Antarktis im Eiltempo

KlimaLounge

Gastbeitrag von Tore Hattermann

 

Weniger als dreißig Tage hat mein diesjähriger Aufenthalt in der Antarktis gedauert; gelohnt hat sich die Reise auf alle Fälle. Alle Instrumente arbeiteten fehlerfrei und waren leicht zu finden. Die ozeanografischen Zeitreihen werde ich innerhalb der nächsten zwei Jahre im Rahmen meiner Doktorarbeit analysieren.

Die erste Woche auf der Troll Station verbrachten wir mit dem Packen unserer Ausrüstung. Da es für mich keine komplizierten Radargeräte zu testen gab, war es meine Aufgabe die Verpflegung  zusammen zu stellen. Was isst man eigentlich beim Zelten in der Antarktis? Anders als die meisten Extremsportler oder die frühen Entdecker des weißen Kontinents, müssen wir unseren Proviant nicht mit eigener Kraft umher schleppen und können uns deshalb etwas mehr Luxus erlauben. Die Hauptmahlzeiten hat der Stationskoch während des Winters für uns vorgekocht und eingefroren. Die Zutaten dazu wurden bereits im Jahr zuvor mit dem Schiff angeliefert; auch hier ist also langfristige Planung gefragt. Für die anderen beiden Mahlzeiten des Tages berechnen wir für sechs Personen und 45 Tage etwa 1200 Scheiben Brot und 35 kg Auflage. Im Grunde halten wir eine ganz gewöhnliche Diät, nur dass frisches Obst und Gemüse fehlen und wir die entsprechenden Mengen für den gesamten Zeitraum im Voraus planen müssen. Eine Aufgabe, bei der sich meine langjährige Erfahrung im Vorbereiten von Pfadfinderfahrten durchaus als nützlich erweist.

Ein „Aufbruch mit Tücken“ – so betitelte ich im letzten Jahr die 300km lange Reise von der Troll Station hinaus auf das schwimmende Fimbul-Schelfeis – bleibt uns in dieser Saison glücklicherweise erspart. Sowohl Wetter als auch Technik sind uns gewogen und bereits am dritten Tag überqueren wir ohne Schwierigkeiten die von Gletscherspalten durchzogene Übergangszone vom Festlandeis hinaus auf das Schelfeis. Anschließend trennen sich unsere beiden Teams das erste Mal. Waren wir vor einem Jahr noch zu elft und mit mehr als 12 Tonnen wissenschaftlicher Ausrüstung auf dem Schelfeis unterwegs, so haben Kirsty und ich – wir sind die einzigen Wissenschaftler in unserem sechsköpfigen Team – dieses Mal nur wenige Alukisten im Gepäck. Kirsty ist dafür verantwortlich, die glaziologischen Messungen der letzten Saison fortzusetzen. Meine Aufgabe ist es die drei ozeanografischen Stationen auf dem Eis zu warten und die erste Zeitreihe mit Daten einzusammeln. Während eine Gruppe unter Kirstys Leitung also mit den Radarmessungen beginnt, machen wir uns zu dritt auf den Weg zur ersten ozeanografischen Station. Bei strahlend blauem Himmel und klarer Sicht können wir die Bambusstangen bereits auf mehr als 2 km Entfernung am Horizont erkennen. An dieser Stelle haben wir vergangenes Jahr kubikmeterweise kochendes Wasser in den Boden gepumpt, um uns durch das etwa 200m dicke Eis zu schmelzen. Dieses Loch ist längst wieder zugefroren aber unsere Messinstrumente befinden sich noch immer an Ort und Stelle, um stündlich Meeresströmung, Salzgehalt und Temperatur des Wassers unter dem Eis zu registrieren. Zum Schutz vor der Witterung haben wir sowohl den Datenspeicher als auch die Stromversorgung an der Oberfläche im Schnee vergraben.

