Der mit den Tieren spricht

Bienen-Schwärme leben in einer hoch entwickelten, sich selbst steuernden Gemeinschaft. Unter anderem über Tänze, aber auch mit Gerüchen und Vibrationen kommunizieren Bienen umfänglich miteinander. Diese Sprache der Bienen ist das, was Thomas Schmickl, Professor für Zoologie, in dem von ihm aufgebauten Artificial Life Lab genauer ergründen will. Das aber nicht nur passiv durch reine Beobachtung, sondern ziemlich aktiv mittels selbst entwickelter, digital hochgerüsteter Attrappen, die er für seine Verhaltensforschungen steuernd einsetzt. Anders als mechanisch angetriebene Puppen oder Figuren aus Holz und Pappmaché haben seine Robo-Bienen bereits einen bisher unbekannten Status der Integration in eine Gemeinschaft lebendiger Wesen erreicht. Sie sind nicht nur als Teil der tierischen Gesellschaft anerkannt, sondern in der Lage, das Verhalten des Bienen-Volks zu beeinflussen. Wie das gelingt, darüber berichte ich in der oben gezeigten Reportage genauer.

Thomas Schmickl
Thomas Schmickl während des Gesprächs mit Susanne Päch.

Im unten folgenden Talk sprechen wir allgemeiner über seinen Forschungsansatz und auch die daraus erwachsenden Konsequenzen in der künftigen Anwendung. Schmickl betreibt zwar Grundlagenforschung, hat aber die daraus erwachsenden Möglichkeiten seiner interdisziplinär aufgestellten Forschungen durchaus im Blick. Heute muss sich der Mensch gegen die Tierwelt behaupten und die zunehmende Inbesitznahme des Lebensraums bei Tieren meist mit „Gewalt“ – mit Zäunen oder der chemischen Keule – erzwingen. Könnten wir die Sprache der Tiere besser verstehen, ließen sich Tierschwärme viel sanfter nach unseren Wünschen dirigieren – und zwar durch das Einschleusen algorithmisch arbeitender Attrappen, so die Vision von Schmickl, die inzwischen am Horizont auftaucht. Für viele Tierarten könnte das ein besseres Überleben auf dem vom Menschen dominierten Planeten bringen. Noch ist das ein Fernziel. Aber obwohl Schmickls Robo-Bienen noch gänzlich stationär sind, sich in der Gemeinschaft also nicht bewegen können, sind sie mit ihren digital gesteuerten Vibrations-Eingriffen sowie mit Hilfe der Temperaturregelung bereits in der Lage, beispielsweise das Verhalten junger Bienen bei der Vorbereitung der neuen Zellen für die Eiablage im Brutnest, ganz tief im dunklen Inneren der Kolonie, nachweislich zu beeinflussen.


Thomas Schmickl im Talk mit Susanne Päch über Attrappenforschung im 21. Jahrhundert und den Einsatz von Algorithmen in der Verhaltensforschung von Bienen.

Es geht bei dieser digital aufgepeppten biologischen Grundlagenforschung aber nicht nur darum, die Robo-Bienen für den algorithmischen Einsatz in der Tiergemeinschaft mit fest vorgegebenen Programmen fit zu machen. Sie sind auch in der Lage, mit Hilfe von Deep Learning Algorithmen selbst auf die Suche nach Verhaltensmustern der Bienen zu suchen.

Robowesen als veritable Forscher also – unterwegs in der uns so fremd anmutenden Bienen-Kolonie, selbständig dabei, die dort herrschenden Spielregeln aufzudecken. Für Schmickl eine ganz selbstverständliche Aufgabe, denn zwischen robotischen, also künstlich geschaffenen Wesen und biologischen Lebensformen sieht er als Biologe keinen gravierenden Unterschied. Beides sollte als Teil einer Gemeinschaft gesehen werden, und alle, die zwischen künstlicher und biologischer Intelligenz noch strickt trennen wollen, sind für Schmickl nicht mehr auf der Höhe der Zeit, wie er mir in einem interessanten Statement hier sagt. Schmickl hält es da – erstaunlich oder auch nicht? – mit einem Kirchenmann längst vergangener Tage: mit Franz von Assisi, dem Begründer des Ordens der Minderen Brüder. Der war im 13. Jahrhundert schon überzeugt, dass der Mensch mit der Tier- und Pflanzenwelt eine Einheit bildet, da für ihn alle Lebewesen auf der Erde Ausdruck göttlicher Schöpfung waren; der Mensch müsste nur die Sprache der anderen erlernen, um sie auch verstehen – und damit, die Schmicklsche Conclusio des 21. Jahrhunderts, auch steuern – zu können. Genau das versucht Schmickl in seinen Labors – mit Hilfe algorithmischer Entitäten, die sich übrigens nach Aussage des Forschers bereits im Spiegel selbst erkennen können. Erstaunlich – gilt das doch bei Lebewesen als Bewusstseins-Test!

