Autismus-Spektrum

*KnockKnockKnock* Penny *KnockKnockKnock* Penny *KnockKnockKnock* Penny?

In der Serie „The Big Bang Theory“ geht es unteranderem um den hochintelligenten Physiker Sheldon Cooper. Obwohl der Charakter des Sheldon nicht mit Autismus als Vorlage kreiert wurde, bedient er alle Stereotypen eines Menschen mit Autismus; männlich, hochbegabt, ein Nerd und sozialen Defiziten. Diese Stereotypen kommen nicht von ungefähr, jedoch vermitteln sie ein steifes und eingeschränktes Bild, was uns daran hindert, besser auf unsere Umwelt und damit auch auf Menschen im autistischen Spektrum einzugehen. Doch wie wird Autismus aus wissenschaftlicher Sicht beschrieben?

Was ist Autismus

Autismus ist eine angeborene neuronale Entwicklungsstörung. Die Autismus Diagnose wird mit dem DSM-5 getroffen, einem Klassifikationssystem für psychische Störungen. Um eine Diagnose zu stellen, müssen seit dem Kindesalter persistent Auffälligkeiten in diesen Bereichen vorliegen:

Bereich Potenzielle Beispiele
Auffälligkeiten bei sozialer Interaktion – Defizite, soziale Beziehungen zu entwickeln und aufrechtzuerhalten.
– Manche Autisten beschreiben soziale Interaktionen nicht mit Intuition zu bewältigen, sondern versuchen diese zu verstehen und zu analysieren
Kommunikation – Schwierigkeiten mit nonverbaler Kommunikation
– Schwierigkeiten Blickkontakt zu halten
Spezifische Interessen – Spezielle Vorlieben
– Starke Fixierung auf Sonderinteressen
Veränderte Wahrnehmung und Sensorik – Schwierigkeiten Reize zu filtern
– Reize können stärker wirken –> Überforderung mit Geräuschen
– Reize können schwächer wirken –> Vermindertes Schmerzempfinden
Bedürfnis nach Routine – Widerstand gegen Veränderungen
Siehe DSM-V [1]

Autismus Spektrum

Autismus Ausprägungen liegen auf einem Spektrum von hochfunktionalem Autismus, auch als Asperger-Syndrom bezeichnet bis zu sehr stark ausgeprägtem Autismus, der für die Betroffenen schwer zu handhaben ist und als Behinderung gilt. Manche können nicht sprechen oder ohne Hilfe ihren Alltag leben. Die individuellen Ausprägungen können dabei sehr heterogen sein.

Die Diagnose

Für die Autismus Diagnose wird die Entwicklungsgeschichte der Personen sowie Beobachtungen von Spezialisten berücksichtigt. Jedoch kann die Abgrenzung zu anderen Diagnosen mit Kommunikationsdefiziten schwierig sein. Auch das Verstecken von Symptomen, um sich anzupassen, das sogenannte „masking“ kann die Diagnose erschweren.

Eine eindeutige Diagnose ist wichtig für fachgerechte Unterstützung. Um reine psychologische Diagnosen zu unterstützen, wird nach biologischen Markern, also messbaren Größen für Autismus gesucht. In den folgenden Abschnitten werden drei Forschungsansätze erklärt, um biologische Marker zu finden, sowie die bisherigen Erkenntnisse2.

MRT Scans

MRT Untersuchungen zeigen Unterschiede in der Hirnstruktur von Menschen mit Autismus im Vergleich zu Menschen ohne diese Diagnose. Untersucht wurde die neuronale Verdrahtung bei Kindern zwischen 6 Monaten und 2 Jahren. 12-15 neuronale Bahnen in der weißen Substanz wurden entdeckt die bei autistischen Kindern überdurchschnittlich häufig anderes verliefen als bei nicht autistischen Kindern3. Zusätzlich wurde bei autistischen Kindern zwischen 12 und 24 Monaten ein größeres Hirnvolumen festgestellt4.

Jedoch sind diese Ergebnisse schwer reproduzierbar. Mehr Forschung muss betrieben werden, bevor eine Diagnose per MRT erfolgen kann2.

Funktionelles MRT (fMRT)

Aufgabenbasiertes fMRT identifiziert Gehirnregionen, die funktionell an einer bestimmten Aufgabenausführung beteiligt sind. Verschiedene Studien untersuchten die Schaltkreise, die für Aufgaben zuständig sind, welche die Kern-Probleme bei Autismus bilden. Die Studien zeigten eine Hyperaktivierung des Gyrus temporalis, welcher wiederum Geräusche prozessiert und Gesichter erkennt5.
Jedoch zeigen diese Daten nur Durchschnittswerte einer noch sehr kleinen Versuchsgruppe sowie Probleme bei der Reproduzierbarkeit. Dies kann jedoch auch an den unterschiedlichen Datenprozessierungen liegen.

Genetische Komponente

Zahlreiche Zwillings- und Familienstudien zeigten unabhängig voneinander den starken Einfluss der Gene auf Autismus. Die Vererbung liegt hierbei zwischen ~40% bis 90%. Über 100 Gene wurden bisher identifiziert die mit Autismus in Verbindung stehen sollen.

Die meisten Gene, die mit Autismus in Verbindung stehen, codieren für Proteine, welche entweder synaptische Strukturen oder Chromatin Strukturen bilden. Das bedeutet, dass die Gene die Autismus verursachen, meist als Bauplan für die Verbindungsstruktur zwischen Gehirnzellen oder als Bauplan für die Verpackung unserer DNA dienen2.

Ziel

Autismus kann etwa ab dem dritten Lebensjahr diagnostiziert werden. Das Ziel bei der Entwicklung von biologischen Markern ist auch, eine möglichst frühe Diagnose zu stellen. Je jünger das Gehirn, desto plastischer, also wandlungsfähiger. Damit wäre es offener für Therapien, um Menschen mit starken Einschränkungen zu helfen.

Im oben gezeigten Spektrum haben wir von den verschiedenen Ausprägungen von Autismus gelernt. Gehen wir mal davon aus Autismus Symptome könnten irgendwann geheilt oder gelindert werden…

Stellt euch nun mal die philosophischen Fragen:

  • Wann sind neurologische Besonderheiten behandlungsbedürftig und wann sind neurologische Besonderheiten Charaktereigenschaften, die zur Neurodiversität beitragen?
  • Sollten wir im Arbeitsumfeld oder im Freundeskreis mehr über Neurodiversitäten informiert sein und akzeptierender werden?
  • Inwiefern trägt Neurodiversität zu einer besseren Gesellschaft bei?

