Was ist wichtiger: Leben oder Schönheit?

Landschaft & Oekologie

Wenn man sogenannte ökologische Begründungen des Naturschutzes kritisiert, also etwa sagt, daß sich durch den Verweis auf Folgen, die die Ausrottung von Tier- und Pflanzenarten für uns Menschen als physische Wesen hat, die Forderung nach Erhaltung dieser oder jener Arten oder nach dem Schutz aller nicht rechtfertigen läßt, daß sich so auch nicht begründen läßt, warum die Wildnis ausgeweitet werden sollte usw., daß man vielmehr über kulturelle Werte und über Ästhetik reden müßte – wenn man das sagt, dann gerät man in den Verdacht, daß man den Naturschutz für unwichtig erklären will. Es gehe dabei doch um mehr als nur um romantische Naturschwärmerei , es gehe um harte Fakten. Macht man in den Auseinandersetzungen um die regenerativen Energien auf die Zerstörung der Landschaft durch Windkraftanlagen aufmerksam, wird einem gesagt: Das ist doch nur Ästhetik. Das wahre Problem ist ein materielles, ist der Klimawandel, der ist wichtiger als die Schönheit eines Bildes, es geht da nämlich ums Überleben. Überlebt man nicht, hat man von der ganzen Ästhetik nichts.

Das folgende Beispiel habe ich in diesem Zusammenhang schon oft erzählt. Ich verstehe nicht, wie man, wenn man es gehört hat, bei der genannten Meinung bleiben kann. Denn man müßte dann doch wissen: Wenn es auch richtig ist, daß man von der ganzen Ästhetik nichts hat, wenn man nicht lebt, so ist doch auch richtig, daß die Ästhetik (und die kulturelle Symbolik) darüber entscheiden kann, ob man überhaupt leben möchte.

Das Beispiel steht bei Johann Peter Hebel im Rheinischen Hausfreund;  viele werden es kennen. Mann und Frau sitzen bei Tisch. Eine Fee tritt auf, sie haben drei Wünsche frei. Freudig überrascht wünscht sich die Frau eine Wurst auf den Teller. Das geschieht. Der Mann wird wütend, weil sie einen der kostbaren Wünsche verschwendet hat und wünscht, daß ihr die Wurst an der Nase festwachsen möge. Auch das geschieht. Nun bleibt ihnen nichts anderes übrig als den dritten Wunsch dafür zu verwenden, die Wurst von der Nase wieder wegzubekommen. Nichts war geschehen, als daß die Frau häßlich geworden war. Ja, selbst das könnte man bestreiten: Sie entsprach nur dem zufälligen Schönheitsideal ihrer Zeit und Kultur nicht mehr. So wie Johann Peter Hebel ihren Anblick beschreibt – die Wurst war quer unter der Nase angewachsen und hing links und rechts herab wie ein Husarenbart – kam sie ja dem Schönheitsideal mancher Kulturen und Zeiten, wo man, wie in unseren, gern auffälligen Nasenschmuck trägt, durchaus nahe. Aber es half alles nichts. Aus ästhetischen Gründen mußten die beiden – und in der Tat, sie mußten, das ist unbestreitbar – auf alle Reichtümer und alle Macht auf Erden, auch auf langes Leben und Gesundheit, die sie sich ja auch hätten wünschen können, verzichten, und niemand wird sagen können, daß für sie auch anderes möglich gewesen wäre.

Dies zur Bedeutungslosigkeit des Ästhetischen im Vergleich zum Materiellen. Unsere Technokraten-Fraktion wird vielleicht einwenden, das sei ein Extrembeispiel. Ich behaupte, daß es in den o. g. Beispielen aus dem Naturschutz auch nicht anders ist, und würde diese Behauptung gern diskutieren.

 

Ludwig Trepl

Veröffentlicht von

Ich habe von 1969-1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der FU Berlin Biologie studiert. Von 1994 bis zu meiner Emeritierung im Jahre 2011 war ich Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie der Technischen Universität München. Nach meinem Studium war ich zehn Jahre lang ausschließlich in der empirischen Forschung (Geobotanik, Vegetationsökologie) tätig, dann habe ich mich vor allem mit Theorie und Geschichte der Ökologie befaßt, aber auch – besonders im Zusammenhang mit der Ausbildung von Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten – mit der Idee der Landschaft. Ludwig Trepl

49 Kommentare

  1. Leben und Schönheit

    Ludwig Trepl hat mit seiner Parabel deutlich gemacht, dass ohne Schönheit alles nichts ist; aber gegen Fakten nicht argumentiert werden kann.
    Eine argumentative Abwertung der Schönheit oder hypothetisches Abwägen ist beleidigend bzw. ein Scheinargument. Die Behautung durch WKA könnte ein irgendwie gearteter Klimawandel verhindert werden, ist durch nichts belegt. Tatsächlich wird konventionelle Kraftwerkskapazität benötigt um Strom zu liefern, wenn Wind nicht weht oder Sonne nicht scheint. Die sogenannten Erneuerbaren Energien sind eine Riesenverarsche, für die mehr qualitative Energie hineingesteckt werden muss, als dass sie effizient quantitative Energie bringt. An Handlungsrichtlinien zum Arten- und Menschenschutz hält sich in Deutschland sowieso niemand. Leben und Schönheit gehen immer Hand in Hand.

    Mit freundlichen Grüßen

    Bernd Baumgart

  2. @Ludwig Trepl: Und wenn es geht?

    Ihr letzter Vergleich hat mich auf eine Idee gebracht – wie und warum es trotzdem gehen könnte. Jugendliche machen ja diese Phase durch, und doch kommt danach idealerweise die Zeit, wo sie Familie und Individualität wieder verbinden können – wo das Individuum Teil der Familie wird.

    Warum sollte es in der Landschaft nicht ähnlich gehen? Erst musste sich die Industrie als Stadtarchitektur von der Idylle separieren – und die Idylle als Gegengewicht sich selbst behaupten. Doch dann kann die Industrie sich doch als Teil der Idylle sehen. Also, um Ihr Beispiel oben aufzunehmen, die Industrie sich nicht neben Krichtum, Mühle und sich schlängelnden erlengesäumten Bach setzen – sondern als Teil davon integrieren? Und hier ginge das doch ganz leicht, indem die Turbine erstmal an die Flügel der Mühle gekoppelt wird … und später vielleicht noch ein Rad im Kirchtum Dienst tut.

    Würden wir das dann nicht trotzdem als Idylle empfinden – und doch bei genauerem Schauen die Industrie erleben, um sie in ihrer Verbindung zur Idylle wiederzuentdecken?

  3. „Aber wer, wenn nicht sie [die Landschaftsarchitekten], könnte überhaupt gute Ideen dazu entwickeln?“ – nämlich zur ästhetischen Gestaltung auf dem Land, die „modern“ ist und doch nicht die konservative Funktion der Symbolik der Kulturlandschaft einfach übergeht.

    Da stimme ich zu. Die Landschaftsarchitektur als etwas genommen, das in einem vernünftig begründeten Gefüge der gesellschaftlichen Praxisfelder und Denkinstitutionen eine bestimmte Aufgabe hat, Landschaftsarchitektur als Idee sozusagen, die müßte das schon tun; es gibt nichts, was ihr diese Aufgabe abnehmen könnte (die „szientifische“ Landschaftsplanung kann nun einmal per definitionem keine ästhetischen Gestaltungsideen entwickeln). Aber die Landschaftsarchitektur (und Architektur) als historisches Gebilde, als Disziplin, wie sie nun einmal geworden ist, kann das momentan nicht. (Du meinst, es gäbe gelungene Beispiele, ich kenne aber keine; welche meinst du?) Und das ist nicht dem Zufall unfähiger Personen geschuldet, sondern scheint mir daran zu liegen, daß es halt schwierig ist, zwischen Moderne und Antimoderne (auf diesem Gebiet) eine vermittelnde Position zu finden (die „vernünftig“ ist, wie du schreibst), obwohl das dauernd versucht wird. Es rutscht immer alles gleich auf die eine oder andere Seite.

    Beispiele für das Rutschen auf die eine Seite sind die klassische Moderne der Architektur mit ihren Ausläufern wie den Plattenbauten am Dorfrand in der DDR: Da wollte man bewußt das Ländliche beenden, den Unterschied zwischen Stadt und Land einschmelzen in einer Vorstellung von städtischem Leben im Grünen. Die Relevanz der Landschaft als (konservatives) Symbol verschwindet dabei völlig. Die müßte aber irgendwie aufgegriffen und verarbeitet werden. An ihr hängen die meisten Menschen, auch wenn sie sonst noch so fortschrittlich sein wollen oder sind. Und diese Sehnsucht wollen die Landschaftsarchitekten, auch die, die gern auf dem Land gestalten wollen (du schreibst, daß das eine steigende Tendenz ist), partout nicht bedienen – aus verständlichen Gründen.

    Die gängigen politischen (und die ästehtisch-kulturellen hängen ja daran, da gibt es keine davon unabhängige “Vernunft”) dritten Wege zwischen, wie du schreibst, „neoliberal-technokratisch-progressiv“ und „konservativ“, also etwa die sozialistisch oder demokratisch-technokratisch-progressiven und die sozialistisch oder (basis-)demokratisch-progressiven, aber antitechnokratischen, scheinen in dieser Hinsicht nicht zu funktionieren. Eine Anarchisten-Öko-Kommune (auch die zugehörige Ästhetik) stört „das Ländliche“ nicht weniger wirksam als ein Kraftwerk.

    Irgendwie, scheint mir, hat das Bild der traditionellen Kulturlandschaft, das jene Sehnsüchte symbolisiert, eine solche Ganzheit und Geschlossenheit, daß man nicht ein paar Pinselstriche anbringen kann, die die Botschaft modifizieren, ohne es damit gleich zu zerstören. Es scheint mir da nur Hü oder Hott zu geben und ein pragmatisches Durchwursteln dazwischen. So wie auch in analogen Lebensphasen: Wenn Jugendliche von der Familie wegwollen und doch daran hängen, gibt es nur das eine oder das andere, es ist ein schmerzlicher Prozeß, und alle Versuche, etwas dazwischen zu machen, werden als ungenügend empfunden.

  4. @ Ludwig Trepl

    „meine Haupterfahrung war, daß die Landschaftsarchitekten panisch vor dem Land flüchten.“

    Das ist auch mein Eindruck (natürlich unter Beachtung der Tatsache, dass ich bei weitem nicht mein halbes Leben lang Landschaftsarchitekten unterrichtet habe). Aber mir scheint es schon die Tendenz zu geben, dass die Landschaftsarchitekten auf dem Land gestalten wollen. Sie wollen nicht mehr nur „Plätze in der Stadt“ gestalten. Sie wollen dort eingreifen, wo „ästhetisch und kulturell unbedarfte Naturschützer“ (und Bauern) vor gesellschaftlichen Problemen stehen, die sie nicht lösen können, weil sie es nun mal nicht können. Welche Disziplin, wenn nicht die Landschaftsarchitektur könnte denn die „integrative Funktion“ erfüllen, die heute in Bezug auf die Landschaft überall gefordert wird. Was wäre die Alternative? Und ich weiß nicht, ob man wirklich sagen kann, dass die Landschaftsarchitekten auf dem Land konservativ sein müssen. Zumindest im Bereich der Architektur gibt es meines Erachtens viele Beispiele von „modernen“ (vielleicht weniger bekannten) Gebäuden, die in ein Dorf (und auch die Landschaft) passen – gute Architektur halt – was auch immer das ist. Aber ich meine: auch Landschaftsarchitekten können kluge Entwürfe machen und das ist es doch, was man braucht. Natürlich kann man hier einwenden, was bedeutet „klug“ und “gut” und man könnte sagen, es sei abhängig vom politischen Ideal, aber geht es nicht irgendwie auch um eine Vernunft, die mehr oder weniger unabhängig davon ist? Die Moderne als unlösbaren Streit (“strukturelles Dilemma”) zwischen einer starken neoliberal-technokratisch-progressiven und einer schwachen konservativen Kraft darzustellen, scheint mir, die Problematik etwas zu verkürzen, aber davon weiß ich viel zu wenig (v. a. von dem „Strukturellen“ – kannst Du das genauer erklären). Dass die modernen Landschaftsarchitektur keine Idee hat, wie man auf dem Land gestalten soll, stimmt wohl. Aber wer, wenn nicht sie, könnte überhaupt gute Ideen dazu entwickeln? Und wenn man zu dem Schluss kommt, dass sie die einzige Möglichkeit ist, muss man doch daran glauben (annehmen), dass sie Ideen haben kann, oder nicht?

    (ich müsste wohl Deinen Text über das Verhältnis von Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung noch mal lesen.)

  5. Ludwig Trepl: Gewinn bei der Planung

    Bei der Methode geht es um idealtypische Rekonstruktion, nur ist diese auf eine bestimmte Gesellschaft/Zeit bezogen – also historisch. Denn man könnte Idealtypen ja auch abstrakter bilden, etwa so wie Sie es oben ansprachen im Sinne von konservativ vs. progressiv. Beides ist für bestimmte Zwecke sinnvoll, beides hat Nachteile und die Verbindung im Sinne der gegenseitigen Bedingung und Entwicklung brachte sicher genauere Erkenntnisse.

