Schneller, schlauer, besser?

BLOG: Hochbegabung

Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
Hochbegabung

Mozartbeschallung schon im Mutterleib; gleich nach der Geburt Anmeldung für den besten Kindergarten mit den erfolgreichsten Evaluationen, weil nicht nur der Spaß zählt, sondern die lieben Kleinen auch gleich was Sinnvolles lernen sollen; beim Eintritt in die Grundschule dann gleich Englisch als erste Fremdsprache – ich korrigiere mich: Chinesisch natürlich, Englisch ist doch SO letztes Jahrtausend! –, und danach dann das achtjährige Gymnasium, kurz G8. Man raubt den Jugendlichen ein Jahr ihrer Entwicklung, so die Gegner; man ermöglicht ihnen einen früheren Einstieg ins Arbeitsleben, sodass sie konkurrenzfähig sind gegenüber den Schulabsolventen anderer Länder, so die Befürworter. (Dass sie dadurch auch ein Jahr früher Steuern zahlen, spielt bei den Überlegungen natürlich keine Rolle – es geht doch nur darum, was für die Jugendlichen am Besten ist.)

Aber wie gut ist das G8 tatsächlich? Oder, anders gefragt: Profitieren wirklich alle Schülerinnen und Schüler von einer Verkürzung der Schulzeit? Weist der Lehrplan so viele Redundanzen auf, dass man ein ganzes Jahr ersatzlos streichen kann? Kurt Heller, einer der frühen Hochbegabungsforscher in Deutschland, hatte Anfang der Nuller Jahre das G8 ursprünglich als Akzelerationsmaßnahme für Begabte evaluiert. (“Akzeleration” ist wissenschaftlich und heißt “Beschleunigung”. Den selben Stoff schneller durchzuziehen ist eine der unkomplizierteren Maßnahmen, Hochbegabte zumindest zeitweilig vor Langeweile zu bewahren; dazu gehört auch das Überspringen von Klassen oder die vorzeitige Einschulung.) Das Ganze hieß in seiner frühen Form noch “D-Zug-Klasse” (heute würde man vielleicht “ICE-Klasse” sagen … obwohl, vielleicht besser nicht). Heller fand nun heraus, dass mit dem achtjährigen Gymnasium eigentlich nur die besten 25 Prozent gut zurecht kamen; für die Mehrzahl überwog der Stress. Ein wichtiges Argument war damals sicherlich, dass in den inzwischen nicht mehr ganz so neuen Bundesländern zwölf Jahre doch auch gereicht hätten, sodass man das System doch auch gleich in ganz Deutschland einführen könne. (Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Rheinland-Pfälzern bevölkertes Bundesland hört nicht auf, dem System Widerstand zu leisten …) Sicherlich gab es mit der breiteren Einführung des G8 einige Anpassungen des Curriculums (90% dessen, was man in der Schule lernt, braucht man später im Leben ja sowieso nie wieder); und in der Tat gibt es sogar Anzeichen für eine zunehmende Flexibilisierung, da immer mehr Bundesländer einsehen, dass die Beschleunigung doch nicht so ganz das Gelbe vom Ei ist.

Dennoch stellt sich die Frage nach den Wertvorstellungen, die hinter diesem ganzen Beschleunigungsirrsinn stecken. Schon jetzt boomt der Nachhilfemarkt wie nie zuvor, weil eine Vielzahl der Schülerinnen und Schüler mit dem Stoff nicht mehr hinterherkommt; schon jetzt wird Ritalin bei Konzentrationsproblemen verschrieben, die sich bei näherem Hinsehen oft einfach nur als Stress herausstellen. (Angeblich sollen Jugendliche ja auch noch ein paar andere Entwicklungsaufgaben zu bewältigen haben. Oder Interessen jenseits der Schule verfolgen wollen – selbst Hochbegabte.) Und dient die Schulzeit (und später das Studium – über Bologna hatte ich mich ja anderweitig schon ausgelassen) tatsächlich nur dem Ziel, möglichst schnell ein Zertifikat in der Hand zu haben? So wie ich es von Freunden und Bekannten gehört habe, schätzten ausländische Arbeitgeber an den deutschen Absolventen gerade ihre größere persönliche Reife (die ja vielleicht doch ein bisschen mit dem Alter zusammenhängt).

Ist der Entscheidungsspielraum tatsächlich so eingeschränkt? Gehört man zu den Rabeneltern, wenn man sein Kind durch das Bildungssystem hetzt? Oder ist man doch eher der Böse, wenn man das nicht tut – und das eigene Kind nicht mehr wettbewerbsfähig ist? Das G8 sollte das bleiben, was es ursprünglich einmal sein sollte: eine Begabtenfördermaßnahme – denn für Hochbegabte und Hochleister ist die Schulzeitverkürzung tatsächlich eine sinnvolle Möglichkeit, die Anforderungen zu erhöhen und so Langeweile zu reduzieren. Aber Kinder und Jugendliche unterscheiden sich nun mal in ihrem Leistungspotenzial – und man muss niemanden zu Höchstleistungen prügeln, die er nicht erbringen kann. Im Gegenteil wäre eine Binnendifferenzierung die viel sinnvollere Alternative zur Turbo-Laufbahn ohne Rücksicht auf individuelle Voraussetzungen. Resignation, Depression und chronische Erschöpfung mitten in der zentralen Phase der Identitätsentwicklung muss nicht sein. Burnout ist was für Manager; aber ehrlich gesagt, wünsche ich das nicht mal denen.