Wir beginnen zu schaufeln und schnell ist der erste von drei Schätzen geborgen. Nach etwa 70 cm kompaktem Schnee – die durchschnittliche Niederschlagsmenge eines Jahres – treffen wir auf eine härtere Eisschicht die auf das Schmelzen der Oberflächliche am Ende des letzten Sommers hinweist. Nach weiteren 30 cm stößt mein Spaten auf die Schaumgummimatte, die zum Schutz über der Instrumentenkiste liegt. Es waren also keine Schatzräuber vor uns hier. Etwas überraschend ist allerdings, dass auch die Instrumentenkiste von einer massiven Eisschicht eingefasst ist aber mit dem Brecheisen aus dem Bordwerkzeug unseres Fahrzeuges ist auch dieses letzte Hindernis schnell überwunden. Kaum zwei weitere Stunden vergehen, bis der Datenspeicher geleert und deren Inhalt dreifach gesichert ist, die Batterien gewechselt sind und alles wieder sauber im Schnee verscharrt ist. Noch am gleichen Abend treffen wir wieder auf das andere Team und feiern unsere Teilerfolge, denn auch bei ihnen hat alles reibungslos geklappt.

Um die insgesamt anderthalbtausend Kilometer auf dem Schelfeis zurückzulegen, verbringen wir täglich etwa zehn Stunden in unseren etwa fünfzehn Stundenkilometern „schellen“ Fahrzeugen. Diese Art zu reisen ist mitunter recht monoton ist und bringt wenig körperliche Aktivität mit sich. Darum beschließe ich den nächsten Tag mit einer Partie Langlauf zu beginnen. Während der Rest des Teams längst die zehn Kilometer bis zur nächsten Radrarstation hinter sich gebracht hat – ich kann ihre Silhouetten stets am Horizont erkennen – stolpere ich etwas ungelenk durch die 30 cm hohen und knallharten Schneeverwehungen. Ich hätte daran denken sollen, dass wir derzeit quer zur Hauptwindrichtung unterwegs sind. Etwas Bewegung und die frische Luft tun mir dennoch gut. Bei Windstille und Sonnenschein kommt man selbst in T-shirt und langer Unterhose schnell ins Schwitzen; schade nur, dass es bis zur nächsten Dusche noch ein paar Tage dauern wird.

Wenige Stunden später wird allerdings niemand von uns mehr unnötig und ohne Sicherung die Fahrzeuge verlassen. Ohne dass sich die Landschaft merklich verändert hat, passieren wir ein weiteres Gebiet mit vielen Gletscherspalten. Von Satellitenbildern und früheren Expeditionen wissen wir, dass in dieser Region tiefe Risse das Eis durchziehen. Ein paar Mal muss Stein, unser Expeditionsleiter und Sicherheitsbeauftragte, verdächtige Schneebrücken aufgraben, ein paar Mal müssen wir entlang der Spalten fahren, um eine geeignete Stelle zum überqueren zu finden. Dennoch ist auch heute das Wetter auf unserer Seite. Bei guter Sicht ist die Breite der Risse bereits durch Unebenheiten an der Oberfläche auszumachen. Eine Spalte scheint sogar so jung zu sein, dass sie noch gar nicht durch Schnee bedeckt wurde. In Anspielung an den gleichnamigen und furchtbar unrealistischen Klimakatastrophenfilm haben sie „The day after tomorrow – crack“ getauft. Anders als in diesem Film dargestellt, geht von so einem Riss inmitten des mehrere hundert Meter dicken Schelfeises allerdings keine andere Gefahr aus, als dass ein Fußgänger hineinstolpert.

