Klimatests im Mesokosmos

Die Aussichten sind ziemlich düster: Es könnte gut sein, dass wir es als Menschheit hinkriegen, bis zum Ende des Jahrtausends das Klima der Erde so stark zu verändern, wie das bei der Eiszeit geschah – nur halt in die andere Temperaturrichtung. Und, dass die Natur dafür Jahrtausende gebraucht hat. Das nenne ich mal menschliche Effizienz! Und wer glaubt, er könnte seinen Ferienflug mit dem Pflanzen eines Baumes neutralisieren und so wirklich „Gutes“ tun, der kann sich in meinem hier gezeigten Experten-Talk davon überzeugen, dass das zwar eine vordergründig grün gefärbte, aber unter dem Strich eher blauäugige Vorstellung ist. Würden wir in großer Zahl tatsächlich den gesamten CO2-Ausstoß durch solch gut gemeintes Bäumepflanzen ausgleichen, wäre das ein massiver Eingriff in das natürliche Ökosystem – mit gravierenden Verschiebungen des Wetters und verheerender Wirkung für einige Zonen des Globus und die dort lebenden Menschen. Wie stark Pflanzen den CO2-Gehalt über das Jahr beeinflussen, dazu übrigens mehr in meiner Reportage “Warm up, cool down”.

Vor kurzem habe ich ein längeres Skype-Gespräch mit dem theoretischen Physiker Andreas Oschlies geführt, das hier in zwei Teilen zu sehen ist. Seine Spezialität sind Modellierungen des Klimas. Besonders interessieren ihn dabei solche Effekte, die heute unter dem Begriff des Climate Engineering diskutiert werden, also Methoden, mit denen man versuchen könnte, der Klimakatastrophe nicht durch Einsparung oder Zertifikathandel, sondern durch einen weiteren menschlichen Eingriff in die Natur beizukommen. Auch das Aufforsten dazu. Mehr darüber ist vom Experten im ersten Teil des Talks zu erfahren. Oschlies rückt die Methoden des Climate Engineering durchaus in den Bereich „abstruser Ideen“, dennoch ist er überzeugt, dass wir uns damit auseinandersetzen müssen und darüber ernsthaft zu diskutieren wäre, denn „wahrscheinlich werden wir sie brauchen, wenn wir die von uns gesetzten Klimaziele tatsächlich erreichen wollen“, so sagt er mir – und plädiert für „mehr Ehrlichkeit“ in der Diskussion.

In Deutschland wird die Debatte um das Für und Wider der verschiedenen Ansätze des Climate Engineering seit Jahren, aber weitgehend hinter verschlossenen Türen geführt: zwischen Politikern, Wissenschaftlern und Organisationen wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG. Weiterführende Infos zu den diskutierten Methoden sind in der Broschüre Geo-engineering: wirksamer Schutz oder Größenwahn? des Bundesumweltamtes zu finden. In der breiten öffentlichen Diskussion indessen hält die Politik noch eisern an der Parole fest: Wir schaffen das. Aber wir schaffen das wohl eher nicht. Das sagen uns jedenfalls inzwischen viele Klimaforscher. Insofern sind Fragen nicht ganz unwesentlich, was wir außer den bisherigen, wenig tragfähigen Konzepten sonst noch im Köcher haben, ob die überhaupt zielführend sein können oder die Risiken dafür einfach zu groß sind. In der DFG wird schon seit einigen Jahren in einem rein theoretischen Projekt an der Bewertung von Climate Engineering gearbeitet. Ziel der interdisziplinären Forschungsanstrengung ist es, von der Wissenschaft für die Politik Modelle zu entwickeln und daraus erwachsend auch Empfehlungen zu geben. Die wären als öffentliche Diskussionsgrundlage dringend erforderlich, denn viel Zeit haben wir nicht. Noch aber haben Wissenschaftler keinen expliziten Rat, wie man mit Climate Engineering tatsächlich umgehen soll – die mangelnde Wissenslage reicht dafür nicht aus. Oschlies, der das einschlägige DFG-Projekt koordiniert, schlägt auf jeden Fall als nächsten Schritt das Konzept sogenannter mesokosmischer Versuche vor. Sie böten die Möglichkeit, von den heutigen, noch limitierten Laborversuchen wie in Wolkenkammern auf dem Weg zu großskaligen, aber reichlich risikanten Experimenten im Reallabor Natur noch einen Zwischenschritt zu gehen: in einer Art Arche eines ausgestanzten Naturvolumens mit weitgehend realen Bedingungen, die aber hermetisch vom Rest der Welt abgeschlossen ist. Darin könnte die Gesamt-Bilanz samt unerwünschten Nebeneffekten und Kostenkalkulationen wissenschaftlich seriös ermittelt und dann für eine ernsthafte Bewertung von Methoden genutzt werden. Dazu mehr im hier folgenden Teil meines Gesprächs mit ihm. Aber vorläufig eben alles Theorie – ehe man so was angehen könne, so sagt Oschlies, bräuchte man zuerst eine Vorgabe der Politik. Die wartet aber auf Empfehlungen. Das klingt nach einem veritablen Teufelskreis…

