Energiemarkt im Warteloop


Herbst ist stets Konferenz-Zeit. Auch für mich war’s dieses mal wieder so. Nach zwei KI-Konferenzen zuletzt das Thema Zukunft der Energiewirtschaft bei der Fraunhofer-Gesellschaft. Es ist nun schon das vierte Jahr, dass ich diese Veranstaltung des Munich Network besuche. Wenn ich die Jahre so Revue passieren lasse, dann fallen zwei Dinge auf, erstens die gute Nachricht: Trotz anhaltender Jammerei in der Innovations-Branche ist das neue Denken in der Energiewirtschaft inzwischen fest verankert. Alle haben inzwischen verinnerlicht, dass man sich in Richtung Startups, aber auch bei der Konzeption dessen, was der Kunde ist – eben nicht mehr nur ein Anschlusspunkt – bewegen muss, dass Größe nicht mehr das Maß aller Dinge ist – und dass offene Plattformen auch in der Energiewirtschaft Einzug halten werden. Doch das heißt noch lange nicht, dass das Wie der Umsetzung klar ist. Die zweite Erkenntnis also: Es fehlt der Plan. Ihn zu suchen, dafür haben die etablierten Unternehmen junge Wilde wie Simon Bartmann an Bord geholt, der seit zwei Jahren beim Energieversorger EWE AG fürs Business Development verantwortlich ist und sich selbst als „freien Radikalen“ bezeichnet, der Ideen nicht nur konzipieren, sondern auch experimentell umsetzen darf.

Derzeit befasst sich die Branche stark mit dem Thema Plattform. Alle wissen, dass eine offene Plattform mit einem für den Kunden einfach nutzbaren Zugang und mit angeschlossenen Mehrwertdiensten die Zukunft auch in der Energiewirtschaft ist. Noch aber rätseln alle, wie sie aussehen könnte. Möglich wäre, dass Amazon als etablierter Plattform-Betreiber am Ende auch dieses Feld okkupiert. Es gibt aber auch andere Möglichkeiten. Heißt diskutiert – und in ersten Piloten schon in experimentellem Einsatz: Plattformkonzepte mit dem Hype-Thema Blockchain. Doch da fällt auf, dass sich manche noch schwer tun, das Wesen von Blockchain zu verstehen und adäquat umzusetzen. Wer mit einfachen Worten verstehen möchte, was das Blockchain-Protokoll von dem des Internet so grundsätzlich unterscheidet, der wird in der Reportage aus erster Forscherhand informiert: Der Wirtschaftsingenieur Gilbert Fridgen ist heute Professor für Wirtschaftsinformatik und nachhaltiges IT-Management an der Uni Bayreuth und ein ausgewiesener Fachmann im Bereich der Blockchain-Welt. Er formulierte es so: Wer ein Blockchain-Netz aufbaut und sich dabei selbst in der „führenden Rolle“ sieht, der hat Blockchain nicht verstanden – denn dann könnte er genauso gut auch ein zentrales System konventioneller Art entwickeln. Wer ein solches System aufbaut, muss sich also dann selbst wieder aus der Verantwortung nehmen und die Plattform dem freien, also dem demokratischen Spiel der Kräfte gleichberechtigter Partner überlassen. Motionwerk, eine Beteiligung von Innogy, versucht genau das: Den Aufbau eines Blockchains, mit dem Autos an Ladestellen beliebiger Betreiber Energie tanken können. Für den Betrieb wurde nun in der Schweiz eine Stiftung ins Leben gerufen, die als neutraler Eigner der Plattform fungiert. Motionwerk selbst wird damit zur Tech-Bude, die als Blockchain-IT-Dienstleister für Mitwirkende arbeiten möchte. Gern auch über Landesgrenzen hinaus. So soll das Protokoll zu einem globalen Standard avancieren, der wie im Mobilfunk auch Roaming ermöglichen wird. Ziel ist es in diesem Blockchain, Stromzapfsäulen ebenso wie Automobile, beispielsweise im Car Sharing, mit einer Art Eigenleben im Netz auszustatten. Die gehören in Blockchain dann zwar jeweils ganz unterschiedlichen Betreibern, sind aber in ihrer Netz-Repräsentanz unabhängig. Fahrzeuge unterschiedlicher Anbieter können als unabhängige virtuelle Kunden an beliebigen Ladestationen Energie laden, wobei die entstehenden Kosten über Unternehmens- und Landesgrenzen hinweg bei eigenen Kunden oder auch Kunden fremder Dritter abrechenbar sind.

