Von Plagiat-Professoren und anderen “Einzelfällen”

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In der Wissenschaft hat Abschreiben von anderen eine lange Tradition – nicht erst seit der Causa Guttenberg und dem seit Neuestem in Verdacht geratenen Freiburger Sportmedizinprofessor Hans-Hermann Dickhuth.
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Als der römische Dichter Fidentius Gedichte des Martial im ersten Jahrhundert nach Christus als seine eigenen veröffentlichte, wurde er vom eigentlichen Urheber als plagiarius, als Seelenverkäufer, verdammt. Martial war erzürnt, seien doch die eigenen geistigen Werke wie Sklaven: Wer sich ihrer bemächtige, begehe plagium, Menschenraub.
Heute wird unter einem Plagiat die unberechtigte Übernahme bzw. der ‘Diebstahl’ fremden geistigen Eigentums verstanden. Ob die Plagiatoren böswillig handeln oder sich im Zustand einer Kryptomnesie befinden, d.h. der fälschlichen Selbstzuschreibung von Ideen nach Vergessen der Quelle, ist für den urheberrechtlichen Schutz unerheblich.
Ein Entwenden wissenschaftlicher Leistungen vor deren Veröffentlichung ist allerdings für die Bestohlenen schwer zu beweisen. In den Naturwissenschaften können natürlich Laborbücher als Beweis herangezogen werden. Allerdings gelten sie als Eigentum der wissenschaftlichen Einrichtung und werden in der Regel auch als solches von dieser verwendet.
Die so erreichte ‘Ergänzung’ der Erkenntnisse ist eine von länger an einer Hochschule Beschäftigten gar nicht so selten angewandte Methode. Bei besonders guter Beherrschung dieser Praxis winken dem Anwender vielfältige Lorbeeren: Forschungsgelder, Ruhm und Ehre sowie im Idealfall der Zenit der Karriere in Form eines der raren Lehrstühle und der Verbeamtung. Interessanterweise leiden Vertreter dieses Berufsstandes mit zunehmendem Fortschreiten ihrer Karriere nicht selten an einer progressiven retrograden Krypto-Amnesie, die der Volksmund schlicht als ‘zerstreute Professoren’ erkennt.
Die meisten Jungforscher scheiden spätestens nach ihrer Dissertation aus dem Wissenschaftsbetrieb aus. Das mag am Erreichen des Zieles – dem bloßen Wunsch nach dem begehrten Doktortitel, aber auch an den prekären Beschäftigungsverhältnissen liegen, wie Co-Blogger vermuten. Zusätzlich können aber auch andere Gründe eine Rolle spielen.
Vor nicht allzu langer Zeit berichtete mir eine durchaus zu einer Universitätskarriere motivierte naturwissenschaftliche Postdoktorandin von ihren Erlebnissen im Haifischbecken der Hochschule. Aus Angst vor Repressalien oder gar dem Verlust ihrer wissenschaftlichen Reputation möchte sie anonym bleiben. Leider steht sie damit beispielhaft für eine ganze Reihe Betroffener.
Denn diese Nachwuchswissenschaftlerin wurde über Jahre hinweg systematisch von einem Kollegenpärchen mit Habilitationsabsichten gemobbt. Das Ziel der beiden war, auf diese Weise die wissenschaftlichen Arbeiten ihrer begabten Kollegin zu stehlen. So würden sie schneller ihr Ziel erreichen – die für die Habilitation erforderliche Publikationsliste.
Also hetzten die Zwei andere Mitarbeiter des Institutes und Studenten auf und sorgten dafür, dass die Kollegin auf von ihr verfassten oder betreuten Arbeiten im letzten Moment von der Autorenliste zugunsten der beiden anderen gestrichen oder auf eine für die Karriere ungünstigere Position verschoben wurde.
Der Chef der Arbeitsgruppe schaute dem Treiben munter zu. Offensichtlich litt er an dem eingangs beschriebenen professoralen Gedächtnisschwund. Aber vielleicht war er auch nur ein begeisterter Anhänger des Darwinismus, der auf die Entwicklung durch natürliche Auslese setzte und außerdem noch gut davon profitierte.
Der Erfolg dieser Selektion konnte sich jedenfalls für die Peiniger und deren Chef sehen lassen. Das Gaunerpärchen trägt mittlerweile dank der unfreiwilligen Unterstützung durch die fleißige Kollegin den Professorentitel. Der Institutsleiter kann sich über eine prächtige Publikationsliste freuen, die ihm für mehrere Jahre die Forschungsgelder sichert.
Die so beraubte Wissenschaftlerin dagegen verzichtete schließlich auf den Großteil ihrer Vorarbeiten und suchte sich einen anderen Chef. Dort geht es ihr besser. Doch der Preis dafür ist hoch. Noch immer fehlen ihr etliche Veröffentlichungen für ihre eigene Habilitation.

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggte zunächst als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

8 Kommentare

  1. Ideal der Wissenschaften

    Dass die Wissenschaften auch sozialen Bedingungen unterliegen, ist hinlänglich bekannt. Aus diesem Grund formuliert ja auch Kuhn seine Ideen zum Paradigmenwechsel. Die Frage ist nur, wie wir diese Vergehen kontrollieren und ahnden können, ohne die Wissenschaft zu sehr zu bevormunden.