Schreibt mir eure Meinung gerne in die Kommentare.


References

1.   Bauer M, Maier W, Schneider F, Kapfhammer H-P. Das neue DSM-5-Klassifikationssystem : Wesentliche Neuerungen in der psychiatrischen Klassifikation. Nervenarzt. 2014;85(5):531-532. doi:10.1007/s00115-013-3983-5

2.   Lord C, Brugha TS, Charman T, et al. Autism spectrum disorder. Nat Rev Dis Primers. 2020;6(1):5. doi:10.1038/s41572-019-0138-4 https://www.nature.com/articles/s41572-019-0138-4

3.   Wolff JJ, Gu H, Gerig G, et al. Differences in white matter fiber tract development present from 6 to 24 months in infants with autism. Am J Psychiatry. 2012;169(6):589-600. doi:10.1176/appi.ajp.2011.11091447

4.   Hazlett HC, Gu H, Munsell BC, et al. Early brain development in infants at high risk for autism spectrum disorder. Nature. 2017;542(7641):348-351. doi:10.1038/nature21369

5.   Emerson RW, Adams C, Nishino T, et al. Functional neuroimaging of high-risk 6-month-old infants predicts a diagnosis of autism at 24 months of age. Sci Transl Med. 2017;9(393). doi:10.1126/scitranslmed.aag2882

6.   Paulsen B, Velasco S, Kedaigle AJ, et al. Autism genes converge on asynchronous development of shared neuron classes. Nature. 2022;602(7896):268-273. doi:10.1038/s41586-021-04358-6

Veröffentlicht von

Ronja Völk ist Masterstudentin für Molekulare Biotechnologie an der Universität Heidelberg. Im Zuge Ihres Studiums hat sie vielerlei Praktika absolviert, unter anderem am Deutschen Krebsforschungszentrum und in Harvard im Bereich Neurologie. Sie ist begeisterte Leserin von Wissenschaftsmagazinen und liebt es, ihr Wissen mit anderen zu teilen. (Für Ihr näheres Umfeld ist sie auch gerne mal Umwelt-/Medizin-/ Impf-/Corona-Expertin.) Das zeigt, wie hoch der Bedarf an einfacher, verständlicher Wissenschaftskommunikation ist.

30 Kommentare

  1. Als jemand, der im Moment tagtäglich mit mehreren Menschen im Autismus-Spektrum arbeitet, die alle sehr unterschiedlich sind, ist mein Eindruck, dass ihr Beitrag zu einer besseren Gesellschaft vielleicht der ist: Er weißt uns darauf hin, dass alle Menschen eine sehr viel individuellere Betrachtung und Behandlung brauchen, als wir erst einmal denken oder glauben.

    Denn keine:r dieser Menschen, mit denen ich es in meinem derzeitigen Alltag zu tun habe, braucht auch nur annähernd das Gleiche. Ich muss mich individuell auf jede:n von ihnen einstellen. Auch von der “Diagnose” “hat Autismus” könnte ich nichts ableiten, was mir bei dieser guten Einstellung auf sie wirklich helfen würde. Vielmehr muss ich schauen, was hier und jetzt gerade da ist, was jeweils dran ist, damit wir eine gute Zeit zusammen haben, kein überflüssiger Stress oder Konflikte miteinander entstehen.

    Die eigentliche Information könnte also sein: Wir brauchen mehr Zeit, mehr Ruhe, mehr Raum dafür, um uns wirklich aufeinander einzustellen. – Und wir sollten unsere verschiedenen sozialen Systeme (Familie, Schule, Firmen) so gestalten, dass diese Zeit, diese Ruhe und dieser Raum da ist.

    Ich denke daher, die allerbeste “Therapie”, wenn wir überhaupt so reden wollen, wäre ein allgemeiner Alltag, der weniger effizienzoptimiert ist als das derzeit in den allermeisten sozialen Systemen der Fall ist. Weniger Erwartungen, weniger Klischees, eine allgemein entspanntere Atmosphäre, in der auch “Störungen” ganz natürlich Platz haben und nicht sofort gewaltigen Stress auslösen.

    Das würde Menschen im Autismus-Spektrum genauso besser tun, wie es Menschen außerhalb des Autismus-Spektrums besser tun würde.

  2. Am Anfang sollte immer eine Begriffsdefinition stehen, was ist Autismus und was ist Autismus nicht.
    Zweitens, was ist eine “neurologische Besonderheit” und was ist sie nicht.
    Drittens, was ist eine Neurodiversität und was ist sie nicht.

    Als Ex-Lehrer hatte ich jährlich mit mehr als 120 neuen Schülern zu tun.
    Den Begriff Autismus kannte ich nicht, und auch die anderen Fachbegriffe kannte ich nicht. Deshalb wäre es wünschenswert, wenn hier in einer verständlichen Sprache gesprochen wird.

    So wie man über Autisten liest oder hört, habe ich in 42 Berufsjahren keinen einzigen Schüler gehabt auf den diese Beschreibung zutrifft.
    Deswegen die Frage, wie verbreitet ist Autismus ? Und woher sollen wir unsere Erfahrungen haben, wenn es kaum Autisten gibt ?

  3. Der Brite Daniel Tammet (Asperger-Syndrom) verknüpft in seinem Denken Mathematik mit Farben und Formen (Synästhesie). Dadurch wird bei ihm Mathematik als persönliche Erfahrung dem bewussten Erleben zugänglich.

    Er kann sich selbst beim Kopfrechnen beobachten und kann die dabei ablaufenden Vorgänge gut beschreiben.
    Er ist weltweit der einzige(!!!) Mensch, der so etwas kann – aber ausgerechnet dieser direkt erlebbare Zugang zur Arbeitsweise und damit dem Verständnis des Gehirns wird von der Forschung ignoriert.

    Damit vergibt man eine einmalige Chance!
    Quelle: Daniel Tammet: Elf ist freundlich und Fünf ist laut

    Wissenschaftlich sinnvoll wäre es, wenn man von Tammet viele strategisch systematisch aufgebaute Rechenbeispiele rechnen lassen würde – und die dabei von Tammet berichteten Beobachtungen nutzen und analysieren würde um zu prüfen, ob sich dabei Strukturen erkennen lassen – welche hilfreich sind, die Arbeitsweise des Gehirns zu verstehen.