    Das ist der Gewinn einer sowohl abstrakteren als auch konkreteren Sicht. Sie haben völlig recht, derzeit scheinen die Ergebnisse dort recht dünn. Nur liegt das aus meiner Sicht an der Isolation der verschiedenen Wissenschafts-Disziplinen. Umso mehr man die vereinen könnte, umso mehr käme man auf eine Relativitäts-Theorie der Landschaft. Und für die Relativitäts-Theorie der Physik bestreitet ja auch niemand, dass sie trotz ihrer Abstraktheit sehr konkrete Aussagen zu liefern vermag.

    Und das brachte einiges für das Thema: Wenn es gelingt, die verschiedenen Landschaftsvorlieben auf eine allgemeinere “Formel” zurückzuführen, dann könnten wir die Auswirkungen menschlicher Änderungen an einer konkreten Gegend viel genauer vorhersehen.
    Wir könnten dann nämlich erstmal alle bestehenden Elemente dieser Gegend einsetzen – womit ein rationaleres, quasi objektives Bild der derzeitigen “Landschaft” entstünde. An diesem Bild könnten wir verschiedene subjektive Landschaft-Ideale testen – wir kämen dann zu Aussagen über die sagen wir prozentuale Stimmigkeit dieser Gegend mit den verschiedenen Idealen.
    Dann könnten wir geplante Änderungen einsetzen – womit sich das objektivierte Landschaftsbild ändert. Und wir kämen auf andere Übereinstimmungen mit den subjektiven Idealen.
    Und dann können wir die Änderungen als Funktion der ursprünglichen Übereinstimmung optimieren. Noch besser natürlich, wenn es Untersuchungen zur Toleranzschwelle verschiedener Ideale gäbe.

    Für dieses Ziel brauchen wir den Volksstamm in den Anden nicht, und doch würde ich ihn lieber heranziehen als Untersuchungen über die Vergangenheit. Denn jede Vergangenheit erreicht uns nur gefiltert – während lebende Menschen insofern ungefiltert urteilen und Fehler einer Theorie daher viel eher aufzeigen. Außerdem ist eine Theorie ja besser, wenn sie sowohl große als auch kleine Unterschiede erklären kann.

    Und: Ich glaube, eine solche Theorie liefe eher auf Familienähnlichkeiten hinaus. Doch auch bei Spielen oder Sprachen können wir zumindest intuitiv sagen, was jeweils dazu passt und was nicht. Und welcher Anpassungen ein Wort in verschiedenen Sprachen bedarf – entsprechend wohl auch, welcher Anpassungen ein Windrad in verschiedenen Gegenden bedarf.

  6. Noït Atiga

    „Nur kann das historische Konzept nicht erklären, warum Sie (Mona), die Romantik mögen, es aber viele Personen derselben Kultur gibt, für die das nicht (mehr) gilt. Sie kann auch nicht erklären, warum die Reaktionen auf Windräder in derselben Kultur zur selben Zeit und oft auch noch von Vertretern derselben Generation unterschiedlich sind.“
    Das ist schon richtig, nur sollte man an dieser Stelle nicht „historisches Konzept“ sagen. Die Methode, auf die Sie hier anspielen, ist die, Denkgebilde von der Art von Weltanschauungen idealtypisch zu rekonstruieren. Damit bekommt man nur mögliche Positionen in einer Gesellschaft/Zeit, die sozusagen zur Besetzung bereitliegen. Man konnte vor der Entstehung des Christentums nicht Christ werden und in einer Gesellschaft von der Art einer traditionellen Papua-Gesellschaft kann man nicht Stalinist werden. Aber warum im jeweiligen Fall eine Person oder eine Gruppe eine bestimmte Position einnimmt, dazu braucht es Untersuchungen anderer Art. Man muß die Biographie der Person untersuchen mit allem, was da halt relevant werden könnte, Biologie und Psychologie werden wichtig, Klassenlage und zugehörige Interessen, konkrete komplexe Erfahrungen usw. wären zu beachten. Man müßte auch, was ich nie gemacht habe, die Denkgebilde mit anderem, insbesondere bestimmten zugehörigen Praktiken verbinden, wie das vor allem Foucault in seiner Diskursanalyse vorgemacht hat.

    „Wenn Sie so wollen möchte ich sowohl abstrakter werden als auch konkreter. Abstrakter, weil es für alle Zeiten und alle Menschen gelten soll.“

    Wohl richtig, nur: Es wird äußerst dünn, was man für alle Zeiten und alle Menschen herausbekommen kann. Und wofür muß man das im Rahmen unseres Themas wissen? Wenn ich mich für Landschaftsvorlieben hier bei uns interessiere – warum muß ich dann wissen, ob es für irgendeinen Volksstamm in den Anden so etwas wie Landschaft überhaupt gibt?
    Und noch was: Notwendig ist es nicht, daß es hier etwas gibt, das für alle Menschen und Zeiten gilt. Einen Zusammenhang zwischen allen muß es schon geben, aber er könnte auch in einer Familienähnlichkeit im Wittgenstein’schen Sinne bestehen.

  7. @Mona: Darum geht es mir nicht

    Denn ich bestreite gar nicht, dass es so ist (sein kann) wie von Ludwig Trepl und Ihnen geschrieben. Außer bei Reiseprospekten (die bedienen wohl eher vorher existierende Vorstellungen) glaube ich nämlich, dass die Zustandsbeschreibung stimmt.

    Doch als Wissenschaftler interessiert mich nicht nur die Beschreibung, sondern die Erklärung – also warum ist es bei einem so beim anderen so. Die historische Sicht kann das für eine Zeit und eine Kultur erklären – aber eben nicht für verschiedene Sichtweisen innerhalb derselben Kultur und Zeit. Da müssen dann noch weitere Aspekte herangezogen werden, aus meiner Sicht entwicklungs-biologische des Individuums – oder verallgemeinernd bestimmter Gruppen.

    Wenn Sie so wollen möchte ich sowohl abstrakter werden als auch konkreter. Abstrakter, weil es für alle Zeiten und alle Menschen gelten soll. Konkreter, weil es relativ genaue Vorhersagen für einzelne Kleingruppen ermöglichen soll.

    Persönlich habe ich übrigens keine Sehnsucht nach einer bestimmten Landschaft, sondern eher nach gewachsenen Landschaften und nach möglichst vielfältigen Erfahrungen. Und das hat auch verschiedene persönliche Gründe und ist ein Grund, warum ich glaube, dass es recht allgemeingültige Prinzipien gibt…

  8. Korrektur

    Der erste Satz sollte natürlich heißen: “Ich will hier niemanden vom Gegenteil überzeugen und auch nichts gegeneinander abwägen, da man sicher immer mehrere Aspekte berücksichtigen muss”.

  9. Falsch verstanden @Noït Atiga

    Ich will hier niemanden überzeugen und auch nichts gegeneinander abwägen, da man sicher immer mehrere Aspekte berücksichtigen muss. Und wer kennt heute noch Eichendorf? Viele Leute haben ihre Landschaftvorstellungen oft aus Reiseprospekten oder ähnlichem. Herr Trepl schrieb doch: “Vielleicht ist es ja so wie bei den Deutschen: Manchmal lieben sie die deutsche Landschaft (und manche lieben sie immer), manchmal nicht (und manche nie). Manchmal mögen sie viel lieber das Mittelmeer oder einen Palmenstrand und wollen nichts wie weg, und manche wollen das immer.”

  10. @Mona: Ludwig Trepl ist überzeugender

    Danke für den Artikel, auch wenn der gemeinsame Aufsatz von Thomas Kirchhoff und Ludwig Trepl, den man mit beiden Namen schnell bei Google-Books findet, für mich überzeugender war.

    Allerdings musste ich nicht davon überzeugt werden, dass das Denken in historischen Konzepten sinnvoll ist und bei bestimmten Fragen weiterhelfen kann – also etwa der nach der Entstehung von Landschaft. Denn ich schätze die Herangehensweise und die mir bekannten Arbeiten von Ludwig Trepl sehr. Auch kann ich vieles von seinem Bedauern über die geringe Verbreitung dieser Herangehensweise (siehe seine Abschiedsvorlesung) nachvollziehen.

    Nur kann das historische Konzept nicht erklären, warum Sie (Mona), die Romantik mögen, es aber viele Personen derselben Kultur gibt, für die das nicht (mehr) gilt. Sie kann auch nicht erklären, warum die Reaktionen auf Windräder in derselben Kultur zur selben Zeit und oft auch noch von Vertretern derselben Generation unterschiedlich sind.

    Und das kann man aus meiner Sicht eben erklären, wenn man mehr auf Beziehungen und Entwicklungen von Gruppen abstellt. Wobei es hier eher um die einschlägigen Gruppierungen im Sinne der Sozialstruktur geht, eher – denn auch das reicht nicht immer.

  11. Natur als Projektionsfläche

    @Ludwig Trepl

    Danke für die Antwort! Langsam verstehe ich. Wir benutzen demnach Natur als Projektionsfläche, um uns in die Märchenwelt unserer Kindheit oder in ein fernes Arkadien zu versetzen. Dazu benutzt ein jeder die Worte, die ihm geläufig sind. Das gilt auch, wenn es die Zerstörung der Landschaft zu beklagen gilt. Ich war mir erst nicht darüber im Klaren, dass es Theorien dazu gibt und Sie vieles anscheinend auch nur “abstrakt” meinen, um darüber zu diskutieren.

    @Noït Atiga

    Sie schrieben: “Allerdings erscheint mir die Verallgemeinerung in historischen Konzepten nur bedingt weiterführend zu sein, eine Verallgemeinerung auf Entwicklungen und Beziehungen hingegen zwar schwieriger (weil noch inter- und transdisziplinärer) aber auch aussagekräftiger. Sie fragen Mona oben, warum Sie und sie sich für die Romantik interessieren; warum etwas manchen als Tempelschändung gilt, manchen wichtig ist und manchen egal. Ein Denken in historischen Konzepten kann da wenig weiterhelfen.”

    Natürlich würde “ein Denken in historischen Konzepten”, da weiterhelfen, denn schließlich sind wir ja auch Kulturwesen. Ich habe einen schönen Text zu dem Thema entdeckt, der Sie vielleicht überzeugen wird:
    http://hup.sub.uni-hamburg.de/…che_Dinnebier.pdf

  12. @Ludwig Trepl

    Ich habe nochmal Ihre Ausführungen zur Savannentheorie und vieldeutigen Natur gelesen – und ich bin nicht sicher, dass unsere Positionen so verschieden sind. Die Savannentheorie etwa sagt mir genausowenig zu wie Ihnen.

    Denn Sie übersetzen meine Ausführungen zur biologischen Grundlage von Landschaftsvorstellungen unzutreffend (wohl weil Sie zu Recht auf gewisse dahingehende Signalworte auch der Savannentheorie reagieren) mit genetischen bedingten Vorlieben für Landschaften – aber Biologie besteht ja nicht nur aus Genetik. Vielmehr geht es mir um eine für den Einzelnen biologie- und gesellschaftsabhängige Dynamik. Und damit um etwas, was sich im einzelnen Organismus, also im einzelnen Menschen im Zusammenspiel von Genetik und Kultur entwickelt. Doch kann man diese Entwicklung zumindest dann recht gut verallgemeinern, wenn die ausgewählte Gruppe (insofern) homogen ist – und das tun ja auch Sie, wenn Sie von den konkreten Konzepten sprechen, diese sind ja ebenfalls abstrakte Mittelungen vieler Menschen einer Zeit und Kultur.

    Allerdings erscheint mir die Verallgemeinerung in historischen Konzepten nur bedingt weiterführend zu sein, eine Verallgemeinerung auf Entwicklungen und Beziehungen hingegen zwar schwieriger (weil noch inter- und transdisziplinärer) aber auch aussagekräftiger. Sie fragen Mona oben, warum Sie und sie sich für die Romantik interessieren; warum etwas manchen als Tempelschändung gilt, manchen wichtig ist und manchen egal. Ein Denken in historischen Konzepten kann da wenig weiterhelfen. Betrachtet man aber die Beziehungen und Entwicklungen der jeweiligen Gruppen, dann kann man Muster erkennen – und damit diese Unterschiede erklären.