P.S.: Wer Interesse daran hat, auch die ergänzende Innenperspektive kennenzulernen (sofern er/sie sie nicht ohnehin täglich an den eigenen Kindern sieht), findet in der aktuellen ZEIT den offenen Brief eines Vaters an seine von Terminen und Dauerpaukerei gestresste Tochter, die gerade die fünfte Klasse besucht.

Veröffentlicht von

Dr. rer. nat. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Seit Oktober 2017 vertritt sie die Professur für Entwicklungspsychologie an der Universität Luxemburg und ist als freie Wissenschaftlerin mit dem Institute for Globally Distributed Open Research and Education (IGDORE) assoziiert. Ihre Forschung befasst sich mit der Identifikation von Begabung und der Frage, warum das gar nicht so einfach ist. Vorurteile gegenüber Hochbegabten spielen hierbei eine besondere Rolle - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auf das Selbstbild Hochbegabter auswirken. Zu diesen Themen hat sie eine Reihe von Studien in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Sie ist außerdem Entwicklerin zweier Intelligenztests. Als Initiatorin und Koordinatorin der deutschen „Marches for Science“ wurde sie vom Deutschen Hochschulverband als Hochschullehrerin des Jahres ausgezeichnet. Im April 2016 erhielt sie außerdem den SciLogs-Preis "Wissenschaftsblog des Jahres".

21 Kommentare

  1. @Tanja: Vergessen?

    Habe ich es überlesen oder erörtert der Artikel tatsächlich nicht die Entscheidung der Schüler über sich selbst?

    Daß man erst mit 18 volljährig ist, finde ich in diesem Zusammenhang nebensächlich. Stattdessen sollten die Schüler selbst entscheiden können, ob sie sich langweilen und selbst die Verantwortung für 8 oder 9 Jahre Gynmasium übernehmen und ein Jahr früher auf eigenen Beinen stehen wollen.

    Werte zu diskutieren finde ich dagegen reichlich irrelevant und für die Betroffenen komplett nebensächlich.

  2. Wo sind die Daten?

    Als Ex-Schueler aus den neuen Bundeslaendern kann ich die Aufregung nicht nachvollziehen. Die Schule bestand schon immer aus 4 Jahren Grundschule und 8 Jahren Gymnasium. Ich kann mich noch an eine Uebersetzungsaufgabe im Franzoesischunterricht erinnern, wo ein deutscher Schueler die Franzosen bemitleidet hat, weil sie nur 12 Jahre Schulzeit haben. Ich konnte den Monolog einfach nicht uebersetzen; wie ich es auch drehte und wendete, die Woerter ergaben ueberhaupt keinen Sinn.

    Meine persoenliche Einschaetzung ist, dass man mit G8 und G9 leben kann, einige der besprochenen Probleme sind mit der Umstellung verbunden (neue Lehrplaene, mit denen man erst Erfahrung sammeln muss etc.) und werden im Laufe der Zeit weggehen.

    Allerdings reiht sich der Blogpost in die Reihe von weitgehend unfundierten Meinungen ein. Gibt es denn auch Argumente fuer oder gegen G8? Die machen sich IMO in dem Post eher rar oder wirken sehr nach Rosinenpickerei.

  3. Argumente aus Hessen

    Hi, als Vater einer Tochter des ersten Jahrgangs, der in essen vor der Entsceidung G8 oder G9 stand und im Folgenden die Auswirkungen der jeweiligen Entscheidungen im Alltag hautnah verfolgen konnte, möchte ich darauf verweien, dass zumindest in Hessen G8 bedeutet, dass der Lehrstoff komplett erhalten geblieben ist und heute die Klassen 6-9 das lernen, was früher die Klassen 6-10 lernten, also mal so eben 25% mehr Lernstoff pro Jahr. Das ging dann eben auch nicht ohne regulären Nachmittagsunterricht gleich ab Klasse 5 los. Elterneiner ießener Schule mit G8, die sich als Elterninitiative dem Thema HB widmeten, berichteten mir davon, dass aufgrund der massiven zeitlichen Belastung der Kinder an eine zusätzliche Förderung für HBs schlichtweg nicht mehr zu denken war und auch die sonstigen Interessen / Hobbies auf der Strecke blieben. Meine Tochter hat sich seinerzeit für die letzte verbliebene G9 Schule in der Gegend entschieden und wird nun durch Oberstufe im Ausland trotzdem ihr G8 erreichen, aber mit deutlich wenier Stress. In Mittelhesen gibt es mitlerweile einige Schulen, die von G8 wieder auf G9 zurückschwenken. Wie vorhersehbar gibt es zunehmend Schüler, die auf G8-Schulen trotzdem ein G9 absolvieren, garniert mit dem Makel der Ehrenrunde…

  4. Einbeziehung der Betroffenen etc.

    @Elmar: Auch wenn ich nicht ganz überzeugt bin, dass ein Zehnjähriger den Unterschied vor dem Hintergrund seiner Grundschulerfahrung antizipieren kann: Ich gehe mal davon aus, dass Eltern die Schulwahl mit ihrem Kind besprechen und es nicht gegen seinen Willen auf eine Schule prügeln, wo es partout nicht hin will 😉 Und wo die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 besteht, wird das sicherlich auch ein Thema dieses Gesprächs sein.

