Serendipische Entdeckung im Nichts des alten Jahres

Manchmal findet man etwas, das man gar nicht gesucht hat – das aber mindestens so wichtig ist wie das ursprünglich Gesuchte. Inzwischen hat sich für solche Zufalls-Funde der besonderen Art sogar ein eigener Terminus eingebürgert: die Serendipität.

Ich wollte nur eben im Münchner Hauptbahnhof einen Caramel Macchiato trinken und in die Zeitung schauen, die dort gelegentlich ausliegt. Von der Süddeutschen lag aber nur noch ein kärglicher Rest da – und der war schon eine Woche alt: Die Beilage “Wissen”.
Naja, dachte ich, vielleicht finde ich zufällig was Labyrinthisches, für meine Sammlung. War aber nicht. Wie die “Prinzen von Serendip” (Serendipity) fand ich etwas, das ich gar nicht gesucht hatte: Ein Zitat zur Entschleunigung, ganz am Schluss von einem Dutzend Artikeln zum Thema “Nichts”, wirklich im allerletzten Absatz, als ich schon nicht mehr weiterlesen wollte:

Der Ruf nach Mäßigung angesichts der ökologischen Krise steht ja auch in der religiösen Tradition. Der Kauf von Bioäpfeln und das Trennen von Müll mögen tatsächlich irgendwie sinnvoll sein, sie sind auch Rituale, die das Gewissen erleichtern. Und es ist eine Askese light, die nicht wirklich Entbehrungen fordert: Der Verzicht auf Konsum bedeutet Entschleunigung, Konzentration auf das Wesentliche, besser schmeckendes Essen, mehr Zeit: den Luxus der Einfachheit. Denn kaum noch jemand glaubt, dass es für erlittene Qualen in einem gegenwärtigen Leben später mal eine große Belohnung gibt. Alle Menschen ahnen, dass ihnen nach dem Tode tatsächlich das Nichts entgegentritt. Leben muss man vorher. (Weber 2014)

Und noch´n Zitat, gestern, im Streiflicht der Süddeutschen, dem nichts Zeitgeistiges entgeht (in diesem Fall die Rolle des Computers im modernen Arbeits- und Privatleben und dessen gelegentlicher Luxus der Abwesenheit):

Mittlerweile ist das Online-Sein so sehr die Regel, dass die philosophischen Köpfe unter den Chefs – und Kosslick [vom Berliner Filmfestival 65. Berlinale] dürfte so einer sein – sich im Interesse der Entschleunigung und des nachhaltigen Nachdenkens den Luxus leisten, ihren Job offline auszuüben, auch auf die Gefahr hin, dass ihnen auf Facebook diese oder jene Sottise entgeht.

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Allgegenwart des Labyrinth-Mythos
Weiter hinten, in der selben Ausgabe der SZ, wurde ich dann endlich doch noch fündig, dachte ich zunächst. Im Feuilleton, in einer Buchbesprechung:

In seinem Roman “Grundriss eines Rätsels” entwirft der österreichische Schriftsteller Gerhard Roth ein kunstvolles Labyrinth der Schriften und Zeichen […] (Magenau 2015)