    Dazu gehört als Ansatz, dass der (sic!) Mensch genetisch auf Individualität und Kollektivität angewiesen ist, auf Ruhe und Aufregung, auf Bekanntes und Unbekanntes, auf Glauben und Wissen etc. Die Erkennung von Mustern und ihre Durchbrechung gehören zur Spezies Mensch. Damit sind aber keine Landschaftsbilder vorbestimmt, sondern Merkmalsbeziehungen, die sich in einer biologisch sinnvollen Gegend wiederfinden müssen, damit sie als Landschaft ansprechen kann.
    Ihre konkrete Ausformung hängt von der individuellen Entwicklung ab. Denn der Mensch hat nicht umsonst eine extrem lange Kindheit – und in der werden nicht nur Gene an- bzw. abgeschaltet (siehe Joachim Bauer, Das Gedächtnis des Körpers), sondern im Rahmen der Individuums-Werdung auch Vorstellungen konkretisiert und mit Gefühlen verbunden. Am besten nachvollziehbar ist das bei der Sprache – jedes Kind kann jede Sprache erlernen, je nach seiner Umwelt. Und es kann auch mehrere Sprachen (gleichzeitig) lernen. Aber nach einer gewissen zeit verliert es gewisse Fähigkeiten, die für korrekten Spracherwerb notwendig sind – und dann kann dieser Mensch Fremdsprachen nur noch mit Akzent lernen und oft nur sehr unvollkommen deren Konzepte verstehen. Ähnlich nun ist es mit Ästhetik- und Landschaftsvorstellungen.

    Die ersten Prägungen entstehen aus der quasi pawlowschen Verknüpfung von Wohlbefinden mit Bildern. Und das typische deutsche Kleinkind wird sich bei den wenigen kurzen Ausflügen in den nahen Wald meist am wohlsten gefühlt haben – daher das Ansprechen auf die Romantiker. Bei besser situierten Familien dürfte es schon damals das Meer gewesen sein oder die Berge. Dazu kommt aber noch eine weitere Komplikation: Kinder müssen überleben, wenn sie also nur Negatives erleben, dann beginnt dieses Negative für sie zum Positiven zu werden – sie deuten die Situation um (bei Entführungen ist das als Stockholm-Syndrom bekannt). Und das kann auch ganze Gesellschaften oder Generationen daraus betreffen – dann besteht eine Sehnsucht nach destruktiven Landschaften, denn biologisch schöne Landschaften rütteln an der Verdrängung und sind deswegen umso unangenehmer, da ja irgendwie auch positive Gefühle durchscheinen.

    Was also für den Einzelnen oder eine Gruppe Landschaft ist (im Sinne einer Gegend, die als ihn umgebende harmonische, individuelle, konkrete Ganzheit), das hängt vom Ergebnis der individuellen Entwicklung ab, also vom Charakter – aber auch von der aktuellen Situation. Wer bei gleichem Charakter die ganze Zeit am Meer lebt, wird sich irgendwann in die Stadt sehnen – und umgekehrt. Obwohl sich der Charakter auch durch dieses Leben da wandelt, und damit das Landschafts-Ideal. Es kann daher auch verblassen oder ganz verschwinden, wenn man nämlich all die positiven Erfahrungen in der neuen Umgebung machen kann, die man mit dem alten Ideal verbunden hatte. Außerdem kann sich (obwohl das selten passiert) der Charakter dadurch wandeln, dass persönliche Traumata (oder auch nur Erfahrungs-Grenzen) aufgearbeitet werden – und damit die starren Verknüpfungen zwischen spezifischen Mustern und Wohlbefinden. Dann kann es dazu kommen, dass man sich in jeder Gegend wohlfühlt – solange diese gewachsene Strukturen enthält.

    Letztlich kann so die Trennung zwischen subjektivistischen und objektivistischen Landschaftsbegriffen aufgehoben werden. Ein Betrachter kann nur das erkennen, wofür er ästhetisch sensibilisiert ist. Ästhetisch senisbilisiert ist er aber auf das was sich in seiner individuellen Geschichte als für sein Leben bedeutsam herausgestellt hat. Und eine intrinsisch vollkommene Gegend wird von allem bieten, sie wird also sowohl seine formale als auch seine funktionale Forderung erfüllen – aber noch viel mehr, was er gar nicht registriert. Und er registriert es nicht, weil es nicht stört, auch wenn er nur eine Seite sucht. Anders ist das aber meist bei menschlichen Kreationen – dort ist oft nur ein einziges Ideal verwirklicht – und damit ist die Gegend objektiv nicht ästhetisch, auch wenn sie subjektiv-ästhetisch sein kann, seltener auch subjektiv-funktional.

  13. @ Noït Atiga

    Ich kann nicht auf alles in Ihrem langen Kommentar eingehen, auf das ich eingehen möchte. Nur zwei Punkte:

    Ich hatte Ihnen weiter oben „abstraktes Denken“ vorgeworfen. Hier kann ich, glaub’ ich, verdeutlichen, wie ich das meine. Sie sprechen von allgemeinen Gesetzen, die den Menschen oder überhaupt Lebewesen betreffen. Und wenn einmal etwas Konkretes vorkommt, z. B. Beduinen, dann ist das ein Beispiel, das ein allgemeines Gesetz bestätigt. Ich dagegen rede immer nur von konkreten historischen Phänomenen, solchen, die zu bestimmter Zeit entstanden sind, eine Zeitlang existieren und sich dabei verändern und wieder verschwinden, z. B. Romantik, Aufklärung, Konservativismus, Kapitalismus, westliche Kultur, und diese Begriffe meine ich nie allgemein, was ja auch möglich wäre („Konservativismus bedeutet, immer fürs Alte zu sein“), sondern als konkrete historische Phänomene.

    Landschaft ist auch so ein konkretes historisches Phänomen. Im Mittelalter gab es sie nach vorherrschender Meinung der Fachleute nicht, sie ist ein Produkt der neuen Zeit, auch wenn die Leute natürlich auch im Mittelalter nicht gefühlsmäßig gleichgültig waren gegenüber verschiedenen Gegenden und man auch so über Landschaft reden könnte: „was empfindet der Mensch, wenn er in die Gegend blickt“. Aber dann versteht man nicht viel von dem, was Landschaft bedeutet und wie das sich wandelt.

    Ich weiß nicht, ob die Beduinen die weite Wüste lieben. Vielleicht ist es ja so wie bei den Deutschen: Manchmal lieben sie die deutsche Landschaft (und manche lieben sie immer), manchmal nicht (und manche nie). Manchmal mögen sie viel lieber das Mittelmeer oder einen Palmenstrand und wollen nichts wie weg, und manche wollen das immer. Damit bin ich beim zweiten Punkt, der Rolle der Biologie für die ästhetischen Vorlieben. Denn wenn es eine genetisch bedingte Vorliebe für bestimmte Landschaften gäbe (bei Beduinen für die Wüste), dann hätte man ein Erklärungsproblem. Dazu habe ich unter der Überschrift „Savannentheorie“ vor einigen Monaten einen ausführlicheren Blog-Artikel geschrieben, da könnten Sie sehen, was ich zu dieser Frage denke.

  14. @Mona

    Sie schreiben: Wir sind uns „”uneinig”, weil wir in dieser Hinsicht nicht die gleiche Art von Gläubigkeit vertreten. … Für mich gibt es keine “Tempelschändung”.
    Da muß ich mit einem etwas verzwickten einerseits-andererseits antworten.

    Einerseits „vertrete“ ich diese Gläubigkeit auch nicht, sondern diagnostiziere sie bei dem harten Kern der Liebhaber der traditionellen Kulturlandschaft, denen, die ganz in der Weise der alten konservativen Kulturkritik denken und fühlen. Wer mehr oder weniger dem modernen, progressiven Denken zuneigt, wird nicht von „Tempelschändung“ reden, auch nicht von „gottgefälligem“ Leben, sondern vielleicht von „richtigem“ Leben.

    Die Frage – und das ist das „Andererseits“ – ist aber, ob da wirklich etwas so sehr anderes gemeint ist, ob es nicht weitgehend nur andere Worte sind. Oft ist es sicher etwas sehr anderes, aber bei der Landschaft weitgehend doch nicht, vermute ich.

    Sie schreiben: „Denn der deutsche Wald ist auch für mich eine Sehnsuchtslandschaft, da ich Literatur und Gedichte, auch aus der Romantik, liebe.“ Schon, das könnte ich von mir auch sagen – aber warum sprechen einen Romantiker an? Welches Bedürfnis moderner Menschen formulieren die romantischen Dichter da? Wenn da nichts wäre, würden einen diese Dichter ja gar nicht berühren. Es heißt, sie beklagen die Entzauberung der Welt durch die Aufklärung. Auch der moderne Mensch, wie er in der Zeit der Romantik entstand, sehnt sich nach dem Zauber. Von dem hat ja jeder eine Ahnung, weil er einmal Kind war, und wenn er Literatur aus älterer Zeit liest, dann sieht er, daß die Welt für alle damals so war wie heute nur für kleine Kinder: eine Welt voll mit Märchenwesen, eine Welt, die nicht kalt und nüchtern ist, sondern in der schlechthin alles lebt und in der das Wünschen noch geholfen hat, und in der man noch geborgen war, weil es fürsorgliche Wesen gab, die einen beschützen (Vater und Mutter für das Kind, Gott und König in der alten Welt).

    Diese vergangene Welt symbolisiert die traditionelle Kulturlandschaft (beim Wohlgefallen an ihr geht es viel mehr um Symbolik als um Schönheit), und daß die Kulturlandschaft die Sehnsucht nach einer ganzen vergangenen „Welt“ anrührt, meinte ich, als ich schrieb, es gehe ums „Ganze“. Da hatte ich zwar an den harten kulturkonservativen Kern gedacht, der tatsächlich die alte Welt ganz wieder haben will. Aber ich glaube, es trifft auch auf diejenigen Modernen zu, die sich von der traditionellen Kulturlandschaft angesprochen fühlen; auch sie (wir) empfinden eine Sehnsucht nach einer vergangenen („verzauberten“) Welt, ohne doch gleich die ganze alte Welt politisch und kulturell wieder zu wollen. Man will (wir wollen) die Dorflinde erhalten, aber nicht die soziale Rolle „Dorfjungfrau“, man mag alte Burgen, aber möchte nicht, daß Ritter über Bauern herrschen. Man sehnt sich nach der verzauberten Welt, aber kann doch nicht anders als sich eingestehen, daß es keine Nixen gibt.

  15. @Ludwig Trepl

    Anscheinend vertreten wir keine konträren Standpunkte und das Ganze ist mir auch wichtig, aber ich bezweifle, dass es wegen der unschönen Windräder gleich “ums Ganze” geht, deshalb würde ich hier auch nicht religiös argumentieren wollen. Vielleicht sind wir uns in der Einschätzung des Problems “uneinig”, weil wir in dieser Hinsicht nicht die gleiche Art von Gläubigkeit vertreten. Das meine ich jetzt nicht wertend, sondern rein als Feststellung. Für mich gibt es keine “Tempelschändung” und kein “gottgefälliges” Leben, da ich der Ansicht bin, dass wir uns den Menschen verbunden fühlen sollten und nicht irgendwelchen Göttern. Ich habe sehr wohl einen Blick für die Schönheit der Natur, aber sie ist nicht etwas was außerhalb steht, sondern sie ist Teil meines Lebens. Wenn die Natur zerstört wird, dann wird nichts “Heiliges” zerstört, sondern ein Teil unserer Lebensumwelt und unserer Kultur, das ist schlimm genug. Denn der deutsche Wald ist auch für mich eine Sehnsuchtslandschaft, da ich Literatur und Gedichte, auch aus der Romantik, liebe.
    http://www.textlog.de/22487.html

  16. @Ludwig Trepl – wohl doch mehr Einigkeit

    Vielen Dank für die ausführliche Antwort, ich verstehe Ihre Bedenken vor Ihren Erfahrungen mit Landschaftsarchitekten und deren Landflucht besser. Und leider teile ich sie insofern heute, noch – denn mir schwebt als Vision ein anderes Ideal vor, dass daran grundsätzlich etwas ändern könnte. Und Windanlagen könnten ein guter Weg dorthin sein, denn damit könnten auch Landschaftsarchitekten zeigen, dass sie progressiv sind indem sie gewachsene Landschaft bewahren (was man ja heute noch nicht tut).

    Dazu kommt, dass ich von der Trennung zwischen Biologie und Ästhetik alles andere als überzeugt bin, auch wenn die Kultur ihr Wörtchen mitzureden hat. Ich verstehe nämlich nicht, woher für uns intuitive Ästhetik oder Schönheit kommen soll – wenn nicht aus den damit verbundenen Chancen eines erfolgreichen Lebens. Warum wir uns bei Tempelschändungen der Landschaft angegriffen fühlen, wenn da nicht unsere Intuition mitspielte und damit für unser (Über)Leben biologisch Bedeutsames. Allerdings ist dieses Konzept für mich dynamisch, und nicht immer sind die geäußerten Ansichten richtig bzw. vollständig – was wir äußern, ist nur ein kleiner Teil unseres Denkens. Ich habe das noch nicht konkret an Landschaftsarchitektur-Vorstellungen studiert und Ihr Buch bisher nicht gelesen, hatte aber oben versucht, das an den Idealen menschlicher Schönheit zu illustrieren.

