Ärzte im Streik!

Tausende nicht besetzte Stellen, Nachtdienste zu Dumpinglöhnen, Minusstunden nach Bereitschaftsdiensten, unbezahlte Mehrarbeit und zunehmende Arbeitsbelastung führen zu einer Massenflucht von Ärzten aus deutschen Kliniken. Jetzt hat der Marburger Bund die Ärzte der kommunalen Kliniken zum Streik aufgerufen – für bessere Arbeitsbedingungen und eine korrektere Entlohnung ärztlicher Arbeit. Eine angehende Frauenärztin zieht Bilanz – und ihre eigenen Konsequenzen.

Die Flucht einer Frauenärztin

Für Sabine Hell* war seit langem klar: Sie wollte Frauenärztin werden. Sie liebte es, mit Menschen zu arbeiten, ihnen zu helfen und sie manchmal sogar heilen zu können. Im Studium war sie immer am liebsten im Kreißsaal gewesen. Die Geburt eines Kindes war für sie jedes Mal wie ein Wunder, zu dessen Gelingen sie nur zu gern beitragen wollte.

 
Untersuchungsstuhl
Ärztestreik… da hilft auch nix von ratiopharm. © Trota von Berlin

"Die Jahre lehren viel, was die Tage niemals wissen", wusste der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson und "Selbstaufopferung ist das wirkliche Wunder, aus dem alle anderen Wunder entspringen." Seit Sabine Hell ihre Facharztausbildung in einem größeren Kreiskrankenhaus absolvierte, wurde ihr von Tag zu Tag bewusster, was diese Sätze bedeuteten – sofern ihr denn überhaupt noch Zeit zum Nachdenken blieb.

 
Ausbildung und Ausbeutung: Der kleine Unterschied
 
Ausbeutung!
Deutsch für Ärzte: Drei Buchstaben machen den Unterschied. © Trota von Berlin

Sie war jetzt im dritten Weiterbildungsjahr der insgesamt fünfjährigen Facharztausbildung zur Frauenärztin. In diesen drei Jahren hatte sie viel gelernt – Visiten und Gespräche mit Patientinnen führen, Untersuchungen und kleinere Operationen durchführen sowie zusammen mit den Hebammen Geburten betreuen. Je nachdem welcher Oberarzt Dienst hatte, durfte sie auch schon den einen oder anderen einfacheren Kaiserschnitt operieren. Es war immer wieder ein faszinierender Moment, den überglücklichen Eltern das blutige, zerknitterte, schreiende Wesen über das grüne Tuch  hinweg zu präsentieren, bevor sie das Neugeborene an die bereits mit einem warmen kuscheligen Handtuch bereitstehende Hebamme zur Erstversorgung abgab.

 
Aber Sabine Hell hatte im Rahmen ihrer Facharztausbildung noch mehr gelernt: Literweise Blut aus schlechten Venen abnehmen, auf den andauernd piepsenden Funker antworten, EKGs anlegen, Verbandswechsel durchführen, Arztbriefe schreiben, Diagnosen und Therapien im Computer verschlüsseln, Anfragen des Medizinischen Dienstes beantworten, von Pharmafirmen gesponserte klinische Studien betreuen und dicke Studienordner dafür ausfüllen, Chefarztvisiten überleben, ohne nach dem zweiten Patientenzimmer in Tränen auszubrechen, mit manchmal wechseljahresgeplagten, giftigen Stationsdrachen zurechtkommen, Befunde kopieren, sortieren und wegheften, Formulare diverser Krankenkassen und Rentenversicherungen sowie Anforderungszettel für Untersuchungen ausfüllen und Termine vereinbaren, stundenlang ohne Essen und Trinken überleben (mit dem positiven Nebeneffekt der seltener notwendigen Toilettenbesuche), den Annäherungsversuchen des Oberarztes widerstehen und vor allem Nachtdienste machen.
 
Am Anfang konnte sie es kaum erwarten, ihren ersten eigenen Nachtdienst zu erleben. Nach zwei Monaten war es dann so weit. Auch in Sabine Hells Klinik fehlte es an ärztlichem Personal, so dass die Neulinge sofort einsteigen mussten. Ein paar Mal war Sabine Hell mit einer erfahrenen Kollegin mitgelaufen, zuletzt hatte sie zwei Mal den Ernstfall mit der Kollegin im Hintergrund geübt. Das musste zur Vorbereitung reichen.
 