    • Manche Wissenschaftler sprechen von 1%, manche von 3% bei der Häufigkeit von Autismus. Es ist nahezu unmöglich, dass Sie nie autistische Schüler hatten. Vermutlich haben Sie ein falsches Bild von Ihnen im Kopf. Hatten Sie Schüler, die einfach sonderbar waren, oder typische “nerds”, Kinder, denen Gerechtigkeit extrem wichtig war oder unangepasste Kinder, orientierungslos Kinder, zappelige Kinder, die viel gewackelt haben ..? Unter diesen Kindern waren sicherlich der ein oder andere autist. 😉 Autisten fallen nicht unbedingt öffentlich auf, vor allem die Mädchen. Viele wurden und werden nicht oder spät diagnostiziert, oder falsch (oft adhs).

      • Ich kann bestätigen, dass viele Autisten (zuerst) leider falsch diagnostiziert werden. Bin Lehrerin und arbeite – seit bald 25 Jahren – u.a. mit Asperger Autisten.

  4. Ich hatte das Glück, in dem von Alex beschriebenen Alltag aufzuwachsen und größtenteils auch jetzt in privater und Arbeitsumgebung zu leben. Die oben beschriebenen Symptome kommen mir vollkommen normal vor, sind allerdings nicht so stark ausgeprägt, dass sie mein Leben einschränken. Erst als ich das erste Mal von Autismus gehört habe, habe ich mich darin erkannt. Ich würde mich weder als krank noch als behandlungsbedürftig einstufen. In einem anderen Alltag wäre ich es möglicherweise geworden. Aber so war es einfach immer nur ein Schulterzucken und Akzeptanz a la jeder Mensch ist halt anders.

    Ich kann nicht beurteilen, ob Neurodiversität zu einer besseren Gesellschaft beiträgt, für mich ist sie einfach ein normaler Bestandteil der Gesellschaft.

  5. 1. Wann sind neurologische Besonderheiten behandlungsbedürftig und wann sind neurologische Besonder­heiten Charaktereigenschaften, die zur Neurodiversität beitragen?
    1. Fremd- oder Selbstverletzendes Verhalten stellt für mich einen neurologischen Zustand dar, bei dem man die Betroffenen psychotherapeutisch unterstützen sollte.
    2. Vermutlich ist das menschliche Gehirn und die auf ihm residierenden mentalen Zustände generell und prinzipiell depressions- und traumafähig. Wenn 30% der Menschheit, in ihrem Leben, mindestens ein­mal, depressiv werden, ist dies sicherlich eine vertretbare Vermutung.
    3. Der evolutionäre Druck hat dazu geführt, das die aggressivsten Vertreter zum Homo sapiens geführt ha­ben. Alle mit Gewalt ausgeführten innerartlichen Konflikte führen zu Traumen.
    4. Im Moment steuert die Menschheit zu einer ultimativen innerartlichen Auseinandersetzung, die nur weniger entwickelte Sozialgemeinschaf­ten überleben werden.
    5. Die aggressivsten Vertreter des Homo sapiens werden sich gegenseitig ausrot­ten.
    6. Der Hauptverantwortliche steht für eine Behandlung nicht zur Verfügung.
    2. Sollten wir im Arbeitsumfeld oder im Freundeskreis mehr über Neurodiversitäten informiert sein und ak­zeptierender werden?
    1. Viele Kommunikationsprobleme, die Neurotypische mit autistischen Kollegen haben, könnte man lösen, wenn ein Coach/Mentor, in Abstimmung mit dem autistischen Kollegen und der Firmenleitung, unter­richtet und geschult werden würden.
    2. Die menschliche Evolution ist getragen durch den sozialen Kontext von IN-Group und OUT-Group Dicho­tomien. Ist einem Menschen sozialer Kontext fremd und kann ihn nicht intuitiv entschlüsseln, steht ihm maximal die Familie als IN-Group zur Verfügung.
    3. Etliche Autisten können auf Grund neurotypischer Er­ziehungsmethoden kein Vertrauen zu den Eltern oder einem Elternteil entwickeln und trennen sich mit der Volljährigkeit von den Eltern und lassen sich einen gesetzlichen Vormund geben.
    4. Gäbe es neonatale Biomarker, könnte einige diese „Fälle“ für den Autisten und seine Familie besser gelöst werden.
    5. Der Bezeichner „Intuition“ ist leer, d.h. es gibt kein ausreichend fundiertes Modell, das wissenschaftli­chen Standards genügen würde.
    6. Alle Aussagen, in denen die Worte Intuition oder intuitiv auftauchen, sind somit nicht tragend, sie sind noch nicht einmal falsifizierbar.
    3. Inwiefern trägt Neurodiversität zu einer besseren Gesellschaft bei?
    1. Beschäftigt man sich mit der Phylogenese und der Ontogenese des menschlichen Gehirns, kann man zu der Überzeugung gelangen, das der Begriff „Neurodiversität“ den Homo sapiens charakterisiert.
    2. Dies ist eine rein wissenschaftliche Feststellung, für die es ausreichend viele Fakten gibt. Sie führt ge­nauso wenig zu einer „besseren Gesellschaft“, wie die Feststellung „der Himmel ist blau“.
    3. Interessant wird es erst, wenn man eine individuelle Neurodivergenz feststellt. Diese Feststellung be­zieht sich auf einen Vergleich, der eine Norm als Maßstab benötigt.
    4. Dies führt dazu, das die Mehrheit dann normal, also normgerecht, ist. Diese Ausgrenzung führt sicher­lich nicht zu einer besseren Gesellschaft.
    5. Sich entwickelnde Kinder neigen dazu, die IN-Group – OUT-Group Dichotomie zu instrumentalisieren. Da der schon vorhandene Neocortext erst mit der abschließenden Myelinisierung ab dem 20 … 25 Lebens­jahr vollständig nutzbar ist, erleiden die Neurodivergenten so viele mentale Verletzungen, das die IN-Group – OUT-Group Dichotomie unüberwindbar manifest geworden ist.
    6. Erst die zusätzliche Aneignung ethischer und moralischer Normen ab dem 25 Lebensjahr kann, muss aber nicht, zu einer Verhaltensänderung der Mehrheit führen.

  6. Autismus und ADHS sind relativ „junge“ Diagnosen und in vielen Fällen stellt sich die Frage: Was bringt die Diagnose dem Betroffenen und was bringt die Diagnose der Gesellschaft.

    Bei Sheldon Cooper, dem schrägen Physiker aus der „Big Bang Theory“, könnte die Diagnose bedeuten, dass man seine Schrullen und sein teilweise kindliches Verhalten, mit der Diagnose besser akzeptieren kann indem man sagt: „Er ist ein brillanter Physiker aber nicht reif fürs normale Leben.“ Die Diagnose bewirkt also eine erhöhte Akzeptanz seltsamen Verhaltens, sie bedeutet aber auch, dass man den Betreffenden nicht in jeder Hinsicht ernst nimmt.