  2. Keine “Einzelfälle”

    Auch wenn ich glaube, dass die Mehrheit der WissenschaftlerInnen mehr oder weniger sauber arbeitet, glaube ich nicht, dass solche Erfahrungen “Einzelfälle” sind. Wenn man das Vertrauen einiger Forscher gewinnt, hört man doch immer wieder vergleichbare Geschichten.

    Das Problem ist, dass die Doktoranden eben in einem doppelten Abhängigkeitsverhältnis sind: Als Angestellter und Doktorand. D.h. selbst wenn sie sich erfolgreich auf arbeitsrechtlichem Niveau gegen Ausbeutung, Ideenklau usw. wehren, dann verlieren sie den Rückhalt im “Betreuungsverhältnis” der Doktorarbeit. Schlimmstenfalls setzt sich das bis zur Habilitation fort. Auch danach ist man bei Projektanträgen usw. ja immer noch auf ein funktionierendes Netwerk von Unterstützern angewiesen.

    Es gibt natürlich immer einen Weg, sich dagegen zu wehren, aber leider kann damit in der Tat ein Karriererückschlag verbunden sein, dass eben die Doktorarbeit oder Habilitation länger dauert, weil man sich ein neues Umfeld sucht. Mit Blick auf die persönliche und vor allem psychische Gesundheit mag das aber die vernünftigere Perspektive sein.

    Ich weiß von einem Kollegen aus Großbritannien, dass an seiner Uni der Arbeitgeber und der PhD-Betreuer unterschiedliche Personen sein müssen. Graduiertenschulen tragen vielleicht auch zur Transparenz bei.

    In der Politik wird oft von “rechtsfreien Räumen” gesprochen. In der akademischen Betreuung existieren diese zweifellos. Idealerweise müsste man dort einen Vertrag schließen auch z.B. zu Autorenschaften und ihrer Reihenfolge. Sonst kann der Prof. schnell mal an “Gedächtnisschwund” leiden und das plötzlich ganz anders sehen. Natürlich rechnet man als Doktorandin mit wissenschaftlichen Idealen nicht mit sowas und wird den Halbgöttern erst einmal vertrauen… bis dann die Götterdämmerung kommt!

    Aber mal anders betrachtet: Die Leute, die sich auf den Schultern anderer nach oben schummeln, die tun sich meines Erachtens selbst keinen gefallen und bleiben natürlich auf Ausbeutung angewiesen, denn sie haben es ja nicht anders gelernt und geschafft. Ich kenne ein paar ProfessorInnen, die sich auf dem Weg nach oben anderer bedient haben. Um ihre Stellen beneide ich sie aber nicht. Manchmal denke ich, da hat die Uni also wieder eine(n) Dummen gefunden, der diese Arbeit unter diesen Umständen zu erledigen bereit ist. Ich glaube, das “gute Leben” geht anders.

  3. @Arno Nühm: Plagiatoren vs. Forscher

    Vielen Dank für diesen exzellenten Kommentar, der sich weitgehend mit meinen eigenen Beobachtungen und Erfahrungen deckt. Auch ich beneide diejenigen Professoren nicht, die sich nach oben geschummelt haben und daher ihr Leben lang auf Ausbeutung anderer angewiesen bleiben.

    Doch dort liegt meiner Meinung nach auch ein großes Problem: Genau diese Menschen be- oder verhindern mit ihrem kriminellen Tun unzählige Karrieren etlicher wirklich begabter (Nachwuchs-)Wissenschaftler und damit auch den Fortschritt der Wissenschaft.

    Als Beamte sitzen diese „Plagiat-Wissenschaftler“ dann in zahlreichen Gremien und Berufungskommissionen und entscheiden dort über den Gedeih und Verderb ihrer Zunft. Beispielsweise wird in Berufungskommissionen nicht selten aus „strategischen Gründen“ ein schwächerer Kandidat gewählt, nur weil er von den bereits ansässigen Platzhirschen besser manipulierbar scheint.

    Ich stimme Ihnen daher vollkommen zu – das „gute Leben“ – wie auch gute Wissenschaft – gehen anders.

  4. @N. Schultz: Vertrauen ist gut, aber…

    Wie bereits von Arno Nühm weiter oben angesprochen, wären Verträge beispielsweise über die Art und Reihenfolge von Autorenschaften eine Möglichkeit, vor Beginn eines Projektes einen möglichen professoralen Gedächtnisschwund zu vermeiden.

    In der Praxis funktioniert das allerdings selten. Appellieren doch gerade die Betreuer oft an das Vertrauen ihrer Schützlinge und geben sich höchst gekränkt, wenn diese es wagen, selbst Forderungen zu stellen. Meist stürzt sich der Nachwuchswissenschaftler dann in seine Arbeit – das böse Erwachen folgt oftmals erst Jahre später und nicht selten ist es dann schon (fast) zu spät.