Sabine Hell hatte ein wenig Angst vor der Verantwortung, dem Risiko, dem Ungewissen. Würde sie alles richtig machen? Was wäre, wenn sie die Diagnose nicht rechtzeitig erkennen würde? Wenn es Probleme im Kreißsaal gäbe, deren Bedeutung sie noch nicht einschätzen könnte? Ein später geschädigtes Kind – für Sabine Hell war das die schlimmste Horrorvorstellung, "the worst case" sozusagen.
 
Der diensthabende Oberarzt war nachts nicht im Haus. Sie musste ihn aus seinem Bett klingeln, wenn sie ihn brauchte. Da er am nächsten Tag einen normalen Arbeitstag hatte und natürlich den ganzen Tag im OP stehen würde, wollte sie ihn nicht unnötig belästigen. Doch zum Glück gab es erfahrene Hebammen an ihrer Seite. Sie sagten ihr genau, was sie tun musste und halfen ihr auch bei der Wahl der richtigen Formulierungen im Geburtsbericht.
 
Denn selbst Jahre nach einer Geburt konnten Gefahren drohen– durch Klagen, wenn ein Kind beispielsweise in der Schule versagte. Vielleicht ließ sich der Grund dafür in einer besonders schweren Geburt finden und durch einen Vergleich oder gar einen Prozess mit der Geburtsklinik wenigstens die Nachhilfelehrerin bezahlen? Zumindest die Rechtsanwälte freuten sich und rieten den besorgten Eltern gern zum Prozess – schließlich gab es schon längere Zeit eine Anwaltsschwemme und die Betroffenen hatten endlich eine lukrative Marktlücke gefunden.
 
Drei Jahre nach diesem ersten Nachtdienst mangelte es Sabine Hell kaum noch an Praxiserfahrung – hatte sie doch jeden zweiten bis dritten Tag Dienst. 24 Stunden am Stück, oft pausenlos, denn irgendwo gab es immer etwas zu tun. Ob Nachblutungen bei frisch Operierten, akute Notfälle oder mehrere Geburten gleichzeitig – Sabine Hell wusste manchmal nicht, was sie zuerst tun sollte. Oft musste sie innerhalb von Sekunden entsprechend der Wichtigkeit und Dringlichkeit Prioritäten setzen – immer mit dem Risiko des Unmutes ihrer Vorgesetzten oder sich vernachlässigt fühlender Patientinnen und deren Angehöriger.
 
Leihärzte und Lohndumping als Lösung?
 
Lohndumping
Krankenhausmedizin: Deutsche Heilversuche. © Trota von Berlin

Sie war froh, wenn sie nach solchen Diensten zu Hause in ihr Bett fallen durfte. Zehn 24-Stunden-Dienste waren an ihrer Klinik normal für sie als Vollzeitbeschäftigte. Sie hatte nur vier Kolleginnen, von denen gerade eine schwanger war und somit keine Nachtdienste mehr machen durfte. An Feiertagen und in der Urlaubszeit war es noch schlimmer. Wenigstens stellte die Krankenhausleitung für diese Engpässe mittlerweile Leihärzte ein.

 
Auch einen tschechischen Kollegen hatte Sabine Hell gehabt – allerdings nur für vier Monate. Hierüber waren alle traurig, denn Karel* war nicht nur sehr kollegial, sondern auch fachlich eine echte Bereicherung für das Team gewesen. Er war ein hervorragender Arzt, der seine Arbeit liebte.
 
Aber er wollte auch weiterhin Zeit mit seiner Familie verbringen, seinen Sohn aufwachsen sehen und auch mal die Hausaufgaben mit ihm zusammen machen. Seine Frau war ebenfalls Ärztin und eine begeisterte Seglerin. Beide wollten sich nicht selbst aufgeben – schon gar nicht für einen Job. Was nützte das Geld, das sie verdienten, wenn es dafür keine Lebensqualität gab? Also ging Karel zurück in seine Heimat. Das nächste Mal würden sich die beiden in Skandinavien bewerben.
 
Trotz ihrer vielen Nachtdienste verdiente Sabine Hell kaum mehr als ihre schwangere Kollegin, die nicht mehr nachts arbeitete. Denn ihr Arbeitgeber hatte ein schlaues System zur Einsparung der teuren Personalkosten gefunden. Nicht nur dass die Bereitschaftsdienste nur zu 75 Prozent und somit geringer als die Regelarbeitszeit bezahlt wurden, Sabine Hell wurde die gesetzliche Ruhezeit nach 24-stündiger Arbeit als "Freizeitausgleich" von ihrem Gehalt abgezogen. Durch jeden 24-Stunden-Dienst schrumpfte ihr Grundgehalt und ihr Minusstundenkonto wuchs an.
 
