Falling Walls Lab: Vortrags-Marathon der jungen Forscher- und Innovatoren-Elite

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Ein Tag, drei Minuten und 100 junge schlaue Köpfe aus aller Welt: Das Falling Walls Lab in Berlin fordert und fördert jeden – Redner, Organisatoren, Jury und Zuhörer. Doch es lohnt sich. Passend zum 25. Jubiläum des Berliner Mauerfalls stürzten am vergangenen Wochenende einige Mauern, die uns bislang vom Fortschritt trennten: Dank der Erfindung des diesjährigen Gewinners können jetzt sogar Taubblinde diesen Beitrag lesen und kommentieren.

@med_and_more-FallingWallsLabFalling Walls Lab 2014: Dank an alle Beteiligten und Gratulation an die Preisträger!

Ultramarathon-Läufer werden es wissen: Einen Pace von drei Minuten pro Kilometer (20 km/h) über 100 km zu halten, ist mehr als Weltklasse und auch in Zukunft nichts für Menschen. Wer diese Geschwindigkeit für etwa zwei Stunden durchhält und mit einem Sprint beendet, hat gute Karten für einen neuen Marathon-Weltrekord.

Selbst wenn diesmal nur 98 Kandidaten antraten – beim Falling Walls Lab ging es ähnlich zu. Nur dass nach zwei Stunden gerade einmal die ersten 30 Redner durch waren. Dank ausgezeichneter Organisation, großzügiger Pausen mit ökologisch korrekter, energiesparender Verpflegung aus dem Berliner Umland und herrlichem Herbstwetter auf der großzügigen Terrasse der Akademie der Konrad-Adenauer Stiftung im noblen Diplomatenviertel am Rande des Tiergartens hielten aber alle durch und hatten sogar Spaß dabei.

Fallin Walls Lab 2014Perfekte Bedingungen auch in den Pausen und aus der Froschperspektive. Foto: ©Kay Herschelmann. (Mehr seiner eindrucksvollen Aufnahmen gibt es in der Falling Walls Lab Gallery.)

Kampf den Keimen

Gleich der erste Redner widmete sich dem Thema Krankenhauskeime. Ein wichtiges Thema, vor dem auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) immer wieder warnt: Bakterielle Infektionen könnten bald wieder Menschen töten wie zu Zeiten vor Entdeckung des Penicillins. Denn die seit Jahren zunehmende Antibiotikaresistenz  ist mittlerweile eine der Hauptgefahren für die Gesundheit.

Mattias Ivarsson forschte an der ETH Zürich im Rahmen seiner Doktorarbeit an der Entwicklung eines Moleküls, das die Giftstoffe von Bakterien blockiert, ohne dabei wie Antibiotika die nützliche Darmflora zu zerstören. Damit hat der Schweiz-Schwede dem kleinen fiesen Missetäter Clostridium difficile den Kampf angesagt. Mäuse konnte er bereits erfolgreich behandeln. Das Patent ist angemeldet, die Doktorarbeit verteidigt. Jetzt sucht er “nur” noch Geldgeber für die eigene Biotechfirma und Leute, die seine Idee unterstützen.

Ivarsson hatte mit seinem Projekt einen der insgesamt 18 internationalen Vorentscheide gewonnen. In Zürich überzeugte er im September mit seinem Molekül die Jury. Diesmal war wohl die Konkurrenz zu groß und er schaffte es nicht auf einen der drei begehrten ersten Plätze.

Mehr Glück hatte der Kandidat, der unter der Startnummer 100 antrat – ein sympathischer Wahl-Berliner aus Köln, der alle Anwesenden gleichermaßen von seiner Entwicklung begeisterte, so dass ihn sowohl Publikum als auch Jury zum Sieger wählten.

Platz 1: “Lorm Hand” als Tor zur Welt für Taubblinde

Wie nutzt man eigentlich das Internet, wenn man weder hören noch sehen kann? Tom Bieling vom Design Research Lab in Berlin stellte sich dieser Frage und erfand gleich noch die Lösung dazu. Mit Hilfe eines digitalisierten Handschuhs, der “Lorm Hand”, können Taubblinde über kleine Elektrokontakte endlich auch mit der Öffentlichkeit kommunizieren und so die Isolation überwinden. Doch auch “normale” Menschen dürfen den pfiffigen Handschuh benutzen, um die Sprache der Taubblinden, das “Lormen“, zu erlernen.