    @Heinzelmann: Lesen Sie ruhig mal den Heller (“Begabtenförderung im Gymnasium”).

  5. @Tanja: Schlechter Einwand

    “Auch wenn ich nicht ganz überzeugt bin, dass ein Zehnjähriger den Unterschied vor dem Hintergrund seiner Grundschulerfahrung antizipieren kann:”

    Brauch er auch nicht. Die Annahme, die du jetzt machst, aber in deinem Artikel nicht erwähnt hast, besteht darin, daß es eine GLEICHMAESSIGE Verteilung des Stoffes der 9Jahre auf 8 Jahre gibt. Dafür besteht doch aber wenig Anlaß. Nach der 10 sollen doch alle denselben Realschulabschluß haben, richtig? Bei gleichmäßiger Verteilung haben aber die G8-Gymnasiasten 8/10 mehr gelernt als die normalen Realschüler.

    Warum?

    Ich denke, man kann auch einen 15-jährigen fragen und ab der 9-ten Klasse mit der Aufspaltung beginnen. Dann haben die sog. G8-Schüler 4 Jahre Zeit, den Stoff von 5 Jahren zu lernen.

    Geht doch auch, oder?

  6. @Elmar: auch keine Lösung

    Das Problem löst Du mit Deinem Ansatz aber auch nicht. Wenn Du die formale Äquivalenz von Realschulabschluss und dem, was Gymnasiasten nach der 10 können, aufrecht erhalten willst, bliebe dann allenfalls die Oberstufe zum “Straffen”, und das wäre irrwitzig.
    Wirklich äquivalent waren die Qualifikationen im übrigen doch nie; ansonsten hätten wir ja quasi ein einheitliches Schulsystem bis zur 10. Der Bezug ist auch ein ganz anderer. Wenn Du Dir die Lehrpläne, gleich welches Bundeslandes, mal anschaust: Realschule = Lebensweltbezug, Gymnasium = Studierfähigkeit (und mehr Stoff). Für die Realschüler, die nach der 10 aufs Gymnasium wechseln, ist das ein ziemlicher Sprung ins kalte Wasser (von Sachen wie weiteren Fremdsprachen mal ganz abgesehen).
    Ich finde es von daher ganz sinnvoll, dass das G8 in Bundesländern, wo es beides gibt, als “eigene” Schulform (mit eigenem Lehrplan) gehandhabt wird, mit einer Straffung über die gesamte Sekundarschulzeit hinweg. Wer da wechseln will, muss sich – wie auch bislang beim Wechsel von der Haupt- auf die Realschule oder von der Realschule aufs Gymnasium – anstrengen und einiges nachholen. (Ob die Undurchlässigkeit des Systems insgesamt positiv zu bewerten ist, ist eine andere Frage.)

  7. @maxifant: Hochbegabtenförderung

    Schön, Dich auch hier zu lesen! 🙂 – In Anlehnung an Heller _ist_ das G8 ja die Hochbegabtenförderung, insofern braucht man für die Hochbegabten ja auch eh keine Extrawürste mehr >B-) – Nur Spaß. Für mich ist das Ganze auch mal wieder ein exzellentes Beispiel dafür, wie wissenschaftliche Erkenntnisse in der Politik einfach ignoriert werden. Bringt drei Vierteln aller Schüler nichts als Stress? Egal!
    Und Beschleunigung ist ja auch nur eine Möglichkeit der Förderung; die Anreicherung des Lehrplans (wofür jetzt die Zeit eben fehlt) die andere. Es lebe das Scheuklappendenken.

  8. @Tanja: Doch

    “Das Problem löst Du mit Deinem Ansatz aber auch nicht.”

    Ich entschärfe es und das gibt den Schülern mehr Selbstbestimmung, die ich angesichts der Tatsache, daß man mit 14 Straf- und Religionsmündig ist, enorm wichtig finde. Hier kommt dieser Aspekt aber nicht zur Sprache.

    “bliebe dann allenfalls die Oberstufe zum “Straffen”, und das wäre irrwitzig.”

    Hab ich nicht geschrieben. Ich habe geschrieben: Klassen 9-12. Das sind nicht 2 Jahre, sondern 4.

    “Wirklich äquivalent waren die Qualifikationen im übrigen doch nie;”

    Deine gleichvereilte G8-Lösung macht es noch schlimmer.

    “Realschule = Lebensweltbezug, Gymnasium = Studierfähigkeit (und mehr Stoff).”

    Ok, jetzt wird es interessant: Wenn wir das ernst nehmen, dann sollten doch ohnehin nur dir aufs Gym gehen, die an die Uni wollen. Und die Uni produziert eigentlich Wissenschaftler.

