Curiosity, der Neugierige


Nach einer neunmonatigen Reise erreichte der Rover Curiosity am 6. August 2012 sein Ziel: den Mars. Unser Nachbarplanet fasziniert den Menschen seit mehr als einem Jahrhundert aus einem ganz speziellen Grund: Ist er eine zweite Erde, die auch Leben hervor gebracht hat?

Der Gedanke, der durch die vermeintliche Entdeckung der Mars-Kanäle durch den Astronomen Giovanni Schiaparelli schon 1877 entfacht wurde, inspirierte viele Autoren: allen voran, 1998 H. G. Wells mit seinem Action-Klassiker „War of the Worlds“, in dem feindlich gesinnte Marsianer für neuen Lebensraum die menschliche Zivilisation ausrotten möchten, und – schon ein Jahr vorher erschienen – auch der bekennende Kantianer Kurd Lasswitz, der in seinem Epos „Auf zwei Planeten“ den Gegenentwurf darstellte: eine alte, hoch zivilisierte und dem Menschen moralisch weit überlegene Kultur auf dem Mars. Mit der Entdeckung der Marskanäle entwickelten Literaten aus aller Welt bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Blaupause sämtlicher bis heute diskutierter Szenarien des Spektrums der Konfrontation mit fremden Intelligenzen. Noch ist die Wissenschaft ohne Antwort darauf, ob es anderes Leben im Kosmos gibt, obwohl heute im Zeitalter tausender nachgewiesener Exoplaneten die Entstehung von Leben auch außerhalb der Erde als wahrscheinlich, für manche sogar als der angenommene Normalfall gilt. Doch aufgrund der gewaltigen Entfernungen scheint ein Zusammentreffen mit fremden Intelligenzen heute jedoch eher unwahrscheinlich.

Ob sich in unserer nächsten Nähe, auf dem roten Planeten, einst Lebensformen gebildet haben könnten oder vielleicht sogar bis heute dort erhalten haben, das ist eine Frage, die von der Wissenschaft weiterhin unbeantwortet bleibt. Längst geht es dabei nicht mehr um menschenähnliche Bewohner, aber doch um potenzielle Mikroorganismen, die sich auf dem ehedem mit Wasser versorgten Planeten in Spalten oder Höhlen hätten herausbilden und vielleicht sogar bis heute erhalten können. Doch bisher kann die Wissenschaft für diese Vermutung keine harten Indizien vorlegen, auch wenn beispielsweise Curiosity nach vielen Jahren der Oberflächenanalyse mit Bodenproben, die der Rover in seinem Minilabor auswerten kann, Stickstoffverbindungen, Methan und Kohlenmonoxid, ja sogar organische Moleküle nachgewiesen hat. Alle diese entdeckten, für Leben auf der Erde relevanten atmosphärischen Gase, könnten zwar von marianischen Lebensformen stammen, aber sie lassen sich eben genauso gut auch ohne die Entstehung von Leben erklären.

Geklärt haben Marsforscher dank der Messungen im Krater Gale allerdings eine spezielle Frage um das Methan in der dünnen Gashülle, die sie schon seit Jahren beschäftigte: der merkwürdig schwankende Methan-Gehalt. Bisher konnte Methan nur von Sonden punktuell ermittelt werden. Doch mit einem speziellen Detektor an der Außenseite des Rovers hat ihn Curiosity nun systematisch erfasst und mit den zur Erde gefunkten Daten das Geheimnis seiner Schwankungen enthüllt. Es zeigte sich, dass sich der atmosphärische Anteil von Methan mit den Jahreszeiten verändert. Die Wissenschaftler im Jet Propulsion Lab der NASA heben zudem hervor, dass sich das jetzt dokumentierte jahreszeitliche Muster nicht nur bestätigt hat, sondern um den Faktor drei auch erstaunlich stark schwankt. Nach derzeitiger Einschätzung der Forscher ist die Ursache „selbstgemacht“, wie Dr. Chris Webster vom JPL meint: „Wir gehen heute nicht davon aus, dass das Methan von Meteoriten oder Kometen stammt oder dass es sich dabei um interplanetares Gas handelt. Sonst dürfte es unserer Meinung nach diese großen jahreszeitlichen Schwankungen gar nicht geben, sie dürften dann höchstens zwanzig Prozent ausmachen. Wir glauben vielmehr, dass das Methan in Stoffen des Untergrunds gebunden vorhanden ist.“ Aber auch das ist längst noch kein Indiz für heutiges oder früheres Leben auf dem Mars, wie Webster gleich hinzufügt. „Wir wissen derzeit nicht, wann dieses Methan entstanden ist, ob es schon lange dort lagert oder aber laufend neu entsteht. Und wir wissen auch nicht, ob das Methan möglicherweise von Lebensformen wie Mikroben gebildet wurde oder ausschließlich durch chemische Veränderungen des Gesteins entstand. Wir denken aber, dass das Methan aus Poren oder Rissen im Gestein an die Oberfläche steigt, und dann reguliert die jahreszeitlich wechselnde Oberflächentemperatur, wie viel davon dann tatsächlich in die Atmosphäre entweicht.“