    Gemäss Time trends in autism diagnosis over 20 years: a UK population-based cohort study gilt:

    Zwischen 1998 und 2018 gab es einen exponentiellen Anstieg der registrierten Inzidenz von Autismusdiagnosen um 787 %; R2 = 0,98, potenzierter Koeffizient = 1,07, 95 % KI [1,06, 1,08], p < 0,001. Der Anstieg der Diagnosen war bei Frauen größer als bei Männern (exponentieller Interaktionskoeffizient = 1,02, 95 % KI [1,01; 1,03], p < 0,001) und gemäß der Altersgruppe moderat, wobei die diagnostische Inzidenz am stärksten bei Erwachsenen zunahm (exponentieller Interaktionskoeffizient = 1,06, 95 % KI [1,04, 1,07], p < 0,001).

    Schlussfolgerungen

    Zunahmen könnten auf eine Zunahme der Prävalenz oder, was wahrscheinlicher ist, auf eine vermehrte Meldung und Anwendung der Diagnose zurückzuführen sein. Steigende Diagnosen bei Erwachsenen, Frauen und Personen mit höherer Leistungsfähigkeit deuten darauf hin, dass eine erweiterte Erkennung diese Veränderungen untermauert.X

    Zur Neurodiversität gilt: Tendenziell nimmt die wahrgenommene Neurodiversität ständig zu, denn ADHS oder Autismus sind sicher nicht die letzten neu eingeführten Diagnose für neurologisch/kognitive Besonderheiten. Es ist aber fraglich ob diese Diagnosen den Betroffenen etwas bringen. In einigen Fällen tun sie es sicher, in andern Fällen machen sie aber auch Normale zu Kranken. Dann nämlich, wenn Mediziner Grenzfälle dazunehmen.

    • Spätestens, wenn sich Ihr Kind oder Enkelkind – trotz überdurchschnittlicher Intelligenz – häufig so dermaßen seltsam und auch störend verhält, dass die Grundschullehrerin ihn in eine Schule für Geistigbehinderte schicken lassen will, wünschen Sie sich eine Diagnose.
      Danach wünschen Sie sich, dass dem Kind und der ganzen Familie “richtig” geholfen wird…

  7. Also wenn ich diese oben erwähnten Beispiele ansehe bin /wäre ich auch ein Autist, denn diese sind so interpretierbar das sie beinahe auf alle Menschen zutreffen könnten. Ich frage mich auch immer was dieses Klassifikationssystem für psychische Störungen sein soll, da es kein Klassifikationssystem für gesunde Menschen gibt, also kein Vergleich, also keiner eine Ahnung hat wie dieser “Gesunde” psychisch tickt und alle nur auf dieses System fixiert sind. Für mich wären das Persönlichkeitsmerkmale, bedingt durch tieferliegende Prägungen, also Erscheinungen einer Ursache .Wer also eine veränderte Wahrnehmung oder Sensorik diagnostiziert, muss wissen wie eine “normale” Wahrnehmung abläuft, was Unsinn ist da jeder eine andere hat.

    • Als Psychologin und Mutter eines vor kurzem mit Autismus diagnostizierten Sohnes finde ich den Artikel und die daraus folgenden philosophischen Fragen sehr spannend.
      Ich schließe mich der Meinung von Alex I. an, dass wir eine individuellere Betrachtung und Behandlung von (allen) Menschen gut gebrauchen können. Aus diesem Grunde kann ich die erste Frage nicht pauschal beantworten, auch wenn es für mich selbstverständlich ist, dass fremd- oder selbstverletzendes Verhalten eine Behandlungsnotwendigkeit darstellt. Aber die Behndlungsbedürftikeit kann man nicht objektiv ermitteln, da für mich die individuelle Situation (die u.a.die Familiensituation, den Leidensdruck…umfasst) ausschlaggebend ist. Obwohl mein Sohn keine stark- einschränkende Ausprägung hat, haben wir z.B. eine Förderung beantragt, weil es u.a. große Konflikte zwischen ihm und seinen älteren (pubertierenden) Bruder gibt und ich bzw. wir der Ansicht sind, dass es nicht schaden, wenn wir qualifizierte Ansprechpartner bekommen, die uns nicht nur im (Familien-)Alltag sondern auch in Schulangelegenheiten unterstützen können.
      Ich muss gestehen, dass mich an manchen Kommentaren stört, dass sich teilweise etwas abfällig über das Phänomen geäußert wird bzw. es abgetan wird, obwohl sie scheinbar keine persönlichen Erfahrungen damit gemacht haben. Deswegen stimme ich hier der 2. Frage, ob wir im Arbeitsumfeld oder im Freundeskreis mehr über Neurodiversitäten informiert sein und akzeptierender werden sollten, absolut zu. Für mich zählt, neben Autismus und AD(H)S als Neurodiversitäten, auch das Phänomen der Neuro- bzw. Hochsensitivität (das inzwischen immer stärker erforscht wird und auf 15-20% der Bevölkerung zutrifft).
      Was die 3. Frage betrifft, stimme ich Jenny zu, dass die Neurodiversität an sich nicht zu einer besseren Gesellschaft beiträgt, entscheidender ist wie wir mit dieser, als „normaler Bestandteil der Gesellschaft“ damit umgehen – d.h. Wertschätzung anstatt Stigmatisierung!

    • Hallo Golzower,
      Ich denke es wäre sinnvoll die Entwicklung der Psychiatrie nicht unter dem alleinigen Kriterium der Krankheit zu betrachten.
      M.E. geht es um das Verständnis der menschlichen Psyche insgesamt. Die Übergänge zwischen krankhafter Ausprägung und noch Gesunder sind fließend.
      An meinem eigenen Beispiel habe ich erfahren, dass ich in einem bestimmten, von mir selbst gestalteten Setting einigermaßen glücklich sein konnte. Dadurch, dass dieses Setting “angegriffen” wurde, wurden Teile meiner Eigenschaften gefordert, die nicht kompatibel zu der sich entwickelnden Konfliktsituation waren. Damit wurde ich innerhalb dieses Settings zum Problemträger und krank.
      Die Klassifizierung von psychisch krank und normal ist im stetigen Wandel.