    Politisch gesehen ist der Trend aber ein ganz anderer: Das Gym als Standardschulabschluß und die Uni als Berufsausbildung – was nach meiner Ansicht beides Quatsch ist. ABER: Wenn das Gym auf die Uni vorbereiten soll, dann sehe ich überhaupt kein Problem mit G8. Denn wer auf die Uni gehört, der hat auch kein Problem damit beschleunigt zu lernen ohne sich durch Stress die Kindheit zu versauen.

    Das war auf der Langen Nacht der Wissenschaften in Berlin sehr schön zu beobachten: Kinder, die für so gut wie jedes Problem zu begeistern sind und dann auch selbstständig dran bleiben – das war beeindruckend, die kleinen Lernmonster zu sehen.

    Die Mär von der wissenslosen und daher glücklichen Kindheit kommt wohl eher von Pädagogen, die Rousseau ernst nehmen.

  9. Am Limit

    Den “Argumenten aus Hessen” kann ich weitgehend zustimmen. Mein Sohn besucht momentan die 11. Klasse eines Gymnasiums (G8) in Bayern. Der Lernstoff wurde da, außer im Fach Geschichte, kaum gekürzt. Es ist sogar noch mehr hinzugekommen. Vor Jahren wurde nämlich in der Grundschule Englisch eingeführt, als mein Sohn nun ins Gymnasium kam ging man davon aus, dass die Schüler schon ein Jahr Englisch gehabt hätten und stieg mit dem Lernstoff gleich ins zweite Jahr ein. Leider hatten viele Lehrer an den Grundschulen damals das Fach Englisch nicht für voll genommen und bestenfalls ein paar Liedchen mit den Kindern auf Englisch geträllert. Da war der Schock am Gymnasium erst mal groß. Einige Kinder blieben schon in der fünften Klasse auf der Strecke, da sie die Umstellung auf den Ganztagsunterricht und die zusätzliche Englischnachhilfe nicht schafften. Ich erinnere mich noch, wie ich jeden Abend mit meinem Sohn Englisch paukte um den Rückstand aufzuholen. An Musikunterricht und Sportverein war nicht mehr zu denken. Besonders schade fand ich es auch, dass er kaum mehr Freundschaften pflegen konnte, die haben sich im Laufe der Zeit auch alle ins Internet verlegt. Nach der Schule trifft man sich nicht mehr im Cafe, so wie wir früher, sondern man chattet miteinander.

    Zum Problem des Schulwechsel: Wie Frau Baudson schon schrieb: “Wirklich äquivalent waren die Qualifikationen im übrigen doch nie; ansonsten hätten wir ja quasi ein einheitliches Schulsystem bis zur 10. Der Bezug ist auch ein ganz anderer. Wenn Du Dir die Lehrpläne, gleich welches Bundeslandes, mal anschaust: Realschule = Lebensweltbezug, Gymnasium = Studierfähigkeit (und mehr Stoff). Für die Realschüler, die nach der 10 aufs Gymnasium wechseln, ist das ein ziemlicher Sprung ins kalte Wasser (von Sachen wie weiteren Fremdsprachen mal ganz abgesehen).”

    Nach Auskunft meines Sohnes hat es noch nie einen Wechsels eines Realschülers auf sein Gymnasium gegeben, da im G8 bereits ab der sechsten Klasse die zweite Fremdsprache unterrichtet wird, dürfte dies wohl auch schwierig sein. Auch ist das Niveau des Gymnasiums in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich. Bayern ist bei vielen Schulwechslern aus anderen Bundesländern stark verhasst, das der zugezogene Schüler meist ein Jahr wiederholen muss. (Näheres kann man dazu der Pisa-Studie entnehmen). Zudem hat man das Kurssystem in der Oberstufe abgeschafft. Man kann sich also nicht, wie früher, auf “Laber-Fächer” (Götz Müller) beschränken.

    Da sich der Blog hier ja mit Hochbegabung befasst, möcht ich anmerken, dass das G8 auch viele sehr begabte Schüler nicht schaffen. Intelligenz erwartet man von einem Gymnasiasten ohnehin, aber das G8 fordert von den Schülern auch noch körperliche und mentale Robustheit. Es ist ein Trugschluss anzunehmen, man könne in die Schüler immer mehr Stoff rein quetschen und ihnen immer mehr Schulstunden aufdrücken. Kinder sind schließlich keine Lernroboter. Herrn Diederichs möchte ich deshalb an dieser Stelle auch widersprechen, denn sein Satz ist für das G8 nur mehr bedingt richtig: “ABER: Wenn das Gym auf die Uni vorbereiten soll, dann sehe ich überhaupt kein Problem mit G8. Denn wer auf die Uni gehört, der hat auch kein Problem damit beschleunigt zu lernen ohne sich durch Stress die Kindheit zu versauen.”

    Momentan sind doch die Kinder bereits am Limit und gerade begabte Schüler tun aus reinem Selbstschutz oft nur mehr das, was unbedingt nötig ist, sofern sie nicht schon seit Jahren leistungssteigernde Mittel einnehmen und jedes Gefühl für ihren Körper und ihre Psyche verloren haben.