Als jetzt noch eine ihrer anderen beiden vollbeschäftigten Kolleginnen kündigte, da sie in Dänemark eine 37-Wochenstunden-Stelle mit geregelten Arbeitszeiten bei besserer Bezahlung gefunden hatte, sah auch Sabine Hell nur noch einen Ausweg aus ihrer Misere: die Flucht ins Ausland.
 
Auch sie ist dann mal weg…
 
Sabine Hell hat viel in Deutschland gelernt. In ihren ersten drei klinischen Jahren bekam sie eine sehr praxisbezogene Ausbildung "on the job" und ein hervorragendes Konditionstraining.
 
Alpen
Schweiz: Gutes Klima – nicht nur für Ärzte. © Trota von Berlin

Jetzt arbeitet sie in der Schweiz und erfreut sich an der schönen Natur, von der sie dort in ihrer Freizeit sogar profitieren kann. Sie hat nette Kollegen, die einen respektvollen Umgang pflegen und freundliche Patientinnen, die ihre Arbeit zu schätzen wissen. Hinzu kommen geregelte Arbeitszeiten, die gut bezahlt werden. Nur die Sprache ist für sie manchmal noch etwas gewöhnungsbedürftig und durch ihr Hochdeutsch wird sie leicht als Ausländerin identifiziert. Aber Sabine Hell hat jetzt sogar Zeit, einen Kursus in Schweitzerdeutsch zu besuchen.

 
Sabine Hell möchte nicht mehr nach Deutschland zurück, denn der Bedarf an Ärzten ist auch anderswo vorhanden – bei besseren Arbeitsbedingungen. Ihren ehemaligen Kollegen in Deutschland und den rund 55.000 Ärzten der 800 kommunalen Krankenhäuser wünscht sie viel Erfolg bei ihrem Streik.
 
Sollte sich die Arbeitssituation auch in Deutschland tatsächlich irgendwann einmal bessern, würde sie gern in ihre Heimat zurückkehren. Noch wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie vorher einen Schweizer heiratet. Vor kurzem hat sie einen sympathischen Kollegen kennen gelernt, der kein Problem damit hätte, Beruf und Familie zu vereinbaren – als Mann, Vater und Arzt sozusagen. Aus deutscher Sicht wäre auch das nahezu unvorstellbar!
 
* Namen geändert.
 
 
Fakten zum Streik der Ärzte an den kommunalen Kliniken
(Quelle: Marburger Bund)
 