Technologisch lassen sich die von abstrus bis phantastisch klingenden Ideen des Climate Engineering in zwei große Blöcke teilen. Als erstes die Methoden zur Reduzierung von CO2 in der Atmosphäre. Da ist zuerst einmal das Verfahren um das Carbon Capture and Storage, kurz CCS genannt, also das Abfangen des Kohlendioxids schon bei der Entstehung im Kraftwerk mit dem Ableiten in den Untergrund. Das CO2 tritt hierbei also gar nicht in die Atmosphäre, wo es sich dann durch die Luft rasch verteilt und von einem anfangs lokalen zu einem globalen Problem ausweitet, sondern wird schon vorher entfernt. Und dann gibt es zahlreiche weitere Vorschläge, wie man das schon in die Atmosphäre geblasene Kohlendioxid wieder einfangen und ihr so wieder entziehen könnte. Der zweite Block umfasst Konzepte, die an einem ganz anderen Aspekt, nämlich am Symptom ansetzen: der Erderwärmung. Sie versuchen durch mehr oder weniger aufwändige Eingriffe vom Weltraum aus bis tief hinunter zum Meeresboden die irdische Strahlungsbilanz zu verändern und so die Erde abzukühlen. Für Oschlies sind diese Temperatur-Manipulationen die schlechteste aller Möglichkeiten, und zwar schon deshalb, weil sie die Menschheit auf lange Sicht zum Handeln zwingen würden. Denn das durch die künstliche Abkühlung erzielte atmosphärische Gleichgewicht würde sofort zerstört, wenn – aus welchem Grund auch immer – die Abkühlung gestoppt würde. Die Erde würde sich aufgrund des ja weiterhin hohen CO2-Anteils in kurzer Zeit erwärmen – mit erheblichen globalen Wetterverschiebungen und Niederschlagsveränderungen.

Aber dennoch gibt es schon Umwelt-Aktivisten, die glauben, den Planeten auf diese Weise vor dem Untergang retten zu können – genauer gesagt: durch das Einbringen von Aerosolen in der Hochatmosphäre, die dort zu verstärkter Wolkenbildung führen. Dieser so entstehende gigantische Sonnenschirm würde einen Teil der Strahlung in den Weltraum reflektieren. David Keith, immerhin Harvard-Professor für angewandte Physik, ist so einer. Er will – möglichweise noch dieses Jahr – einen Aerosol-Versuch in der Atmosphäre wagen. Bis heute weiß die Wissenschaft von diesem aus der US-Industrie gesponserten Projekt nicht viel. Über den Sinn des Experimentes darf spekuliert werden. Denn nach Aussage von Oschlies ist es viel zu kleinskalig angelegt, um daraus harte naturwissenschaftliche Erkenntnisse abzuleiten. So vermutet der Klimaforscher, es könnte sich um ein eher soziologisches Experiment handeln: Vielleicht will Keith tatsächlich erst einmal ausloten, wie die Öffentlichkeit aber auch die Science Community solch einen Atmosphärenversuch aufnimmt. Denn echte Tests, das jedenfalls sagt Oschlies dezidiert, bräuchten für neue wissenschaftliche Fakten ganz andere Dimensionen, solche, die schon an ein echtes Climate Engineering heranreichen – und das wagt wohl nicht einmal ein so publicity-orientierter Typ wie David Keith.

