Mathematik im Finanzministerium

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Laureates of mathematics and computer science meet the next generation
Heidelberg Laureate Forum

Der kleine Assi Christoph Pöppe betreut den Studenten Lothar Binding im Numerik-Seminar, beim Deuflhard. Es geht darum, – zum Beispiel – für mehrere Sorten Kaffeebohnen das kostengünstigste Mischungsverhältnis zu bestimmen unter der Bedingung, dass – zum Beispiel – gewisse Grenzwerte für den Schadstoffgehalt nicht überschritten werden. Für dieses Optimierungsproblem gibt es das so genannte Simplex-Verfahren, das findet in erträglicher Rechenzeit die – im Wesentlichen eindeutig bestimmte – Lösung. Nach dieser Lösung kann der Kaffeeröster verfahren und wird damit glücklich, zumindest was seinen wirtschaftlichen Erfolg betrifft. Ein klassisches Beispiel dafür, wie Mathematik zur Lösung eines Problems aus der echten Welt verhilft.

Das ist lange her. Als wir uns fast 40 Jahre später wieder zu einem ausführlichen Gespräch treffen, gibt es allerlei zu erzählen. Lothar Binding hat politische Karriere gemacht; von 1998 bis 2021 saß er, von der SPD nominiert, im Bundestag und hatte dort vor allem im Finanzausschuss eine führende Rolle als finanzpolitischer Sprecher seiner Fraktion inne. Insbesondere hatte er den Beamten, die unter den Finanzministern Peer Steinbrück, Wolfgang Schäuble und Olaf Scholz Gesetzesvorlagen erarbeiteten, auf die Finger zu schauen.

Eine gute Gelegenheit für Lothar, seine mathematischen Vorkenntnisse in der Politik einzusetzen – sollte man meinen. Immerhin geht es bei den Bundesfinanzen um jede Menge Zahlen, und wichtiger noch: Es soll „Gerechtigkeit gegen jedermann“ geübt werden, schwören die Regierungsmitglieder beim Amtseid. Von der Gerechtigkeit ist es nicht weit zum Gleichgewicht, wie es die Physiker verstehen, und von dort nicht weit zu einem Optimum im mathematischen Sinne; häufig genug kann man das eine in das andere umrechnen. So ist die Idee, eine gerechte Beteiligung am Steueraufkommen als Lösung eines Optimierungsproblems auszurechnen, keineswegs abwegig. Kein Geringerer als der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz hat diese Vorstellung ausgearbeitet: Rechnen wir doch zu jedem politischen Streit die Lösung des Problems aus. „Calculemus!“ Aus Leibnizens Sicht ist das nur konsequent. Immerhin hat er mit der Infinitesimalrechnung eines der bedeutendsten Werkzeuge zur Lösung von Optimierungsproblemen erfunden.

Heute neigen wir dazu, diese Idee des großen Leibniz müde zu belächeln. Natürlich kann man eine Zielfunktion aufstellen, die das Erstrebenswerte auf irgendeine Weise mathematisch erfasst, und dann ein Optimum dieser Funktion unter Nebenbedingungen bestimmen. Das würde zwar deutlich komplizierter als beim Kaffeemischen, aber nichts, was die Mathematik grundsätzlich überfordern würde. Das Hauptproblem wäre, dass sich die Leute dann nicht über irgendwelche Steuersätze, sondern über die Definition der Zielfunktion in die Wolle kriegen, womit der Streit nur verlagert würde.

Selbst das wäre allerdings schon ein Gewinn, sagt Lothar Binding. In manchen Streitfragen würde eine mathematische Darstellung zumindest helfen, innere Widersprüche in Gedankengängen aufzudecken. Und selbst bei einem unauflöslichen Dissens träten wenigstens die Konfliktlinien klarer zu Tage.

Die Irrationalität des gemeinen Wirtschaftssubjekts

Wie viel Mathematik wird nun im Finanzministerium betrieben? Es ist ernüchternd wenig.

