Medizintourismus und Unani Medizin

BLOG: Indische Medizin im Wandel

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Indische Medizin im Wandel

Der Medizintourismus (oder auch Gesundheitstourismus) gewinnt in den vergangenen Jahren immer mehr an internationaler Bedeutung: allein in Deutschland suchten im Jahr 2010 77.067 ausländische Patienten deutsche Gesundheitseinrichtungen auf – Tendenz steigend.

 Um die Möglichkeiten und Chancen aus globaler Perspektive ging es in der interdisziplinären Summer School “Perspectives on Global Health in the 21st Century – Medical Tourism” vom 16.7.-29.7.2012 die vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin (Prof. Dr. Heiner Fangerau, Dr. Frank Kressing) in Ulm,organisiert wurde.

Teilnehmer unter anderem aus Afrika, Südamerika, Osteuropa, Indien, Pakistan und Sri Lanka beleuchteten die Chancen und Risiken des Medizintourismus für die Entwicklung des eigenen Landes. 

 Da auch die traditionelle Medizin eine wichtige Rolle im Medizintourismus spielen kann, erhielt ich die Möglichkeit, Grundlagen der Unani Medizin und ihre mögliche Bedeutung für den Medizintourismus in Indien darzustellen. Unter dem Titel Making Unani Medicine a Western style therapy? erläuterte ich zunächst die gemeinsamen Grundlagen der Unani und der “westlichen” Medizin, die in der Humoralpathologie (“Vier-Säfte-Lehre”) Ibn Sinas (Avicennas) und seines “Kanon der Medizin” zu finden sind. Auch das Regimen (Englisch: regimental therapies) ist ähnlich: sowohl in der Unani Medizin als auch in der “westlichen” Medizin wurden und werden Bäder, Schröpfen (mit und ohne Blutegeln) und Aderlass erfolgreich in der Therapie eingesetzt. Zugegeben: in Europa hat man es mit Schröpfen und Aderlass in der Geschichte wohl ein wenig übertrieben. So soll im 19. Jahrhundert in einem Badehaus im heutigen Kroatien in einem Jahr mehr als 50.000 Mal geschöpft worden sein. Bereits im Mittelalter ist über den Zusammenhang von Schröpfen und Übertragung der Syphilis in deutschen Badehäusern diskutiert worden.

Während das Schröpfen also in Europa aus der Mode kam und erst durch die Verbreitung der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wieder , erfreut es sich bis heute in Indien einer großen Beliebtheit. In Srinagar (Kaschmir) wird das Schröpfen (mit Schröpfgläsern, Urdu: hijama) sehr erfolgreich bei Arthose im Knie oder Rückenbeschwerden eingesetzt, ebenso erweist sich die Blutegeltherapie (Urdu: ta‘leeq) bei Bluthochdruck (Hypertonie) bzw. Arthrose als hilfreich.

Diese Formen der Behandlung sind also eine “gemeinsame lebendige medizinische Tradition”, deren historische Bedeutung und Wirksamkeit in Europa hingewiesen derzeit gerade erst wiederentdeckt werden. Denkbar ist, dass gerade diese gemeinsamen Medizintraditionen zum einen zur Verbreitung der Unani Medizin in Deutschland beitragen könnten, aber auch ihren Platz im medizinischen Spektrum des Gesundheitstourismus finden können. Hier wären Behandlungen in Indien durch speziell im Schröpfen oder in der Blutegeltherapie ausgebildete Therapeuten ebenso denkbar wie Badetherapien in einem indischen hammam (“Türkischen Bad”).

 

 

Veröffentlicht von

Dr. Claudia Preckel hat Islamwissenschaften und (Interkulturelle) Pädagogik in Göttingen und Bochum studiert. Bereits seit ihrer Magisterarbeit (1997) beschäftigt sie sich mit dem Islam in Indien. Neben dem Fürstenstaat Bhopal, der fast 100 Jahre von muslimischen Frauen regiert wurde, stehen die Netzwerke der islamischen Bewegungen in Südasien im Mittelpunkt ihres Interesses. Zudem hat sie zahlreiche Beiträge zum Thema "Islam im indischen Kino (Bollywood)" veröffentlicht. Die "graeco-islamische" Medizin war immer wieder ein Teil ihrer Forschungen, aber seit 2008 ist Dr. Preckel Mitarbeiterin des Projektes über Medizin in Indien.

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