Veröffentlicht von

Ich habe viele Jahre journalistisch im Bereich Wissenschaft und Technologie gearbeitet, später dann mit meiner kleinen Beratungsfirma als Medienexpertin. 2010 erfüllte ich mir meinen großen Traum und gründete den Spartensender HYPERRAUM.TV, für den ich eine medienrechtliche Rundfunklizenz erteilt bekam. Seither mache ich als One-Woman-Show mit meinem „alternativen TV-Sender“ gewollt nicht massentaugliches Fernseh-Programm. Als gelernte Wissenschaftshistorikern habe ich mich gänzlich der Zukunft verschrieben: Denn die Vergangenheit können wir nur erkennen, die Zukunft aber ist für uns gestaltbar. Wir sollten versuchen, nicht blind in sie hinein zu stolpern!

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wenn Südeuropa zur neuen Sahara wird oder sich das Klima in Europa wegen eines stark abgeschwächten Golfstroms sich massiv ändert, erst dann wird wohl nach Auswegen in Form eines Climate Engineering gesucht. Damit suggeriert der folgende Satz etwas falsches: “Climate Engineering , also Methoden, mit denen man versuchen könnte, der Klimakatastrophe nicht durch Einsparung oder Zertifikathandel, sondern durch einen weiteren menschlichen Eingriff in die Natur beizukommen.” Er suggeriert, es gäbe die Alternative zwischen Climate Engineering und echter Treibhausgasemission. Die Überlegung dahinter ist mindestens schon 20 Jahre alt und obwohl man in der Zwischenzeit kein Climate Engineering eingesetzt, aber weiterhin CO2 emittiert hat, sagt man das gleiche heute wieder und wird es auch in 20 Jahren bei dann noch höheren Treibhausgaskonzentrationen wieder sagen. Nur weil man auf Climate Engineering verzichtet, heisst das noch lange nicht, dass man die Alternative, Treibhausgasemissionsreduktionen nämlich, genügend schnell vorantreibt.
    Leider kann aber Climate Engineering eine bereits eingetretene “Klimakatastrophe” wie die oben angenommen Arifizierung Südeuropas oder den Abbruch des Golfsstroms überhaupt nicht mehr korrigieren, wenn sie einmal eingetreten ist.

    In der Gemeinde der Klimaforscher hat aber inzwischen eine realistischere Betrachtungsweise Einzug gehalten. Selbst die IPCC-Modelle, ja fast alle Klimawissenschaftler und Klimapolitiker gehen inzwischen davon aus, dass die Menschheit das 2°C-Ziel nur erreichen kann, wenn sie in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts negative CO2-Emissionen verzeichnet, wenn sie also CO2 irgendwo versenkt. Bis vor kurzem wurde dafür von vielen BECCS (Bio-energy with carbon capture and storage) favorisiert (Zitat Wikipedia: In the IPCC Fourth Assessment Report by the Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), BECCS was indicated as a key technology for reaching low carbon dioxide atmospheric concentration targets), also die Idee Wälder oder anderes Biozeugs zu verbrennen um damit Energie zu gewinnen und das dabei erzeugte CO2 im Boden zu versenken. Allerdings würde BECCS Millionen von Quadratkilometern Land benötigen um den nötigen Effekt von mehreren Gigatonnen versenktem CO2 pro Jahr zu erreichen. Das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung hat inzwischen einige kritische Anmerkungen zu BECCS gemacht. Meiner Meinung nach werden aber BECCS und DACCS (direct air capture and carbon storage) irgendwann Ende des 21. und im 22. Jahrhundert tatsächlich eingesetzt werden um beispielsweise das voraussehbare Abschmelzen grosser Teile des Grönlandeises und des Antartikeises zu verhindern oder mindestens abzuschwächen.