Ja, man muss eine Prognose über zukünftige Steuereinnahmen („Steuerschätzung“) erarbeiten. Dazu muss man Daten aus der Vergangenheit in die Zukunft extrapolieren und gegenwärtige Ereignisse mitberücksichtigen, die in den alten Daten noch nicht enthalten sind. Das erfordert, neben einem gewissen Maß an Mathematik, Annahmen über das wirtschaftliche Verhalten der Menschen. Aber wenn man im Finanzausschuss nach solchen Annahmen und den verwendeten Algorithmen fragt, bekommt man in der Regel keine nachprüfbare Antwort, so Bindings Erfahrung. Natürlich hat er nach den Gründen gefragt. Die Antwort: Einerseits reicht häufig die Zeit nicht, um diese eher technischen Dinge zu diskutieren. Andererseits wollen sich die Ersteller der Prognosen, seien sie aus dem Ministerium oder externe Fachleute, nicht in die Karten schauen lassen. Die Simulationsmodelle sind eine Art Betriebsgeheimnis. Wenn sich hinterher die Prognose als falsch erweist – also häufig –, will man sich nicht dem Vorwurf aussetzen, man habe durch tendenziöse Annahmen die Prognose zu politischen Zwecken manipuliert.

Davon abgesehen ist die Aufgabe, das menschliche Verhalten in Formeln zu fassen, tatsächlich alles andere als einfach. Die klassische Wirtschaftswissenschaft glaubte, der Mensch habe eine persönliche Zielfunktion („Nutzenfunktion“), suche die zu optimieren und könne die zugehörigen Fakten im Wesentlichen richtig („rational“) bewerten. Aus derartigen Annahmen konnte man sogar allerlei Schlüsse ziehen. Die moderne Wirtschaftswissenschaft findet eine Stelle nach der anderen, wo das Bild vom rationalen Nutzenmaximierer falsch ist. Gleichwohl: Man kann das Verhalten des Menschen mathematisch beschreiben. Nicht mit der Unerbittlichkeit des Gravitationsgesetzes und meistens nur im Durchschnitt, aber immerhin.

Das ist ziemlich unmittelbar relevant für die politische Arbeit, vor allem wenn es nicht so rational zugeht. Die Menschen irren sich systematisch in der Einschätzung kleiner Wahrscheinlichkeiten. Es gibt nicht wenige Leute, die sowohl rauchen als auch Lotterie spielen. Das heißt: Sie schätzen die Wahrscheinlichkeit von 1 zu 14 Millionen für einen Hauptgewinn so groß ein, dass es lohnt, einen Euro darauf zu setzen, halten aber die zehntausendfach höhere Wahrscheinlichkeit von 1 zu 200, elendiglich an Lungenkrebs zu sterben, für so gering, dass es nicht lohnt, dafür das Rauchen aufzugeben. Rational ist das nicht. Ist es Aufgabe der Politik, der Rationalität des Menschen aufzuhelfen? Ich glaube ja, auch wenn die dahinter stehende Grundhaltung etwas Bevormundendes an sich hat: „Ich, die Regierung, weiß es besser als du, kleine Einzelperson, deswegen zwinge ich dich nicht gerade zu deinem Glück, aber schubse dich in die richtige Richtung.“

Lothar, einst selbst starker Raucher, sieht das ebenso und setzt sich für entsprechende Maßnahmen ein, zum Beispiel eine erhebliche Erhöhung der Tabaksteuer. Was passiert? Die Erhöhung findet zwar statt, aber auf Betreiben der Tabakindustrie in kleinen Raten. Der Schreck des Rauchers über die plötzlich gestiegenen Kosten bleibt aus und damit das Nachdenken darüber, ob Nichtrauchen unter Einbeziehung aller Aspekte wie des Zigarettenpreises vielleicht doch die bessere Idee ist. Man gewöhnt sich allmählich an die höheren Preise – eine der zahlreichen Irrationalitäten des menschlichen Verhaltens. Das Gegenbeispiel ist die Steuer auf Alkopops, die relativ plötzlich einen Effekt in der Größenordnung des Taschengeldes für Jugendliche hatte. In der Folge brach der Umsatz dieser alkoholhaltigen Süßgetränke ein.

Die Sache mit der schwäbischen Hausfrau

Wird die Mathematik denn wenigstens eingesetzt, um die Fragen um das ganz große Geld zu klären? Maastricht-Kriterium, Obergrenze der Neuverschuldung, schwarze Null? Nicht wirklich. Man kann sich allenfalls sehr abstrakte Gedanken machen. Staatsschulden gleich null ist eine schlechte Idee. Der Staat muss ja für die Zukunft in Gebäude, Infrastruktur und so etwas investieren und kann das nicht alles aus Steuern bezahlen. Vor allem profitieren nicht die Heutigen, sondern insbesondere auch die Zukünftigen von diesen Investitionen und sollten sie dann auch mitbezahlen. Staatsschulden gleich unendlich ist offensichtlich auch eine schlechte Idee, aus den entgegengesetzten Gründen: Wir sollen nicht auf Kosten unserer Kinder leben. Dann sagt uns der Zwischenwertsatz aus der Analysis, dass es irgendwo dazwischen eine „richtige“ oder „optimale“ Schuldenquote gibt. Das ist abstrakt richtig, nutzt aber nichts. Die Zahlen 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für die Staatsverschuldung und 3 Prozent des BIP für das jährliche Haushaltsdefizit wurden nicht errechnet, sondern ausgehandelt (Maastrichter Vertrag) – auf deutscher Seite mit der Gewissheit, dass man mit der Einhaltung dieser Grenzen keine Probleme haben werde. Welch ein Irrtum!