Noch am gleichen Abend – der „The day after tomorrow -crack“ liegt bereits 50 km hinter uns – erreichen wir die zweite ozeanografische Station. Hier werden die Glaziologen ihr Basislager errichten, das in den kommenden Wochen zum Ausgangspunkt einiger mehrtägiger Radartraversen wird. Ich beginne mich indes bereits auf den Rückweg vorzubereiten. Morgen werden Johan, einer von zwei Technikern unseres Teams, und ich mit Skidoos die letzte unserer drei Messstationen anfahren, um anschließend zu zweit den 600km langen Rückweg nach Troll anzutreten. Die Kettenfahrzeuge, die auch weiterhin von den Glaziologen gebraucht werden, sollen uns durch das Gebiet mit den Gletscherspalten eskortieren, bevor wir uns mit zwei Skidoos leichtem Gepäck auf den Heimweg machen. Auf dieser letzten Etappe werden wir auch einen Abstecher an die Eiskante machen, um für einen Kollegen aus Tromsø die dortige Meereisdicke zu bestimmen.

Nachdem uns am ersten unserer vier Skidootage ein steifer Wind den Schnee ins Gesicht peitschte, erreichen wir die Eiskante bei  bestem Wetter. Hier wird Anfang Januar auch das Versorgungsschiff seine Ladung löschen, die dann auf Schlitten die letzten 300 km zur Trollstation transportiert wird. Bereits am Abend unserer Ankunft heißen uns die hier ansässigen Bewohner voller Neugierde herzlich willkommen. Die furchtlosen Kaiser- und Adeliepinguine werden uns auch am nächsten Tag während unserer Arbeiten auf dem Meereis mehrmals besuchen und uns mit ihrer Posierfreudigkeit ausgiebig von der Arbeit abhalten. Mit einem Haufen Pinguinfotos und statistisch signifikanten Menge an Meereisdickenmessungen im Gepäck dauert es noch zwei weitere Tage bis wir die Strecke zur Troll Station hinter uns gebracht haben. Bereits unterwegs haben wir über Satellitentelefon erfahren, dass ich aufgrund unserer frühen Rückkehr bereits zusammen mit dem alten Überwinterungsteam und damit bereits zweieinhalb Wochen früher als geplant zurück nach Südafrika fliegen kann.

Als Johan und ich um 18:10 auf dem „Parkplatz“ der Trollstation die Motoren unserer Skidoos abschalten hat das Abschiedsfest für die sechs Überwinterer gerade begonnen. Nach einer blitzschnellen Dusche finden wir uns wieder in einem köstlichen Festmahl mit herzlichen Abschiedsreden für die sechs Heimreisenden und guten Wünschen für die nächste Crew. Am Spätnachmittag des nächsten Tages soll uns ein Flugzeug zur russischen Station „Novolazreavskaya“ bringen, vor der aus es noch in der gleichen Nacht weiter nach Kapstadt geht. Zumindest war das der offizielle Plan nach unserer Ankunft auf Troll, weshalb ich mich ohne große Sorge von den Festlichkeiten treiben lasse.

Leider sind Flugzeiten in der Antarktis eher Richtwerte und als die Uhr sich bereits halb drei des nächsten Morgens nähert, kommt die große Überraschung. Über Funk erhalten wir die Nachricht, dass unser Zubringerflug aufgrund der Witterungsbedingungen zwölf Stunden vorgezogen werden muss. Das bedeutet, dass mir in diesem Moment mir noch etwa fünf Stunden bleiben, um die Ausrüstung auf den Schlitten unserer Skidoos aufzuräumen, meine Persönlichen Gegenstände, die ich auf Troll in irgendwelchen Containern zurückgelassen habe wieder zu finden, und alles so zu verpacken, dass es entweder heile nach Tromsø transportiert oder auf der Station eingelagert werden kann. Obwohl wir in den letzten Tagen jeweils etwa 14 Stunden auf unseren Skidoos saßen bevor wir unser Zeltlager im Schnee aufschlugen ist an Schlaf vorerst nicht zu denken. Dementsprechend konturlos verfliegen auch die nächsten Stunden und Tage meiner Heimreise. Erst als ich in Oslo auf dem Flughafen das erste Mal seit Wochen mit meiner Frau telefoniere, die auch erst vor zwei Tagen von meiner verfrühten Heimreise erfahren hat, ist mir wieder völlig klar wo ich bin. Während des Landeanfluges auf das winterliche Tromsø erhellt ein fantastisches Polarlicht den Himmel. Gedankenverloren bestaune ich den Willkommensgruß am Nikolausabend und freue mich darauf Hause zu kommen. Unsere Messdaten liegen längst auf dem Server im Institut, damit sind sowohl Weihnachten als auch meine Doktorarbeit vorerst in trockenen Tüchern.