    Daher bin ich überzeugt, dass die Biologie teils durch Kultur quasi überschrieben oder konkretisiert werden kann. Aber dass trotzdem gewisse Grundstimmungen erfahrbar sind, die daneben genetisch weitergegeben werden – das geht in die Richtung des asiatischen Konzepts der Einheit. Vielleicht ist es sogar so, dass uns biologische Notwendigkeiten teils nur indirekt über Ästhetik zugänglich sind. Dort ist wegen des Trennungsystems unserer Wissenschaft aus meiner Sicht noch zu vieles unerforscht, wir müssten also unsere Wissenschaft erstmal stärker auf Beziehungen ausrichten, bevor wir dort mehr erkennen können. Einige Indizien gibt es aber schon, etwa bei den sogenannten Wolfskindern – die fernab der Zivilisation aufwuchsen und dann doch gewisse Teile davon interessant fanden (etwa Musik).

    Im Hinblick auf meine Vorstellung einer für den Einzelnen biologie- und gesellschaftlsabhängigen Dynamik ist der von Ihnen ober erwähnte Widerspruch auch nur einer außerhalb des Zusammenhanges – wohl weil meine Ausführung schon zu kurz war: Für einen Beduinen ist die Wüste schön, denn er kann darin Muster finden und er kann darin nach seinen Vorstellungen gut leben – auch wenn sie nach westlichen Maßstäben monoton ist, denn wir können diese subtilen Muster nicht mehr wahrnehmen. Unser Gehirn kommt mit dieser Langsamheit, mit dieser Weiträumigkeit nicht klar – es ist an die Verarbeitung viel intensiverer Muster gewöhnt, und nun zugleich unterfordert als auch überfordert: Kann es doch nichts vorhersehen, weil es die subtilen Regelmäßigkeiten nicht erkennt. Das Gleiche gilt aber in die andere Richtung für den Beduinen – er ist in unserer Landschaft unterfordert als auch überfordert, denn er kann keine Muster erkennen und darum die enorme Komplexität unserer Städte nicht verdauen. Und ähnlich ist es für die Bewohner der Steppen oder die unserer Idyllen.

    Unser Gehirn kann allerdings die Mustererkennung lernen und zwar einerseits umso besser, je früher wir damit in Berührung kommen, und andererseits je näher diese Muster am genetisch veranlagten sind. Da spielen aber noch viele Dinge hinein, denn auch wenn unser Gehirn prinzipiell bis ins hohe Alter plastisch ist, so doch nicht für alle Bereiche – etwa wird erstmaliges Sprachlernen ab ca. 6 Jahren extrem schwer. Ich vermute, dass ähnliche Zeiträume auch für die Muster oder zumindest deren Grundstimmungen gelten (denn Spracherkennung ist ja Mustererkennung). Unabhängig von den genauen Grundlagen: Wir wollen erstmal nicht umlernen. Und das ist biologisch sinnvoll – denn wir sollen lieber wieder in die gewohlte Umgebung zurückkehren, was für den Einzelnen weniger energieaufwändig ist. Nur wenn dieser Weg versperrt ist, nur dann gehen wir den enormen Energieaufwand eines Umdenkens ein – der auch mit einigem Risiko verbunden ist (zumindest war), denn Gefahren sind uns nicht mehr gleichermaßen automatisch erkennbar (bei der Wüste etwa das Wandern der Dünen – und nach der ersten Wanderdüne kann es ohne Lehrer schon vorbei sein).

    Und damit bin ich am Ende ganz bei Ihnen – das Landschaftsproblem ist ein strukturelles Problem unserer Gesellschaft. Einerseits weiten wir unseren Kontakt aus, andererseits sind wir nicht wirklich gewillt, die Energie für das Verständnis des ANDEREN aufzubringen. Wer also schnell erfolgreich sein will, der muss heute das Vorhandene immer größer, immer schneller und immer “moderner” machen. Denn dieses Fortschrittsideal können wir (ob entsprechender Indoktrinierung) leicht mitvollziehen. Und doch sind wir nicht damit glücklich, sind wir in unserem Inneren nicht damit gewachsen – denn wir sehnen uns nach den simplen gewachsenen Landschaften. Was wir als moderne Gesellschaft natürlich gnadenlos in der Werbung ausschlachten…

    Den Weg zurück könnte es geben – allerdings nur als Weg nach vorn. Also nur, wenn wir (wie oben angedeutet) den Weg zurück nicht mehr gehen können – ob nun wegen Erschöpfung der Ressourcen oder wegen gesellschaftlicher Zwänge oder wegen gesellschaftlichem Sinneswandel. Und Diskussionen wie diese hier sind ein Beitrag zur letztgenannten Option – mit etwas Glück können wir die in einer Demokratie kritische Masse gewinnen und dann faktische Zwänge schaffen hin zu einem Nachdenken auch über wachsende Ästhetik. Der Baustellen gibt es dazu viele, obwohl es eigentlich überall ums Selbe geht…

  17. @ Mona

    Ich habe von Kirchturm, Mühle und dem erlengesäumten Bach geschrieben, und Sie fragen: „beschreiben Sie hier nicht ein Klischee, das es schon längst nicht mehr gibt?“

    In der Tat, aber darauf kommt es in unserem Zusammenhang nicht an. Sie fahren ja selbst fort: „Es wird hier also gar kein reales Bild, sondern höchstens ein Traumbild zerstört.“ Genau das ist es, nur „höchtens“ ist irreführend. Die wenigen Orte und vor allem die Vorstellungen von ländlicher Landschaft, die allgegenwärtig sind (was man daran sieht, daß man sie z. B. in der Werbung nutzt), symbolisieren einen Traum, und gerade deshalb sind sie wichtig. Es ist dabei gar nicht von Bedeutung, daß nicht mehr viel davon da ist. Gäbe es nicht 5000, sondern nur noch 50 Burgen, dann würden sie ja für die, die vom Mittelalter träumen, nur noch wertvoller.

    Wenn Sie schreiben: „Es hilft nichts, man kann die Vergangenheit nicht zurückholen“, dann sind wir uns einig – erstens, weil die Vergangenheit real ja keineswegs so war, daß man sie sich zurückwünschen sollte, zweitens, weil das Zurückholen sowieso nicht geht, drittens, weil es zumindest schwierig ist, die angenehmen Seiten der Vergangenheit ohne die unangenehmen zu erhalten.

    Was möglich ist und auch tatsächlich geschieht, ist nichts als Denkmalschutz (was heute unter Naturschutz läuft, ist großenteils Denkmalschutz). Dafür bin ich im Prinzip. Aber den kann man sehr verschieden betreiben. Es ist ein Unterschied, ob ein altes Patrizierhaus ein Museum ist, ob die Fassade erhalten wird und dahinter eine moderne Ladenpassage liegt, ob es etwa in alter Form weiterhin genutzt wird, ob es künstlerisch in eine moderne Umgebung irgendwie eingebaut wird usw.

    Das Hauptproblem scheint mir die politische Botschaft, die vom Denkmal ausgeht: Ein Schloß kann erhalten/wiederaufgebaut werden mit dem Ziel, die früheren Herrschaftsverhältnisse zu verherrlichen (siehe Berlin). Die Landschaft im kulturkonservativen Verständnis hat auch diese Funktion. Das will ich aber nicht, dennoch hänge ich wie die meisten an genau dieser Landschaft.

    Uneinig sind wir uns in der Einschätzung der Bedeutung des Problems: Sie schreiben, wir müssen nun damit leben, daß ein umweltfreundliches Energiesystem „einige ästhetische Nachteile“ hat. Eben das halte ich für weit untertrieben. Es geht eben nicht nur um Ästhetik. Weiter oben habe ich geschrieben, daß der Vorgang der Landschaftszerstörung für die, die dagegen sind, Ähnlichkeit mit „Tempelschändung“ hat. Die Landschaft ist nicht einfach ein schönes Bild, sie ist im dem hier in Rede stehenden Denken Symbol und zugleich Wirklichkeit des gottgefälligen (man kann auch sagen naturgewollten) Lebens überhaupt, ihre Zerstörung ist die Zerstörung von etwas Heiligem. Damit meine ich mehr als das, was man hier sicher assoziiert: die romantische Vorstellung vom Wald als Tempel, in dem man andächtig zu verstummen hat. Seit über 200 Jahren bündeln sich die religiösen Energien, die ihren Ort früher in Kirchen hatten und aufs Jenseits gerichtet waren, nicht zuletzt in Ideen von „Natur“ und „Landschaft“. Für die Gegner der Landschaftszerstörung geht es nicht um ein bißchen Ästhetik, sondern buchstäblich „ums Ganze“. Und solche Energien (die keineswegs verschwunden sind, vielleicht nicht einmal schwächer geworden, nur nicht mehr ohne weiteres als religiös zu erkennen sind) können auch überaus destruktiv werden, wie man weiß.

  18. @Noït Atiga

    Sie schreiben, „dass wir uns in biologisch erfolgreichen Landschaften wohlfühlen“. Doch dem widersprechen Sie dann selber: auch „»monotone, „ausgeräumte“ Landschaften« können also schön sein, etwa eine Wüste.“ – Wenn es um Ästhetik geht, sollte man die Biologie ganz vergessen. Es ist eine bestimmte (konservative) Ideologie, in der vor etwa 200 Jahren die Verbindung „biologisch erfolgreich“ (meist sagt man heute ja „ökologisch intakt“ oder so etwas) mit Eigenart, Vielfalt und Schönheit hergestellt wurde (in dem rechts am Rand zu sehenden Buch von mir habe ich das ausführlich beschrieben). Den Tatsachen entspricht diese Theorie nicht.

    Das mit der schönen Wüste ist im übrigen nur der Touristenblick, man sollte noch anderes erwähnen: Die ausgeräumten, weiträumigen Landschaften der industriellen Landwirtschaft, etwa in Ostdeutschland, fand man lange Zeit in weiten Teilen der Bevölkerung, wohl in der Mehrheit, attraktiv. Das Land war dadurch schöner geworden. Es war vor allem eine Frage des politischen Lagers: Seit dem 19. Jahrhundert bedeutete „fortschrittlich“ in der Regel pro-industriell und die ästhetischen Präferenzen waren entsprechend. Denken Sie an die Klassische Moderne in der Architektur. Erst seit ca. 40 Jahren sind diese klaren Zuordnungen etwas durcheinandergeraten.

    Sie schreiben weiter: „Darum auch wünsche ich mir … Landschafts-Architektur – denn die übernimmt nicht überall dasselbe Ideal, sondern integriert die Windkraftanlage in die jeweilige Umgebung; sie versucht, die organische Landschaft zu erhalten.“

    Sie versucht es vielleicht hier und da, aber kann sie’s? Ich habe mein halbes Leben lang Landschaftsarchitekten unterrichtet, und meine Haupterfahrung war, daß die Landschaftsarchitekten panisch vor dem Land flüchten. Sie gestalten Plätze in der Stadt, wo sie modern sein dürfen, und überlassen die Landschaft ästhetisch und kulturell unbedarften Naturschützern (und den Bauern). Ich vermute, sie tun das deshalb, weil sie sich generell vor nichts mehr fürchten, als als konservativ zu gelten. Konservativ aber müßten sie auf dem Land sein („organische Landschaft erhalten“ – die ländliche Idylle erhalten), ihre modernen Entwürfe funktionieren da nicht. Die Landschaftsarchitektur hat keine Idee, wie man auf dem Land gestalten könnte, ohne daß das Resultat konservativ wird oder eben allseits abgelehnt wird.

    Dieses Fehlen der Idee scheint mir nicht die Schuld der Landschaftsarchitekten zu sein. Es ist ein strukturelles Dilemma der Moderne; ich fürchte, es gibt einfach keine Lösung. Der Konflikt wird bleiben. Die progressive, technokratische Seite wird natürlich siegen, wie sie immer gesiegt hat, aber der konservativ (und romantisch) motivierte Widerstand wird nicht zum Erliegen kommen.

  19. @Martin Holzherr

    Leider weiß ich, dass Sie derzeit Recht haben. Und wusste es schon vorher – daher oben der Verweis auf das Höhe-Problem. Nur wünschte ich mir eine Änderung dieser Einstellung.

    Darum gefällt mir der Einwurf von Ludwig Trepl so gut, denn er weist darauf hin, dass nicht alle Bürger nur Technik wollen, dass nicht alle Bürger das Immer-mehr und Immer-größer befürworten – sondern dass sich wenigstens manche auch ihr Gefühl bewahrt haben und ihre Überzeugung, dass Überleben lange nicht alles ist. Und dass die Liebe zum Leben und seiner Ästhetik keineswegs gleichzusetzen ist mit einer Ablehung des Umweltschutzes.

  20. Antwort @Ludwig Trepl

    Sie schreiben: “An Ihren Überlegungen hätte ich zu kritisieren, daß sie so abstrakt sind.”

    Da schließe ich mich @Noït Atiga an. Denn auch meine Ansichten und Vorstellungen waren nicht nur “abstrakt” gemeint.

    “Ein künstlerisch und überhaupt in jeder Hinsicht gelungenes modernes Gebäude, das wir in einer Stadt bewundern, möchten wir in einem Dorf nicht haben. Es zerstört das Symbol Dorf bzw. Landschaft. Es soll dort ländlich aussehen…”.