Mehr über die Frage, wie es um die Bildung von Leben steht, soll mit der Mission 2020 aufgedeckt werden. Es handelt sich dabei um einen weitgehend baugleichen Rover wie Curiosity, der allerdings Bodenproben nicht nur sammeln, sondern das Material in Metallkapseln fest verschließen kann. So soll es für einen möglichen späteren Rücktransort eingelagert werden, bis diese Proben dann mit einem späteren Flug zur Erde transportierbar sind. Es ist damit eine Light-Version der von NASA, ESA sowie Roskosmos vor rund einem Jahrzehnt geplanten unterschiedlichen Mars-Sample-Return-Missionen, mit denen Marsproben wieder zurück zur Erde gebracht werden sollten. Alle Projekte dieser Art wurden inzwischen wegen Nicht-Finanzierbarkeit wieder zu den Akten gelegt. Noch gibt es also für die Rückführung der Proben von Mars 2020 keinen konkreten Plan.

Vielleicht aber gibt uns ein gerade auf dem Weg zum Mars fliegender Lander, der Ende November planmäßig auf dem Mars ankommen soll, einen alternativen Ansatz: InSightwird auf dem Mars stationär arbeiten und ist dafür konzipiert worden, tiefer in den Mantel des Planeten vorzudringen – bis zu 5 Metern. Im Vergleich dazu: Curiosity kratzt seit mehreren Jahren mit seinem Greifer nur wenige Zentimeter in die Oberfläche hinein. Neben einem Seismometer zur Messung minimaler Bewegungen im Marsboden hat InSight auch ein Infrarot-Radiometer an Bord. Es wird die Temperatur direkt an der Oberfläche erfassen. Darüber hinaus soll eine Rammsonde mit einem Messband hochempfindlicher Thermometer fünf Meter in die Tiefe vorstoßen. Mit diesen Informationen hoffen Marsforscher klären zu können, ob der Kern des Planeten heute noch geschmolzen ist oder nicht. Zudem sollen über Dopplerverschiebungen von Funkwellen minimale Schwankungen der Neigung der Rotationsachse erfassen – und so erstmals Aufschluss über die Massenverteilungen im Inneren des Planeten geben. Wer weiß: Vielleicht schlummern in der Tiefe sogar Geheimnisse, die uns bei der Suche nach Leben auf dem roten Planeten überraschende Erkenntnisse liefern können.

Hier der Artikel über Curiosity von Spektrum.

Den Sprechertext zur Sendung gibt’s wie immer bei HYPERRAUM.TV.

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Ich habe viele Jahre journalistisch im Bereich Wissenschaft und Technologie gearbeitet, später dann mit meiner kleinen Beratungsfirma als Medienexpertin. 2010 erfüllte ich mir meinen großen Traum und gründete den Spartensender HYPERRAUM.TV, für den ich eine medienrechtliche Rundfunklizenz erteilt bekam. Seither mache ich als One-Woman-Show mit meinem „alternativen TV-Sender“ gewollt nicht massentaugliches Fernseh-Programm. Als gelernte Wissenschaftshistorikern habe ich mich gänzlich der Zukunft verschrieben: Denn die Vergangenheit können wir nur erkennen, die Zukunft aber ist für uns gestaltbar. Wir sollten versuchen, nicht blind in sie hinein zu stolpern!