    Die Schüler wissen auch ganz genau, dass der Stress für sie später weitergeht. Momentan gibt es in Bayern einen doppelten Abiturabschlussjahrgang, da der letzte G9 und der erste G8 Jahrgang die Schule verlassen haben, zudem wurde die Bundeswehr ausgesetzt. Da ist an den Universitäten schon mal Chaos angesagt, da diese aus allen Nähten platzen. Viele Studenten konnten sich nach Berichten der “Passauer Neue Presse” nicht mal für ihre Kurse anmelden, da die Nachfrage oft so groß war, dass der Server der Universität abstürzte. Und da es in den Hörsälen auch keine Plätze mehr am Fussboden gibt, erwägt man Kinosäle anzumieten. Die Stadt Regenburg hat gar vor Monaten schon über das regionale Radio einen Aufruf verbreiten lassen, dass Studienanfänger doch bitte die Stadt meiden sollten, da der Wohnungsmarkt schon jetzt komplett dicht sei.

  10. Kommt wohl wie immer auf die Umstände an

    Sagen wir mal so: Ich habe zwei völlig unterschiedliche Kinder, gerade 6 und knapp 5 Jahre alt. (Beide übrigens komplett ohne irgendwelche “Frühförderung”. Spielplatz, Kindergarten & Co haben mir und dem Vater schließlich auch gereicht.)

    Als Rabenmutter muß ich mich bezeichnen, wenn ich auf deren individuelle Eigenheiten bewußt keine Rücksicht nehme und sie nur als lebende Festplatten zur möglichst schnellen Ansammlung von Wissen betrachte. Unsere Tochter z.B. hat sich selbst das Lesen beigebracht und rechnet die Grundrechenarten im Zahlenbereich bis ca. 20/30 im Kopf bzw. mit den Fingern. Dennoch haben wir Eltern ihr die von den Erzieherinnen und der Kinderärztin empfohlenen frühen Einschulung “verweigert”. Es hatte in ihrem Leben einfach zu viele Einschnitte in zu kurzer Zeit gegeben (Umzug, Kindergartenwechsel, Trennung der Eltern), als daß wir ihr auch noch eine frühe Einschulung hätten zumuten wollen. (Wieder neues Umfeld, gerade neu gewonnener Freundeskreis auch schon wieder futsch etc.) Sie durfte stattdessen ein Jahr früher als geplant Reiten lernen und hat nun einen Ausweis der Stadtbibliothek. Das scheint auch völlig auszureichen. G8? Packt sie vermutlich rein intellektuell, wenn sie so weitermacht. Emotional? Wir werden sehen und werden entsprechend entscheiden.

  11. @Tanja

    🙂
    Ja, ich weiß, dass das mit dem G8 in Hessen ziemlich daneben gegangen ist.

    Aus dem ursprünglich als Spezialangebot für Hochleister (nicht Hochbegabte) Gedachten wurde plötzlich aus Kostengründen das G8 für alle (Gymnasiasten). Dabei greift der Gedanke ja viel zu kurz. Man rechnete, dass die Schüler alle ein Jahr kürzer in der Schule sind, dadurch der Aufwand an durch Lehrer zu leistenen Schulstunden weniger wird und dadurch Geld gespart werden könne. Die Kehrseite der Medaille wurde aber ebenfalls schon benannt: zeitliche und bisweilen auch geistige Überforderung der Schüler UND Lehrer, viele Schüler bleiben auf der Strecke, die ansonsten bessere Schulabschlüsse hätten machen können und dadurch natürlich auch bessere Berufschancen gehabt hätten.

    Und es ist noch ein Aspekt wichtig: Wir wissen doch seit langem, dass es viele Schüler gibt, die erst später leistungstechnisch durchstarten, und nicht schon in der 4. Klasse.
    Hier ein klassisches Beispiel: Ich kann mich noch gut an meine eigene Schulzeit an einer integrierten Gesamschule erinnern, wo ein Klassenkamerad zunächst in Mathe im B-Kurs und in Englisch im C-Kurs war. Im klassischen System wäre er auf der Hauptschule gelandet (und aller Vorraussicht nach auch geblieben). Im Laufe der Zeit berappelte er sich und kam zunächst in Mathe in den A-Kurs und dann später in Englisch noch in der 8. Klasse in den B-Kurs. Er hat später Fachabi und ein FH-Studium hingelegt. Im klassischen System wärs nach 9 Jahren in die Ausbildung gegangen…
    …und da wirds heute für vergleichbare Fälle auch wieder hingehen, UNESCO und OECD-Studien zum Trotz.

    Man hat das fancy-Konzept G8 im Hessen unter (ich zitiere Frau Dr. Merkel) “Roland Kotz äh Koch”* zum Geldsparen und zum Erschweren gesellschaftlicher Durchlässigkeit mißbraucht.

    Man muß in Zeiten knapper Kassen tatsächlich sehr genau aufpassen, wohin bestgemeinte Konzepte führen, wenn der Sachzwang Sparen eine Chance zu erkennen glaubt, zuschlagen zu können.