    Nun, das ist ja eine bekannte Tatsache, deshalb gibt es auch sehr viele verschiedene Gebäudetypen und jede Menge Bauvorschriften.

    “Und so wird es mit den ästhetisch gestalteten Windkraftanlagen auch sein: Sie werden schön aussehen, aber sie passen, da sie es nun einmal nicht vermeiden können, nach „Industrie“ auszusehen, nicht neben den Kirchturm, die Mühle und den sich schlängelnden erlengesäumten Bach. Sie zerstören das Bild der Welt, von der wir träumen.”

    Bei allem Respekt, aber beschreiben Sie hier nicht ein Klischee, das es schon längst nicht mehr gibt? Viele der Bäche wurden begradigt und in Betonrinnen gepfercht und Mühlen gibt es auch schon längst nicht mehr. Zudem sind auch die Dörfer von den Bausünden der Vergangenheit nicht verschont geblieben. Es wird hier also gar kein reales Bild, sondern höchstens ein Traumbild zerstört.

    “Andere träumen nicht von dieser Welt, sondern von einer ganz anderen, einer kosmopolitischen, großstädtischen Welt, die für jene, die an der traditionellen Kulturlandschaft hängen, der Inbegriff alles Schlechten und Bösen ist. Und diese anderen verstehen dann nicht, was die ersteren überhaupt haben: Sollen sie sich doch umgewöhnen; man muß nur richtig hinsehen, dann erkennt man die Schönheit der modernen Technik. Nur: das hilft halt nichts.”

    Von dieser Welt braucht man nicht zu träumen, denn sie ist weitgehend die uns umgebende Realität. Es hilft nichts, man kann die Vergangenheit nicht zurückholen. Wir können nur nach vorne schauen und nachdem wir uns von der Kernenergie verabschiedet haben, weil wir ein umweltfreundliches Energiesystem wollten, müssen wir nun damit leben, das es einige ästhetische Nachteile hat. Man könnte sich vielleicht um Schadensbegrenzung bemühen, indem wir unseren Lebensstil ändern und weniger Strom verbrauchen, aber damit stößt man weitgehend auf taube Ohren.

    Insgesamt sind wir uns hier aber alle einig, dass es für die Windmühlen nicht nur Technik, sondern auch Architektur und Landschaftsarchitektur braucht, um sie entsprechend zu integrieren.

  21. 140 m hohe Windturbinen

    @Mona, Noït Atiga

    Ihre Hoffnung auf phantasievolle und ästethisch ansprechend gestatltete Windturbinen wird sich kaum erfüllen.

    In der Praxis sieht es so aus: Das bewährte und durchgerechnte wird einfach immer grösser skaliert.

    Ab 2.5 MW Leistung sind Windturbinen mehr als 100 Meter hoch. In naher Zukunft werden Windturbinen höher als 150 m erwartet (8 bis mehr als 10 MW).

    Diese Windturbinen werden die Landschaften auf viele Kilomter hinaus dominieren, ähnlich wie heute Kühltürme. Nur braucht es weitaus weniger Kühltürme. Ein grosses 1 Gigawattkraftwerk muss durch 400 8 Megawatt-Windturbinen ersetzt werden – und jede Turbine ist 140 m hoch oder höher.

    Später einmal wird man Windturbinen als Orientierungspunkte wählen. Es wird viel mehr davon geben als Kirchtürme und sie werden höher sein als die meisten Kirchtürme.

    Man sollte sich schon mal daran gewöhnen.

  22. @Ludwig Trepl

    Meine Ausführungen sah ich nicht so abstrakt und meinte sie jedenfalls viel spezieller, als sie anscheinend zu verstehen sind. Für mich ist alles, was Sie anführen, ein Teil meiner gewünschten Schönheit. Ich setze diese also nicht mit irgendeinem klassischen oder sonstwie statischen Ideal gleich, sondern mit dem in der jeweiligen Umgebung und Zeit vorhandenen (auch symbolischen) Mustern (als Begriff sicher besser als Regelmäßigkeit oder Symmetrie).

    Ausgeräumte Landschaften haben wenige Muster, aber sie haben ebenfalls welche. Krumme Landschaften haben Muster und selbst scheinbar unsymmetrische haben Muster. Und das jeweilige Ideal hing und hängt immer vom Umfeld und den Erfahrungen der betroffenen Menschen ab. Und doch kann man das (aus meiner Sicht) auf abstrakter Ebene verallgemeinern – und wenn man sich einmal diesen Blick angewöhnt hat, dann erkennt man auch in krummen Landschaften schnell die Muster (und kann auf die Verhaltensweisen der Menschen schließen). Letztlich muss das auch so sein, denn wir Menschen sind zum Leben geboren, und dazu gehört, dass wir uns in biologisch erfolgreichen Landschaften wohlfühlen – und dazu braucht es eine gewisse Kohärenz in der Landschaft selbst und zwischen ihr und unseren Vorstellungen.

    Auch nach westlichen Maßstäben »monotone, „ausgeräumte“ Landschaften« können also schön sein, etwa eine Wüste. Darum auch wünsche ich mir nicht nur Architektur, sondern Landschafts-Architektur – denn die übernimmt nicht überall dasselbe Ideal, sondern integriert die Windkraftanlage in die jeweilige Umgebung; sie versucht, die organische Landschaft zu erhalten. Und dann kann es auch kleinere Anlagen geben, die »neben den Kirchturm, die Mühle und den sich schlängelnden erlengesäumten Bach« passen. Im Kleinen nutzen auch die Elektrizität.

    Und weil diese Anlagen dann sowohl zum System Dorf oder der Stadt passen als auch zum System saubere Energie, darum sind sie gewachsen und wir Menschen können mit ihnen wachsen…

  23. @ Mona und @ Noït Atiga

    An Ihren Überlegungen hätte ich zu kritisieren, daß sie so abstrakt sind. Sie reden von „dem“ Menschen, der findet Symmetrisches „schön“ oder auch nicht, Monotonie gefällt ihm nicht usw. – Dieser Mensch ist ein Abstraktum, das es nirgends gibt. Am ähnlichsten ist ihm noch der Bildungsbürger westlicher Gesellschaft unserer Zeit. Der verallgemeinert sich da.

    Es gibt Menschen, und zeitweise waren sie in unserer Kultur die Mehrheit oder fast die Mehrheit, die mochten am liebsten monotone, „ausgeräumte“ Landschaften. Andere gibt/gab es, und zeitweise waren sie in unserer Kultur auch die Mehrheit oder fast die Mehrheit, für die konnte es nicht krumm und unsymmetrisch und kleinteilig genug sein.

    Das erste, was man sich bewußt machen sollte, ist, daß es sich bei den Windkraftanlagen nur am Rande um Schönheit im strengen Sinne handelt („interesseloses Wohlgefallen“ an der Form). Viel wichtiger ist die Symbolik. Sie vermittelt angenehme und unangenehme Gefühle, die sich mit der Schönheit (und anderem) sozusagen zu einer Gesamtattraktivität verbinden. Weil man schlampig denkt, sagt man dazu dann meist „schön“; jemand, dem die Vorstellung der sauberen Energie angenehm ist und dem deshalb die Windräder ein angenehmes Gefühl verschaffen, sagt dann, er finde sie schön. Dabei verwendet er den Begriff Schönheit ungefähr so präzise wie die Mutter, die sagt „gib die schöne Hand“.

    Die Windkraftanlagen stoßen in allererster Linie nicht deshalb auf Ablehnung, weil sie nicht schön sind, sondern weil sie die Landschaft als Symbol eines guten Lebens im konservativen Sinn zerstören. Die traditionelle Kulturlandschaft ist das Symbol des Lebens in hergebrachten, organischen Verhältnissen, in der Idee dieser Landschafts bündelt sich alles, was das konservative Denken seit 200 Jahren gegen die in politischer, ökonomischer, technischer und kultureller Hinsicht moderne Welt zu stellen hat.

    Darum, Mona, wird es auch nicht allzu viel helfen, wenn man die Windkraftanlagen ästhetisch gestaltet – obwohl ich dafür auch bin und mir weiter nicht viel einfällt; man sollte in der Tat, meine ich, den Ingenieuren, die als solche nur technisch denken und die Funktionalität im Auge haben, diese Aufgabe nicht überlassen, sie statt dessen Architekten übertragen, die von Berufs wegen die Ästhetik und die kulturelle Einbindung mitberücksichtigen müssen. Aber:

    Ein künstlerisch und überhaupt in jeder Hinsicht gelungenes modernes Gebäude, das wir in einer Stadt bewundern, möchten wir in einem Dorf nicht haben. Es zerstört das Symbol Dorf bzw. Landschaft. Es soll dort ländlich aussehen, weil wir, konservativ, wie wir in dieser Hinsicht im allgemeinen (auch) sind, mit „ländlich“ das (vermeintlich) unentfremdete, unzerrissene und ins große Ganze eingebundene Leben vergangener goldener Zeiten assoziieren.

    Und so wird es mit den ästhetisch gestalteten Windkraftanlagen auch sein: Sie werden schön aussehen, aber sie passen, da sie es nun einmal nicht vermeiden können, nach „Industrie“ auszusehen, nicht neben den Kirchturm, die Mühle und den sich schlängelnden erlengesäumten Bach. Sie zerstören das Bild der Welt, von der wir träumen. Andere träumen nicht von dieser Welt, sondern von einer ganz anderen, einer kosmopolitischen, großstädtischen Welt, die für jene, die an der traditionellen Kulturlandschaft hängen, der Inbegriff alles Schlechten und Bösen ist. Und diese anderen verstehen dann nicht, was die ersteren überhaupt haben: Sollen sie sich doch umgewöhnen; man muß nur richtig hinsehen, dann erkennt man die Schönheit der modernen Technik. Nur: das hilft halt nichts.

  24. @Mona: Interessantes Buch

    Die Integration in Architektur finde auch ich spannend, wird doch damit eine Kulturlandschaft wachsend verändert. Leider sind die schöneren Gebäude bisher nur Konzeptstudien und die Energieausbeute ist zu gering, werden doch meist nur Bruchteile des Engergieverbrauches des jeweiligen Bauwerks gedeckt.

    Wollen wir windenergie, dann kommen wir derzeit nicht um Windparks herum. Doch wenn ich @Ludwig Trepl richtig verstanden habe, dann ist ihm der Windpark als solcher nicht das Problem, sondern die unreflektierte Schändung der Landschaft. Und dem könnte man (teils) abhelfen, indem man – wie von ihm vorgeschlagen – eben nicht nur über Effizienz redet, sondern auch über Ästhetik. Verschiedene Rotorformen sind dabei aber nur ein kleiner Teil – vielmehr ginge es um die Einpassung der Windräder in die Natur, also eine Art von Landschaftsarchitektur.

    Frühere Generationen haben ihre Bauten wegen der Infrastruktur oft eingepasst – unsere Stromkabel aber liegen unterirdisch. Ein schwer zu lösendes Problem ist auch die Höhe der heutigen Windräder mit bis zu 200 m. Für solche staksigen Riesen gibt es in der Natur kaum Vorbilder. Wohl nicht zu Unrecht, denn sie sind eigentlich instabil und brauchen daher riesige monolithische Fundamente – die das Leben auch unter der Erdoberfläche zerstören. Und damit die stete Erneuerung der Landschaft unterbinden, während etwa bei Bäumen die Querschnittsfläche ungefähr konstant ist – obererdig wie untererdig gehen sie zwar in die Breite, lassen aber auch viel Platz für anderes Leben. (Wie auch die meisten elektrischen Freileitungen.)

  25. Nachtrag

    Das Design von Windrädern hat mich jetzt noch mal beschäftigt und ich habe unterschiedliche Rotorformen gefunden. Inwiefern die sich als ökonomisch erweisen, kann ich natürlich nicht sagen, aber zumindest scheint es verschiedene Möglichkeiten zu geben. Besonders interessant finde ich die Hochhäuser mit integrierten Windturbinen, wie hier zu sehen:
    http://www.buch-der-synergie.de/…eue_designs.htm

  26. @Noït Atiga

    Jetzt verstehen ich, Sie meinten die Monotonie der Windradklone. Ja, das entspricht nicht unserer Vorstellung von Schönheit und erinnert irgendwie auch an die Architektur der 1970er Jahre, wo man einen gesichtslosen Wohnblock neben den anderen stellte und so Ghettos erschuf. Vielleicht sollte man die Windräder individueller gestallten mit bunten Flügeln und so. Ich fand auch ein Bild bei dem das Windrad auf ein Strommastengestell montiert wurde. Naja, das besteht noch Designbedarf. http://upload.wikimedia.org/…-WindradSilixen.jpg

  27. @Mona: Auch Unperfektes ist regelmäßig

    Vielen Dank für den Link auf einen Wicht, wie ich ihn mag… Und auch wenn ich oben mehr über “vollkommene” Schönheit schrieb, die Ästhetik des Verfalls ist mir als Lebensbestandteil ebenfalls wichtig – das meinte ich mit dem Satz am Ende: “Das Schöne aber an all den Problemen ist: die Natur wird immer wieder ursprünglich (schön!)…” Denn sie zerstört auch die falsche Perfektion – und zwar in der ihr eigenen Regelmäßigkeit, was ja in den Fotos im Wicht-Artikel deutlich wird. Mir war nur nicht bewusst, dass das japanisch ist – ich bin wohl manchmal zu unbewusst Asiate 😉

    Aber diese Ästhetik des Lebendigen fehlt mir in den Windparks – auch wenn es (wie Sie anführen) vereinzelt schöne Perspektiven in schönem Licht gibt (Die bei dem rechten der von Martin Holzherr verlinkten Fotos wohl bewusst nicht gewählt wurden.). Aber es fehlt der Wiedererkennungswert und die Varianz innerhalb eines Parks.