Platz 2: Blaulicht statt Spritzen für Typ-1-Diabetiker

Der zweite Preis ging an Nermeen Youssef von der University of Alberta. “Wir alle haben ein paar Fettzellen, auf die wir verzichten können”, begann sie ihre Rede. Dies gilt auch für Patienten, die an Diabetes mellitus Typ 1 leiden. Deren Fettzellen können dank Youssefs Projekt nun äußerst nützlich werden.

Die Ägypterin, die für ihre Doktorarbeit ins kalte Kanada zog, entwickelte eine Methode, um Fettzellen von Typ-1-Diabetikern mit Blaulicht zur Insulinausschüttung anzuregen. Die Zellen würden den Patienten entnommen, im Labor zur Blaulicht-induzierten Sekretion von Insulin programmiert und schließlich zurück implantiert. Eine Smartphone-App könne das System je nach Blutzucker-Werten drahtlos und direkt steuern.

So behandelte Patienten müssen kein Insulin mehr spritzen, sondern nur noch einen Blaulicht LED-Patch auf den Bauch kleben. Eine große Erleichterung für Betroffene, die zukünftig nicht mehr mit spritzenbedingten Problemen ihrer Krankheit zu kämpfen hätten und ihren Insulinbedarf besser steuern könnten.

@med_and_more-BrandenburgerTor&Lichtgrenze
Das blau erleuchtete Brandenburger Tor und die Lichtgrenze am 8. November 2014 passten perfekt zum diesjährigen Falling Walls Lab. Genau eine Woche später, am 14. November, werden jedes Jahr zum Weltdiabetestag überall auf der Welt Gebäude blau angestrahlt.

Platz 3: Nützliche Abwasseraufbereitung

Der Drittplatzierte, Dyllon Garth Randall aus Südafrika, entwickelte eine preiswerte und nützliche Methode zur Abwasseraufbereitung mithilfe von Kälte. Durch einen Vorgang, der eutektische Kristallisation (griechisch: ευ=gut τεκτειν=bauengenannt wird, können Abwässer mit bis zu 96%iger Ausbeute wiederaufbereitet werden. Die ausfallenden Salze können gewinnbringend verkauft und erneut genutzt werden.

Wie Dyllon G. Randall kamen übrigens viele Teilnehmer aus dem “Green Talents“-Programm – damit auch in Zukunft Menschen auf unserem Planeten leben können.

Auf die große Bühne

Die drei Sieger durften am nächsten Tag ihre Vorträge auf der Falling-Walls-Konferenz noch einmal neben 17 internationalen Top-Forschern zur besten Redezeit präsentieren – im Anschluss an den Vortrag des diesjährigen Nobelpreisträgers Stefan W. Hell vom Max Planck Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen, nach der ersten Kaffeepause. Doch auch die Teilnehmer, die es nicht aufs Podium schafften, bekamen die Gelegenheit, die führenden Köpfe hautnah zu erleben, mit ihnen in den Pausen zu diskutieren und den einen oder anderen Kontakt zu knüpfen.

@BLugger-Lorm HandSieger-Vortrag: Tom Bieling erklärt seine “Lorm Hand” auf der Falling Walls Konferenz. Tweet von Beatrice Lugger, die in wie immer beeindruckender Weise aus dem Saal heraus simultan twitterte und bloggte.

“Schon allein dafür hat sich die Teilnahme gelohnt”, freute sich Johanna Fiebeck von der Hochschule Kaiserslautern. Zwar schaffte sie es mit ihrem Projekt, die Darmkrebstherapie mittels individueller Testung von Chemotherapeutika auf Tumorproben der Patienten zu verbessern, nicht aufs Siegerpodium. Dafür gelang es ihr, ein Autogramm ihres großen Vorbilds Stefan Hell zu ergattern. Wer weiß – vielleicht gibt sie wie auch der ein oder andere Falling Walls Lab-Teilnehmer in einigen Jahren selbst Autogramme.

@med_and_more-FallingWalls-Fiebeck-Hell-GomezScience-Groupies? Nobelpreisträger Stefan Hell schien jedenfalls sichtlich erfreut angesichts der autogrammhungrigen Falling Walls Lab-Teilnehmer Johanna Fiebeck (“Breaking the Wall of Colon Cancer”, Hochschule Kaiserslautern) und Manuel Gomez (“Breaking the Wall of Nano-Fabrication and SERS Substrates”, Universidad de Santiago de Compostela, Spanien).

 

Quelle / weitere Infos:

Karin Schumacher

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

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