Streik!
Ab 17. Mai streiken die Ärzte der kommunalen Krankenhäuser. © Trota von Berlin
  • Die Zahl der Ärzte an öffentlichen Kliniken stagniert seit Jahren trotz steigender Fallzahlen. 2004 gab es 69.032 Ärzte, 2008 waren es 69.527 (Quelle: Statistisches Bundesamt). Allein 2009 stieg die Zahl der Operationen und medizinischen Prozeduren in deutschen Krankenhäusern um 5,2 Prozent.
  • Besonders an kommunalen Kliniken verdienen die Ärzte kaum durch Bereitschaftsdienste hinzu, denn die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhestunden werden einfach vom normalen Arbeitszeitkonto abgezogen. Somit wird der Ruhetag zum versäumten Arbeitstag. Der Arzt verdient weniger, obwohl er mehr arbeitet.
  • Bereitschaftsdienstzeiten werden zunehmend als zusätzliche reguläre Arbeitszeiten eingeplant. Durch Auslastung der Operationssäle bis spät in die Nacht lassen sich Kosten sparen – zu Lasten des ärztlichen Personals, das für diese Arbeit oft nur nach Bereitschaftsdiensttarif bezahlt wird. Denn Bereitschaftsdienste werden bislang nur zu 90 Prozent, 75 Prozent oder 60 Prozent, je nach Arbeitsaufwand, nie jedoch zu 100 Prozent oder mehr vergütet. Der Arbeitgeber bestimmt die Arbeitsbelastung, die meist unter der tatsächlichen Arbeitszeit liegt. Auch für die Patienten ist diese Entwicklung bedenklich, denn das Risiko für Fehler steigt mit der Anzahl der Arbeitsstunden des Personals. Zahlreiche Studien belegen, dass müde Ärzte schlechter operieren als muntere!
  • Ein Arzt in einem kommunalen Krankenhaus verdient im Moment im ersten Jahr seiner Tätigkeit 3.662,66 Euro pro Monat. Dafür muss er 42 Wochenstunden arbeiten. Ohne Dienste entspricht das nicht einmal 20 Euro pro Stunde und davon werden meist sogar noch Stunden abgezogen (s.o.). Ein Top-Verdienst sieht anders aus. Eine leistungsgerechte Vergütung sowieso.
  • Überstunden sind in Krankenhäusern die Regel. Nicht selten arbeiten Ärzte mit einer Vollzeitstelle 70 Stunden pro Woche. Man geht nach Hause, wenn die Arbeit getan ist und das ist eigentlich nie in einem Krankenhaus. Diese Überstunden werden jedoch kaum oder gar nicht dokumentiert ("Ehrenkodex"), geschweige denn korrekt bezahlt oder gerecht als Freizeitausgleich abgegolten.
  • Fakt ist, dass die meisten Krankenhäuser mittlerweile schwarze Zahlen schreiben. Laut Krankenhaus Rating Report 2010 wiesen 2009 nur noch 11 Prozent eine erhöhte Insolvenzgefahr auf. 
  • Vermutlich durch Outsourcing und Verbesserung von Arbeitsabläufen ist der Anteil der Personalkosten an den Gesamtkosten der Krankenhäuser rückläufig: 2002 betrug er 65,2 Prozent, 2008 nur noch 60,5 Prozent. 
  • Der Marburger Bund geht von etwa 5000 unbesetzten Arztstellen in deutschen Krankenhäusern aus. 80 Prozent der Krankenhäuser können freie Arztstellen aufgrund der Arbeitsbedingungen nicht mehr neu besetzen. Die Hälfte der in Deutschland ausgebildeten Ärzte arbeitet nach dem Studium nicht als Arzt oder geht ins Ausland. Nur wenn die Arbeitsbedingungen in Deutschland verbessert werden, lässt sich die Versorgung auf hohem Niveau erhalten.
  • Mittlerweile geben viele Kliniken hohe Beiträge für Leihärzte aus, um den Krankenhausbetrieb überhaupt noch aufrechterhalten zu können. Eine besser bezahlte Tages- und Nachtarbeit der angestellten Ärzte wird somit zum Wettbewerbsvorteil und könnte sogar Kosten sparen.
  • Die Ärzte in den kommunalen Krankenhäusern streiken ab kommender Woche für 5 Prozent mehr Gehalt und eine bessere Bezahlung der Bereitschaftsdienste. Die Arbeitgebergeberseite hatte zuletzt eine Gehaltssteigerung von 2,9 Prozent auf 33 Monate verteilt angeboten, was weniger als einem Prozent pro Jahr entspräche und damit noch unterhalb der Inflationsrate liegen würde.
  • Berlin und Hamburg sind von den Streiks ausgenommen, da es dort separate Tarifabschlüsse gibt.
  • Zum Auftakt des Streiks findet am 17. Mai 2010 um 14.00 Uhr auf dem St.-Pauls-Platz in München eine Großkundgebung und Demonstration statt.
  • Am 21. Mai wird entschieden, ob der Streik fortgesetzt wird.
  • Die Notversorgung läuft aber trotzdem auch in den bestreikten Kliniken weiter. Patienten sollten sich dennoch an Unikliniken, kirchliche und private Krankenhäuser wenden und planbare, nicht notfallmäßige Eingriffe verschieben.

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss. Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung. Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

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  1. Ich habe mal ein paar Fragen dazu. Was wäre denn ein angemessens Gehalt? Was soll ein Arzt im ersten Jahr denn so verdienen sollen? Wie sieht es da im Vergleich mit anderen Akademikern aus? Verdienen die mehr? Ich denke nicht.

    Nun soll man natürlich nicht das Schlechte mit dem Schlechten refertigen. Das geschieht die ganze Zeit und kann kein Maßstab sein. Aber aus Sicht der Patienten bzw. der Versichterten stellt sich das etwas anders dar. Ein interessanter Kommentar hierzu.

    Ärzte nehmen ihre Patienten in Geiselhaft

    Und da ist eine Frage drin enthalten, die ich mir auch ständig stelle:

    Patienten haben keinen Einfluss auf die Tarifverhandlungen, sie zahlen Monat für Monat ihre stetig steigenden Krankenkassenbeiträge

    Die Krankenversicherungsbeiträge steigen immer weiter und zum gerechten Ausgleich gibt es immer weniger Leistung. Ist zu wenig Geld im Pool? Gibt es da irgendwo ein Loch?