    Die Strommasten hingegen bestehen aus kleinen, selbstähnlichen Stahlstrukturen – und kaum je sind zwei Masten gleich. Und selbst dann gibt es innerhalb der Masten Verschiedenheiten, wie auch bei den Anordnungen der Masten, den Leitungsaufhängungen, den Leitungskurven etc. In Ihrem Foto ist das alles sehr schön zu studieren. Windparks haben keine solchen menschlich wahrnehmbaren Unterschiede mehr – sie sind in identischen Abständen aufgestellte Klone. Und auch die Solarpanels sind meist aus der üblichen menschlichen Perspektive ohne ansprechende Struktur.

    Sie lassen sich auch mit viel Phantasie nicht als gewachsene und damit lebendige Strukturen interpretieren, ästhetische (gern auch unperfekte) Regelmäßgkeiten fehlen. Und ich zweifle, dass wir dort später Schönheit entdecken – bei den Friedhöfen aus den Weltkriegen (an die mich dieses Bild erinnert) führt dieses starre Abstand in Verbindung mit der ungebrochenen Gleichheit eher zur Beklemmung

  28. Ästhetik des Unperfekten @Noït Atiga

    Ich weiß was Sie meinen und ich wollte Ludwig Trepl auch nicht unbedingt widersprechen, denn auch ich finde es schade, dass Kulturlandschaften so verschandelt werden. Das ändert aber nichts daran, dass unser westliches Denken vom Dualismus geprägt ist und sich vom dem “östlicher” Völker unterscheidet. Man könnte das Ganze sogar noch auf die Spitze treiben und den japanischen Begriff “Wabi-sabi” mit ins Spiel bringen, der ein ästhetisches Konzept der Schönheit des Unperfekten beschreibt. Dieses Konzept huldigt also nicht der äußeren Perfektion, sondern es beansprucht authentisch zu sein. Dementsprechend hat auch der Verfall der Dinge seine ganz eigene Ästhetik. Helmut Wicht beschäftigt sich manchmal mit diesen Dingen:
    http://www.gehirn-und-geist.de/…/drunten/1136722

    Über die Strommasten schreiben Sie: “Und auch das Gesamtbild ist immer gleich und immer anders. Das mag subtil sein, aber es spricht uns auf einer Ebene an, die den Windparks oder Solarfeldern fehlt. Und damit Leben.” Das kann ich jetzt nicht recht nachvollziehen. Sind die Strommasten denn so viel anders als die Windräder oder sind wir nur besser an sie gewöhnt, weil es sie schon länger gibt? Ich würde Windrädern von daher auch eine gewisse Ästhetik nicht absprechen wollen.
    http://www.utopia.de/…er/Energie/offshore10g.jpg
    Und Solarfelder fügen sich manchmal sogar in unsere Kulturlandschaft ein. http://www.schraubfundamente.de/…vorschau_03.jpg

  29. @SKlarmann:jetzt weniger,später kein CO2

    Sie haben recht: Da heute fossile Energiequellen 80 bis 85% der weltweit genutzten Energien bereitstellen ist heutzutage sparen die besten CO2-Vermeidungsstrategie.

    Doch langfristig genügt das nicht. Das verbleibende CO2-Budget von nur noch 800 Gigatonnen CO2, das wir austossen dürfen, damit wir unter 2°C Erwärmung bleiben, bedeutet, dass wir schon bald – innerhalb der nächsten 50 Jahren – überhaupt kein CO2 mehr emittieren und damit überhaupt keine Kohle, kein Öl und kein Erdgas mehr verbrennnen dürfen.

    Wir müssen uns auf die Suche nach Ersatzenergien machen.

  30. @Martin Holzherr

    “Energy use not the problem” aus der Sicht des Klimawandels?

    Was wir AKTUELL an fossilen Brennstoffen verheizen und damit als CO2 in die Atmosphäre blasen ist DEFINITIV Problem hinsichtlich des Klimawandels, auch wenn sich dieser nicht primär kurzfristig auswirkt.

    Der überwiegende Teil unserer Konsumgüter WIRD derzeit mit der Hilfe fossiler Brennstoffe produziert und trägt nicht nur kurzfristig zur Anreicherung klimawirksamer Gase in unserer Atmosphäre bei.

  31. @boris blix: EE-Lösung,die funktioniert

    100% erneuerbare Energien sind möglich, aber eben nicht im Sinne der autarken Selbstversorgung, sonder in einem grossräumigen Netzverbund, der sogar die Grenzen Europas überquert.

    Dies wurde von Gregor Czisch im Rahmen seines Projekts einer kostenoptimierten EE-Energieversorung Europas durchgerechnet. Bei ihm wird Europa vorwiegend von Windenergie von der Atlantikküsten (Winterpeak) und von Windenergie aus Nordafrika (Sommerpeak) versorgt und der Ausgleich von Produktionsschwankungen wird durch ein Supergrid geleistet, das als System von Hochspannungsleichstromübertragungen ganz Europa durchzieht. Etwas Wasserkraft aus Skandinavien und der Schweiz sowie Biomassenkraftwerke sorgen für weiteren Schwankungsausgleich.

    Die andere Lösung mit einem ähnlichen Ansatz ist unter dem Namen roadmap 2050 bekannt und ist ein EU-Projekt.

    Das wären beides reine EE-Lösungen.
    Nukleare Lösungen wären ebenfalls denkbar, allerdings nicht mit dem Reaktortyp der heute dominiert, sondern mit Brütern, die eventuell nicht einmal mit Uran als Brennstoff arbeiten. In China wird in Kooperation mit den USA ein Liquid Fluorid Thorium Reaktor-Konzept verfolgt. Solche Reaktoren würden 100 bis 1000 Mal weniger radioaktiven Abfall erzeugen und wären auch viel sicherer in Bezug auf mögliche Unfälle. Es gibt noch sehr viel mehr Brutreaktorenkonzepte, der LFTR ist jedoch besonders vielversprechend.

    Ihre Aussage Fusionsreaktoren seien noch Jahrzehnte nicht verfügbar muss nicht stimmen, denn es gibt inzwischen sehr viele vielversprechende Konzepte , z.B. die Laserfusion (NIF), oder auch plasma-jet driven magneto inertial funsion oder Konzepte die mit starken Magnetfeldern induziert durch sehr starke Ströme arbeiten.

    Ich halte jedoch eine 100% EE-Lösung mit Supergrid und optimierten Standorten für die am besten realisierbare Lösung.

  32. @Herrn Holzherr: Also welche Quelle?

    Auch wenn man über Kays Ansichten trefflich streiten kann, folgender Gedanke:

    Angenommen Wind und Sonne machen es also nicht und wie sie an SKlarmann schreiben auch keine fossilen Quellen. Fusion funktioniert noch viele Jahrzehnte nicht, vielleicht auch nie. Bleibt Kernspaltung – aktuell rund 4 Prozent der weltweiten Primärenegie. Wie lange hält der Uranvorrat bei Aufstocken auf, sagen wir, 50 Prozent? Da sind die Probleme nicht vorhandener Akzeptanz der Bevölkerung, Endlagerung, reine Grundlastwerke usw. noch gar nicht angesprochen.

    Vielleicht wird es auch für einen englischen Physiker einfacher, wenn er mal aus seiner Schachtel England hinausdenkt. Aber die tun sich oft auch schon mit “Mainland Europe” schwer 😉

  33. @Mona: Ein sehr schönes Foto

    … in jeder Hinsicht. Und es beantwortet aus meiner Sicht die Frage nach der Definition – idealerweise vereint Schönheit alles, was Sie ansprachen.

    Und das Grundprinzip von Schönheit (langfristig und weiträumig erfolgreiche Muster) ist wohl genetisch verankert, denn es findet sich nicht nur beim Menschen, sondern auch sonst in der Natur. Es ist auch intuitiv überprüfbar, denn Symmetrien (wie schon auf Ihrem Foto) sprechen uns mehr an als asymmetrische Strukturen.

    Gerade bei dem letzten Bild ist interessant, dass wir das so abstrakt zwar nicht als schön bezeichnen würden – einen von der Natur unsymmetrisch geformten Baum aber meist doch als (besonders) schön empfinden. Wohl auch, weil die äußere Symmetrie des Objektes nur ein Teil von Schönheit ist, andere sind etwa seine innere Struktur und seine Beziehungen zur Außenwelt. In der Natur ist ja dann nicht nur ein Baum “unsymmetrisch”, sondern in der Regel der gesamte lebende wie nichtlebende Bereich. Und kohärente Muster lassen auf eine gleichmäßige und damit ungestörte Entwicklung schließen – ob nun bei Steinen oder bei Lebewesen.

    Darum kann aber Schönheit auch kulturelle Differenzen integrieren, wobei die Ideale vermutlich viel komplexer sind, als es meist angeführt wird (und das ist ein Problem mit den aktuellen Medien). Nimmt man etwa das übliche Beispiel von Leibesfülle früher und Schlankheit heute – dann ist das zu grob. War doch früher die Nahrungsversorgung oft unregelmäßig – und damit ging Schlankheit zumindest statistisch relevant auch mit Disharmonien einher, sprich mit Entwicklungsdefiziten. Heute nun ist es umgekehrt: zu große Leibesfülle ist (ob des gesellschaftlichen Zwanges zur Diät) oft mit unregelmäßiger Ernährung verbunden – und damit mit Entwicklungsdefiziten. Während Schlankheit (soweit sie nicht übertrieben wird) mit konsequenter ausgeglichener Ernährung einhergeht – also zumindest statistisch relevant auf harmonische Entwicklung schließen lässt. (Und in den Medien wird leider auch die übertriebene Schlankheit ob digitaler Nacharbeit harmonisch!)

    Das wird auch von Fotostudien gestützt, wonach gemittelte Gesichter durchgehend als schöner empfunden werden. Und doch werden sie schnell langweilig, in der Realität also wünschen wir entsprechende Durchbrechungen. Das hängt wiederum mit unserem Gehirn zusammen – wir wollen zwar vorhersagen können, aber diese Vorhersage muss auch anspruchsvoll sein. In der Musik ist das recht gut erforscht – und die verdaubare Komplexität hängt danach auch mit der entsprechenden individuellen Übung zusammen. Wem mehr Muster zur Verfügung stehen, der kann auch kompliziertere Wiederaufnahmen und Variationen vorhersehen.

    Darum ist für mich sowohl das Beispiel als auch der Verweis von @Ludwig Trepl oben treffend: Mit den Windparks wird gewachsene Kulturlandschaft zerstört, und das massiv und ohne Lebenszeichen, also ohne Angebot neuer, für uns nachvollziehbarer Muster. Bei den Strommasten ist das schon für jeden einzelnen anders – wie Ihr Bild beweist, dort ist die Struktur immer gleich und doch immer anders. Auch die Leitungen sind immer gleich und immer anders (auch jahreszeitlich). Und auch das Gesamtbild ist immer gleich und immer anders. Das mag subtil sein, aber es spricht uns auf einer Ebene an, die den Windparks oder Solarfeldern fehlt. Und damit Leben.

  34. @SKlarmann: energy use not the problem

    Sie schreiben:“die notwendigste Maßnahme ist den Energieverbrauch zu reduzieren und dies in jeder erdenklichen Form. “

    Doch aus Klimasicht ist der Energieverbrauch kein Problem. Vielmehr dürfen wir (die ganze Menschheit) noch maximal 800 bis 1000 Gigationnen CO2 ausstossen, damit die Erwärmung unter 2°C bleibt. Wir brauchen also nichtfossile Ersatzenergien, denn ganz ohne Energie kommt man nicht aus. Es stimmt jedoch, dass sie weniger Ersatzenergie brauchen, wenn sie insgesamt Energie einsparen. Doch überall etwas einsparen nutzt aus Klimasicht wenig, denn wir dürfen schon bald überhaupt kein CO2 mehr ausstossen. Anstatt weniger zu heizen im Winter gibt es nur eins, den Öl- oder Gasbrenner durch einen Holzofen oder durch eine (sehr effiziente) Wärmepumpe ersetzen.