    LG, maxifant

    * http://www.youtube.com/watch?v=Lg3pOFnnqJU

  12. Von unten nach oben

    Die ganze Tragik mit dem G8 fängt doch ganz woanders an. Die Diskussion ging nach PISA los, als die Politiker anfingen, ins benachbarte Ausland zu schielen, was die denn anders machten und wieso das besser sein soll. Dann hat man die scheinbar am einfachsten zu realisierenden Unterschiede genommen und versucht irgendwie ins bestehende System reinzuprügeln. Dummerweise haben die flotten Herren aber am Ende angefangen, anstatt von unten herauf mit Geduld ein völlig neues Konzept umzusetzen. Man wollte ja möglichst schnell so sein wie die anderen. Das aber in eben jenen Ländern an denen sich orientiert wurde, die schulische Bildung eben nicht erst in der Schule sondern schon in den (zumeist kostenlosen) Kindergärten startet, wurde dabei irgendwie übersehen. Mittlerweile ist die Problematik ja teilweise auch schon verstanden worden und wird auch in den Kindergärten ansatzweise umgesetzt. Leider besuchen aber eben nicht alle Kinder den Kindergarten und werden dann schon mit erheblichen Defiziten gegenüber den KiGa-Kindern eingeschult. Diese Defizite müssen dann die Grundschullehrer erst einmal ausgleichen und dabei geht der ganze positive Ansatz von Unten dann verloren. Fazit: Wenn die Schule eher beendet werden soll, muss sie zwangsläufig auch eher anfangen. Dass das letzte Kindergartenjahr kostenfrei werden soll ist ein richtiger Anfang, der aber immer noch ausgebremst wird, solange es Eltern gibt, die der Meinung sind, das sie das alles nichts angeht und die sch…. Bl… schon noch früh genug anfagen das morgendliche Lang Ausschlafen zu versauen. Ja, so Eltern gibt es leider. Also KiTa nicht nur frei, sondern auch Pflicht. -> mehr Kitas->mehr Geld->tamatam. Da könnte man am Ende ja nicht mehr sparen, weil das Geld was man am oberen Ende auf die Eltern abwälzen möchte (Nachhilfelehrer statt schulischem Lehrpersonal) dann ja eigentlich am untern Ende investieren müsste. Aber…. das wollen DIE ja nicht.

  13. “”Das Problem löst Du mit Deinem Ansatz aber auch nicht.””

    “Ich entschärfe es und das gibt den Schülern mehr Selbstbestimmung, die ich angesichts der Tatsache, daß man mit 14 Straf- und Religionsmündig ist, enorm wichtig finde. Hier kommt dieser Aspekt aber nicht zur Sprache.”

    Ich glaube, ehrlich gesagt, nicht, dass man ein Problem im Rahmen eines Blogartikels komplett von allen Seiten beleuchten kann 😉

    “”bliebe dann allenfalls die Oberstufe zum “Straffen”, und das wäre irrwitzig.””

    “Hab ich nicht geschrieben. Ich habe geschrieben: Klassen 9-12. Das sind nicht 2 Jahre, sondern 4.”

    Hier widersprichst Du Dir aber nun selbst. Wenn Du ab der neunten mit der Differenzierung anfängst, hast Du die Äquivalenz zum Realschulabschluss (die ja faktisch eh nie existiert hat) auch nicht mehr.

    “”Realschule = Lebensweltbezug, Gymnasium = Studierfähigkeit (und mehr Stoff).””

    “Ok, jetzt wird es interessant: Wenn wir das ernst nehmen, dann sollten doch ohnehin nur dir aufs Gym gehen, die an die Uni wollen. Und die Uni produziert eigentlich Wissenschaftler.”

    Tut sie doch gar nicht. Sie produziert auch Lehrer, Juristen, Ärzte …

    “Politisch gesehen ist der Trend aber ein ganz anderer: Das Gym als Standardschulabschluß und die Uni als Berufsausbildung – was nach meiner Ansicht beides Quatsch ist. ABER: Wenn das Gym auf die Uni vorbereiten soll, dann sehe ich überhaupt kein Problem mit G8. Denn wer auf die Uni gehört, der hat auch kein Problem damit beschleunigt zu lernen ohne sich durch Stress die Kindheit zu versauen.”

    Das “Wenn” ist genau das Problem. Die Realität ist, wie Du weiter oben ja korrekt schreibst, eine andere. Wenn Du Dir die ursprünglichen Quoten der Gymnasiasten mal anschaust, liegen die sogar noch deutlich unter den 25% Geeigneten; insofern wäre das in der Tat machbar. Ich beziehe mich allerdings eher auf den status quo (und denke, dass die scheinbare Uneinigkeit zwischen unseren Standpunkten auch zu einem Gutteil daher rührt, dass Du von einem Idealzustand und ich von einem Istzustand ausgehe).

    “Das war auf der Langen Nacht der Wissenschaften in Berlin sehr schön zu beobachten: Kinder, die für so gut wie jedes Problem zu begeistern sind und dann auch selbstständig dran bleiben – das war beeindruckend, die kleinen Lernmonster zu sehen.”

    Absolut! Und das ist genau das, was ich immer sage: (1) Kinder müssen gefordert sein, um (a) ihre Grenzen ausloten zu können und somit (b) einen kausalen Zusammenhang zwischen Erfolg und Anstrengung herstellen zu können und (2) Freiheit haben, um zu explorieren, neue Wissensgebiete kennenzulernen und somit nicht nur ihre Fähigkeiten (s. Punkt 1), sondern auch ihre Interessen kennenzulernen.