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  1. Wenn man auf dem Mars oder Enceladus Lebensspuren findet, wird es mit einige Wahrscheinlichkeit das gleiche Leben mit den gleichen Baustoffen sein, das es auch hier auf der Erde gibt – weil nämlich das Leben mit grosser Wahrscheinlichkeit weder auf der Erde noch auf irgend einem anderen nur einige Milliarden jungen Himmelskörper entstanden ist. Dazu war einfach die Zeit zu kurz. Inzwischen hat man Spuren von 4 Milliarden alten Einzellern hier auf der Erde gefunden. Solch ein Einzeller hat bereits ein Genom bestehend aus hunderten Basenpaaren. So etwas entsteht nicht einfach über Nach, sondern braucht selber eine Entwicklungszeit von Milliarden von Jahren. Life before Earth bringt überzeugende Argumente dafür, dass das Leben auf der Erde aus dem All stammt, dass also die Panspermie-Hypothese (Leben verbreitet sich via interstellar reisenden Gesteinsbrocken) zutrifft.

  2. @Martin Holzherr

    Inzwischen hat man Spuren von 4 Milliarden alten Einzellern hier auf der Erde gefunden.

    Bei denen keinerlei Sicherheit besteht, dass sie tatsächlich von organischem Leben herrühren und nicht etwa von anorganischen Prozessen.

    Life before Earth bringt überzeugende Argumente dafür, dass das Leben auf der Erde aus dem All stammt, dass also die Panspermie-Hypothese (Leben verbreitet sich via interstellar reisenden Gesteinsbrocken) zutrifft.

    Äh nein, tut es nicht

  3. @Spritkopf: Es stimmt, dass wir und auch die Autoren des Arxiv-Artikels nichts über präbiotische Prozesse wissen. Es ist aber plausibel, dass die Entstehung selbst eines Präkaryonten ein Prozess ist der weder in 7 Tagen (Bibel) noch in 700 Millionen Jahren abläuft, sondern Milliarden von Jahren in einer idealen Umgebung fordert. Ist Leben aber einmal entstanden, kann es sich durchaus im Weltraum verbreiten, haben doch Experimente gezeigt, dass selbst relativ komplexe Organismen ( wie das Bärtierchen) einen längeren Aufenthalt im Weltraum überleben können

  4. @Martin Holzherr

    Es ist aber plausibel, dass die Entstehung selbst eines Präkaryonten ein Prozess ist der weder in 7 Tagen (Bibel) noch in 700 Millionen Jahren abläuft, sondern Milliarden von Jahren in einer idealen Umgebung fordert.

    Ich staune. Wie wollen Sie überhaupt irgendeine Plausibilitätsannahme treffen, wenn wir noch nicht mal die Abiogenese des einen Datenpunkts, den wir kennen, nämlich das Leben hier auf der Erde, entschlüsselt haben? Und woher kommt Ihre Gewissheit, dass 700 Millionen Jahre dafür auf keinen Fall ausreichen können, obwohl die Erde des Hadaikums und des Archaikums ein riesiges Versuchslabor mit den unterschiedlichsten Umgebungsbedingungen darstellte? Die Rechnungen von Sharov und Gordon können es nicht sein – diese sind ja weithin als mangelhaft in Methodik und Wahl der Datenbasis bewertet worden.

    P.S.: Mit der Bibel dürfen Sie mir gern von der Wäsche bleiben. Religiöse Märchen diskutieren Sie vielleicht besser mit Kreationisten oder Theologen.

  5. Es gibt auch ein Argument für Leben vor Enstehung der Erde das die Autoren gar nicht erwähnen: alles Leben hat einen gemeinsamen Ursprung, basiert auf den gleichen molekularchemischen Bausteinen und Prozessen. Wenn das Leben von aussen kam, wäre das eine Erklärung dafür. Wenn das Leben hier schon Vorstufen gehabt hätte in der es keine DNA gab, sondern wo beispielsweise eine rein RNA basierte Lebenschemie bestanden hätte, warum ist dann nichts irgendwo davon in einer Nische übriggebliebenen?

    Wie können dies heute nicht beantworten. Würden wir aber Lebensspuren auf einem anderen Planeten oder einem Mond in diesem Sonnensystem finden, wären wir einer Antwort näher.

  6. @Martin Holzherrr

    Wenn das Leben hier schon Vorstufen gehabt hätte in der es keine DNA gab, sondern wo beispielsweise eine rein RNA basierte Lebenschemie bestanden hätte, warum ist dann nichts irgendwo davon in einer Nische übriggebliebenen?