Ein Ansatz von mathematischer Modellierung steckt immerhin in dem Begriff der Schuldentragfähigkeit. Staatsschulden gelten als tragbar, wenn die zugehörigen Zinszahlungen den Staatshaushalt nicht übermäßig belasten. Wie hoch diese Belastung ist, kann man zwar ausrechnen und eine Vorstellung davon entwickeln, was als übermäßig gelten soll; uns Deutschen geht es dabei im Moment gut wegen der niedrigen Zinsen. Aber in diesen Zahlen stecken abermals Annahmen über das Verhalten der Menschen. Denn der Zinssatz ist ein Ausdruck für das Ausfallrisiko, das die Geldgeber sehen. Dass Deutschland derzeit so niedrige oder gar negative Zinsen zahlt, liegt an der Erwartung, dass die Deutschen in 20 Jahren, wenn die Staatsanleihe fällig wird, immer noch so fleißig arbeiten, so viel Steuern zahlen und so geordnet verwaltet werden, dass der Staat liquide bleibt. Wie will man das ausrechnen?

Kann man die Mathematik denn wenigstens einsetzen, um großem Betrug auf die Schliche zu kommen? Nicht wirklich. Die kriminellen Cum-Ex-Geschäfte lebten davon, dass rund um den Dividendenstichtag große Mengen von Aktien über mehrere Zwischenstationen verkauft und damit die Finanzämter getäuscht wurden. Eigentlich wird über derartige Verkäufe Buch geführt, und die milliardenschweren Cum-Ex-Geschäfte hätten sich in der Statistik als Ausreißer bemerkbar machen müssen. Haben sie aber nicht. Gemessen an den weltweiten Finanzströmen sind selbst diese Transaktionen offenbar Peanuts.

Die Formel für den aktuellen Rentenwert

Und wenn man sich tatsächlich einmal darauf einigt, die Mathematik im Interesse der allgemeinen Gerechtigkeit zu Rate zu ziehen? So geschehen bei der Berechnung des „aktuellen Rentenwerts“. Das ist sozusagen das Hauptventil, durch welches das viele Geld für alle Rentnerinnen und Rentner strömt. Wenn man das auch nur ein bisschen auf- oder zudreht, hat das schon einen erheblichen Effekt auf die Staatsfinanzen. Politisch entscheidet der aktuelle Rentenwert darüber, wie der erwirtschaftete Wohlstand zwischen der Gesamtheit der Aktiven und der Gesamtheit der Ruheständler aufgeteilt wird – ein Thema, über das man lange und unfruchtbare Diskussionen führen kann. Da können sich die Parteien sogar darauf verständigen, das nicht jedes Jahr aufs neue zu verhandeln, sondern sich auf eine Berechnungsformel zu einigen, als eine Art Versuch der Wahrheitsfindung. Soweit ist das schon fast Leibniz.

Aber dann lassen vor allem die Juristen in den Ministerien ihrer Abneigung gegen mathematische Begrifflichkeiten freien Lauf. Gesetze müssen als Texte formuliert werden, und Formeln haben da nichts zu suchen. Schauen Sie sich auf der offiziellen Website des Bundesjustizministeriums Paragraf 68 des Sechsten Buchs des Sozialgesetzbuchs an. Wenn er nicht echt wäre, könnte man ihn glatt für Satire halten. Hier ist Absatz 2:

Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer sind die durch das Statistische Bundesamt ermittelten Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer ohne Personen in Arbeitsgelegenheiten mit Entschädigungen für Mehraufwendungen jeweils nach der Systematik der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen. Der Faktor für die Veränderung der Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer wird ermittelt, indem deren Wert für das vergangene Kalenderjahr durch den Wert für das vorvergangene Kalenderjahr geteilt wird. Dabei wird der Wert für das vorvergangene Kalenderjahr an die Entwicklung der Einnahmen der gesetzlichen Rentenversicherung angepasst, indem er mit dem Faktor vervielfältigt wird, der sich aus dem Verhältnis der Veränderung der Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer im vorvergangenen Kalenderjahr gegenüber dem dritten zurückliegenden Kalenderjahr und der Veränderung der aus der Versichertenstatistik der Deutschen Rentenversicherung Bund ermittelten beitragspflichtigen Bruttolohn- und -gehaltssumme je durchschnittlich beschäftigten Arbeitnehmer ohne Beamte einschließlich der Bezieher von Arbeitslosengeld im vorvergangenen Kalenderjahr gegenüber dem dritten zurückliegenden Kalenderjahr ergibt.