    “Die Mär von der wissenslosen und daher glücklichen Kindheit kommt wohl eher von Pädagogen, die Rousseau ernst nehmen.”

    Das finde ich totalen Quark – und im übrigen widerspricht das doch genau der pädagogischen Idee, dass man Kindern etwas beibringt. Ich für meinen Teil kenne keinen Pädagogen, der so etwas im Ernst behaupten würde. Das Ausleben des eigenen Potenzials ist eine ganz wichtige Quelle des Lebensglücks. (Im übrigen kommt das Wissen bei Rousseau doch später trotzdem noch hinzu, wenn ich mich recht erinnere – und sooo unglücklich hatte ich den Émile jetzt doch nicht in Erinnerung ;))

    LG Tanja

  14. @Mona, @maxifant: Daten aus Hessen

    Gerade in den letzten Tagen ist eine Evaluation des G8 vom Hessischen Kultusministerium herausgekommen (Newsletter — leider liegt der auf dem Rechner, mit dem ich grade nicht ins Internet komme, daher referiere ich mal kurz die Inhalte):
    * Leistungen der G8-Schüler sind nicht schlechter, tendenziell sogar ein klein bisschen besser (0.02 Notenpunkte über alle Fächer; die Effektstärke ist allerdings homöopathisch) als die der G9-Schüler.
    * Fazit der Kultusministerin (tippe ich mal eben wörtlich ab, weil’s so schön ist): “Jetzt zeigt sich, dass Hessen die Schulzeitverkürzung sorgfältig umgesetzt hat.”
    Erfolg allein auf Leistung zu reduzieren, finde ich … nun ja, etwas einseitig. Was ist mit Stresserleben und anderen emotionalen Variablen? Auswirkungen auf die Familie? Die Reaktion der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) folgte dann auch quasi auf dem Fuß – zum Nachlesen: http://teachersnews.de/artikel/nachrichten/forschung/021738.php

    LG Tanja Gabriele Baudson

  15. @Volker Benner: Absolut richtig

    Gerade mit der Frühförderung könnte man so viel reißen! Denn hier kann man wirklich sparen, weil sich jeder investierte Euro bis zu zwanzigfach wieder auszahlt, wenn man die ganzen Folgen mangelhafter Bildung (Sozialleistungen, Weiterbildungen, geringere Steuereinnahmen etc.) mit einberechnet. Und in dem Zusammenhang müsste man auch die Ausbildung der KindergärtnerInnen mal stärker in den Focus nehmen, speziell den Umgang mit Diversität. Ja, gute Ansätze kommen zum Glück so langsam; aber Spielraum nach oben ist auf jeden Fall noch 🙂

  16. P.S. zur hessischen Evaluation

    Doch zu schnell den “absenden”-Knopf gedrückt 😉 Im Grunde sind die vergleichbaren Noten allein schon deshalb nicht verwunderlich, weil Lehrkräfte bei ihrer Bewertung die Klasse bzw. den Kurs als Bezugsrahmen nehmen. Eine Zwei in einer Klasse mit insgesamt hohem Leistungsniveau zeugt somit von einer höheren absoluten Leistung, als eine Zwei in einer Klasse mit niedrigerem Niveau, ist aber trotzdem “nur” eine Zwei. Da gab’s schon in den späten 80ern Untersuchungen zu (Schrader & Helmke, 1987).

  17. Österreich

    Hier in Österreich dauerte das Gymnasium immer schon 8 Jahre. Ich fand es immer lächerlich, dass sich die Deutschen 9 Jahre damit aufhielten, was wir in 8 Jahren durchnahmen (und was Hochbegabte mit einer entsprechenden Einstellung sicherlich in noch kürzerer Zeit schaffen könnte). Besonders lächerlich finde ich die ganze Aufregung über die Kürzung – insofern als Deutsche im Eignungstest für medizinische Studiengänge hier in Wien im Durchschnitt wesentlich besser abschneiden als Österreicher, dümmer können sie also nicht sein. Oder sind die Lehrpläne an Gymnasien in Deutschland etwa anders als in Österreich?

  18. @Claus-Dieter: Überraschung 😉

    Schön. Dich auch hier zu lesen! 🙂 — Selbst innerhalb von Deutschland unterscheiden sich die Lehrpläne (Bundesländer, Hauptschule, Realschule, Gymnasium G8, G9, Gesamtschule …), das ist ein echter Dschungel. Insofern würde es mich eher wundern, wenn sich die Systeme D/Ö 1:1 vergleichen ließen. Einige Probleme bei der Umsetzung des G8 wurden in diesem Thread ja schon angesprochen; ich denke, ohne Stoffreduktion geht es nicht (das würde dann die Chancen der österreichischen Studienkandidaten vielleicht auch wieder verbessern ;)).

  19. Der tägliche Wahnsinn

    Vielleicht wäre das Gymnasium ja in acht Jahren problemlos zu schaffen, aber dazu müssten sich auch die Umstände ändern. Ein Großteil des Frustes bezieht sich nämlich nicht auf die Lerninhalte, sondern die Betroffenen klagen über andere Ursachen, wie z.B. überfüllte Klassenzimmer in denen ein unerträglicher Lautstärkepegel herrscht oder das schlechte Benehmen von Mitschülern, die den Unterricht permanent stören und damit die Lehrkräfte an den Rand des Wahnsinns bringen. Viele Kinder sind auch total zappelig, da ihnen die körperliche Bewegung fehlt. Mein Sohn erzählte mir, dass die Schüler früher in der Mittagspause den Sportplatz der Schule benutzen durften, nachdem sich aber eine Lehrerin über verschwitzte Schüler beklagt hatte wurde das untersagt.