  8. Ist alles sehr fachspezifisch anspruchsvoll beschrieben, auch die Kommentare (viele Fremdwörter) für vorgeburtlich nicht feststellbare (geistige schwer- bis schwerst- Behinderung = ERBkrankheit wovon 1 % (ein Prozent) aller hiesigen Geburten betroffen sind, also in D pro Jahr ca. 8’000 Kinder : 365 Tage = kommen also täglich 20 autistische Kinder in D zur Welt, europaweit bis 150 p r o Tag. Tja, da ist die Medizinformschung, die Eltern und Sippe, die Lehrer- , die Aerzteschaft, der STAAT (dessen Sozialdienst) & Finanzen) echt gefordert.

    Bin selber Grossvater zweier solcher Knaben 4 + 6,5 Jahre alt, was sich aber erst ab 1 Altersjahr so abzeichnete. Der ältere stärker als der jüngere betroffen. Es fängt an mit nicht sprechen können, nicht auf Anordnungen reagieren, beide sind aber motorisch einwandfrei, tollen immer herum = haben Bewegungs – & Schrei-drang > eine e c h t e , lebenslange, unheilbare Behinderung mit normaler, durchschnittlicher Lebenserwartung.

    • @Dörflinger André (Zitat): “ geistige schwer- bis schwerst- Behinderung = ERBkrankheit wovon 1 % (ein Prozent) aller hiesigen Geburten betroffen sind“

      Ja, das ist so. Das war aber auch vor 100 Jahren so. Daran hat sich nichts geändert. Geändert haben sich die Erwartungen in die Möglichkeiten der heutigen Medizin. Doch die meisten der angeborenen Leiden kann auch die moderne Medizin nicht heilen, ja meistens nicht einmal lindern.
      Das bedeutet eben, dass es Aufgabe von bereits bestehenden gesellschaftlichen Einrichtungen ist, solchen Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen.

      • Autismus bzw. Asperger Autismus haben jedoch überhaupt nicht unbedingt mit einer geistgen Behinderung zu tun.
        Im Gegenteil: Die meisten Autisten sind normal bis überdurchschnittlich begabt.

  9. Was ist bedeutet normal? Auch wenn wir uns das selten bewusst machen: Normal ist ein statistischer, kein qualitativer Begriff. Es ist der Bereich, in dem sich die meisten Menschen mit ihrem Verhalten bewegen. Dabei ist das, was als normal akzeptiert wird, flexibel und abhängig von Werten und Kultur, die in der Umgebung des Menschen gelten. Für einen Kannibalen wäre es normal, andere Menschen zu essen. Bei uns ist es weit außerhalb der Norm, also nicht normal, bei gleichem Tatbestand.

    Rechts und links von normal gibt es Verhaltensbereiche, die seltener vorkommen. Sie sind zwar nicht “normal” im genannten Sinne, aber deshalb noch lange nicht pathologisch. Allerdings meint “unnormal” bei uns häufig “krankhaft”, wird also qualitativ verwendet. Dabei ist unnormal zunächst einmal eine Bereicherung, weil es die Ränder des Möglichen auslotet. Sybilla von Merian war unnormal. Picasso war unnormal. Beethoven war unnormal. Darwin war unnormal, Paganini war unnormal, Einstein war es… .

    Ein breites Spektrum der Möglichkeiten ist evolutionsbiologisch sinnvoll. Nur eine große genetische Bandbreite ermöglicht die flexible Anpassung an unterschiedliche Lebensumfelder und nur dadurch konnten Menschen den gesamten Erdball und unterschiedlichste Habitate besiedeln. Erst wenn das Verhalten eines Menschen so weit am Rand möglicher Verhaltensvariationen angesiedelt ist, dass er in seiner sozialen Umgebung ausgegrenzt wird, wird es verhaltensökologisch betrachtet kritisch, weil ein soziales Lebewesen wie der Mensch andere Menschen in seiner Umgebung braucht und weil dadurch der Fortpflanzungserfolg, also im biologischen Sinne seine individuelle Fitness, verringert wird.

    Eigentlich dürfte ein Autismus mit Sozialphobie bei einem sozialen Lebewesen wie dem Menschen nicht evolutionsstabil sein. Aber wir sind ja nicht erst gestern entstanden, sondern es gab – heute schwer vorstellbar – Zeiten, in denen Menschen Mangelware waren. Gibt es nur wenige Menschen, bieten autistische Eigenschaften möglicherweise einen Vorteil. Die Vermeidung von Blickkontakt wirkt beispielsweise defensiv und seeskalierend. Möglicherweise sind autistisch veranlagte Menschen resilienter gegenüber den Folgen von Einsamkeit. Einsamkeit verringert die Lebenserwartung, emotional ebenso wie durch fehlenden Schutz einer Gemeinschaft. Läuft eine autistische Verhaltensstruktur nicht auf eine komplette Sozialphobie hinaus, könnte das eingeschränkte Bedürfnis nach Sozialkontakten solange sinnvoll sein, wie es trotzdem Beziehungen und die Weitergabe von Genen ermöglicht. Das erklärt möglicherweise das evolutionsstabile Vorhandensein genetischer Variation, die auf Autismus hinausläuft. Wäre genetisch prädisponierter Autismus unnormal im Sinne von pathologisch, müsste er sich im Laufe der Evolution eigentlich selbst weitgehend ausgerottet haben.

    In unserer Gesellschaft sind Menschen mit einer Persönlichkeitsstruktur im Bereich des Autismus oft – aber nicht immer – gesellschaftlich beeinträchtigt. Unter anderen denkbaren Lebensumständen möglicherweise weniger oder nicht, je nach Art der Abweichung vom Durchschnitt. Nach meinem Verständnis ist es lediglich eine Form von Menschsein, die seltener vorkommt, als andere, und die nur unter bestimmten Bedingungen eine echte Behinderung im Sinne einer Abhängigkeit von Unterstützung durch andere darstellt. Ansonsten aber spannende Grenzbereiche eines menschlichen Gehirns aufzeigen kann, vor allem, wenn sie wie beispielsweise Temple Grandin oder Birger Sellin in der Lage sind, kognitives und emotionales Erleben zu beschreiben.