Nein, ich verstehe es auch nicht. In diesem Fall ist sogar etwas Ungewöhnliches passiert. Anscheinend haben die Juristen selbst bemerkt, dass die Textformulierung unbrauchbar ist, und in Absatz 5 dasselbe noch einmal in – kaum zu glauben – einer Formel ausgedrückt. Aber tiefgestellte Zeichen, Bruchstriche und Ähnliches konnten sie dann doch nicht übers Herz bringen, mit dem Effekt, dass selbst die Formel noch fast unleserlich ist. Ich habe mir erlaubt, sie in der üblichen Notation auszudrücken: \[\eqalign{AR_t &= AR_{t-1} \times {BE_{t-1} \over BE_{t-2}} \times {100-\text{AVA}_{2012}-\text{RVB}_{t-1} \over 100 -\text{AVA}_{2012}-\text{RVB}_{t-2}} \cr & \times\left( \left( 1-{RQ_{t-1} \over RQ_{t-2} }\right)\times \alpha +1\right)}\] Wenn es Sie interessiert: Die Bedeutungen der einzelnen Bezeichnungen stehen im Gesetzestext. Dabei fällt auf, dass sich gewisse Werte speziell auf das Jahr 2012 beziehen und nicht, wie in den Erläuterungen, auf das jeweils vergangene Jahr \(t-1\) und dass zwar im Text häufig vom drittletzten Jahr die Rede ist – das wäre dann \(t-3\) –, dass dieses aber in der Formel nicht vorkommt. Da müssen die Gesetzesverfasser noch ordentlich üben.

Andererseits sieht man an der Formel jetzt endlich, dass das Gesetz das Verhältnis der Werte aus den Jahren \(t-1\) und \(t-2\) als Näherung für das Verhältnis der Werte aus \(t\) und \(t-1\) verwendet (klar, die Werte für das aktuelle Jahr \(t\) gibt‘s ja noch nicht), dass nicht nur die Entwicklung der Löhne (BE) in die Berechnung eingeht, sondern auch die der Beitragssätze (RVB) und das Verhältnis RQ von Rentnern zu Beitragszahlern, letzteres aber nur gedämpft, mit einem Faktor von \(\alpha=1/4\). Und jetzt erst hat man Gelegenheit, darüber nachzudenken, inwieweit die Formel sinnvoll, gerecht und bezahlbar ist.

Mathematik könnte zur politischen Diskussion eine Menge beitragen – wenn man sich ernsthaft auf sie einlassen würde.

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Christoph Pöppe (Jahrgang 1953) hat Mathematik und Physik studiert und über allerlei partielle Differenzialgleichungen geforscht, bis er 1989 ziemlich plötzlich Redakteur bei „Spektrum der Wissenschaft“ wurde. Fast 30 Jahre lang hat er für diese Zeitschrift Texte bearbeitet und selbst geschrieben, vornehmlich über Mathematik und verwandte Gebiete. Nach wie vor schreibt er gelegentlich Beiträge für die Rubrik „Mathematische Unterhaltungen“. Seine Liebe zum Fach lebt er auch in allerlei geometrischen Objekten aus, die gelegentlich – in Großveranstaltungen mit vielen Beteiligten – ziemlich monumental geraten. Nebenher bietet er in einem Internet-Laden Bastelbögen für allerlei geometrische Körper an.

23 comments

  1. Christoph Pöppe schrieb (11. May 2022):
    > […] Schauen Sie sich auf der offiziellen Website des Bundesjustizministeriums Paragraf 68 des Sechsten Buchs des Sozialgesetzbuchs [ https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_6/__68.html ] an.
    > […] Hier ist Absatz 2: […]
    > und in Absatz 5 dasselbe noch einmal in – kaum zu glauben – einer Formel ausgedrückt.

    Nein: Die betreffende Formel drückt offenbar insbesondere auch einige der Vorgaben aus Absätzen 1, 3 und 4 aus.