  2. @Martin: Vergleich

    Nur mal so zum Vergleich: Mein Gehalt als PostDoc an einem Forschungsinstitut bei vertraglichen 40h Wochenarbeitszeit ist geringer als das einer Prophylaxeassistentin (Zahnarzthelferin mit Weiterbildung) mit 30h Wochenarbeitszeit. Und ich kann auch nur bei besonderer Leistung mehr verdienen und dann im Jahreabstand hochgestuft werden.

    Ich denke, daß zeigt, daß Bezahlung in der Marktwirtschaft nichts mit Leistung oder Qualifikation zu tun hat. Entweder die Umstände erlauben es, die Geldquelle so unter Druck zu setzen, daß das Geld fließt oder aber eben nicht. Alle anderen Faktoren wirken sich nur wenig aus.

  3. @Trota: Männerhaß ist Rassenhaß

    Es gefällt mir übrigens gar nicht, daß in deinem Artikel männerfeindliche Klischees bedient werden:

    ” …. stundenlang ohne Essen und Trinken überleben (mit dem positiven Nebeneffekt der seltener notwendigen Toilettenbesuche), den Annäherungsversuchen des Oberarztes widerstehen und vor allem Nachtdienste machen…. ”

    Denn sexuelle Belästigungen gibt es für Männer auch. Ich selbst bin als Jugendlicher häufiger von älteren Frauen in aller Öffentlichkeit intim betatscht worden. Aber damals hatte ich als eingeschüchterter, junger Mann noch nicht den Mut, diesen Frauen sofort eine zu knallen. Leider werde ich heute dieses Vergnügen aufgrund meiner körperlichen Statur wohl kaum mehr bekommen.

  4. @ Elmar: Verdienst

    Wenn du mit weniger Aufwand deutlich mehr verdienen willst und nebenbei auch noch einen sicheren Job und schöne Ferienzeiten möchtest, dann werd Mathelehrer am Gymnasium.

    Dieser Fehler hat in Deutschland System, wo man WissenschaftlerInnen in einen Topf mit den durchschnittlichen Verwaltungsangestellten steckt, deren Arbeitsalltag und -perskeptive sich völlig anders darstellt.

    Übrigens finde ich, dass LehrerInnen eine sehr wichtige Arbeit machen und daher ruhig mehr verdienen sollen — aber dass das neoliberale Credo, dass Leistung und Belohnung eng miteinander korrelieren, in der Realität vor allem auch in Deutschland nicht aufgeht, darauf wurde hier ja schon verwiesen.

    Daher sehe ich auch vor allem die beiden Möglichkeiten, entweder politisch zu kämpfen oder auszuwandern. Letzteres haben Trota und ich ja gemacht.

  5. @Stephan: Auswandern

    “dann werd Mathelehrer am Gymnasium.”

    Richtig: Das schafft deutlich mehr weg.

    “Übrigens finde ich, dass LehrerInnen eine sehr wichtige Arbeit machen und daher ruhig mehr verdienen sollen”

    Das sehe ich auch so.

    “Daher sehe ich auch vor allem die beiden Möglichkeiten, entweder politisch zu kämpfen oder auszuwandern. Letzteres haben Trota und ich ja gemacht.”

    Das sind wohl die beiden Alternativen. Ich werde mich im Juli in die USA aufmachen und ob ich von dort wiederkomme … wer weiß das schon. Denn hier erwartet mich eine miese Bezahlung, die 12-Jahresregelung und die soziale Pflicht, mich für meine akademische Arbeit zu entschuldigen: Kaum eine Land schämt sich für seine Intellektuellen so sehr wie das Land der Dichter und Denker.

  6. Bleibt immer noch meine Frage. Die Krankenversicherungsbeiträge steigen weiter bei weniger Gegenleistung. Die Ärzte beklagen ein zu niedriges Gehalt (aber wer hat denn in den letzten Jahren nicht weniger verdient, bei höherer Arbeitszeit?). Wie sieht die Lösung aus? Noch höhere Beiträge? Wie hoch sollen sie denn werden? Was ist mit der Pharamindustrie? Bekommen die endlich mal was auf ihre gierigen Finger?