    Weil DNA eine weitaus bessere chemische Stabilität besitzt als RNA. RNA-Stränge sind so instabil, dass sie selbst unter milden Bedingungen schon nach wenigen Wochen zum Zerfall neigen, während DNA noch aus hunderttausende Jahre alten Fossilien gewonnen werden kann. Diese Instabilität der RNA begrenzt ihre Länge auch auf einige tausend Basen, da ansonsten das Risiko eines Strangbruchs untragbar groß wird.

    Wie können dies heute nicht beantworten.

    Wie obenstehend gesehen: Doch, können wir.

  7. @Spritkopf: Ein RNA-basiertes Leben müsste wohl doch schon eine gewisse Komplexitität aufweisen, also hunderte von Basenpaaren an Information speichern und weitergeben können. Möglicherweise gab es früher an gewissen Orten chemische Bedingungen die das erlaubten – doch das muss nicht auf der Erde gewesen sein, kann vielleicht gar nicht auf der Erde gewesen sein, weil es solche Bedingungen auf der Erde nicht für genügend lange Zeit gab. Irgendwo gab es solche Bedinungen aber mit ziemlicher Sicherheit, gibt es doch allein in unserer Milchstrasse Milliarden von Planeten und Millionen in der habitablen Zone und das nicht erst jetzt sondern auch schon vor mehreren Milliarden Jahren. Es genügt, dass auf irgendeinem dieser Planeten Leben entsteht und es sich anschliessend im Weltraum verbreitet.
    Mir scheint, Leben entsteht nicht so ohne weiteres und die vielzitierten potenziellen irdischen Geurtshäuser für Leben wie die schwarzen Raucher im Ozean oder Tümpellandschaften an der Oberfläche existieren einfach zu wenig lange um eine ganze präbiotische Evolution über viele Millionen von Jahren zu erlauben. Doch wenn es allein in unserer Milchstrasse Millionen von potenziellen Brutstätten für Leben in Form von Planeten mit habitablen Zonen gibt und bei einigen wenigen dieser Planeten über längere Zeit ideale chemische Bedingungen herrschen, dann erhöhen sich die Chancen, dass Leben entsteht. Dieses einmal entstandene Leben wid sich dann wahrscheinlich viel einfacher ausbreiten als wir heute denken. Ich behaupte: Sogar auf dem Mond gibt es Meteoriten von der Erde (Sekundärmeteoriten) und einige dieser Erdmeteoriten auf dem Mond enthielten/enthalten auch Mikroorganismen. Wäre der Mond habitabel, wäre er schon längst von der Erde aus “befruchtet” worden.

  8. Der Artikel Ancient Life on the Moon — From Earth
    The possibility that terrestrial fossils are preserved in Moon rocks makes lunar exploration even more appealing.
    weist explizit darauf hin, dass es Erdmeteoriten auf dem Mond geben muss, schliesslich gibt es auch Marsmeteoriten – Mars-Gesteinsbrocken – auf der Erde. (Zitat übersetzt von DeepL):
    Eine der wichtigsten Entdeckungen der letzten Jahre ist, dass planetarische Objekte durch den Prozess des Aufpralls Material austauschen. Ein Objekt, das mit einem Planeten oder Mond kollidiert, kann Material mit hohen Geschwindigkeiten, in einigen Fällen größer als die Fluchtgeschwindigkeit, entfernen und ausstoßen. Diese Ejakta, die durch das Sonnensystem wandert, kann schließlich von einer anderen Welt aufgefangen werden – ein Prozess, der erstmals entdeckt wurde, als wir erkannten, dass bestimmte Meteoriten mit ungewöhnlicher Zusammensetzung tatsächlich Teile anderer Planeten sind. In den Meteoritensammlungen hier auf der Erde wurden Teile des Mondes und des Mars identifiziert. Zusätzlich können einige seltene und ungewöhnliche Meteoritengruppen von einem Planeten stammen (Merkur ist bei einigen Steinen der Hauptherkunftskandidat).

  9. @Martin Holzherr

    Ein RNA-basiertes Leben müsste wohl doch schon eine gewisse Komplexitität aufweisen, also hunderte von Basenpaaren an Information speichern und weitergeben können.

    Und? Widerspricht das dem, was ich schrieb?

    Möglicherweise gab es früher an gewissen Orten chemische Bedingungen die das erlaubten – doch das muss nicht auf der Erde gewesen sein, kann vielleicht gar nicht auf der Erde gewesen sein, weil es solche Bedingungen auf der Erde nicht für genügend lange Zeit gab.

    Bitte einen Beleg für diese Behauptung.