    > […] Dabei fällt auf, dass sich gewisse Werte speziell auf das Jahr 2012 beziehen

    … so, wie in Absatz 3 gegeben.

    > Aber tiefgestellte Zeichen, Bruchstriche und Ähnliches konnten sie dann doch nicht übers Herz bringen

    Ähnliches doch, MBMN, im Rahmen der im Gesetzestext gewählten Notation. Allerdings: …

    > […] Die Bedeutungen der einzelnen Bezeichnungen stehen im Gesetzestext.

    … Die Formel des Gesetzestextes enthält (ganz links) die Symbole
    ARt und ARt-1;
    erklärt sind im Anschluss (bzw. schon in Absatz 3) aber (“nur”) die Bedeutungen die Symbole
    AR(tief)t und AR(tief)t-1
    (sowie die weiteren Symbole der Formel).

    (Hoffentlich bleibt das betreffende Gesetz trotzdem gültig! … &)

    p.s.
    > […] In manchen Streitfragen würde eine mathematische Darstellung zumindest helfen, innere Widersprüche in Gedankengängen aufzudecken.

    Sapere aude!

    • Frank Wappler schrieb (11.05.2022, 18:51 o’clock):
      > Christoph Pöppe schrieb (11. May 2022):
      > > […] In manchen Streitfragen würde eine mathematische Darstellung zumindest helfen, innere Widersprüche in Gedankengängen aufzudecken.

      > Sapere aude!

      Besser etwas aktueller, und damit ausdrücklich zustimmender:

      Denke wie Gödel   Turing   Grothendieck   Witten (?) … aber protokolliere wie Cassirer!

  2. In der BRD ist es wohl so, dass die Abgaben- und Steuerbelastung Weltrekordniveau hat, dass die Eigentumsquote gering ist, Immobilien meinend, dass gerne Steuergeld umverteilt, auch ins Ausland, werden darf, das Steuer- oder Wahlvieh meckert kaum, dass die Energiekosten sich Weltrekordniveau annähern, dass das Rentenniveau sich den 40 % (ehemals erhaltene Bezüge im Arbeitsleben sind gemeint) nähert, von oben natürlich, lol, und dass nun diese Mischung aus Nullzinsen und Inflation sozusagen endgültig wie gemeintes Vermögen verbrennt.

    Wobei (fast) alle happy zu bleiben scheinen, denn es ist bundesdeutsch ja alles bestmöglich sozusagen erklärt, vertellt worden, nicht wahr?

    Kurz hierzu noch :

    Es gibt nicht wenige Leute, die sowohl rauchen als auch Lotterie spielen. Das heißt: Sie schätzen die Wahrscheinlichkeit von 1 zu 14 Millionen für einen Hauptgewinn so groß ein, dass es lohnt, einen Euro darauf zu setzen, halten aber die zehntausendfach höhere Wahrscheinlichkeit von 1 zu 200, elendiglich an Lungenkrebs zu sterben, für so gering, dass es nicht lohnt, dafür das Rauchen aufzugeben. [Artikeltext]

    Dr. W hat sich mit einigen “Lottospielern” unterhalten, auch die waren happy so, nur so eine Chance in ihrem Leben zu bekommen Millionär zu werden, anders geht es für viele in der BRD (siehe oben) ja kaum, auch weil wohl nicht so gewollt, und mit einigen Rauchern, die happy waren, dass sie vermutlich nur mit der Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent an der Raucherei und ihren Folgen sterben – Nicht viel, oder ? – während Andere sozusagen gesund stürben.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer

  3. Kleiner Bonuskommentar vielleicht noch :

    Wer will kann derartige Datenlagen :

    -> https://de.statista.com/statistik/daten/studie/77722/umfrage/rendite-von-zehnjaehrigen-staatsanleihen-nach-europaeischen-laendern/

    … auch als sozusagen letztlichen Nachweis verstehen, dass den “Kapitalismus” [1] in seinem Lauf weder Esel, noch Ochs auf (hält).

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer

    [1]
    Wobei Dr. Webbaer hier freundlicherweise die marxistische Sicht auf die in (liberalen) Demokratien geübte Marktwirtschaft (mit oder ohne Attribut) übernommen hat, es liegen allgemein schon sog. soziale Marktwirtschaften vor, die nicht “Kapitalismus” genannt werden können, sofern nicht von kollektivistischer, sozialistischer Seite so ihre Beschreibung versucht wird.