  7. Fazit

    Trota, Elmar und ich gehen also weg — Martin, dann wirst du wohl politisch kämpfen müssen. 😉

    P.S. Für die USA auf jeden Fall alles Gute; dann müssen wir wohl auf deine Anwesenheit auf den kommenden Bloggertreffen verzichten müssen?!

  8. @Stephan: Vielen Dank

    “Für die USA auf jeden Fall alles Gute; dann müssen wir wohl auf deine Anwesenheit auf den kommenden Bloggertreffen verzichten müssen?!”

    Vielen Dank! 🙂 Ich hoffe, ich kann mich für die SciLogs-Treffen frei machen. Aber das entscheidet sich erst am Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres.

    BG Elmar

  9. @ Martin: Etwas zum Hintergrund…

    Das ist ja genau ein Problem dieses Streiks: Eigentlich wäre es viel wichtiger, die Arbeitsbedingungen des in Deutschland arbeitenden ärztlichen und pflegerischen Personals zu verbessern. Aber es ist einfacher, 5 Prozent mehr Gehalt zu fordern als beispielsweise eine elektronische Zeiterfassung für das Personal zu erzwingen. Gäbe es eine Zeiterfassung, würden viele Ärzte eh schon fast das Doppelte verdienen und dann hätte unser Gesundheitssystem wirklich ein Problem.
    Dass ein Assistenzarzt im 1. Weiterbildungsjahr im Vergleich zu anderen Akademikern recht gut verdient, hat übrigens den einfachen Grund, dass so verhindert werden soll, dass noch mehr Ärzte nach dem Studium ins Ausland oder in nichtärztliche Berufsfelder abwandern (momentan etwa die Hälfte aller Absolventen). Daher wurde 2004 auch der „Arzt im Praktikum“ abgeschafft.

    Trotzdem ist im Vergleich zum europäischen Ausland das deutsche Facharztgehalt und vor allem auch die Arbeits- und Lebensqualität als Arzt immer noch wesentlich niedriger. Durch bessere Bezahlung der deutschen Weiterbildungsassistenten soll die Facharztflucht gemindert werden in der Hoffnung, dass die Leute bis dahin beispielsweise durch die Gründung einer Familie, die Aufnahme eines Kredites für ein Eigenheim, den Kauf eines schicken Autos etc. nicht mehr so flexibel und auswanderungsbereit sind. Das ist in etwa so fragwürdig wie die kürzlich vorgeschlagene Landarztquote.

    Später sollte sich ein Arzt in Deutschland aber schon gut überlegen, ob er tatsächlich im Krankenhaus reich werden will. Die 17 Kassenärztlichen Vereinigungen, die das Geld der Krankenkassen an die niedergelassenen Ärzte verteilen und ursprünglich ehrenamtlich von Ärzten geführt wurden, werden seit einigen Jahren analog der Politik von gewählten Ärzten hauptberuflich geleitet. Durch einen solchen Job lassen sich bei einer 4-Tage-Woche im Vorstand locker 250.000 Euro im Jahr verdienen – und damit in etwa genau so viel wie bei den Kollegen der immer noch rund 150 gesetzlichen Krankenkassen.

    Das einzige Problem ist – es werden leider immer noch ein paar Leute gebraucht, die letztendlich die Arbeit leisten, sprich die Patienten versorgen.

    Auch im Streik ist es aber nicht so, wie zum Teil in der Presse behauptet: Die wichtigen Operationen und Therapien werden trotzdem durchgeführt. Wegen des Streiks fällt keine einzige Chemotherapie aus! Die Ärzte entwickeln hierfür komplizierte Besetzungspläne, damit der Betrieb trotzdem weiterläuft und wechseln sich beim Streiken ab.

    Natürlich kann man sich hier auch über die wahre Notwendigkeit der einen oder anderen Operation fragen, aber das wäre wieder ein anderes Thema….

  10. @ Elmar: Männerdiskriminierung

    Sorry, ich wollte hier nicht als Männer- oder gar Rassenhasserin erscheinen. Leider ist eines der seltsamen Phänomene in der Frauenheilkunde und damit in einem Fach, das eigentlich nur Frauen behandelt, dass die Assistenzärztinnen meist weiblich und die Oberärzte oft männlich sind – die Chefärzte sowieso. Es gibt in diesem Fach bislang in Deutschland nur eine einzige Ordinaria und auch die Oberärztinnen schaffen den Aufstieg oft nicht nur aufgrund guter medizinischer Leistungen. Die beschriebene Konstellation Assistenzärztin – Oberarzt entspricht also lediglich der häufigeren Realität.