    Mir scheint, Leben entsteht nicht so ohne weiteres

    Wir wissen nicht, wie wahrscheinlich die Entstehung von Leben ist. Was Ihnen “scheint”, ist daher nicht relevant.

    und die vielzitierten potenziellen irdischen Geurtshäuser für Leben wie die schwarzen Raucher im Ozean oder Tümpellandschaften an der Oberfläche existieren einfach zu wenig lange um eine ganze präbiotische Evolution über viele Millionen von Jahren zu erlauben.

    Davon abgesehen, dass der Beleg für diese weitere Behauptung fehlt: Wenn die, wie Sie sie bezeichnen, “Geburtshäuser” hier auf der Erde angeblich nicht lang genug existiert haben, um Leben hervorzubringen, wieso glauben Sie, dass sie dies anderswo hätten? Sie verlagern das Problem der Abiogenese in andere galaktische Regionen und meinen dann, dass wie durch Zauberhand dort die Bedingungen (von denen wir – und Sie! – immer noch nicht wissen, wie diese ausgesehen haben müssen) viel idealer gewesen sein müssten. Auf welcher Grundlage kommen Sie zu dieser Annahme? Erkennen Sie nicht den Gedankenfehler, dem Sie unterliegen?

    Ich behaupte: Sogar auf dem Mond gibt es Meteoriten von der Erde (Sekundärmeteoriten) und einige dieser Erdmeteoriten auf dem Mond enthielten/enthalten auch Mikroorganismen.

    Kein Widerspruch an dieser Stelle. Es wurde ja sogar schon der Meteoritenaustausch zwischen Erde und Mars nachgewiesen, d.h., durch Impakte ins All geschleudertes Material vom Mars auf der Erde gefunden.

    Eine interstellare “Besamung” ist aber bei der Leere des Raums nochmal etwas anderes, ganz zu schweigen von einem intergalaktischen Transport von Impaktmaterial. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass Material, welches ein Sonnensystem oder gar eine Galaxie verlassen soll, eine entsprechende Fluchtgeschwindigkeit benötigt und daher durch viel höhere Impaktenergien hochgeschleudert werden muss als für einen Transport innerhalb eines Sonnensystems, was die Überlebenswahrscheinlichkeit für das mitgeführte Biomaterial herabsetzt.

    Panspermie als Erklärung für Leben auf der Erde ist ja nicht komplett auszuschließen, aber sie verlagert das Problem der Abiogenese nur. Und für den Versuch, die für die Abiogenese notwendigen Zeiträume als auf der Erde zu kurz bemessen zu erklären, wie Sharov und Gordon das tun, gibt es nunmal überhaupt keine Beleggrundlage.

  10. @ Martin Holzherr

    “Es ist aber plausibel, dass die Entstehung selbst eines Pr[o]karyonten ein Prozess ist [, der nicht] in 700 Millionen Jahren abläuft, sondern Milliarden von Jahren in einer idealen Umgebung fordert.”

    Warum bitte soll denn das plausibel sein?

    Was wäre denn überhaupt eine ideale Umgebung? In Labors sollte man die Entstehung von Leben und Einzellern doch sicher in deutlich weniger als einer Million Jahre nachstellen können. Könnte es nicht sein, dass man dort nur einige tausend Jahre benötigen würde?

    “Wenn das Leben von aussen kam”

    … müsste Curiosity dann nicht schon längst Tiefgefrorenes auf dem Mars gefunden haben (und Apollo-Expeditionen auf dem Mond), was auf der Erde aufgetaut zu Urahnen von Bärtierchen und uns wurde?

  11. @Joker: “Wenn das Leben von aussen kam”
    … müsste Curiosity dann nicht schon längst Tiefgefrorenes auf dem Mars gefunden haben

    Bis jetzt wurde auf dem Mars nicht explizit nach Leben gesucht, es gab also keine Instrumente, die Biomoleküle hätten nachweisen können. Das NASA-Science-Goal 1: Determine if Life Ever Arose On Mars wurde also noch nicht erreicht.
    Heute scheinen die Lebensbedingungen auf der Marsoberfläche extrem schlecht zu sein. Es gibt stark oxidierende Substanzen wie Perchlorate und starke UV-Strahlung, die Leben direkt auf der Marsoberfläche verunmöglichen. Ob es unter der Marsoberfläche irgendwo Leben gibt wissen wir noch nicht. Mir scheint aber, dass selbst wenn der Mars von Leben “inseminiert” worden wäre, dieses Leben durchaus irgendwo auf dem Mars existieren könnte, dass die Gesamtmasse allen Biomaterials auf dem Mars aber wohl im Bereich einiger Tonnen läge, während auf der Erde Billionen von Tonnen (10 hoch 12 Tonnen) organisch erzeugter Kohlenstoff existiert.