  10. Leider vermisse ich die Definition und auch die Änderungen im ASD in den letzten Jahrzehnten. Da sind Wellen oder sollte man sagen Wogen durch gezogen. Schade, damit sensibilisiert der Beitrag zwar auf Autismus generell, schafft es aber meiner Meinung nach nicht den Bereich besser auf die Schwachstellen zu untersuchen. Besonders der Autismus, der mit einer Hochbebgabung einher geht, ist oft nicht auf dem Schirm der Diagnostikzentren. Viel wird kompensiert und einige der Kids bekommen keinen Support, trotz,des ziemlichen Leidensdrucks. Das Spektrum ist eigentlich viel zu breit gefasst und die Genetik ist auch so breit wie das Spektrum. Es wird imho zu viel in einen Rahmen unter gebracht, der den Individuen nicht gerecht wird. Mit Betroffenen zu arbeiten ist total anstrengend, besonders mit den Hochbegabten. Damit sind vermutlich viele der Therapeuten schon im Vorfeld richtig überfordert. Für mich ist die Definition und die Differentialdiagnostik in Untergruppen noch gar nicht sauber aufgesetzt, sondern wird von einigen wenigen s.g. Meinungsträgern geprägt wie Baron-Cohen etc. Die aber wenig die Sache voranbringen sondern nur das Thema “beherrschen”. Statt es eher einzugrenzen wurden die Kriterien inzwischen wieder weiter gefasst.

  11. Endlich eine verständliche Beschreibung.
    “Es fängt an mit nicht sprechen können, nicht auf Anordnungen reagieren, beide sind aber motorisch einwandfrei, tollen immer herum = haben Bewegungs – & Schrei-drang > eine e c h t e , lebenslange, unheilbare Behinderung mit normaler, durchschnittlicher Lebenserwartung.”
    Herr Seemann, das scheint die stärkste Ausprägung zu sein.
    Wollen die Kinder nicht sprechen oder können die Kinder nicht sprechen ?

    • @ hwied
      Die Frage ist m.E. nicht wirklich zu beantworten.
      Es gibt genug Grenzfälle, die in der psychiatrischen Forschung beschrieben wurden, die für beide Antworten sprächen. Nach m.M. sind die, die scheinbar nicht wollen, nicht fähig. Im Zweifelsfall durch die Testsituation überfordert.
      Klarer ist die Einschätzung dieser Ausprägung im Autismus-Spektrum als krankhaft. Dies in dem Sinne, dass mit dieser Form des Autismus eine Kommunikation extrem stark eingeschränkt ist. Kommunikation ist aber eine der Grundsäulen menschlichen Interagierens.

  12. Ich hatte immer schon arge Probleme in dieser aus meiner Sicht stark begrenzten, sturen und unwillkommend gegenüber Andersartigkeit orientierten Welt und Gesellschaft, die Menschen wie mich eigentlich nicht möchte, und nicht braucht. Das wird mir seit Kindheit immer wieder gezeigt, ja vorgeworfen, eigentlich einer Variante zuzugehören, die weg kann. Bei mir wurde Asperger Syndrom recht spät diagnostiziert, weil es wohl milde Ausprähungen sind, und ich früh als Kleinkind klar bewusst genug war, mir eine Art Passing zu erarbeiten – Sie nennen das ‘Masking’ – ja, in einer Weise trift es zu, eine Maske oder Verkleidung, welche die Welt ‘draußen’ einfordert. Ich nenne es auch Reduktion, weil man sich selbst gezwungenermaßen auf das herunter drosseln muss, was diese Gesellschaft erwartet, und an Anderssein gerade noch erträgt.
    Icjh bin mir nicht sicher, ob die Zukunft mehr Menschen wie mich braucht oder überhaupt zulassen kann. Zum heutigen Standpunkt der Beobachtungen würde ich eher Methoden empfehlen, mit denen man Solche vermeiden, verhindern kann. Denn diese Gesellschaft ist Vieles, aber nicht fortschrittlich, eher sogar Erleichterungen oder Innovation zum Beispiel recht hostil gegenüber eingestellt.
    Sie scheint auf einem niederschwelligen, vereinfachten und für die hochmöglichste Zahl ihrer Individuen nötig funktionablen Bandbreite an Varianz zugeschnitten und optimiert zu sein. Warum sollte man die Bandbreite akzeptierter Seinsformen erhöhen? Don’t touch a running system. Für Menschen wie mich muss die Gesellschaft sich kein Bein ausreißen. Es wäre zwar eine schöne Vorstellung, gerade um die große Lüge darüber zu kaschieren, welche das Solidarsystem hoch hält, wenn Menschen tatsächlich irgendwann individuell spezifisch akzeptiert werden könnten. Es wäre ein schöner Traum, in eioner Welt zu leben, die jenseits der Interessen des Effizienzdiktats und der Verzweckung des menschlichen Lebens auch noch Raum für individuelles Bedürfnismaß, und genug Zeit übrig hätte, sich darauf einzupendeln, Entfaltung zu erlauben, und auch die engen Grenzen dessen zu erweitern, das momentan als krank oder gestört = kann weg – interpretiert wird, und letztlich auch Menschen wie mich ein Stück weiter erlaubt, valide machen würde. Natürlich ist diese Philosophie oder Aussicht angenehmer, denn man kann sich bisher nicht aussuchen, mit welcher Genetik man selbst geboren werden möchte, oder nicht,
    Eine Welt, die Menschen so möchte und erlaubt, wie sie sich ausfalten, wäre toll, die Sonderinteressen nicht hauptsächlich negiert oder Kreativ-.Output nicht unter „Keine Arbeit“ abkanzelt, wenn das von einem Autisten stammt.
    In der aktuellen Welt ist aufgrund all der Hindernisse und Steine, Narrieren, Hürden, die man aufstellt, um als Untertan der Effizienz, als Anhängsel der Eile leben zu können, seinem Zweckzwang zu folgen, kein bisschen Platz für die Andersartigkeit. Es gibt nur die Auswahl friss oder stirb, grau oder hell, dies oder auch noch das. Sich selbst ständig auf das runter zu reduzieren, was gerade noch nicht zu viel ist, und edas fortdauernd in der zu engen Verkleidung unter Maske zu machen, ist anstrengend und zuletzt so auszehrend, dass die ganzen Begrenzungen und sturen Regelläufe das Interesse am Leben vergällen.
    Es ist also eine Frage der verfolgten Weltanschauung und was man sich wünscht – lieber in der einfach strukturierten Welt zu bleiben, die köare Grenzen dafür setzt, wie Homo S. Sapiens grade noch sein soll, oder auch etwas wie Variante Musicus oder Variante Mathematicus, und sogar „Lassmichinruh’ticus“ zu akzeptioeren = Mensch, verschieden wie Gene eben sein können.

    Die Frage darum, was normal sein soll, war seit früher Kinderzeit dominierend für meine Suche nach der Erlaubnis für Dasein. Etliche Fachleute habe ich dazu befragt und Definitionen ersucht, die Gauss und seine Verteilung nicht als einziges Maß erhoben. Ich kam irgendwann zu dem Schluss, dass Normalität, wie auf den Menschen bezogen, über die Erkenntnis um das Individuum ad absurdum geführt wird.