  4. Zitat:

    Maastricht-Kriterium, Obergrenze der Neuverschuldung, schwarze Null? Nicht wirklich. Man kann sich allenfalls sehr abstrakte Gedanken machen. Staatsschulden gleich null ist eine schlechte Idee. Der Staat muss ja für die Zukunft in Gebäude, Infrastruktur und so etwas investieren und kann das nicht alles aus Steuern bezahlen. Vor allem profitieren nicht die Heutigen, sondern insbesondere auch die Zukünftigen von diesen Investitionen und sollten sie dann auch mitbezahlen.

    Nun, langfristig konstante oder gar sinkende Staatsschulden scheinen im Umfeld von jedes Jahrzehnt oder so wiederkehrenden Finanzkrisen von Vorteil, denn während ökonomischen Krisen steigt die Staatsverschuldung vernünftigerweise um Härten vor allem bei der Mittelschicht und den Geringverdienern abzuwenden.
    Nicht umsonst gilt folgendes:

    Die wichtigsten Vorteile einer geringen Staatsverschuldung liegen in der Erhaltung des finanzpolitischen Handlungsspielraums und der Wahrung der Glaub- und Kreditwürdigkeit des Landes

    Diese Aussage basiert auf realen Vorkommnissen (Eurokrise) und der zu erwartenden Dynamik , also etwa der Tatsache, dass auch hochverschuldete Länder während Krisen wieder Kredite aufnehmen müssen, sie aber eventuell nicht mehr bekommen, wenn das Vertrauen in die Rückzahlung/Rückzahlbarkeit fehlt. Wenn der Staatshaushalt zu einem bedeutenden Teil in der Schuldenfinanzierung besteht, dann fehlt irgendwann jeder finanzpolitische Handlungsspielraum und damit auch fast jeder politische Handlungsspielraum, denn was ist Politik anderes als das Geld des Steuerzahlers für politische Projekte auszugeben?

    Fehlt aber jeder politische Handlungsspielraum kommt die Zeit der Hasardeure und Populisten, die dem Publikum radikale Lösungen schmackhaft machen wollen wie etwa den Austritt aus der Eurozone oder – verwandt damit – das Leben auf Kosten der anderen Eurozone-Staaten.

    Zu Stichworten wie Anstrebung eines finanziellen/ökonomischen Gleichgewichts, Optimierungsfragen und Rückzahlbarkeit der Schulden durch zukünftige Generationen lässt sich folgendes sagen: Nicht alle Staaten streben objektiv gesehen überhaupt eine finanzpolitische Nachhaltigkeit an. Die meisten der Staaten etwa, die in der Eurokrise eine prominente Rolle als Krisenstaaten spielten, haben in der Vergangenheit schon x-Mal ihre Währung abgwertet, genau darum weil sie sonst ihre finanziellen Schwierigkeiten nicht mehr hätten bewältigen können. Mit dem Euro aber gab es diesen Ausweg nicht mehr. Dessen waren und sind sich viele zu wenig bewusst: Es gibt/gab Staaten in Europa oder der Welt, die nicht nachhaltig mit dem Staatsgeld umgehen und die von Krise zu Krise eilen. Griechenland mit den Staatsbankrotten 1827, 1843, 1893 und 1932 gehört weltweit gesehen noch zu den besseren Ländern, vor allem wenn man nur die Zeit nach 1900 betrachtet wie es in Länder mit den meisten Staatsinsolvenzen seit 1900 gemacht wird.

  5. @ Webbär:

    “dass es sich in dem im Artikel erwähnten Studenten nicht um jene SPD-Kraft handelt”

    Es gibt keinen zweiten SPD-Abgeordneten Lothar Binding, der ebenfalls Mathematik studiert hat, im Finanzausschuss saß und sich für Nichtraucherschutz engagiert hat. Am besten fragen Sie mal Jakob Mierscheid, der kennt sich mit so was aus.

    • +1
      Sie haben recht, denkbarerweise war Ihr Langzeit-Kommentatorenfreund, der ohnehin die schlechte Angewohnheit hat auch experimentelle Nachrichten abzusetzen, indischponiert, cheers !

  6. Wenn man versucht Gerechtigkeit mit Mathematik zu berechnen landet man irgendwann bei Euthanasie, einfach ein paar Variablen optimieren. Ich wäre eher vorsichtig damit.

    Als jemand der eher Mathematik affin ist, würde ich mich hierbei trotzdem nicht zu sehr auf die Mathematik verlassen. Corona und Ukraine hat zB keiner in seinen Formeln gehabt.