  35. Wichtigster Aspekt: Energie sparen

    Bei allen Abwägungen für oder gegen erneuerbare Energien und wunderschöne Landschaften – die notwendigste Maßnahme ist den Energieverbrauch zu reduzieren und dies in jeder erdenklichen Form. Das bedeutet nicht nur Strom mit geringerem Verbrauch und energieffizienten Geräten einzusparen… sondern es muss sich jeder Einzelne seinen Konsum anschauen und sich fragen: “Wie sehr verschwende ich wertvolle Ressourcen unötig, die energieaufwendig produziert worden sind”? Das betrifft alle Dinge, die heutzutage nach einem zu kurzlebigen Nutzen weggeworfen werden, wie z.B. Verpackungen, Kleidung und technische Geräte, die nicht mehr auf dem allerneuesten Stand sind.

  36. Die Botschaft der Wurst und das Heilige

    @Chris: „Bei dem Beispiel mit der Wurst im Gesicht geht es im Grunde noch nicht um die reine Existenz … ums Leben. Es handelt sich nur um die Gewohnheit, dass es sowas nicht gibt und man damit aus der Reihe fällt und also auffällt. Hinge ein Leben davon ab, das im Gesicht eine Wurst quer hängt, dann würde diese Wurst auch akzeptiert werden.“ „Und wenn es ums reine Überleben geht, spielt Schönheit sicher keine Rolle mehr.“

    Das ist nicht die Botschaft dieser Geschichte, im Gegenteil. Das Leben (das bloße Leben und das Leben im Überfluß, das sie sich ja hätten wünschen können) wird unwichtig, wird da gesagt, und zwar aus ästhetischen Gründen. Und nicht aufgrund einer Entstellung, die jedermann als eine solche bezeichnen würde, sondern weil ein bestimmtes (mit „Gewohnheit“ nur sehr unzulänglich zu beschreibendes) Schönheitsideal nicht erfüllt wird. Und in der Tat, es ist wahrscheinlich: Die Frau würde sich eher umbringen als mit der Wurst im Gesicht weiterzuleben.

    Die mit dem Verweis auf die entscheidende Bedeutung des bloßen Überlebens immer herangezogenen „harten Fakten“ sind, so die Aussage der Geschichte, so hart nicht: Es gibt noch härtere Fakten da, wo man sie in dieser Gesellschaft nicht sehen will, z. B. im Bereich des Ästhetischen. (@Noït Atiga: „Die Einwürfe [mancher Kommentatoren] zeugen von den Vorstellungen einer Gesellschaft, die sich lieber von den angeblich harten Fakten ihrer Wissenschaft leiten lässt als von den Empfindungen ihrer Bürger. Einer Gesellschaft, die damit das Leben selbst schon zum Überleben degradiert.“)

    Ich habe die Geschichte gebracht, um zu zeigen, daß die Zerstörung der Landschaft, auch wenn sie nicht für alle eine Zerstörung ist, auch wenn es prinzipiell möglich ist, seine Vorstellungen von Schönheit zu ändern, für manche eine äußerst ernste Angelegenheit sein kann und ist. – Es geht hier ja nicht um Schönheit allein, sondern vor allem darum, daß in einem bestimmten Denken die traditionelle Kulturlandschaft Ausdruck richtigen, in religiösen Begriffen, gottgefälligen Lebens ist, daß die moderne Menschheit sich versündigt, wenn sie nicht mehr so lebt, daß diese Landschaft erhalten, immer wieder erneuert, zur Blüte gebracht wird. So richtig das Argument „ihr werdet euch schon daran gewöhnen“ ist, so sehr geht es doch an dem vorbei, was diejenigen empfinden, die die Landschaft – nicht die Naturlandschaft, darum geht es hier überhaupt nicht, sondern die „gewachsene“ Kulturlandschaft – als zerstört empfinden.

    Es ist eine Art Tempelschändung, die man da empfindet. Und was Tempelschändungen an Reaktionen auslösen können, das ist ja zur Genüge bekannt. Da ändert sich auch dadurch nichts, daß man solche religiösen Wörter nicht mehr dafür verwendet. In der Sache geht es nach wie vor darum: Da wird etwas Heiliges geschändet. Wer mit solchen Begriffen nichts mehr anfangen kann, kann natürlich die Aufregung mancher nicht verstehen und steht darum hilflos vor den Konflikten, die durch die „Energiewende“ auf die Umwelt- Naturschutzbewegung zukommen.

  37. @boris blix :Sonne + Wind nur bedingt

    Sonne und Wind (Zitat)“funktioniert längst” schreiben sie. Doch das stimmt nicht: Es gib immer noch keine überzeugenden Stromspeicher und die andere Alternative, die Vernetzung ganzer Kontinente um die Produktionsschwankungen auszugleichen stösst ebenso auf Widerstand.

    Ein weiteres Problem ist eben die geringe Energiedichte von Sonneneinstrahlung oder Wind, welches es nötig macht riesige Flächen zu überdecken.

    Die ganze Problematik wird vorzüglich von >Sustainable Energy wihtout the hot air behandelt. David McKey kommt insgesamt zum Schluss, dass dichtbevölkerte Länder wie Grossbritannien oder eben Deutschland immer Schwierigkeiten haben werden alle Energie erneuerbar und nur autark zu erzeugen. Für Grossbritannien kommt. Hier eine eindrückliche Behandlung des britischen Windpotentials:
    “Plugging in the British population density: 250 people per square kilo-
    metre, or 4000 square metres per person, we find that wind power could generate

    2 W/m2 ×4000 m2/person = 8000 W per person,

    if wind turbines were packed across the whole country, and assuming
    2 W/m2 is the correct power per unit area. Converting to our favourite
    power units, that’s 200 kWh/d per person.

    Let’s be realistic. What fraction of the country can we really imagine
    covering with windmills? Maybe 10%? Then we conclude: if we covered
    the windiest 10% of the country with windmills (delivering 2 W/m2), we
    would be able to generate 20 kWh/d per person, which is half of the power
    used by driving an average fossil-fuel car 50 km per day.

    Britain’s onshore wind energy resource may be “huge,” but it’s evi-
    dently not as huge as our huge consumption. We’ll come to offshore wind
    later.”

    Zusammengefasst: Bei einer realistischen Ausnutzung des britischen onshore-Windpotentials erhält man pro Brite gerade die Energie um 50km weit mit einem Auto zu fahren.

  38. @Herrn Holzherr, aneutronische Fusion

    Abgesehen davon, dass aneutronische Fusion fernab jeglicher Realisierbarkeit steht (10-facher Energiebedarf “normaler” D-T-Fusion) und wir nicht wissen ob selbst D-T-Fusion jemals in einem Reaktor produktionsfähig funktioniert, was spricht dagegen Sonne und Wind zu nutzen? Beides funktioniert längst.

  39. Natur wird der Luxus der Zukunft sein

    Hier müsste man sich erst mal fragen, was man unter dem Begriff “Schönheit” überhaupt versteht. Ist er gleichbedeutend mit dem Wahren, Guten und Schönen oder meint er mehr eine Art von Ästhetik? Bei letzterer könnte man in der Tat geteilter Meinung sein. Ich bin mir auch nicht sicher, ob “Schönheit” genetisch verankert ist, kulturell ist sie es auf jeden Fall, speisen sich unsere ästhetischen Begriffe doch auch aus Erfahrungen und Moden. Das Wahre-Schöne ist demzufolge nicht etwas Normatives, sondern eine besondere Art und Weise die Wirklichkeit wahrzunehmen. Die Wahrnehmung unserer Wirklichkeit ist gewöhnlich durch die Subjekt-Objekt-Spaltung geprägt. “Der Ausdruck Subjekt-Objekt-Spaltung wurde von Karl Jaspers geprägt und bezieht sich auf eine erkenntnistheoretische Grundstruktur, die damit gegeben ist, dass unser Bewusstsein sich auf Gegenstände bezieht. Zwischen Erkenntnisgegenstand (Objekt) und Erkennendem (Subjekt) bestehe nach Jaspers stets eine unaufhebbare Differenz.” (Quelle: Wikipedia). Diese entspricht unserer gewöhnlichen Art und Weise die Dinge in der Welt wahrzunehmen.
    In Bezugnahme auf die Windräder, die die Landschaft verschandeln, ist aber die Subjekt-Objekt-Spaltung keine notwendige Bedingung die Wirklichkeit wahrzunehmen. Nach Ansicht der klassischen japanischen Ästhetik beispielsweise, ist diese Trennung nur eine Illusion, die durch eine ganzheitliche Betrachtungsweise der Wirklichkeit aufgehoben werden kann. Wenn also die Windräder ein Teil der Wirklichkeit werden und man sich vom Gedanken einer “schönen” Landschaft verabschiedet, dann könnte man auch die Windräder zulassen, weil sie doch Energie liefern und von daher für einen modernen Lebensstil gebraucht werden. Mit den riesigen Stromasten hat man sich doch auch weitgehend abgefunden. Es wird uns also langfristig nichts anderes übrigbleiben, als auch im scheinbar Hässlichen noch eine Art von Ästhetik zu entdecken, denn “echte” Natur wird der Luxus der Zukunft sein.
    http://img.fotocommunity.com/…icht-a19186249.jpg

  40. Schönheit ist Leben

    Und insofern ist (für mich) die Frage (bewusst?) falsch gestellt – wie auch die Einwürfe falsch formuliert sind, obwohl sie sehr klar von heutigen Vorstellungen zeugen. Aber das Beispiel rückt die Frage ja dann noch gerade.

    Die Einwürfe zeugen von den Vorstellungen einer Gesellschaft, die sich lieber von den angeblich harten Fakten ihrer Wissenschaft leiten lässt als von den Empfindungen ihrer Bürger. Einer Gesellschaft, die damit das Leben selbst schon zum Überleben degradiert. Und die darum gar nicht mehr auf die Idee kommt, dass unsere Ästhetik ihren Ursprung im Leben hat für das Leben.

    Oder: Schönheit liegt im Auge des lebenden Betrachters, denn was wir als schön empfinden, das wird genetisch und kulturell bestimmt. Wenn wir also nur auf Idyllen warten, dann sind nur die schön. Wenn wir eigentlich Stimmungen suchen, dann ist jede Landschaft mit Stimmung eigentlich schön. (Das wird im von @Martin Holzherr verlinkten Vergleich (bewusst) genutzt, wirkt doch selbst der Roboter hier weniger kalt als die Windmühlen dort.)

    Immer aber braucht Schönheit gewisse Symmetrien, gewisse Muster, die wir erkennen und wiedererkennen – die aber auch nachvollziehbar durchbrochen und rekombiniert werden. Und darin liegt ein Problem der Windparks (wie auch der Fotos hier): Es gibt (noch) keine uns bekannten Muster und es gibt (noch) keine uns nachvollziehbaren Durchbrechungen oder Neukombinationen. Anders als Windmühlen sind die Windräder zu glatt, zu einheitlich und zu dürr. Sie sind nur rational funktinoal. Und sie haben keine Sprache.

    Kurz: Windparks leben nicht, auch wenn sie unserem Überleben dienen mögen. Aber das kann sich ja ändern, wenn sie menschlicher werden. Oder sind sie schon die Änderung, weil sie sich unserem Stromlienenwahn anpassen? Irgendwie werden wir uns zu ihnen in Beziehung setzen müssen oder doch besser sie zu uns? Denn das Abbauen der vielen Schwimmbecken wird keineswegs so glimpflich verlaufen wie oben angedeutet – die Landschaft selbst hat sich dann sowieso angepasst, über der Erde ebenso wie darunter.

    Das Schöne aber an all den Problemen ist: die Natur wird immer wieder ursprünglich (schön!)…

  41. @boris blix:Idealenergiequelle existiert

    Die ideale Energiequelle ist die aneutronische Fusion von Wasserstoffkernen mit Bor (B11), einer Fusion, bei der nur alpha-Partikel (schnelle Helium-Kerne) entstehen, welche in nachgelagerten Prozessen direkt Elektronen (also unsern Strom) liefern können Zitat(“Those alphas then spiral through a tunnel of electromagnetic coils, transforming them into a flow of electrons, or electricity”). Die Reaktionsgleichung ist:
    p + 11B => 3 He + 8.7 MeV

    Ganz frei von Strahlung/Neutronen wäre zwar auch diese Fusion nicht (aufgrund von Nebenreaktionen), aber weniger als 0.2% der total freigesetzten Energie wäre in Form von Neutronen .

    Dier Hürden diese Fusion zu realisieren sind allerdings sehr hoch. Trotzdem gibt es mehrere Firmen, die behaupten schon bald Energie mit diesem Prozess gewinnen zu können.

  42. @Herrn Holzherr

    “Wie stelle ich mir denn die zukünftige Energieversorgung vor: Nun, die ideale Energiequelle benötigt praktisch keinen “Brennstoff”, erzeugt nur Strom und etwas Abwärme, kann jederzeit an- und wieder abgestellt und als Gross- oder Kleinkraftwerk betrieben werden.”

    Nette Beschreibung … nur, was wäre dies wohl?

    Sonst verbleiben Wind und Sonne.