    Also entscheidet das in Euren Fachkreisen, solange das Kreisen da noch Fach sein kann : Welche Weltform, welche Art Gesellschaft wollt Ihr haben? Welche Varianzbandbreite soll die Definition Homo S. Sapiens fassen?

    • Vielen Dank für deinen Kommentar und deine Erfahrungen. Vielleicht hilf das die Frustration von manchen Menschen mit Autismus besser zu verstehen.

    • Warum ich – trotz allem – wichtig bin?
      Kann mir vorstellen, dass mich meine “andersartigen” Schüler und auch Enkelkinder brauchen. Ich sehe mich stets als offene, verständnisvolle, vertrauensvolle Person, an die sich junge Menschen mit Problemen wenden können… Ich setze mich im Lehrerzimmer, auf der Straße, im Freundeskreis und in der Familie dafür ein, dass nicht alle Menschen in ein Schema gepresst werden dürfen… Ich weise auf Talente und Positives hin… Ich beanspuche so etwas wie “Menschlichkeit”…

      Auch ich fordere und suche: “Ein Solidarsystem mit Menschen, die irgendwann individuell spezifisch akzeptiert werden können, mit noch Raum für individuelles Bedürfnismaß. Eine Welt, die Menschen so möchte und erlaubt, wie sie sich entfalten können…”

      “Ich hatte immer schon arge Probleme in dieser aus meiner Sicht stark begrenzten, sturen und unwillkommend gegenüber Andersartigkeit orientierten Welt und Gesellschaft, die Menschen wie mich eigentlich nicht möchte, und nicht braucht.”

      So geht es mir auch – und solche Gedanken hatte ich ebenfalls schon oft. Bei mir wurde noch nie das Asperger Syndrom diagnostiziert, aber ich “fühle” mich häufig als Aspergerin am Rande des Spektrums…

      “Ich nenne es auch Reduktion, weil man sich selbst gezwungenermaßen auf das herunter drosseln muss, was diese Gesellschaft erwartet, und an Anderssein gerade noch erträgt.”

      Möglicherweise beherrsche ich das “Masking” perfekt, denn ich lebe recht unauffällig – beruflich wie privat. Und trotzdem fühle ich mich “anders”.

  13. W. Seemann
    In den Filmen werden die Autisten als in sich verschlossene Menschen mit außergewöhnlichen Begabungen dargestellt. Ich frage deshalb, wie kommunizieren die Kinder miteinander. Haben die eine Zeichensprache ?
    Golzower,
    Wenn man sich auf eine Sache so stark konzentrieren kann, dass nebenan eine Bombe explodieren kann ohne dass man es bemerkt, dann wäre dies ihrer Meinung nach schon eine Form von Autismus.

    • @hwied (Zitat): „ In den Filmen werden die Autisten als in sich verschlossene Menschen mit außergewöhnlichen Begabungen dargestellt.
      Autismus ist ein Spektrum mit ganz unterschiedlichen Ausprägungen. Die Intelligenz ist oft vermindert, aber es gibt eben auch die Wunderkinder, die es dann schaffen zu Helden von Büchern oder Filmen zu werden. Diese Wunderkinder sind aber nicht repräsentativ.

      Ich empfehle ihnen als Einstieg den Eintrag Autismus in der Wikipedia. Dort erfahren sie mehr über Autismus als wenn sie sich einen Film mit einem autistischen Wunderkind anschauen.

  14. Martin Holzherr,
    “Autismus ist ein Spektrum mit ganz unterschiedlichen Ausprägungen.”
    Dazu gibt es wissenschaftliche Untersuchungen.
    Als Beispiel seien Logikaufgaben genannt, bei denen 3 Quadrate vorgegeben sind und ein viertes gesucht werden soll. Die Augenbewegungen der Probanden wurden per Laser überwacht.
    Interessant dabei war, dass die üblichen Aufgaben von den “Normalen” schneller gelöst wurden aber, es waren zwei Aufgaben dabei, die von keinem “Normalen” gelöst werden konnten, die Autisten schafften diese Aufgabe.
    Und es zeigte sich, dass der Lösungsweg der Autisten vollkommen anders war als bei den Normalen. (konnte anhand der Augenbewegungen überprüft werden)
    Leider konnte ich die Quelle auf die Schnelle nicht wieder finden.

  15. Zu Pit Naish :
    Wenn das was sie beschreiben Autismus sein soll, dann würde ich die Ursachen im sozialen Umfeld suchen. Folge ich Bowlby, also seiner Bindungstheorie, so könnten man ihre augenscheinlichen Komplexe offenbar auf diese Theorie zurückführen. Ein gestörtes Bindungsverhalten kann als Ausgegrenztheit bzw. Andersartigkeit empfunden werden was mit den von ihnen beschriebenen Gefühlen parallel läuft. Man fühlt sich als Mensch nicht anerkannt ,ausgestoßen und projiziert seine eigenen Mangelgefühle in andere bzw. kann auch durch traumatische Erlebnisse eine übergroße Sensibilität entwickeln die dann zu den oben beschriebenen Beispielen (Reizverarbeitungen, Hyperaktivierungen, Phobien etc.) führen. All das führt dann auch zu einer Art sozialer Isolierung die das eigene Dasein in Frage stellen kann da sie Selbstwertgefühle nicht zulässt .Autismus scheint mir also nichts angeborenes sondern eine Frage der falschen Prägung bzw. gestörten Bindung. Gestörte Blickkontakte und Defizite in der sozialen Beziehung könnten auf Minderwertigkeitsgefühle hindeuten. Eine Maske sich dann zuzulegen ist nur folgerichtig da man ja so sei n will wie die anderen “Normalen” die auch nur ihre Masken tragen und dieses Theater mitspielen…

    • “Autismus scheint mir also nichts angeborenes sondern eine Frage der falschen Prägung bzw. gestörten Bindung.”
      Dem muss ich widersprechen! Es ist klar bewiesen das Autismus vererbbar ist. Außerdem gibt man mit so einer Aussage auch den Eltern die Schuld was völlig falsch ist und zu Stigmatisierung führt.

  16. Interessant :

    Zahlreiche Zwillings- und Familienstudien zeigten unabhängig voneinander den starken Einfluss der Gene auf Autismus. Die Vererbung liegt hierbei zwischen ~40% bis 90%.

