Die Chamanna Es-cha - Hütte

Allez les Blogs: Kuh-le, glückliche Schweiz

Mal ehrlich, wer glaubt schon, dass die Schweizer Nationalspieler in einigen Tagen den begehrten EM-Pokal in die Luft stemmen werden? Wollen und müssen sie auch nicht. Auf Gras laufen in dem kleinen Alpenstaat eher Kühe als Kicker herum. Dafür glänzt die Schweiz regelmäßig auf dem Podium des Welt-Glücksberichts. Aktuell gilt das Land als das zweitglücklichste der Welt. Was können wir von unseren Gebirgsnachbarn lernen?

scilogs_em2016 Bergkultur = Kuhkultur

Wer in der Schweiz lebt, zählt zu den Glückspilzen auf dieser Erde. Laut Welt-Glücksbericht sind dieses Jahr nur die Dänen noch glücklicher als die Eidgenossen. Auch wenn die Studie, die regelmäßig vom Netzwerk nachhaltige Entwicklung der UNO verfasst wird, nur die Zufriedenheit der Menschen misst, steht außer Frage: Glückliche Kühe gelten schlichtweg als der Inbegriff der Schweizer Kultur.

Derzeit leben 8,3 Millionen Menschen und 1,5 Millionen Rinder in der Schweiz. Verständlich, dass die Empathie vieler Eidgenossen für ihr heimliches Nationaltier größer sein mag als für ihre National-Fußballer. Doch das Image ist in Gefahr: Wie so vielen Lebewesen der zivilisierten Welt droht auch immer mehr Schweizer Kühen ein Hochleistungsschicksal und damit ein Leben in produktionsoptimierten Ställen fernab idyllischer Almen und Weiden.

Allerdings ist in den höheren Lagen der Schweiz die Existenz im Einklang mit der Natur bislang immer noch überlebenswichtig – ein Leben, das sich nicht der Maschine als Maßstab unterwirft. Ein Leben, welches die jedem Lebewesen vorgegebenen Zyklen respektiert und damit optimal nutzt. In gewisser Weise erzwingen die geographischen Gegebenheiten hier ein artgerechtes Dasein.

Vielleicht auch ein Grund, warum viele deutsche Ärzte lieber in der Schweiz als in Deutschland arbeiten. Die Arbeitszeiten sind besser, die Hierarchien flacher. Sprache und Kultur erscheinen dagegen ähnlich. Außerdem herrscht bei den Alpennachbarn chronischer Ärztemangel. Vielleicht sollten die Schweizer tatsächlich endlich einmal mehr Mediziner ausbilden. Vielleicht beschäftigen sich viele Schweizer aber auch einfach lieber mit anderen Dingen.

Glück in der Schweiz: Vom Albulapass über Almwiesen zur Es-Cha-Hütte wandern. (Foto: Karin Schumacher, Medicine & More 2016)

Glück in der Schweiz: Vom Albulapass über Almwiesen zur Es-Cha-Hütte wandern. (Foto: Karin Schumacher, Medicine & More 2016)

Kühe verstehen: Erbe und Erbgut

So wie der Bergbauer Martin Ott. Man kann ihn durchaus als Kuhflüsterer bezeichnen. Kaum einer scheint Kühe zu verstehen wie er. Dieses Wissen teilt er mit uns – auf YouTube und in seinem Buch “Kühe verstehen – eine neue Partnerschaft beginnt” (FONA Verlag).

Auf diese Weise öffnet er uns den Blick für einen artgerechteren Umgang mit diesen sanften Lebewesen. Kühe sind keine Fleisch- und Milchmaschinen oder Arbeitstiere, sondern haben wie wir Menschen eine Seele. Auch Experte Sören Schewe bringt die Bedeutung des Tierwohls im Nachbarblog “Vom Hai gebissen” immer wieder auf den Punkt.

Wir lernen uns zu erinnern, dass wir es den Kühen zu verdanken haben, dass unsere Vorfahren sesshaft wurden. Unsere Symbiose mit der Kuh zeigt sich im Erbgut aller Nordeuropäer. Nur hier können die meisten Menschen auch im Alter noch Laktase synthetisieren und somit lebenslang Milchprodukte verzehren.

Wir müssen uns fragen, ob wir die Leistung der Tiere weiter wie bisher optimieren wollen – zum Beispiel durch Kraftfutter aus Palmölkulturen – oder ob wir den Kühen ihr Leben und ihre Weiden wiedergeben. Das Ergebnis wären zwar weniger Kühe, dafür aber bessere Milch.