    Auch ich habe allerdings beobachten müssen, dass Männer von einigen weiblichen Vorgesetzten mehr oder weniger sexuell belästigt und auch ziemlich offen gemobbt wurden. Sicher ein spannendes Feld für einen weiteren Blog-Beitrag… Nicht nur, dass das Thema oft tabuisiert wird – wohin soll sich ein Mann mit solch einem Problem wenden? An die Frauenbeauftragte vielleicht?

    Die Charité in Berlin hat seit 2009 einen Väterbeauftragten, der sich kaum retten kann vor Anfragen– so groß ist der Bedarf. So weit ich weiß, ist er bislang der Einzige in Deutschland.

  11. @Trota: Väterbeauftragte

    Die Charité in Berlin hat seit 2009 einen Väterbeauftragten, der sich kaum retten kann vor Anfragen – so groß ist der Bedarf. So weit ich weiß, ist er bislang der Einzige in Deutschland.”

    Danke für den interessanten Hinweis! 🙂

  12. @ Elmar, Stephan, Martin: Auswanderung

    Stephan und Elmar sind dann also auch weg – schön für sie, schade für Deutschland!

    Stephan schafft es ja wenigstens noch in die Pfalz, bei Elmar wird es dann dagegen schon schwieriger werden… Viel Glück und vielleicht klappt es ja trotzdem mit weiteren Treffen in Deidesheim. Ich denke, ich spreche für alle SciLogs-Blogger, wenn ich sage, dass wir uns alle darüber sehr freuen würden.

    Was mich betrifft – nun, noch widerstehe ich den teils sehr verführerischen Lockrufen aus dem Ausland, wobei ich dafür auch andere Gründe habe. Wenn es allein um die finanzielle Entlohnung, die Arbeitsbedingungen und die Lebensqualität als Arzt ginge – ich wäre morgen in Dänemark (oder Schweden oder Norwegen oder in der Schweiz oder…). Aber dann wäre Martin am Ende allein beim politischen Kampf…

  13. @ Elmar: Väterbeauftragter und Superhuhn

    Soll das heißen, dass Martin erstmal zum Training nach Kanada muss? Hoffentlich landet er da nicht in der Suppe irgendeines Holzfällers… Keine schöne Vorstellung 😉

    Was den Väterbeauftragten angeht – gern geschehen :-). Jakob Hein ist übrigens der Sohn des Schriftstellers Christoph Hein und der Filmregisseurin Christiane Hein. Er arbeitet an der Charité als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, ist außerdem selbst Schriftsteller und Vater zweier Söhne (http://de.wikipedia.org/wiki/Jakob_Hein).

  14. Soll das heißen, dass Martin erstmal zum Training nach Kanada muss?

    Auch das Training in Kanada wird mich nicht zu einem Kanadischen Kampfhuhn machen. Habe ich auch nicht nötig, denn wie alle Welt weiß bin ich das Kampfhuhn schlechthin. Das Kanadische ist nur eine halbherzige Kopie davon. 😉

  15. @ Trota

    Was es nicht alles gibt. Mit einem Kurpfälzer Kampfhuhn könnte ich mich als zugezogener Heidelberger sogar noch anfreunden. Vom Ursprung her paßt ein preußisches Kampfhuhn jedoch besser. Aber das nannte man wohl lieber Adler. 😉

    Medizin? Da bin ich gänzlich untalentiert. Als Carsten Könneker und ich Helmut Wicht besuchten, wollte er uns mal zeigen, was er als Anatom so macht, aber das war mir zuviel und der Sack blieb zu. An dieser Hürde allein würde ich schon scheitern. 🙂
    Ich habe es doch mehr mit der Technik.

  16. @ Martin: Adler und Klugheit

    Mit solch einer genetischen Vorgeschichte kann das eingeborene Pfälzer Kampfhuhn natürlich nicht mithalten…

    Und jedes Huhn muss ja nicht gleich zum Mediziner werden. Wobei Helmut Wichts anatomisches (Grusel?)kabinett vielleicht nicht der beste Ort ist, seine Neigungen für die Medizin zu testen. Trotzdem ist Euch der Beitrag super gelungen – obwohl ich im Nachhinein jetzt endlich verstehe, warum es kein Foto vom Präpsaal in Aktion gab… Ist wahrscheinlich auch besser so.