Wenn aber Blockchain als Modell für die Energiewirtschaft gesehen wird, ergeben sich gleich Fragen: Darf man eine hochsensible Infrastruktur wie das Energienetz dem freien, wenn auch demokratisch organisierten Spiel der Kräfte überlassen? Oder müsste ein Blockchain dafür möglicherweise staatlich reglementiert werden? Wie also hält es die Demokratie des Bockchain mit den drei Gewalten, deren Zusammenspiel im realen Leben erst das gewährleistet, was wir Demokratie nennen? In Deutschland fehlt dazu jeglicher Plan. So fragte ein schon etabliertes Startup mal ganz frech: Wie lange müssen wir noch warten, bis sich in Deutschland was bewegt? Antworten gab es zu einer solch wichtigen Frage wieder einmal nicht.

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Ich habe viele Jahre journalistisch im Bereich Wissenschaft und Technologie gearbeitet, später dann mit meiner kleinen Beratungsfirma als Medienexpertin. 2010 erfüllte ich mir meinen großen Traum und gründete den Spartensender HYPERRAUM.TV, für den ich eine medienrechtliche Rundfunklizenz erteilt bekam. Seither mache ich als One-Woman-Show mit meinem „alternativen TV-Sender“ gewollt nicht massentaugliches Fernseh-Programm. Als gelernte Wissenschaftshistorikern habe ich mich gänzlich der Zukunft verschrieben: Denn die Vergangenheit können wir nur erkennen, die Zukunft aber ist für uns gestaltbar. Wir sollten versuchen, nicht blind in sie hinein zu stolpern!

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  1. Eine Blockchain will auf dezentrale Art und Weise Vertrauen in Transaktionen schaffen. Eine Transaktion ist dabei etwas atomares: es hat entweder stattgefunden oder nicht – ein dazwischen darf es nicht geben. Konkret sind Transaktionen Einzahlungen, Abstimmungen, Geldtransfers oder auch Teilnahme- oder Aufenthaltsbestätigungen. Ist die Transaktion erfolgreich, kann sie von jedem Blockchainteilnehmer eingesehen werden und bleibt für immer im System.
    Durch was ist nun eine Blockchain gefährdet? Ich sehe eine Hauptgefahr: eine funktionierende Blockchain setzt eine minimale Anzahl von Teilnehmern und auch Servern (Computer, die sie verwalten) voraus. Wenn die Teilnehmerzahl unter die kritische Grenze sinkt, können sich Monopole und Kartelle ausbilden und das Vertrauen kann verspielt werden oder gänzlich verloren gehen. Nun zu einem Textteil aus dem Beitrag von Susanne Päch (Zitat): Wenn aber Blockchain als Modell für die Energiewirtschaft gesehen wird, ergeben sich gleich Fragen: Darf man eine hochsensible Infrastruktur wie das Energienetz dem freien, wenn auch demokratisch organisierten Spiel der Kräfte überlassen? Oder müsste ein Blockchain dafür möglicherweise staatlich reglementiert werden?
    Staatlich reglementiert müsste hier sicher nicht die Art wie die Energienetz-Blockchain funktioniert, aber vielleicht müsste reguliert werden, wer Zugang zur Blockchain hat und was genau in der Blockchain für Information gespeichert und abgerufen werden kann. Eine Blockchain muss für die Teilnehmer immer voll einsehbar sein, sonst verliert sie ihren Sinn – aber nicht jedermann muss/darf Teilnehmer einer bestimmten Blockchain sein.