  43. Den Garten untertan machen genügt.

    Nur schon auf die Idee zu kommen, die Erde bis in den letzten Winkel mit Windrädern (oder auch irgend einem anderen menschlichen Produkt) zu überziehen, zeugt von einer vollkommen falschen Einstellung, denn
    1) die Natur hat ihre eigene Existenzberechtigung unabhängig vom Menschen
    2) nur weil etwas zur Verfügung steht, es bis ins letzte auszunutzen ist an und für sich problematisch, denn es bleibt ja dann keine Reserve mehr übrig und man weiss nie ob man die noch braucht
    3) wenn der Mensch alles in Besitz nimmt, muss er auch für alles die Verantwortung übernehmen. Das überfordert ihn wahrscheinlich.
    4) Alles nur nach seiner Nütlichkeit und Profitabilität zu beurteilen ist eine arge Verkürzung und Verzerrung der Perspektive

    Nach dieser Liste von Allgemeinheiten nun zu Windrädern als Landschaftseingriff, denn sie wurden von vielen Kommentatoren schon erwähnt:
    Das beste an Windrädern ist die Tatsache, dass man sie auch wieder abbauen kann. Irgendwann, wenn man eine vernünftigere Energiequelle gefunden hat (was meiner Ansicht schon in den nächsten 30 Jahren passiert), genügen ein paar wenige Eingriffe und die Landschaft sieht wieder so aus wie vorher.
    Das ist allerdings kein Trost für diejenigen, deren Küstenabschnitt gerade jetzt mit Windrädern überstellt wird. Es verwundert mich ganz und gar nicht, dass es in den betroffenen englischen und schottischen Küstengebieten grossen Widerstand gegen die völlige Veränderung des Landschaftsbildes gibt.
    Hier kann man sich ein Bild von der landschaftsverändernden Wirkung von Windturbinen machen.

    Im guardian-Beitrag British energy policy is a dark underworld of fanatics rechnet Simon Jenkins vor, was das Überdecken der britschen Landschaft mit Windrädern kostet, wie es sich auf die Landschaft auswirkt und wie stark man damit die globale Erwärmung reduziert: “Meeting the current EU renewables directive, largely from wind, would cost some £15bn a year, or £670 a household, and involve the spoliation of swaths of upland, countryside and coast. It is calculated to save a mere 0.2% of global emissions, with negligible impact on the Earth’s sea level.”

    Wie stelle ich mir denn die zukünftige Energieversorgung vor: Nun, die ideale Energiequelle benötigt praktisch keinen “Brennstoff”, erzeugt nur Strom und etwas Abwärme, kann jederzeit an- und wieder abgestellt und als Gross- oder Kleinkraftwerk betrieben werden. Sobald es so etwas gibt, wird niemand mehr von Windturbinen oder Solarpanel sprechen und auch niemand mehr von Kohle- oder Gaskraftwerken.
    Man muss nicht alles in Kauf nehmen nur um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

  44. Bei dem Beispiel mit der Wurst im Gesicht geht es im Grunde noch nicht um die reine Existenz … ums Leben. Es handelt sich nur um die Gewohnheit, dass es sowas nicht gibt und man damit aus der Reihe fällt und also auffällt. Hinge ein Leben davon ab, das im Gesicht eine Wurst quer hängt, dann würde diese Wurst auch akzeptiert werden. Ebenso ist es noch mit den Windrädern und sonstigen Landschaft “verschandelnden” technischen Geräten. Die volle Einsicht in die Notwendigkeit und eben auch die Gewöhnung tritt mit Sicherheit ein, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt Energie zu erzeugen. Denn dies würde schon an die Existenz jedes einzelnen so nahe gehen, dass es fast ums Überleben gehen könnte – obwohl es eben auch wieder nur eine Frage der Gewöhnung ist etwa ohne Strom zu leben.

    Und wichtig dabei ist zu bemerken, das Ästhetik wandelbar ist. Die Sicht auf die Dinge kann man verändern. Das Leben ist dagegen nicht so flexibel – bedeutet, dass es nur dieses eine gibt und es irgendwann zu ende geht. Ist also etwas existenziell, ist es keine Frage der Ästhetik mehr. In unserer Kultur wird Schönheit dazu missbraucht, der Gesellschaft das Leben scheinbar zu bereichern. Es ist im Grunde reine Unterhaltung … Entertainment. Schönheit ergibt sich auch nur daraus, das man im Bewusstsein eine emotionale Haltung zu etwas einnehmen kann – eine Empfindung wahrnimmt, wenn man etwas betrachtet. Dies ist im strengen Sinne eine Fehlleistung des menschlichen organismusses, um die es aber nur unter besonderen Bedingungen herum kommt.

    Und das der Mensch in Mitteleuropa seine bewohnte Landschaft schon seit mehreren tausend Jahren hat beeinflußt, so dass er im Grunde nicht von “ursprünglicher” Natur sprechen/denken kann, sollte jedem eigendlich endlich klar werden. So ist es also fast unerheblich, ob sich zur Kulturlandschaft zukünftig noch viel mehr Windräder dazugesellen müssen. Nur die Gewohnheit macht hier den Unterschied – wie bei der Wurst im Gesicht. Doch solche Sichtweisen sind subjektiv und im Ernstfall eben nicht mehr relevant.

    Ansonsten sind solche Fragen, wie in der Überschrift natürlich anmaßend. Wie kann man einem naiven Bürger eines modernen Volkes solche Abwägungen unter die Nase halten…!? Sie stören wahrscheinlich nachhaltig die heile Welt des Individuums.
    Nur, …. solche Fragen stellen sich zwangsweise in aller Regelmässigkeit und müssen ertragen werden.

  45. Es geht um so viel mehr

    Diese Diskussion auf diese zwei Pole zu reduzieren scheint mir unzulässig.

    Offensichtlich ist der Klimawandel in unserer jetzigen Gesellschaftsstruktur nicht aufzuhalten.

    Gerade die Wissenschaft macht immer wieder deutlich, dass wir auf Probleme zusteuern denen sie aus eigener Kraft nicht Herr werden kann.

    Nur eine tiefgreifende Veränderung der gesamten Gesellschat, die sich mit dem Ende des unendlichen Wachstums, dem Klimawandel, dem Ende der Verfügbarkeit billiger fossiler Energie und all den schädlichen Auswirkungen von Veschwendung und Konsum auseinandersetzen muss, kann das Überleben und die Schönheit retten.

    Der einzelne verweigert sich jedoch der Erkenntnis da diese Grenzen des Wachstums zu akzeptieren ihn selbst in seinem Lebenswandel betreffen würde.

    Zu diesem Schritt ist die Gesellschaft deshalb nicht bereit, denn sie ist zu Träge um schon präventiv Tätig zu werden.

    Ein Wandel wird nur auf Kosten der Schönheit und des Überlebens vieler Menschen von aussen aufgezwungen wefrden. Dies ist die traurige Lehre aus der Entscheidungsschwäche der Politik, der Wirtschaft und der Masse.

  46. Der Einfluß der Ästhetik auf das Existenzielle ist mir auch nicht mehr eindeutig dingfest zu machen und hat mir schon viel Zeit mit denken gekostet.

    Ist Ästhetik nur eine Art Versuchung? Oder doch von unleugbarer Relevanz?

    Auf jeden Fall hat die ästhetische Sichtweise einen großen Anteil an der alltäglichen Wirklichkeit, wird aber ebenso alltäglich auch abgewiesen. und wenn es ums reine Überleben geht, spielt Schönheit sicher keine Rolle mehr – zumindest wird dies dann den Menschen so zugemutet.

    Ausserdem kann man etwa Windräder auch eine Ästhetik unterstellen. Dies sei nur davon abhängig, ob sich diesbezüglich eine modische Vorstellung davon verbreiten kann. Und das man diese Verbreitung auch beeinflussen kann, ist auch bekannt.

    Für mich verschandeln Windräder unsere “Natur” in Deutschland nicht. Denn sie sind ja nicht die einzigen Eingriffe in die Kulturlandschaft, sodass man von Natur oder Natürlichkeit (im Sinne von Ursprünglichkeit) in unseren gegenden nicht mehr reden kann.

    Der springende Punkt bleibt beim Windrad in der Landschaft auch die Gewohnheit, die es dann ja gestört hat, weil das Windrad plötzlich unleugbar groß auf der Wiese steht – was ungewohnt ist und im mindesten als Hässlich beschrieben wird. Zuweilen sollen dann auch noch Geräusche dazu kommen, die wiederum im weitesten Sinne als “hässlich” oder unschön und belastend beschrieben werden können.

    Anderes Beispiel: ich kenne von klein an eine Inselgruppe in einem Südschwedischen See. Früher habe ich mich dort sehr wohl gefühlt. Es ist mir aus heutiger Sicht nur so erklärlich, das ich heute anders über diese Inseln denke, weil dort inzwischen überall Feuerstellen angelegt, Toilettenhäuschen und diverse Schilder aufgestellt sind. Diese zivilisatorischen Maßnahmen machen dieses “Ursprüngliche” empfundene zur Nichte. Auch ist es inzwischen Naturschutzreservat – also Ausdruck von Zivilisation und der Einbeziehung der unberührten Natur in deren Maßnahmen und Strukturen. Natürlich waren diese Inseln nicht “unberührt”, aber man konnte es sich noch ein wenig einbilden, bevor all diese Schilder dort aufgestellt waren.

    Brutstätten seltener Vögel waren zudem wohl auch noch vor Zivilisation zu schützen – leider indem man diese Natur eben in die zivilisatorischen Strukturen einbindet, als sie mit Nachdruck aus ihr fern zu halten.
    Erste Einbindung in diese zivilisatorischen Maßnahmen war die Kartierung dieser Inselgruppe, die erst 1932 stattfand. Bekannt waren diese Inseln vorher wahrscheinlich schon – den dort lebenden Menschen mindestens, die sie aber damals nicht intensiv nutzen konnten, das sie nur schwer zu erreichen sind.

    Das Beispiel zeigt vielleicht auch, dass nicht unbedingt erst die Technisierung die Landschaft/Natur aus der Sicht der Menschen ästhetisch herrabwürdigt, sondern schon die Einbeziehung derselben in die Zivisation mit den üblichen Maßnahmen (s.o.).
    Offenbar kann man aber leider nicht anders damit umgehen, als solche “geschützte Gebiete” auszuweisen.

  47. Das Schöne

    Zu Ihrem Blogtext fällt mir ein: “Das Schöne ist ebenso nützlich wie das Nützliche” (Victor Hugo). Ich selbst komme beim Begriff Schönheit aber zuerst nicht auf die Idee, an einen möglichen Nutzen zu denken. Erst beim zweiten Gedanken sehe ich den Nutzen der Schönheit darin, zu erfreuen, zu entzücken, zu beglücken. Aber Schönheit und Nutzen gehören für mich zuerst einmal nicht zusammen.

    Nun stellen Sie den ästhetischen Wert einer Landschaft, der Nutzung derselben für eine Anlage regenerativer Energieerzeugung gegenüber (z.B. einem Windturbinen- oder Photovoltaikpark). Eine Entscheidung für oder gegen die Landschaft zu fällen, würde mir in dieser Frage niemals leicht fallen. Es wäre zwar plump agumentiert, zu sagen, “wer alle schönen Landschaften erhalten will, muss auf Atomenergie und fossile Bennstoffe setzen”. Das wäre aber am Ende doch die konsequente Antwort. Wer diese nicht will, muss also bis zu einem gewissen Grad zulassen, dass Landschaften zumindest teilweise geopfert werden. Ein mögliches Vorgehen dazu wäre es, Landschaften nach Ästhetikwerten in einer Werteskala einstufen (siehe Karten zum landschaftlichen Attraktivitätsindex des BBR). Jene mit niedrigen Werten, viel Wind und geringen Einwohnerzahlen/Flächeneinheit würden schließlich übrig bleiben, um dort bevorzugt Windparks zu errichten. Aber kann man wirklich so vorgehen? Landschaftliche Attraktivität wird sehr, sehr subjektiv empfunden.

    Die “Verschandelung einer Landschaft” mit Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien muss jedenfalls sehr gründlich überlegt werden, meine ich. Man könnte durchaus die Effizienz und Notwendigkeit einer solchen Anlage für eine Gemeinschaft der Landschaftsqualität gegenüber stellen und dann abwägen. Eine eindeutige und pauschal gültige Handlungsempfehlung zur Frage Ästhetik vs. Energienutzen lässt sich am Ende eher nicht treffen!

  48. Unbedingt Schönheit

    Schönheit ist ein sehr zentrales Element im menschlichen Denken. Genau diese Schönheit ist es die eine Naturlandschaft so wichtig macht. Rein aus Ökologie gedacht, ginge wahrscheinlich auch weniger Wildnis um dennoch einen für Menschen lebensmöglichen Lebensraum zu erhalten. Nur ob dieser noch lebenswert wäre, wage ich zu bezweifeln.
    Naturschutz ist leider allzuoft eher Revierverteidigung, als wirklicher Schutz eines Gutes.