    So lange sich also immer noch Menschen finden, die Projekte trotz zweifelhafter Bedingungen durchführen, wird sich wohl kaum etwas ändern.

  5. @ Trota: Schwierige Wege

    In der neuen Nature war gerade ein news feature über eine Gesetzesänderung in den USA, die Whistleblower schützen soll — auch gerade im akademischen Kontext. Aufhänger war hier ein Fall, in dem ein ehem. Postdoc seinen früheren Prof. verklagen wollte, weil dieser ihr Fälschung unterstellt hatte. Der Prof. fürchtete, im Falle eines Verlusts auf horrenden Anwaltskosten sitzen zu bleiben.

    Geht es um peinliche staatliche Dokumente, werden die Whistleblowers jedoch als Landesverräter hingestellt.

    Ich stimmte dir zu, was den Schaden von Schummlern in der Wissenschaft angeht. Das müssten aber doch vor allem die Unis und Forschungsinstitute wissen. Der Fall Hausers hat gezeigt, wie lange es dauern kann, bis Untergebene sich endlich an eine universitäre Stelle wenden, um einen vermuteten Fall wissenschaftlichen Fehlverhaltens anzuzeigen.

    Meine Meinung ist auch, dass es mehr Hilfen gegen Ausbeutung und Täuschung geben sollte. Was der beste Weg ist und was man dafür tun muss, damit sich etwas ändert, das weiß ich hingegen nicht.

  6. @ Stephan: Verhaltener Optimismus

    Gesetze können schon etwas Feines sein. Sie leiten uns, beschützen uns und zeigen uns unsere Grenzen. So gibt es zum Beispiel wunderbare Arbeitszeitgesetze, die allerdings keiner befolgt. Klar, könnte man prima sein Recht einfordern und bekommen. Dass der Richter einem dann auch gleich noch den nächsten Arbeitsvertrag besorgt und den unweigerlichen Karriereknick ausbügelt, ist allerdings eher unwahrscheinlich.

    Daher beißen die meisten auch in den sauren Apfel, erdulden die prekären Beschäftigungsbedingungen und schweigen. So lange es immer noch einen Überschuss an Nachwuchswissenschaftlern gibt, die zu solchen Bedingungen Arbeitsverträge unterschreiben, wird sich wohl kaum etwas verbessern. In den Köpfen der Plagiat-Professoren und sonstigen Ausbeuter wird sich mit Sicherheit noch weniger ändern.

    In der Medizin zeigt sich jetzt aber glücklicherweise schon, dass das bisherige „Maul und Haken halten“ -Ausbildungsprinzip nicht mehr funktioniert…. Hier hat der Mangel an Nachwuchskräften bereits Wirkung gezeigt und z.B. zur Abschaffung des „Arztes im Praktikum“ geführt.

  7. @ Trota

    Ich erinnere mich noch gut daran, wie ein aufstrebender Kollege beina Schweißausbrüche bekam, weil er am Geburtstag seiner Frau mal “nur” nach Vertrag arbeiten und um 16 Uhr nachhause wollte…

    Ich gebe dir ein Bisschen Recht; aber will man nicht nur irgendjemanden, der die Knöpfe drückt, sondern gutes Nachwuchspersonal, dann muss man meines Erachtens schon etwas auf die Arbeitsbedingungen achten.

  8. @ Stephan: Köder für Schweißausbrüche

    Diese Schweißausbrüche kenne auch ich nur zu gut. Wurde einmal am nächsten Morgen umgehend zum stellvertretenden Chef zitiert, nur weil ich es gewagt hatte, mein Auto noch vor 18.30 Uhr aus der Werkstatt abzuholen… Natürlich war es diesem Menschen völlig egal, wie seine Mitarbeiter die Klinik erreichten und wieder verließen. Hauptsache, wir standen rund um die Uhr zur Verfügung – am besten im Personalwohnheim gleich nebenan. Schließlich war das schon immer so, nur dass der heutige Nachwuchs offenbar leider immer seltener so anspruchslos ist wie die früheren Generationen.

    Ich stimme dir also zu, was die Verbesserungen der Arbeitsbedingungen angeht. Auch ich sehe in der Abschaffung des „Arztes im Praktikum“ keine wirkliche Verbesserung, sondern vielmehr einen Köder. Und das ist meiner Meinung nach sogar noch verwerflicher.

    In der Realität werden die Arbeitsbedingungen durch den steigenden wirtschaftlichen Druck immer schlimmer. Mittlerweile wird das Gehalt vieler Chefs an der Wirtschaftlichkeit ihrer Abteilung gemessen. Die Patienten werden zum Rohmaterial der Gewinnmaximierung, das Personal und die Wissenschaft zu den Haupteinsparpotenzialen.

    Mir jedenfalls wären gute Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen für weniger Geld lieber als schlechte Arbeits- und Ausbildungsbedingungen trotz einer recht guten Bezahlung.

    P.S.: Aus klinischer Erfahrung muss ich leider anmerken, dass B-Vitamine wohl eher eine Karriere unterstützen als vor alkoholbedingtem Nervenzellverlust zu schützen.

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