Unser diesjähriges Expeditionsteam (von links nach rechts): Stein Tronsatd (Expeditionsleiter und Sicherheitsbeauftragte), Johan Hustadnes (Techniker), Kjetil Bakkland (Techniker), Kirsty Langley (Galziologin), Tore Hattermann (Ozeanograf) , Elvar Ørn Kjartansson (Fotograf), Foto: Norwegian Polar Institute

Der Autor beim Packen des Proviantes auf der Troll Sation. Während es für Kirsty eine Menge glaziologischer Ausrüstung zu testen gab, war es meine Aufgabe einen Speiseplan für sechs Personen und vierzig Tage zusammen zu stellen (Foto: Elvar Ørn Kjartansson, elvarorn.com).

Kirsty beim Erklimmen einer Gletscherspalte. Bevor wir uns in die Gebiete wagen, in denen es Risse im Eis gibt, machen wir uns unter kontrollierten Bedingungen mit unserer Rettungsausrüstung vertraut und besprechen Routinen für das Verhalten in gefährdeten Gebieten (Foto: Norwegian Polar Institute).

 

Stein untersucht die breite des Risses und die Dicke der Schneebrücke, um herauszufinden ob wir an dieser Stelle sicher passieren können (Foto: Norwegian Polar Institute).

 

Weder am Horizont noch in der Tiefe zeigt sich ein Ende dieses Abgrundes, doch mit den Kettenfahrzeugen lassen sich die Spalten  sicher überqueren (Foto: Norwegian Polar Institute).

Johan und Tore beim Bergen des ersten Schatzes. Alle Instrumente arbeiteten fehlerfrei und ließen sich dank der deutlichen Markierung mit dicken Bambusstangen leicht wiederfinden (Foto: Norwegian Polar Institute).

Johan hat den Verkehr unter Kontrolle. In dieser Landschaft haben wir in vier Tagen etwa sechshundert Kilometer auf dem Skidoo zurückgelegt (Foto: Norwegian Polar Institute).
 

Ein Ureinwohner besucht den Autor bei der Arbeit und passt auf, dass nicht zu viel durch das Loch im Eis gefischt wird (Foto: Norwegian Polar Institute).

Anders Levermann

Anders Levermann ist Professor für Dynamik des Klimasystems im physikalischen Institut der Universität Potsdam. Er leitet den Forschungsbereich Globale Anpassungsstrategien am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Er ist unter anderem einer der leitenden Autoren im Meeresspiegelkapitel des letzten IPCC-Klimareports und beschäftigt sich mit den Wechselwirkungen zwischen Ozean und Cryosphäre in Vergangenheit und Zukunft.

2 Kommentare

  1. Danke für diesen tollen Bericht…

    Danke Tore für diesen tollen Bericht. Schön, dass ihr diesmal das Wetter auf eurer Seite hattet und so neben der Arbeit so eindrucksvolle Fotos entstanden sind.
    Eisige Grüße,
    Torsten

  2. Danke für den tollen Bericht. Ich musste dabei spontan an die 15.000 Experten im tropischen Cancun denken die trotz des Aufwands nichts Verbindliches beschlossen haben.

    Mein Vorschlag wäre, die nächste Klimakonferenz in einer Antarktis-Station durchzuführen und die Teilnehmer erst abreisen zu lassen wenn verbindliche Beschlüsse gefasst wurden.