Es könnten sogar mehr Menschen als vorher ernährt werden. Mehr Lebewesen könnten auf diese Weise ihr volles Potential entfalten und damit dem Glück einen wesentlichen Schritt näher kommen.

Kühe für Schul- und Krankenhäuser?

“Das tiefe Interesse am Tier ist eine Bringschuld des Menschen, der mit Tieren arbeitet”, schreibt Martin Ott. Und noch etwas mache Kühe besonders: Die Tiere bilden ein rhythmisches Gravitationsfeld um sich herum. Menschen, die aus dem Takt geraten sind, kommen wieder in einen Rhythmus.

Der Bergbauer fordert daher “Kühe für Schulen”, damit wir alle wieder von der jahrtausendealten Symbiose profitieren können. Kühe als Therapeutinnen und Lehrerinnen? Mir jedenfalls gefällt diese Vorstellung.

Kuh-Verleih

Wer Lust auf eine sanfte Freundin mit großen, glänzenden Augen und den authentischen Einblick in das Leben eines Almbauern bekommen hat, kann in der Schweiz sogar eine Kuh auf Zeit adoptieren. Milchbauer Michel Izoz hatte die clevere Geschäftsidee, einen Teil seiner Herde zu vermieten.

Mit solch einer wiederkäuenden Gefährtin an der Seite, die jeden Tag gemolken werden will, können gestresste Stadtbewohner wieder in den Rhythmus der Natur zurückfinden. Auch dazu gibt’s mehr Infos bei meinem Blognachbarn Sören Schewe.

Soviel ist jedenfalls klar: Wer auf einer Alm lebt und arbeitet, braucht in der Regel weder Fitnessstudio noch Meditationskurs.

Kleinhornkühe: Schweizer Bergbauer kämpft für die Würde der Kuh (spiegeltv)Die Kuh als Metronom, die uns hilft zu verharren. Hier: der Schweizer Bergbauer Armin Capaul. Er macht sich für gehörnte Kühe stark (Credit: spiegeltv 2015).

Allez la Suisse!

In der Fußballszene spielt die Schweizer Nationalelf eine Außenseiterposition. Immerhin konnten die eidgenössischen Kicker in ihrem Auftaktspiel das einst atheistische Albanien besiegen. Wird es dem Team diesmal gelingen, die Vorrunde zu überleben? Immerhin wäre dies eine Premiere in der Fußballgeschichte.

Heute Abend spielt die Schweiz gegen Rumänien. Werden die Schweizer Fußballer auch gegen diesen Gegner das Beharrungsvermögen beweisen, das sie als Bewohner des Alpenlandes so oft hinsichtlich ihrer ganz eigenen Lebenskultur zeigen? Lassen wir uns überraschen. Übrigens: Das glücklichste Land der Welt, Dänemark, konnte sich diesmal nicht für die EM-Endrunde qualifizieren.

Quelle / weiterführende Empfehlungen:

  • Martin Ott: “Kühe verstehen – eine neue Partnerschaft beginnt” FONA Verlag, 2012. 176 Seiten. ISBN:  978-3-03781-033-0 (Video auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=cmTKtQTx_Go)
  • Florian Opitz: SPEED – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Goldmann Verlag, 2012. 288 Seiten. ISBN: 978-3442157716.
  • SPEED – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. 2012. Dokumentarfilm. Regisseur und Autor: Florian Opitz. Film in voller Länge (1:36 h) auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=E6zxjeUdfu4
  • Rudolf Wötzel: Über die Berge zu mir selbst: Ein Banker steigt aus und wagt ein neues Leben. Integral Verlag, 2009. 496 Seiten. ISBN-13: 978-3778792087.

Lust auf mehr Wissenschaft aus der Schweiz? Der Nature Index, eine große Datenbank über Publikationen aus vielen Ländern und Instituten, gibt Ihnen einen Überblick über die dortige Forschungsszene.

 

Veröffentlicht von

Dr. Karin Schumacher bloggt als Trota von Berlin seit 2010 bei den SciLogs. Nach dem Studium der Humanmedizin in Deutschland und Spanien promovierte sie neurowissenschaftlich und forschte immunologisch in einigen bekannten Forschungsinstituten, bevor sie in Europas größter Universitätsfrauenklinik eine Facharztausbildung in Frauenheilkunde und Geburtshilfe abschloss.