  2. Der Handelsblatt-Artikel Blockchain-Technologie könnte die nächste Energiewende einleiten nennt Einsatzgebiete der Blockchain-Technologie im Energiebereich und zeigt, dass Blockchain-Technologie es ermöglicht, dass nun auch kleine Energieerzeuger bis hinunter zu Eigenheimbesitzern mit Photovoltaikdach, in ein Handelssystem eingebunden werden können. Strombezüger als Blockchain-Mitglieder könnten dann zusammen mit dem Strombezug auch exakte Angaben ergalten, wer den gerade konsumierten Strom ins Netz eingespiesen hat. Im Energiebereich könnte mit Blockchain also echt dezentrale Energieerzeugung, -speicherung und -konsum begünstigt werden, vor allem dadurch begünstigt werden, dass auch kleinste Energieerzeuger und Energiespeicherer direkt eingebunden werden könnten ohne eine vermittelnde Stelle, die das für sie organisiert. Damit solch ein System zuverlässig funktioniert, müssen die Transaktionen, beispielsweise das Einspeisen von Solarstrom vom Dach des Herrn X ins Netz von der Blockchain auf Validität, auf Gültigkeit überprüft werden. Wahrscheinlich genügt dazu die Identifikation von Herrn X und eine einmalige Kontrolle die belegt, dass Herr X in der Tat über ein Solardach verfügt. Allerdings lässt sich Missbrauch mit einem solchen System wohl nicht völlig verhindern. Missbrauch wie er etwa in Spanien vorkam, wo das Einspeisen von Solarstrom ins Netz grosszügig honoriert wurde, was dann einige Gewitzte ausnützten indem sie anstatt Solarstrom Strom aus dem Dieselgenerator ins Netz einspeisten. Das fiel erst auf, als sich jemand fragte, wie denn Solarstrom auch nachts erzeugt werden könne, denn die Betrüger betrieben ihren Dieselgenerator rund um die Uhr.
    Allerdings werden solche Energie-Blockchains vorerst nichts daran ändern, dass es auch eine Instanz geben muss, die die Stabilität des Netzes überwacht und welche bei Bedarf Backupkraftwerke wie Ergas- oder gar Kohlekraftwerke hochfährt. In einer späteren Phase könnte man sich aber vorstellen, dass Backupkraftwerke ebenfalls in die Energieblockchain eingebunden werden und dass sie beispielsweise über ein Preissignal aktiviert werden, sich also selbständig hochfahren, wenn es sich für sie preislich lohnt, was voraussetzt, dass der Strompreis bei einsetzendem Strommangel zu steigen beginnt. Solch ein Netz mit dynamischem, am Nachfrageüberhang orientiertem Strompreis, könnte wohl ebenfalls über eine Blockchain betrieben werden. Allerdings wird die eigentliche Netzüberwachung wohl immer in den Händen von wenigen Überwachern bleiben, so dass Blockchain, welches eher für dezentrale Lösungen steht, hier nicht viel bringt.

  3. Blockchain und Energienetz: Was ich mit Regulierung eines Blockchain meinte: Die in einer realen Demokratie existierende Gewaltenteilung von Legislative, Judikative und Exekutive könnte dort außer Kraft gesetzt sein. Allein das Recht der Mehrheit in einem Blockchain zu etablieren, reicht nicht aus, wirklich “demokratisch” in unserem Verständnis zu sein. Die Experten sehen hier jedenfalls noch Handlungsbedarf. Ein Beispiel für ein experimentelles Stadtwerke-Blockchain in Wuppertal findet sich übrigens in der Reportage. Wie armselig all das noch ist und wie viele Stolpersteine da noch im Wege stehen, auch.