    Allerdings wäre es schön, wenn es in Deutschland außer einigen laut schreienden, karrieretollen Kampfhähnen in der Medizin vor allem auch gute, zufriedene Legehennen gäbe. Und wenn diese von mehr Dozenten vom Kaliber eines Helmut Wicht ausgebildet würden, wäre das auch nicht verkehrt. Ich wette glatt, dass dann sogar weniger von ihnen am Ende aus dem Land flattern würden.

    Technik gibt’s allerdings (manchmal sogar mehr als) genug in der Medizin – nicht nur im OP oder auf der Intensivstation, auch e-Health wird früher oder später selbst in Deutschland ein wichtiges Thema werden. Das Argument akzeptiere ich also nicht ;-).

    Dann schon eher das:

    “Die Henne ist das klügste Geschöpf im Tierreich. Sie gackert erst, nachdem das Ei gelegt ist.” Abraham Lincoln.

  17. Henne

    “Die Henne ist das klügste Geschöpf im Tierreich. Sie gackert erst, nachdem das Ei gelegt ist.” Abraham Lincoln.

    Naja, das galt vielleicht früher einmal. Heute muß man laut gackern, obwohl noch kein Ei da und warten bis es eine dumme Henne legt. 😉

  18. Ein guter Hahn

    Ja genau 🙂

    Die Italiener haben dazu sogar ein Sprichwort:
    „Un bonu gaddu canta a tutti banni.“ – Ein guter Hahn kräht überall.

    Wobei wir dann allerdings wieder bei den Kampfhähnen wären ;-).

    Das löst natürlich noch nicht das Problem mit den Eiern: Wie hält man die Hennen am besten dumm, damit sie fleißig Eier legen?

  19. Dumme Hennen und ihre Eier

    Wie hält man die Hennen am besten dumm, damit sie fleißig Eier legen?

    Und ich dachte, das hätten wir hinter uns.

    Schreib darüber doch mal einen Post.

  20. @ Trota

    Wie hält man die Hennen am besten dumm, damit sie fleißig Eier legen?

    Naja, die Hennen sind nicht wirklich dumm, aber es bleibt ihnen keinen andere Wahl als sich dumm zu stellen.

    1. Macht man die Eier schlecht oder daß es zu lange dauert, bis eins kommt.
    2. Macht man die Henne drauf aufmerksam wie gut sie es in der Legebatterie hat, denn es warten Millionen, die gerne diesen Platz hätten.
    3. Gleichzeitig beschwert sich der Oberhahn es fehle an Fachkräften. Das Studium muß verkürzt werden, die Grenzen für die High Impotencials geöffnet werden, damit endlich Kanadische Legehennen ins Land kommen.
    4. Die Globalisierung, jammern über die Globalisierung und die neue weltweite Konkurrenz.
    5. Ach, soll ich das wirklich weiter fortführen? Das macht einen so traurig …

  21. @ Martin: Armes Huhn!

    Wenn ich das so lese, werde auch ich ganz traurig. Gibt es überhaupt noch irgendwo auf der Erde in Menschennähe glückliche Hühner, die artgerecht leben dürfen? Und was ist artgerecht – für eine Legehenne und einen Masthahn?

    Was geschieht mit solch einem klugen Huhn, das sich dumm stellt, um der Massenproduktion von Eiern zu entgehen? Ich fürchte, es wandert ziemlich schnell in den Suppentopf – egal ob es aus einer Legebatterie, Boden-, Freilandhaltung oder aus ökologischer Erzeugung stammt. Ein solches Huhn rechnet sich halt nicht für seinen Besitzer, auch oder gerade wenn er es vorher mit Ökofutter gemästet hat.

    Ein schlaues Huhn sollte also wenn möglich rechtzeitig fliehen – bloß wie und wohin? Und vor allem: kann oder will es das überhaupt noch?

    Denn leider weisen die heutigen Legehennen und Masthähnchen Mutationen auf, die sie besser funktionieren lassen. Diese Veränderungen im Erbmaterial erfolgten durch selektive Löschung („selective sweep“) und machen die Vögel im Gegensatz zu ihren wilden Vorfahren zu Hochleistungsproduzenten von Eiern und Fleisch. Bei Masthähnchen handelt es sich übrigens um das Gen TBC1D1, das bislang mit menschlicher Fettleibigkeit assoziiert wurde.

    (Rubin, C. J. et al., (2010) Whole-genome resequencing reveals loci under selection during chicken domestication. Nature (online am 10. März))

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