    Was das Geoengineering mit Aersolen betrifft (Sulfataerosole, Gipspartikel, etc), so gibt es bereits natürliche grossflächige Experimente wie etwa den Ausbruch des Pinatubo 1991 (17 Millionen Tonnen SO2 in die Stratosphäre), dessen sulfathaltige Aschewolken grosse Teile der nördlichen Hemisphäre (also viele Millionen von Quadratkilometern) für 3 Jahre um 0.5 Celsius abkühlten. Alles was der Mensch an Experimenten zu ähnlichen künstlichen Geoengineering-Massnahmen plant, verblasst gegen den Pinatubo-Ausbruch. In diesem Beitrag wird aber der Eindruck erweckt, dass selbst ein hundert Mal kleineres Experiment als der Pinatubo-Ausbruch bereits hochgefährlich wäre, liest man doch: Denn echte Tests, das jedenfalls sagt Oschlies dezidiert, bräuchten für neue wissenschaftliche Fakten ganz andere Dimensionen, solche, die schon an ein echtes Climate Engineering heranreichen – und das wagt wohl nicht einmal ein so publicity-orientierter Typ wie David Keith.
    In meinen Augen dürfte er das durchaus wagen, denn die Effekte wären vergleichbar zum Pinatuboausbruch. Allerdings wird er wohl kaum die Bewilligung erhalten, nur schon weil ein solch grossflächiges Experiment auch sehr grossflächigen Widerspruch und Widerstand erfahren würde. Die Zeit der Grossexperimente ist definitiv vorbei.

    Eine interessante Möglichkeit schon in naher Zukunft wären aber Gaskraftwerke, die Carbon-Negativ wären. Origen-Power ist beispielsweise eine Firma, die Erdgas in einer Brennstoffzelle “verbrennen” will um Strom zu erzeugen und um das entstandene reine CO2 mit Kalkstein zu binden. Der Gesamtprozess wäre Carbon-Negativ. Es gibt noch einige andere solche Vorschläge. Warum ist das ein interessanter Ansatz? Weil heute der Trend immer stärker zum Erdgas als Energiequelle sowohl für Strom als auch für Wärme geht. Sogar Klimawissenschaftler sprechen vom Erdgas als Brückentechnologie. Nur kann man mit der Brückentechnologie Erdgas niemals das 2 Grad Ziel erreichen – ausser die Verbrennung von Erdgas wäre CO2-negativ. Dann wäre das etwas ganz anderes. Warum übrigens sprechen Klimawissenschaftler von der Brückentechnolgie Erdgas? Weil die meisten für Erneuerbare Energien eintreten. Erneuerbare Energien aber haben das Problem der schwankenden Enerigeproduktion. Wenn kein Wind bläst und die Sonne kaum scheint (immerhin ist zur Hälfte der Zeit Nacht), dann müssen die Erdgaskraftwerke hochgefahren werden, denn heute und wohl auch in 20 Jahren gibt es noch keine billige Art und Weise um Strom zu speichern.

    • Guter Beitrag von Ihnen. Zum letzten Satz folgende Frage:

      Wenn kein Wind bläst und die Sonne kaum scheint (immerhin ist zur Hälfte der Zeit Nacht), dann müssen die Erdgaskraftwerke hochgefahren werden, denn heute und wohl auch in 20 Jahren gibt es noch keine billige Art und Weise um Strom zu speichern.

      Wäre es nicht sinnvoll, über andere Möglichkeiten als Wind und Sonne nachzudenken. Ich nenne nur als Beispiele Geothermie und Gezeitenkraft. Diese sind eher rund um die Uhr verfügbar.

      Und was die Abkühlung durch Luftschadstoffe angeht, in der Zeit von 1940 bis 1976 sank die globale Temperatur, obwohl CO2 anstieg. Dies sollen die nicht gereinigten Abgase gewesen sein.

    • Origen Power will mit der Abwärme der Erdgas-Hochtemperatur-Brennstoffzellen Kalkstein brennen, und das dabei entstehende Kohlendioxid unterirdisch speichern.
      Der gebrannte Kalk kann dann später die gleiche Menge Kohlendioxid aus der Atmosphäre binden, auch dann, wenn man ihn im Baugewerbe verwendet.
      Das funktioniert deshalb, weil die Verbrennung pro Molekül Kohlendioxid mehr Energie freisetzt, als die Zersetzung pro Molekül Kalkstein verbraucht.
      Ohne die vollständige unterirdische Speicherung des Kohlendioxids nützt das Brennen des Kalksteins natürlich nichts.
      http://www.origenpower.com/
      Technische Details:
      http://www.benuk.net/pdf/Carbon-Negative-Power-Fuel-Cell-Calciner.pdf
      —–
      Pulverförmige Gesteine aus Magnesiumsilikat oder Kalziumsilikat können Kohlendioxid binden, was dann Magnesiumkarbonat oder Kalziumkarbonat und freie Kieselsäure ergibt.
      Das geschieht auch bei Erosion und Verwitterung, aber sehr langsam.