    Ein anderes Problem sind die überfrachteten Lehrpläne, die könnte man durchaus entrümpeln. Allerdings gäbe es an manchen Stellen auch Nachholbedarf, wie z.B. im Fach Deutsch. Österreicher, die in Deutschland studieren, schneiden bei Grammatiktests in der Regel sehr viel besser ab, als ihre deutschen Kommilitonen.

    http://www.mediscript-berlin.de/aktuelles/rechtschreibung/grammatik-mangelhaft.html

  20. pro G8 als Akzelerationsmaßnahme

    Ich bin für G8. Und zwar in der Form, wie es ursprünglich gedacht war, als akzelerierende Maßnahme um begabten und hochbegabten Schülern die Langeweile nehmen. Das Modell allen überzustülpen halte ich für fehl am Platze und man kann verstehen, dass viele Kinder enorm unter Stress stehen.

    Das Argument, es funktionierte ja auch in der DDR viele Jahre lang zieht insofern nicht, wenn man mal betrachtet, wer in der DDR denn Abitur gemacht hat. Es hatten wirklich ausschließlich die Allerbesten die Möglichkeit Abitur zu machen. Der Rest machte seinen Abschluss nach der 10. oder auch schlechter.

    Wenn man den Unterschied sieht, wer in diesem Schulsystem für das Gymnasium zugelassen ist, der sieht, dass ein Vergleich G8 zu DDR Zeiten und jetzt sehr hinkt.

    Schöner Artikel, doch der Hinweis am Ende auf den Brief des Vaters an seine Tochter in der Zeit, den halte ich für überflüssig, weil dieser Artikel zu kurz gedacht ist. Schon in Klasse fünf ist ein Kind derart unter Stress? Da wurden ja wohl ein paar falsche Entscheidungen getroffen. Wem will er denn die Schuld dafür geben, ausschließlich dem System? Auch wenn alles nur überspitzt dargestellt werden soll, halte ich den Artikel für Panikmache und unpassend.

  21. Die Bildung ist entgleist

    Das Bildungssystem als solches ist ein ewiger Sumpf, wie es alle anderen Ministerien mit ihren jeweiligen Systemen auch sind. Das hat wenig damit zu tun, wie sie geführt sind, sondern vielmehr damit, dass die Politiker und ihre Parteien sich zu notwendigen Reformen niemals durchreißen könnten, denn jede Reform hat Gewinner und Verlierer.

    Eine Partei kämpft in erster Linie um Stimmen, die sie mit ihren Inhalten und Programmen erarbeiten will, was keineswegs heißt, dass diese Inhalte letzten Endes auch so umgesetzt werden. (Stattdessen kann man es beispielsweise den Vorgänger ankreiden, eine Situation herbeigeführt zu haben, die bestimmte Gesetze und Vorgehen unvermeidlich macht. Das kann mehr oder weniger berechtigt sein wie bei Obama in den USA oder damals, als wir hier von Kohl auf Schröder gewechselt haben. Es kann aber auch ausgesprochen unglücklich sein, wenn man an der vorherigen Regierung auch beteiligt war, weshalb die jetzige Regierung das nicht macht.)

    Jetzt ist das Bildungswesen natürlich ein wichtiger Bereich, in dem man sehr gut Wahlkampf führen kann, was von allen Parteien gleichermaßen genutzt wird. Besonders gerne fällt hier das Schlagwort der “Leistungsgerechtigkeit”, wie es unsere geschätzte Ministerin Schavan ihren Vorgängern und Nachfolgern aus dem Mund nimmt und in den eigenen legt. Dieses wunderbare Wort ist letztlich der exakte Mittelweg, denn er sagt im Grunde, dass das Bildungssystem nur alle gleich behandeln muss, damit automatisch die Leistungsstärksten auch die Besten sind. Das klingt sehr gut und sympathisch, denn Eltern halten ihr Kind in den meisten Fällen für begabt genug, um diesen Druck zu überstehen. Also hat der Politiker Punkte gesammelt.

    Damit ist für den Politiker das Problem auch erledigt, bis zur nächsten Wahl, denn in den vier Jahren dazwischen haben die stolzen Eltern festgestellt, dass keineswegs das beste Kind die besten Noten einfährt, sondern das Kind, das einerseits den Lehrern sympathisch ist und andererseits entsprechende Förderung von seinen Eltern erhält. Auf einmal ist das gesamte Konzept der Chancengerechtigkeit für diese Eltern hinfällig. In dieser Situation sind wir jetzt wieder einmal – und wieder einmal fällt den Politikern dazu nichts ein, als die Verantwortung weiterzugeben, an die Länder, an die Universitäten und Schulen und dann … an die Studenten und Schüler. Denn letzten Endes können die Politiker wenig machen, wenn sie das System nicht grundlegend verändern.

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