    Wichtige wäre die Staatsfinanzierung incl der Rente auf gesunde Füße zu stellen. Da machen wir aktuell das Gegenteil, wir verschulden uns weil die Zinsen billig sind. Das kann aber schnell mal kippen, wenn dann noch das Rating runtergestuft sind, hat man über Nacht den Fall Griechenland und keiner hats kommen sehen, doch.

    • Wenn man versucht Gerechtigkeit mit Mathematik zu berechnen landet man irgendwann bei Euthanasie, einfach ein paar Variablen optimieren.

      Eben. Mathematik ist weitaus mehr als mal eben ein paar Variablen zu optimieren. Entsprechend ist das Wichtigste auch nicht, zu gegebener Zielfunktion ein Optimum auszurechnen, sondern die Zielfunktion aufzustellen. Und natürlich konnte niemand Corona oder die Ukraine in die Zielfunktion hineinschreiben, bevor es passierte. Mehr als ein allgemeines Vorsorge-Prinzip ist da nicht zu machen.
      Über die Sache mit der Euthanasie und ähnlich problematische Themen haben sich manche Philosophen Gedanken gemacht – und sind bemerkenswerterweise bei einer Art von mathematischer Optimierung gelandet, auch wenn man das in der Philosophie so nicht zu formulieren pflegt. Ich habe darüber mal einen Essay geschrieben.

    • Hypnose Brocher Köln schrieb (12.05.2022, 08:33 o’clock):
      > Vielen Dank für diesen gelungenen Artikel. Tolle Impulse, ich habe wieder etwas gelernt.

      Man kann anhand des genannten obigen SciLog-Artikels (und der darin enthaltenen Betrachtungen zum §68 SGB vi) sogar noch im Nachhinein etwas lernen; nämlich:
      welche SciLog-Kommentatoren SciLogs-Artikel bis zum Ende lesen, bevor sie SciLog-Kommentare einreichen.

      > Ich freue mich auf weitere Artikel von Ihnen!

      Na, und ich erst!
      Der Ablauf (der mir durch eine gewöhnlich gut informierte Quelle in Privatkorrespondenz angedeutet wurde), bestehend aus

        (1) dem Verfassen und Vorlegen jeweils eines Beitrag-Entwurfes (durch einen etablierten aber ansonsten nur wenig einflussreichen Autor), und

        (2) dem Entscheiden über Erscheinen oder Nicht-Erscheinen dieses Entwurfes als HLF-SciLog-Artikel (durch zuständige Organe des HLF),

      bedarf aber wohl noch … einiger Optimierung.

  7. Mathematik könnte zur politischen Diskussion eine Menge beitragen – wenn man sich ernsthaft auf sie einlassen würde.

    Politik ist die Kunst zu vernebeln was offensichtlich ist. Da ist die Mathematik fehl am Platz.

    • Politik will nicht nur vernebeln, sie will auch mehr versprechen als sie halten kann. Warum? Weil die Bürger/Wähler von der Politik ein besseres Leben geschenkt bekommen wollen. Und das alle 4 Jahre oder so.

      Der Wunsch

      Mathematik könnte zur politischen Diskussion eine Menge beitragen – wenn man sich ernsthaft auf sie einlassen würde

      kann nur in Erfüllung gehen, wenn die Erwartungen an die Politik kleiner und die Wähler nüchterner werden. Was dann herauskäme hätte mit dem was wir heute unter Politik verstehen, aber nicht mehr so viel zu tun. Nun gut, Angela Merkel war schon etwas in der Richtung einer Politik ohne Illusionen, Emanuel Macron aber sicher nicht.

    • Zur Wesensbestimmung von ‘Politik’ und ‘Mathematik’ :

      Politik meint besonderes zivilisatorisches Handeln, dass in der Polis, nach Aufgabe des Nomadentums entstanden ist, es sind dann u.a. auch Stände, äh, entstanden und es war womöglich allgemein cooler auch die Landwirtschaft heranzuziehen, für den Lebenserhalt der dann Stadtbevölkerung, auch sog. Winter meinend.
      Die Etymologie ist hier klar, Verstädterung meinend.

      Machtfragen sind idF auch oft anders behandelt worden, als bspw. nur bärbeißig und körperlich Bewaffnete meinend.
      Gewisse Verständigkeit hielt Einzug.
      Es ist nett im Winter über Vorräte zu verfügen, sich auch mal mit den “Altvorderen” diesbezüglich kritisch auseinander setzen zu dürfen, was eine gewisse Freiheit der Rede impliziert.
      Insofern war Politik manchmal auch recht früh partiell demokratisch.
      (Weniger das Weib, hörhö, meinend, korrekt!)