  12. @ Martin Holzherr

    “Bis jetzt wurde auf dem Mars nicht explizit nach Leben gesucht”

    Uns geht es doch gerade nicht darum, ob auf dem Mars oder Mond sich Leben entwickelt hat. Es geht doch darum, ob gefriergetrocknete Panspermien dort gefunden wurden – ihr Missing Link.

    Davon müssten doch bei hinreichendem Beschuss aus dem All einige liegengeblieben sein. Kann Curiosity, genauer SAM (“Hierzu liegt der Fokus auf der Identifizierung und Analyse von organischen Verbindungen”, Wikipedia), dort nicht ermittelnd tätig werden?

    Wenn davon auch nur wenige gefunden würden, wie könnte man unterscheiden, ob die Spermien ein Eigengewächs des Mars sind, aus dem All stammen oder von Kometen irdischen Ursprungs dorthin katapultiert wurden?

    Ich fürchte, niemand wird Ihnen ihre Theorie ausreden können, selbst wenn nichts, aber auch gar nichts für diese Theorie spricht. Kurios, nicht?

  13. @Joker (Zitat): Uns geht es doch gerade nicht darum, ob auf dem Mars oder Mond sich Leben entwickelt hat. Es geht doch darum, ob gefriergetrocknete Panspermien dort gefunden wurden – ihr Missing Link.
    Die Menge von Einzellern, die die Erde und den Mars erreicht haben liegt möglicherweise im Bereich von einigen Millionen, also möglicherweise deutlich unter einem Gramm Materie. Falls diese Mikroben für immer inaktiv bleiben, würden sie – ob nun gefriergetrocknet oder nicht -, bald zerfallen. Das gilt ja sogar für reine DNA, welche eine Halbwertszeit von 512 Jahren hat, weswegen die älteste erhaltene DNA nicht älter als ein paar Millionen Jahre alt sein kann. Ja und diese Zerfallsprozesse finden auch in gefriergetrockneter Materie statt. Nur wenn die angekommenen Einzeller sich auf dem Zielplaneten vermehren, werden sie überhaupt genügend Masse entwickeln, dass ein Nachweis möglich wird.
    Damit stellt sich allerdings die Frage, wie denn Mikroben über Gesteinsbrocken die Erde oder den Mars erreichen können ohne zwischenzeitlich zu zerfallen. Man weiss aber, dass bestimmte radioaktive Isotope in Meteoriden diese erwärmen können. In solch einem erwärmten Gesteinsbrocken können Lebenssporen dann sehr lange weiterexistieren – solange bis der Gesteinsbrocken auf einem Himmelskörper aufprallt, wo die Mikroben dann einer neuen Umgebung ausgesetzt sind.
    Auf dem jungen Mars hätten sich solche inseminierte Mikroben durchaus vermehren können, gab es doch dazumal flüssiges Wasser und ein mildes Klima auf dem Mars.

  14. Der Gizmodo-Artikel Interstellar Asteroids Like ‘Oumuamua Could Rewrite the Origins of Life on Earth meint, die Existenz von Millionen von interstellaren Objekten wie dem kürzlich beobachteten Oumamaumua gäben der Panspermie-Hypothese Auftrieb (Zitat, übersetzt von DeepL):
    Das Modell von Lingam und Loeb deutet darauf hin, dass sich Tausende von interstellaren Objekten in unserem Sonnensystem befinden, von denen einige potenziell ein paar Dutzend Kilometer gross sind

    Unglaublicherweise zeigte das Modell von Lingam und Loeb, dass etwa 400 interstellare Objekte mit einem Radius von 100 Metern (325 Fuß) und etwa 10 Objekten von fast einem Kilometer Größe die Erde vor der Abiogenese getroffen haben könnten – dem Moment, als das Leben auf unserem Planeten vor etwa 3,8 Milliarden Jahren entstand. “Das eröffnet also die Möglichkeit, dass Leben durch Lithopanspermie auf die Erde übertragen werden könnte”, schließen die Autoren der Studie. Die “Aussaat” des Lebens hätte auf zwei Arten erfolgen können, entweder durch einen direkten Aufprall auf die Erde oder durch “Glaciopanspermie”, wobei ein Asteroid einen anderen Planeten oder ein Planetesimal (z.B. Ceres) in unserem Sonnensystem trifft und sich von dort auf die Erde ausbreitet.
    .