      • Für die Nutzung von Niedertemperaturwärme kann man eine Lösung von Natriumkarbonat in Wasser verwenden, um Kohlendioxid aus der Luft zu binden, was zu Natriumhydrogenkarbonat führt.
        Die Lösung von Natriumhydrogenkarbonat setzt dann beim Erwärmen reines Kohlendioxid frei.
        Mit einer winzigen Menge von Phenolphthalein färbt sich nur die Lösung von Natriumkarbonat rot, aber nicht die Lösung von Natriumhydrogenkarbonat.
        Natürlich muss man das in einem Kreislaufprozess mit einem Wärmetauscher machen.

      • @Rudi Knoth: Tiefen-Geothermie und Gezeitenkraft sind bis jetzt nur an speziellen Standorten verfügbar und nur in wenigen guten Standorten einigermassen erschwinglich. Nur wenige Geothermieanlagen liefern zudem mehr als 50 Megawatt thermisch, was dann 10 bis 20 Megawatt elektrisch bedeuten kann und damit der Leistung von ein paar wenigen Windrädern entspricht, die allerdings viel schneller und einfacher zu erstellen sind als eine Geothermieanlage, welche eine höchstens in 50% der Fälle erfolgreiche Bohrung nötig macht.

  2. Es gibt einen natürlichen Klimawandel entsprechend der Gaia-Hypothese (bitte googeln). Dieser ist positiv für die Menschheit. Den negativen, vom Menschen verursachten Klimawandel kann man durch öko-konservative Maßnahmen zurückdrehen. Mehr dazu auf meiner Internetseite (bitte auf meinen Nick-Namen klicken).

    • Treffen sich zwei Planeten im Weltall. Sagt der eine zum anderen:
      Siehst schlecht aus. Sagt der andere: Ja, ich habe Homo sapiens.
      Sagt der Erste: Hatte ich auch mal. Das geht vorbei.

  3. Nature: Open discussion of negative emissions is urgently needed (übersetzt von DeepL): Obwohl fast alle 2 °C-Szenarien negative CO2-Emissionstechnologien verwenden, werden nur relativ geringe Investitionen in diese Technologien getätigt, und es werden Bedenken hinsichtlich ihres großtechnischen Einsatzes geäußert. Wenn jedoch bald keine expliziten politischen Entscheidungen getroffen werden, werden wir zu ihrem Einsatz einfach gezwungen sein, um die Pariser Klimaziele zu erreichen.
    Ja, so ist es. Praktisch alle Szenarien, die heute noch vom Erreichen des 2°Celsius-Zieles (maximal 2 Celsius höhere Durchschnittstemperatur weltweit infolge Erderwärmung) annehmen, beinhalten negative Emissionen, also das Entfernen von CO2 aus der Atmosphäre. Heute jedoch gibt es solche negative Emissionen nur in winzigen Versuchen wie etwa in Island, wo eine DACCS-Anlage (Direct Air Carbon Capture and Storage ) von Climeworks CO2 aus den Abgasen eines thermischen Kraftwerk aufkonzentriert und es anschliessend in Untergrundbasaltgestein leitet, wo es (nachgewiesenermassen) mit dem Basalt eine dauerhafte chemische Bindung eingeht.
    Climeworks hat jedoch grosse Ambitionen. Bis 2025 möchte Climeworks 1% der weltweiten CO2-Emissionen, also 340 Millionen Tonnen oder halb soviel wie Deutschland als ganzes ausstösst, aus der Luft auffangen und in der Tiefe speichern.
    Der Konkurrent zu DACCS ist BECCS (Bioenergy with Carbon Capture and Storage) und der IPCC-Bericht Nr.4 empfiehlt BECCS über das man im verlinkten Artikel liest (übersetzt von DeepL): Einfach ausgedrückt, ohne BECCS ab Mitte des Jahrhunderts weltweit einzusetzen, glauben die meisten Klima-Modellierer, dass wir diese Grenze bis zum Ende dieses Jahrhunderts überschreiten werden.
    BECCS soll viel kostengünstiger sein als DACCS. Dennoch glaube ich, dass am Ende DACCS gewinnen wird, denn BECCS benötigt riesige Flächen auf denen Bäume wachsen, die man dann in Bioenerigeanlagen verfeuert. Land aber hat auch einen Wert und dieser Wert nimmt stetig zu. DACCS-Anlagen dagegen können auf kleinster Fläche genau dort gebaut werden, wo man das CO2 dann auch versenken kann, also beispielsweise über einer alten Kohle- oder Ergasgrube oder gar in völlig menschenleerer Gegend irgendwo in Australien.
    Fast sicher ist jedoch, dass sowohl DACCS als auch BECCS erst Ende des 21. und während des 22. Jahrhunderts in grossem Massstab eingesetzt werden – dann wenn das 2 Grad Celsius Ziel schon längstens überschritten ist und man die schlimmsten Folgen für die nächsten Jahrhunderte vermeiden will.