      Die Mathematik, die Fähigkeitslehre, war anfangs Teil der Philosophie, konnte aber als erste Fachdisziplin so ausgegrenzt werden, sie hat halt den Vorteil von der Sache losgelöst zu sein und wiederverwendbar zu sein, als sozusagen erste so verhandene Denktechnik.
      Was durchaus mit der Getreide- und Viehwirtschaft harmonierte.


      Besondere Entartung dieser Demokratie, ist, wenn überhaupt, erst neulich festzustellen.

      Mit freundlichen Grüßen
      Dr. Webbaer

  8. Zuerst mal etwas Volkswirtschaftslehre. Es gibt zwei verschiedene Richtungen, wie Wirtschaft zu behandeln sei.
    Der Monetarismus und der Fiskalismus. Der Monetarismus steuert die Wirtschaft über die Geldmenge und lehnt direkte Eingriffe in das Wirtschafsgesehehen ab-
    Eine zu starke Ausdehnung der Geldmenge führe zu Inflation, eine zu starke Bremsung des Geldmengenwachstums zu Deflation. Kurzfristige Eingriffe des Staates zur punktuellen Steuerung der Wirtschaft werden abgelehnt. Der Monetarismus geht von einer relativ stabilen Geldnachfrage aus.
    Wenn hier also von Mathematik die Rede ist, dann meint man Monetarismus.

    Der Fiskalismus glaubt an die Einflussmöglichkeiten des Staates über Steuern, Konjunkturprogramme und überlässt dem Markt nicht die Selbstregulierung.
    Wir haben ja deshalb einen Finanzminister , der sollte Monetarist sein, und einen Wirtschaftsminister, der sollte Fiskalist sein. Der Fiskalist erhöht die Zinsen, wenn die Konjunktur auf dem Höhepunkt ist und senkt die Zinsen, wenn man gerade eine schwache Nachfrage hat.

    In der Praxis überlappen sich beide Bereiche.

    • Wenn hier also von Mathematik die Rede ist, dann meint man Monetarismus.

      Wie?? Mathematik läuft auf Monetarismus hinaus??? Wieso? Weil die Fiskalisten keine Mathematik können? Oder einen Ekel davor haben? Oder weil – noch krasser – jeder, der versucht, mit Mathematik an die Volkswirtschaft heranzugehen, unweigerlich zum Monetaristen wird???
      Was für ein Unfug. Was Sie als Monetarismus umreißen, ist ein sehr grobes mathematisches Modell des Finanzwesens. Dessen Unvollkommenheiten sind bekannt und werden intensiv diskutiert. Und natürlich ist die Mathematik nicht von Natur aus auf dieses Modell beschränkt.

  9. Karl Mistelberger,
    Kein Nebel, Volkswirtschaft ist eine Wissenschaft und keine Nation kommt ohne eine solide Berechnung des Staatshaushaltes aus. Die Renten sind in Verruf gekommen, weil in diesem sensiblen Bereich Politiker Aussagen machen die nicht stimmen.
    Die Altersrente ist sicher, wenn die Arbeiter und Angestellten ihre Beiträge bezahlen. Das ist alles genau berechnet, und deswegen wurde die Altergrenze auf 67 Jahre angehoben.

  10. Zitat:

    Mathematik könnte zur politischen Diskussion eine Menge beitragen – wenn man sich ernsthaft auf sie einlassen würde.

    Klar ist das so. Aber erst nachdem man sich politisch auf ein Ziel festgelegt hat, das auch einen quantitativen Aspekt besitzt und das nicht mit der nächsten Wahl oder dem nächsten Regierungswechsel wieder durch ein anderes ersetzt wird.

    Es gibt aber Beispiele von politisch bestimmten längerfristigen Zielen, die mathematischer Modellierung zugänglich sind. Ein Beispiel ist das schwedische Rentensystem, welches unter anderem mit automatischer Anpassung des Renteneintrittsalter an die demographische Entwicklung und mit Anpassung der Rente an die aktuelle Lohnentwicklung arbeitet und das deshalb keiner Nachkorrektur mehr bedarf wie bei den meisten anderen Rentensystemen. Schwedens Rentensystem ist also zukunftssicher, was auch bedeutet, dass sich Politiker nicht mehr mit neuen Vorschlägen zu Änderungen im Rentensystem profilieren können (welcher deutsche Politiker will sich dagegen überflüssig machen?). Sie dazu: Schwedens Pensionssystem stabilisiert sich heute selbst – doch für den grossen Wurf war viel politischer Leidensdruck nötig.

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