Hierbei wuchs das Interesse an neuen Wegen in der Medizin zu Prävention und Heilung von Krankheiten durch eine gesunde Lebensweise dank mehr Achtsamkeit für sich und seine Umwelt, Respekt und Selbstverantwortung.

Die Kosmopolitin ist leidenschaftliche Bergsportlerin und Violinistin und wenn sie nicht gerade fotografiert, schreibt oder liest, dann lernt sie eine neue Sprache. Auf Twitter ist sie übrigens als @med_and_more unterwegs.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Scheint nicht nur bei Ärzten so zu sein. Hab vor einiger Zeit einen Bericht über Deutsche gesehen , die in die Schweiz gingen , um dort zu arbeiten , verschiedene Berufe.
    Die haben unisono zugegeben , wie überrascht sie über das gute Arbeitsklima waren , im Gegensatz zum Hauen und Stechen in Deutschland.

  2. Hi,

    darf ich fragen welche Tabletten ihr für die Laktoseintoleranz nehmt? Ich kenne nur Lactosolv und bin eigentlich auch ganz zufrieden damit. Nur ganz billig sind sie auf Dauer nicht…

  3. Die Kühe in der Schweiz sind besonders glücklich, wenn sie nach einem langen Winter endlich wieder auf die Weide dürfen. Die sonst eher behäbigen Tiere können dann schon mal wahre Freudensprünge vollbringen, wie hier auf dem Video zu sehen:
    http://www.aargauerzeitung.ch/aargau/fricktal/wegen-dieses-genialen-videos-kuehe-aus-dem-fricktal-sind-ploetzlich-weltbekannt-130177544

    Das Leben der Bergbauern ist heutzutage eine fragile Idylle und manche von ihnen befinden sich in einer prekären Lage, wenn sie nach einem Unfall, einer Krankheit, einer Schwangerschaft, einem Erdrutsch oder einem Brand die Arbeit nicht mehr alleine bewältigen können. Die Schweizer Caritas vermittelt deshalb freiwillige Helfer, welche in ihrem Urlaub bei einem Bergbauern arbeiten möchten. Die Arbeit wird zwar nicht bezahlt, aber Kost und Logis sind frei.
    http://www.bergeinsatz.ch/

    Gegenseitige Hilfe trägt natürlich auch zum Glücklichsein bei. 🙂

  4. @Mona: Vielen Dank für die wertvollen Anmerkungen und Links. Auch der Deutsche Alpenverein (DAV) vermittelt hilfsbereite Aktivurlauber auf Bergbauernhöfe in Not – eine tolle Initiative: http://www.alpenverein.de/natur-umwelt/aktiv-werden/mithilfe-bergbauern-alpen-freiwillig-helfen-_aid_10233.html

    @Kerstin: Der beste Weg, um bei Laktoseintoleranz Beschwerdefreiheit zu erreichen, ist und bleibt nur so viel Milchzucker zu verzehren, wie man verträgt. Bei Unverträglichkeit sollte Laktose so weit wie möglich vermeiden werden – vorausgesetzt, die Diagnose stimmt (verminderte Laktaseaktivität im Wasserstoffatemtest).
    In unserem Kulturkreis kann das ziemlich schwierig sein. Hier muss jeder selbst testen, was geht und was unverträglich ist. Produkte, die Lactobazillen und Propioni-Bakterien enthalten, die während der Reifung Milchzucker in Milchsäure umwandeln, können verträglich sein (z.B. säuerlicher Naturjoghurt, Kefir, Buttermilch). Auch lang gereifter Hartkäse ist oft verträglich, da praktisch laktosefrei.
    In Fertiggerichten sind dagegen oft Laktosezusätze versteckt, selbst dort, wo man sie nicht erwarten würde (Fleisch- und Wurstwaren, Brot, Soßen, Tiefkühlkost, Süßigkeiten usw.). Welches Laktasepräparat in welcher Dosierung am besten wirkt, muss individuell ausprobiert werden, ggf. durch Unterstützung durch den Hausarzt / Apotheker des Vertrauens und hängt ab von der körpereigenen Laktaseproduktion und der im Essen enthaltenen Laktosemenge. Entsprechend schwierig ist eine genaue Dosierung. Wer kann schon genau berechnen, wie viel Milchzucker in dem leckeren Cappuccino im Café steckt? Alles Gute und viel Glück!

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