  4. Carbon Brief gibt mit World can limit global warming to 1.5C ‘without BECCS’ ein Szenario an, in dem man ohne negative CO2-Emissionen auskommt und dennoch unter 1.5 Celsisus Erwärmung bleiben kann. Dieses Szenario ist gekennzeichnet durch:
    – Total-Elektrifizierung von Strom- und Wärmeerzeugung mit erneuerbarem Strom wobei die Probleme der schwankenden Stromproduktion durch Erneuerbare überwunden wurden. Bis 2030 gibt es nur noch elektrisch betriebene Autos
    – Ab 2025 nur noch Hocheffizienzgeräte,-häuser, etc.
    – Intensivierte Landwirtschaft mit GMO-Getreide und (weniger) -Fleisch.
    – Weltbevölkerung erreicht 2050 mit 8.4 Milliarden das Maximum und sinkt bis 2100 auf 6.9 Milliarden
    – Konsumverzicht, weniger Autos, weniger Fleisch, weniger Flugverkehrt bis 2050

    Völlig unrealistisch natürlich, denn allein schon die Bevölkerungsentwicklung geht in eine völlig andere Richtung, erwartet die UNO doch schon 2050 9 Milliarden Menschen und im Jahr 2100 gar 11.2 Milliarden, wobei diese 11.2 Milliarden sogar noch von der optimistischen Annahme ausgehen, der Bevölkerungsanstieg in Afrika, der in den letzten beiden Jahrzehnten immer etwa 2% pro Jahr betrug, gehe bis dann stark zurück.

    Damit sind wir wieder zurück bei negativen Emissionen. Die wichtigsten Methoden dafür sind:
    – BECCS (Holz verbrennen und CO2 versenken) und DACCS (CO2 aus Luft entfernen und versenken
    – Land und Ozean-basiertes verstärkte Verwitterung von Gestein, welches beim Verwittern CO2 bindet. Dabei wird passendes Gestein zermahlen und der Luft oder dem Wasser ausgesetzt
    – Grossflächiges Seetang und Algenwachstum im Ozean mit Versenken der so erzeugten Biomasse

    Ein Problem einiger dieser Verfahren – vor allem von DACCS – ist noch, das so gewonnene CO2 dauerhaft dem Kreislauf zu entziehen. Das einfache Hinunterpumpen von CO2 in Aquifere oder tief hinunter in die Erde ist wohl zu gefährlich, denn es könnte irgendwann wieder aufsteigen. Doch Versuche in Island haben gezeigt, dass das Hinunterpumpen von CO2 zu Basaltgesteinen zu einer chemischen Reaktion führt, die CO2 dauernd chemisch bindet. Basaltgesteine gibt es an vielen Orten, womit mit einer geeigneten Wahl des CO2-Einspeisepunktes, das Problem der CO2-Versenkung gelöst werden könnte.

    Fazit: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit können Emissionsreduktionen allein weder das 1.5 noch gar das 2 Grad-Ziel erreichen. Negative Emissionen – also das Entfernen von CO2 aus der Luft und aus Kraftwerken – sind nötig. Bis jetzt gibt es damit aber praktisch noch keine Erfahrung. Zudem ist unklar wer das finanzieren soll zumal es unattraktive Massnahmen sind, die weder neue Autos (E-Autos) noch neue Kraftwerke oder Häuser mit sich bringen sondern allein störende Anlagen, die erst noch sehr viel Geld kosten. Meine Prognose: CO2-Entfernung aus der Luft wird kommen, aber erst nachdem das 2 Grad-Ziel weit überschritten wurde und sich äusserst negative Auswirkungen der Erderwärmung manifestiert haben.