  15. Der arxiv-Artikel 1I/2017 ‘Oumuamua-like Interstellar Asteroids as Possible Messengers from the Dead Stars gibt auch noch einen Mechanismus an, wie interstellare Objekte in grosser Zahl und Masse entstehen können (übersetzt von DeepL):
    Hier untersuchen wir die Möglichkeit, dass’Oumuamua-ähnliche ISAs in Tidal Disruption Events (TDEs) [Gezeitenkräfte zerreissen das Objekt] von Planetoiden (Asteroiden, Zwergplaneten, etc.) durch Weiße Zwerge (WDs) produziert werden. Diese Idee wird durch bestehende spektroskopische Beobachtungen von metallbelasteten WDs unterstützt, die auf eine überwiegend flüchtig-schwache Zusammensetzung des akkretierten Materials hindeuten. Wir zeigen, dass solche TDEs, die von realistischen Planetensystemen (einschließlich einer Population von >1000 km Planetoiden und massiven Störern – Neptun-zu-Saturn-Massenplaneten) stammen, bis zu 30% der an ihnen beteiligten Planetenmasse in den interstellaren Raum ausstoßen können. Kollisionale Fragmentierung, verursacht durch die konvergente vertikale Bewegung der Trümmer des gestörten Planetoiden innerhalb der Roche-Kugel des WD, kanalisiert den größten Teil der ursprünglichen Masse in 0,1-1 km lange Fragmente, ähnlich wie bei Oumuamua. Ein solches Größenspektrum von ISAs (das sich sehr stark von den in anderen Szenarien erwarteten top-heavy-Verteilungen unterscheidet) impliziert, dass planetare TDEs einen signifikanten Anteil (bis zu ~30% unter optimistischen Annahmen) der ISAs ausmachen können.

    Fazit: Kleinplaneten, die um weisse Zwerge rotieren können von Gezeitenkräften zerrissen werden. Dabei entstehen riesige Mengen Trümmer. Unter und innerhalb dieser Trümmern kann es auch Lebensinseln geben, die nach der Zertrümmerung ihren Weg durch die Milchstrasse gehen.

  16. @Spritkopf: Da haben sie recht. Über die Chemie+Physik der Lebensentstehung wissen wir zuwenig. Doch es ist auch klar, dass ein Einzeller wie Mycoplasma genitalium (von Craig Venter als Minimalorganismus ausgewählt) mit einem Genom von 256 Genen (580’000 Basenpaare) mit denen 482 Proteine codiert werden, bereits etwas ist, was eine komplexe Evolution hinter sich haben muss.
    Die Annahme von Alexei A. Sharov und Richard Gordon, die Evolutionsgeschwindigkeit gemessen an der Anzahl der wirklich neu entstehenden Gene (Duplikate ausgeschlossen) bleibe immer die Gleiche, ist für mich plausibel, es ist allerdings problematisch anzunehmen, vor der Existenz wirklicher Zellen habe es die gleiche Art der Evolution gegeben wie nachher.

    Interessant an diesem Problem finde ich auch, wie gross unsere Wissenslücken auf wichtigen Gebieten noch sind. Chemie ist heute immer noch grösstenteils Allchemie trotz den vielen Chemikalien, die wir heute herstellen und das Gehirn wird zwar immer besser vermessen und live beim Denken beobachtet, doch das tiefere Verständnis fehlt auch dort.

  17. Die Menscheit wird die Milchstrasse mittels Generationen-Raumschiffen besiedeln. Doch das ist nichts Neues, schon das Leben, das vor 3.8 Milliarden Jahren die Erde zu besiedeln begann, kam mit Generationenschiffen in Form von grossen Gesteinsbrocken mit darin enthaltenen Lebenskeimen, die sich auf ihrer Reise hin und wieder teilten und so mehrere Generationen durchliefen. Solange die Reproduktionskette nicht unterbrochen wird, solange geht das Leben weiter. Das war schon immer so und wird immer so bleiben – auch der Mensch und sein Denken ändert daran nichts, denn wenn nicht er die Reproduktionskette fortsetzt, so tun es andere.

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