In diesem Fall wird das Reizwort “Labyrinth” wirklich nur als Reizwort, als Mindcatcher eingesetzt; im Artikel selbst kommt der Begriff nicht vor (wurde er vielleicht in der Schlussredaktion aus Platzgründen herausgekürzt?)
Aber eigentlich wollte ich ja ein Versprechen einlösen, das ich im vorangehenden Post gemacht habe, und von einem Weihnachtsgeschenk der besonderen Art berichten (so lange ist das mit Weihnachten und dem Schenken ja noch nicht her).
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Labyrinthisches im Weltall
Bei der Überarbeitung meines allerersten Buches und Romans Männer gegen Raum und Zeit, 1957 geschrieben, als Siebzehnjähriger, und – man staune – ein Jahr darauf tatsächlich veröffentlicht, entdeckte ich gleich drei Labyrinth-Zitate (obwohl mir diese Thematik 1957 wirklich nicht besonders am Herzen lag). Die Vorstellung vom Labyrinth und der damit verbundenen Sage mit ihren Gestalten Theseus und Ariadne, dem schrecklichen Ungeheuer Minotauros, Daidalos und Ikaros, Medea, Phädra und manchen anderen hat mich allerdings schon früh beeindruckt.
Wahrscheinlich war ein Besuch der Luisenburg bei Wunsiedel etwa im Jahr 1950 mit ihrem berühmten Felsen-Labyrinth (eigentlich: Irrgarten*) meine erste eindrucksvolle Labyrinth-Erfahrung.
Ich dürfte elf gewesen sein, als mein Onkel Karl mir ein Jahr später, 1951, zu Weihnachten C.W. Cerams damaligen Archäologie-Bestseller Götter Gräber und Gelehrte schenkte. Eine faszinierende Lektüre, darin enthalten das achte Kapitel mit dem Titel „Der Faden der Ariadne“. Damals muss ich wohl zum zweiten Mal mit dieser rätselhaften und geheimnisvollen Idee des Irrgartens und des Labyrinths in Kontakt gekommen sein. 2007 wurde aus dieser lebenslangen Faszination mein Labyrinth-Blog im Rahmen der SciLogs.
Ich habe dennoch nicht schlecht gestaunt, als ich bei der aktuellen Überarbeitung meines Jugendwerks entdeckte, dass ich auch in diesem Roman auf die Labyrinth-Sage Bezug genommen habe:

„Bleibt dicht beieinanderˮ, mahnte Rani. „Verliert die Magellan nicht aus den Augen. Wer sich einmal im diesem Labyrinth von Spalten und Hügeln verirrt hat, ist unweigerlich verloren. Die größtenteils aus Schwermetall bestehende Bodenstruktur unterbindet jede Funkverbindung über größere Strecken, und eine Suche mit Hilfe des Peilgerätes wäre in diesem Fall illusorisch.ˮ
Schaudernd vergegenwärtigten sich die Männer für einen Moment, was es bedeuten würde, sich in dieser Metallwüste zu verirren. Wenn auch Luft- und Nahrungsvorräte über eine Woche vorhalten würden, so wäre man doch spätestens nach zwei Tagen verrückt. Kein Mensch würde diese ununterbrochene Stille und Leblosigkeit aushalten.
(S. 14/15, Kap 3)

Ein paar Seiten später dann:

Barno verließ die gemütlich eingerichtete Kabine und ging in die Schiffszentrale, wo seine Kameraden gerade Raumschlacht spielten. Sie saßen zu viert um eine quadratische, von unten matt beleuchtete Bildschirm und versuchten, sich gegenseitig aus den aufgezeichneten Sonnensystemen zu verjagen. Jeder hatte vor sich eine kleine Tastatur und dirigierte mit deren Hilfe seine Raumschiffe – einige in seiner Farbe leuchtende Punkte – durch das Labyrinth der Raumfalten, die sich – und das war das Schwere und Faszinierende an diesem Spiel – dauernd veränderten und dadurch die kompliziertesten Situationen heraufbeschworen, weil das eingebaute Mikrorobotgehirn die Raumkrümmung völlig unregelmäßig umbildete. Eben hatte Linni mit seinen zwei Phantomkreuzern Aseks Königskugel gestellt, da schob sich die grüne Wellenlinie einer Raumkrümmung dazwischen, und der Marsianer war gerettet. (S. 19, Kap 4)

Und noch einen dritten Bezug gibt es:

[…] die Sage von Daidalos und Ikaros, die schon vor Urzeiten geflogen sein sollen. (S. 54 , Kap 8)

Alles Gute zum Neuen Jahr allerseits! (Das Jahr ist ja wirklich noch sehr “neu”.)

Quellen
anon: “Streiflicht“ [Entschleunigung]. In: Südd. Zeitung Nr. 9 vom 13. Januar 2015, S. 1 (Streiflicht)
Magenau, Jörg: “Der Tanz der Staubpartikel”. In: Südd. Zeitung Nr. 9 vom 13. Januar 2015, S. 14 (Feuilleton)
Scheidt, Jürgen vom: Männer gegen Raum und Zeit. Wuppertal 1958 (Wieba-Verlag)
Weber, Christian: "Körperlos". In: Südd. Zeitung Nr. 297 vom 27./28. Dez 2014 (Wissen), S. 35.

Post 283 / #1018 JvS / 1059 SciLogs / Aktualisiert: 19. Jan 2015/10:32 / v 1.2

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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