  4. Im Video werden auch die neuen US-Techgiganten Facebook, Amazon, Google, Tesla erwähnt – mit einem gewissen Bedauern. Und es ist berechtigtes Bedauern, denn es gibt kein deutsches, französisches oder gar europäisches Google, Amazon oder Tesla, keine europäischen oder gar deutschen Firmen, die erst um das Jahr 2000 herum gegründet (Google 1998) wurden und die heute die Welt beherrschen. Diese fehlenden Erfolgsstories in der Hightech-Branche Deutschlands und Europas bedeuten konkret, dass es nur wenigen Techfirmen in Europa gelingt aus sich selbst heraus ständig weiterzuwachsen und neue Masstäbe zu setzen. So etwas passiert in Europa nur vielleicht alle 30 Jahre und führt dann zu Firmen wie SAP (gegründet 1972) oder Xing (2012 gegründet), wobei nur gerade das bereits 40 Jahre alte SAP Weltgeltung erlangte.

    Woran nur liegt das? Warum ist und hat Deutschland kein Silicon-Valley? Fehlt es an den Fachkräften oder ist es eine Frage des Mindsets (der Denkweise). Müssen die Deutschen also lernen mutiger und damit weniger deutsch zu denken und zu handeln?

  5. @Susanne Päch: mir scheint, so etwas wie ein Blockchain abgesichertes Energienetz braucht im täglichen Betrieb keine Judikative, Exekutive oder Legislative. Vielmehr müssen die Rahmenbedingungen so gesetzt sein, dass ein Betrieb überhaupt möglich und legal ist. Wer über Blockchain seinen selber produzierten Solarstrom absetzen möchte, muss beispielsweise das grundlegende Recht besitzen überhaupt Strom auf dem Hausdach erzeugen zu dürfen und er muss das Recht haben diesen dann auch verkaufen zu können. Wenn ein Blockchain-gesteuertes Energienetz zudem dem Stromkunden verspricht, er erhalte genau den gewünschten Strom, also etwa Solarstrom oder Windkraftstrom, dann könnte das von den etablierten Stromversorgern auch als unlautere Wettbewerb eingeklagt werden. Wirklich neue Gesetze oder gar eine neue Legislative, Judikative oder Exekutive braucht es dafür in meinen Augen nicht. Das einzige was es vielleicht wirklich braucht sind weniger Regulierungen.

  6. Martin Holzherr: Klar, zuerst einmal braucht es Regelungen des Marktes, die nicht mehr zeitgemäße Hürden wie etwa das Direktvermarktungs-Verbot beenden, da hinkt Deutschland mächtig hinterher. Andererseits meine ich, man sollte beim Blockchain nicht in die gleiche Falle laufen wie beim Internet, das heute ein weitgehend rechtsfreier Raum ist. Im Einsatz für eine sensible Infrastruktur müsste es beispielsweise eine Möglichkeit geben, Konfliktfälle vor ein wie auch immer gestaltetes “Gericht” bringen zu können, denn Mehrheitskartelle haben – zumindest nach meiner demokratischen Auffassung – leider nicht immer recht.

  7. @Susanne Päch: Blockchain‘s Dezentralität ist sowohl ein Vorteil als auch eine Gefahr, dass etwa Geldwäschereigesetze umgangen werden (da in der dezentralen Struktur einer Blockchain weniger kontrollierbar) und auch die Terrorfinanzierung könnte Blockchain für sich entdecken, ja sie hat es in Form der Kryptowährungen bereits getan.
    Zuerst einmal ist die Gesetzgebung gefordert: Sie muss überprüfen, welche neuen Rechtsfälle durch die Blockchain-Technologie entstehen und dann ensprechende Gesetze erlassen. Dabei gibt es zwei Ansätze:
    1) man schafft ein neues Blockchain-Gesetz wie das Liechtenstein, Malta und Luxemburg gemacht haben
    oder
    2) man erweitert die bestehende Gesetzgebung mit neuen Regelungen, die Blockchain berücksichtigen. Dieser Ansatz wird in der Schweiz verfolgt mit Anpassungen im Zivilrecht, Konkursrecht und Finanzmarktrecht. Dieser zweite Ansatz soll die Hürden für unkritische Blockchain-Anwendungen senken, also für Blockchain-Anwendungen, die nicht direkt mit dem Zivilrecht, Konkursrecht oder Finanzmarkrecht verbunden sind.

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