und bei der Netzwerkbildung.

Das viertägige Weiterbildungsprogramm Young Entrepreneurs in Science ist eine der vielen fantastischen Initiativen der gemeinnützigen Falling Walls Foundation und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, einer Vielzahl von Universitäten und Hochschulen sowie von zahlreichen Investoren aus der Wirtschaft unterstützt.

Neugierig geworden?

Hier gibt es weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung:
http://www.young-entrepreneurs-in-science.de

Kick-off von „Young Entrepreneurs in Science“ im Gewächshaus der Falling Walls Foundation. Claudia Brüninghaus (Falling Walls Foundation), Dr. Sonja Jost, Geschäftsführerin des Chemie-Start ups DexLeChem GmbH) Bundesbildungsministerin Anja Karliczek, Wilfried Porth (Vorstand für Personal und Arbeitsdirektor Mercedes Benz Vans bei der Daimler AG) sowie im Vordergrund der Rücken von Prof. Jürgen Mlynek (Initiator des Programms) (Angaben von links nach rechts). Kick-off von “Young Entrepreneurs in Science” im Gewächshaus der Falling Walls Foundation. Von links nach rechts: Claudia Brüninghaus (Falling Walls Foundation), Dr. Sonja Jost (Geschäftsführerin des Chemie-Start ups DexLeChem GmbH), Bundesbildungsministerin Anja Karliczek, Wilfried Porth (Vorstand für Personal und Arbeitsdirektor Mercedes Benz Vans bei der Daimler AG) sowie im Vordergrund der Rücken von Prof. Jürgen Mlynek (Initiator des Programms). (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher, @med_and_more)

Karin Schumacher

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Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

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