  5. Schweden will ab 2045 CO2-neutral sein, Grossbritannien spätestens ab 2070. Beide wissen aber, dass sie dann immer noch Treibhausgase ausstossen. Diese müssen sie kompensieren und irgendwann müssen sie sogar wirklich CO2 in der Erde versenken, denn die Kompensation in Form einer Unterstützung für CO2-Projekte beispielsweise in Indien kommt spätestens dann zu seinem Ende, wenn Indien und alle andern Länder bei sehr tiefen CO2-Emissionen angelangt sind. Dazu liest man im verlinkten Artikel (übersetzt von DeepL): Sicherlich bedeutet “Netto-Null”-Emissionen nicht, dass Schweden im Jahr 2045 keine Treibhausgase emittieren wird. Stattdessen verpflichtet das Klimagesetz das Land, seine absoluten Emissionen um mindestens 85 % unter das Niveau von 1990 zu senken. Für die restlichen 15 % sollen die Emissionen durch Investitionen in Projekte ausgeglichen werden, die zur Verringerung der Umweltverschmutzung in Schweden und anderswo beitragen. Diese Projekte können z.B. die Finanzierung indischer Projekte zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen in Indien oder in der CO2-Abscheidungstechnologie umfassen, die die Emissionen von Fabriken, die in die Atmosphäre gelangen, unterbindet und sogar Kohlendioxid aus der Luft ziehen kann.
    Je mehr Länder sich zur CO2-Neutralität ab einem bestimmten Datum verpflichten, desto deutlicher baut sich ein Geschäftsszenario auf, in dem Firmen wie Climeworks (eine Firma die CO2 aus der Luft herausfiltriert) gedeihen können. Das Problem solcher Firmen ist der lange Zeithorizont, den sie mitbringen müssen. Im Moment ist das Produkt der Firma Climeworks noch sehr teuer: Die Entfernung einer Tonne CO2 aus der Atmosphäre kostet noch 600 Dollar pro Tonne CO2. Um die Kosten auf die geplanten 100 Dollar pro Tonne senken zu können benötigt Climeworks sehr viele Kunden, die etwas für die Entfernung von CO2 zahlen und die Kunden von jetzt müssen sogar sehr viel zahlen, damit die Kunden von morgen billiger weg kommen.
    Die bisherigen Erfahrungen mit dem Klimaschutz sprechen nicht unbedingt dafür, dass Firmen wie Climeworks überleben können. Es sei denn, es schlösschen sich gar Länder wie Deutschland und schliesslich sogar die ganze EU den Klimazielen von Schweden und Grossbritannien an.

  6. Der MIT-Review Beitrag The daunting math of climate change means we’ll need carbon capture lässt sich folgendermassen zusammenfassen. Schon 2036 könnte soviel CO2 emittiert sein, dass das 2°C-Ziel später überschritten wird. Nur das auffangen und speichern von CO2 aus fossilen Kraftwerken und möglicherweise aus der Luft bietet überhaupt eine Chance, das 2°C-Ziel einzuhalten. Und diese Auffang- und CO2-Speichertechnologie funktioniere tatsächlich schon heute, wenn sie auch noch kaum eingesetzt werde. Allerdings sei das auffangen und speichern von CO2 direkt aus der Luft etwa 10 Mal so teuer wie das auffangen und speichern von CO2 aus der Abluft von Kraftwerken, weshalb es nötig sei, bei Kraftwerken anzusetzen – auch wenn dies die Energieerzeugung deutlich teurer und aufwändiger mache (es muss mehr Kohle, Erdgas, Öl verbrannt werden um die gleiche Stormmenge zu erzeugen, wenn CO2 aufgefangen wird).

    Interessant an diesem Interview sind auch die Beurteilungen des Interviewten was Erneuerbare und fossile Energien angehe. Er denkt, in kalten Orten wie Kanada etc. sei der Verzicht auf fossile Energien nicht unmittelbar möglich zumal in vielen Orten Kanadas die Sonne zuwenig scheine und der Wind zu zerstörerisch sei um Windturbinen dauerhaft betreiben zu können.

Schreibe einen Kommentar


E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
-- Auch möglich: Abo ohne Kommentar. +