Den Sprechertext der Reportage gibt’s wie immer bei HYPERRAUM.TV.

Veröffentlicht von

Ich habe viele Jahre journalistisch im Bereich Wissenschaft und Technologie gearbeitet, später dann mit meiner kleinen Beratungsfirma als Medienexpertin. 2010 erfüllte ich mir meinen großen Traum und gründete den Spartensender HYPERRAUM.TV, für den ich eine medienrechtliche Rundfunklizenz erteilt bekam. Seither mache ich als One-Woman-Show mit meinem „alternativen TV-Sender“ gewollt nicht massentaugliches Fernseh-Programm. Als gelernte Wissenschaftshistorikern habe ich mich gänzlich der Zukunft verschrieben: Denn die Vergangenheit können wir nur erkennen, die Zukunft aber ist für uns gestaltbar. Wir sollten versuchen, nicht blind in sie hinein zu stolpern!

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Abgewandeltes Zitat: Robowesen als veritable Forscher also – unterwegs in der uns so fremd anmutenden Menschen-Stadt, selbständig dabei, die dort herrschenden Spielregeln aufzudecken.
    Irgendwann wird es das wohl auch geben: Humanoide Roboter, die als Menschen durchgehen und unsere Menschenwelt nicht nur observieren, sondern (Zitat) in der Lage sind, mit Hilfe von Deep Learning Algorithmen selbst auf die Suche nach Verhaltensmustern der Menschen zu suchen Und sie werden (Zitat) nicht nur als Teil der menschlichen Gesellschaft anerkannt werden, sondern in der Lage sein, das Verhalten des Menschen-Volks zu beeinflussen.
    Nicht nur für Forscher brechen da aufregende Zeiten an.

  2. @Martin Holzherr: Aber ja doch! Genau darüber habe ich mit Schmickl natürlich auch – im zweiten Teil – gesprochen. Kommt nächste Woche.

  3. Die “Agenten-Biene”

    Zur Infiltration des Bienenvolks.

    Ich stünde eher zum “diplomatischen” Model. Also die “Gesandtenbiene”…

  4. @demnolog… naja, “Gesandtenbiene” klingt zweifellos diplomatisch-vornehmer – aber die Bienen halten den Gesandten halt doch für ein internes Mitglied der Gesellschaft, für einen von ihnen, und das ist schon arglistige Täuschung, noch dazu ja auch und gerade der offensichtlich-absichtliche Zweck der ganzen Sache! Aus Bienensicht ist es für mich deshalb durchaus berechtigt, von einer Agentenbiene zu sprechen, wenn auch eine mit guten Absichten, was allerdings auch kein Widerspruch zum Agenten-Dasein ist. Diese guten Absichten zielen meist nur auf die andere Seite! Aber natürlich, Sie haben recht: Aus der Sicht dieser anderen Seite, hier: des Forschers, ist es mehr als legitim, die diplomatische Variante zu wählen. Ich denke nach gewissem Abwägen Ihres Einwandes: Agentenbiene oder Gesandtenbiene – eine klassische Patt-Situation! Kommt halt mal wieder ganz drauf an, ob man im Glashaus sitzt oder von draußen reinschaut … 🙂

  5. Die früheren Naturvölker gingen davon aus, dass alles “beseelt” ist. Sie meinten damit auch die Tierwelt.Dass, was wir Seele nennen, ist auch die Essenz all unserer tierischen Instinkte und Triebe , sprich das Erbe der Evolution. Tiere haben ,ähnlich wie der Mensch, bestimmte Gehirnzentren für die Reizverarbeitung . Sie konditionieren Reize nach dem Muster wie Menschen oder umgekehrt(Pawlowsche Prinzip) So werden Reize – wie beim Menschen- in Emotionen umgesetzt und zu prägenden Verhaltensmustern.
    Wenn wir dieses Prinzip noch besser kennen bzw. die Muster dazu, die auch unbewusst in uns wirken , können wir auch mit Tieren noch besser kommunizieren.

Schreibe einen Kommentar


E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
-- Auch möglich: Abo ohne Kommentar. +