    Der Schreiber dieser Zeilen hat bspw. einen kleinen “Zahlen-Tick”, versucht Zahlen, Ziffern, Zeichen auch möglichst genau einer (ihrer?) Bedeutung zuzuordnen, auch statistische Angaben, auch (natur-)wissenschaftlichen statistische Angaben.
    Will sich insofern nicht von den allgemein als üblich bezeichneten Persönlichkeitsspektren abweichend heraus stellen, hält seine Vorgehensweise für angewiesen bzw. richtig und andere nicht – mehr ist nicht los. Nicht wahr?

    Hat aber viel mit ganz außergewöhnlichen Leutz zu tun gehabt, womöglich seinen (eigenen) Interessen und Tätigkeiten geschuldet, auch mit sozusagen echten Autisten, die bspw. alleine in eine ferne Großstadt reisen konnten, dort ihre Arbeit verrichten konnten, aber einem nicht ins Gesicht schauen konnten, wenn mit ihnen geredet worden ist. (Es gibt hierzu auch den Film mit dem Namen ‘The Accountant’, der zwar sachlich nicht ganz richtig ist, aber nett?)

    Auch mit minderschweren Fällen sozusagen, mit Personen, die gemeinhin als Soziopathen oder als “Asperger” diagnostiziert, kategorisiert werden. (Nicht mit Psychopathen, das sind andere, nicht wahr?)
    Und dabei sogar oft sehr erfolgreich waren in ihrem Aufgabengebiet, auf das sie sich konzentrierten.

    Zu den philosophischen Fragen, die dankenswerterweise im letzten Absatz dieser Nachricht gestellt worden sind, kurz :
    ‘Wir’ sollten akzeptierender werden, ich selbst verfüge über die Eigenschaft mich auch bei abwegigem, “spleenigen” Verhalten Anderer so zu verhalten, als ob nichts geschehen sei.
    Von der Medikation wird diesseitig wenig gehalten, solange sich irgendwie vermeiden lässt, ADHS und so, Adderall und so, die Gesellschaft darf hier toleranter werden.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer

  17. @Pit Naish 17.03. 11:28

    „Also entscheidet das in Euren Fachkreisen, solange das Kreisen da noch Fach sein kann : Welche Weltform, welche Art Gesellschaft wollt Ihr haben? Welche Varianzbandbreite soll die Definition Homo S. Sapiens fassen?“

    Das spricht mir aus dem Herzen. Dazu fällt mir ein Witz ein. Nach einem langen Gespräch sagt der Psychiater zum Patienten: Sie haben keine Depression, Sie haben ein Scheissleben.

    Die Menschen sind verschieden, und genauso verschieden können die Lebenswelten der individuellen Menschen sein. Wir brauchen eine Varianzbreite, immerhin führt sie dazu, dass es für viele berufliche Anforderungen auch von der Psyche her passende Menschen gibt, die eben die Arbeit leisten können. Und zugleich fördert die Varianzbreite gerade beim Menschen, dass er in praktisch jedem Ökosystem irgendwie klar kommt.

    Wenn jetzt in modernen Zeiten ein paar Menschen übrig bleiben, für es nicht genügend passende Arbeitsplätze gibt, dann macht man eben Behindertenwerkstätten auf, oder überlässt es den Menschen selbst, sich z.B. Ehrenamtlich zu engagieren. Die Diagnosen kann man hier nutzen, in dem Sinne, dass die Arbeitsämter eben nicht mehr versuchen, die weniger brauchbaren Menschen auf dem 1. Arbeitsmarkt unterzubringen, wenn das eben aussichtslos ist.

    Man könnte höchstens mit Lohnkostenzuschüssen manchen psychisch Kranken doch noch eine Beschäftigung auf dem 1. Arbeitsmarkt verschaffen. Oder einfach gleich ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen, dann kann jeder auch für recht kleinen Stundenlohn dazuverdienen. Das wäre ein großer Fortschritt für Menschen, die wenig Marktwert haben, sowohl was die Finanzen des Einzelnen betrifft wie auch die reine Beschäftigungsseite. Der Mensch braucht Bewegung, und Arbeit kann Bewegung ermöglichen.

    Das bedingungslose Grundeinkommen kämen auch ziemlich vielen entgegen, die keine definierte Diagnose haben, und dennoch psychisch bedingt weniger leistungsfähig sind und in der Folge Schwierigkeiten mit den Ansprüchen des Arbeitsmarktes haben. Viele halten auch einfach das Arbeitspensum nicht durch, und denen wäre schon mit einer 30-Stundenwoche geholfen, wenn sie dann noch genug verdienen.

    Überhaupt wäre es eine Maßnahme, generell für weniger unsinnigen Konsum zu sorgen. Das reduziert nicht nur die Arbeitsbelastung, das kommt auch Umwelt und Klimaschutz entgegen, würde mehr Luft für Kindergroßziehen bedeuten und auch den Bedarf an Migranten reduzieren. Der moderne Stress, der dann in teure SUVs und einen Bauboom umgesetzt wird, der ist einfach nur Unfug, finde ich.

    Mehr Luft für den Menschen selbst, mehr Luft zu leben, mehr Raum für Menschen, die nicht überall gut passen, das können wir wirklich gebrauchen. Was jetzt wie krank ist, was normal und nicht mehr normal ist, muss man das denn überhaupt immer klassifizieren und dann behandeln? Ein generell entspannteres Lebensklima statt einem Stress, der auch noch die Welt zerstört, das würde was helfen. Dann kann man auch eher anders sein, und sich mit den eigenen Eigenschaften dann doch ein eigenes Leben aufbauen.

  18. @Ronja Völk 19.03. 12:34

    „Dem muss ich widersprechen! Es ist klar bewiesen das Autismus vererbbar ist.“

    Kann doch beides sein. Einmal eine genetische Ausstattung, die zu abweichenden Verhalten führt, wie eine Stigmatisierung durch das eigene Umfeld, die dann erst zu dem eigentlichem Problem führt. Ein wenig kognitiv behindert zu sein führt dann nur hin und wieder zu Mangelleistungen, aber eine richtige Ausgrenzung deswegen führt dann erst zu einem grundsätzlich schwierigem Leben.

    „Außerdem gibt man mit so einer Aussage auch den Eltern die Schuld was völlig falsch ist und zu Stigmatisierung führt.“

    Naja, dieses ist generell ein Problem. Wieviel haben die Eltern wirklich verkehrt gemacht, ist immer eine kritische Frage. Einerseits haben Eltern generell einen großen Einfluss auf das Gelingen des Nachwuchses, andererseits können die auch nur was sie können, bzw. wenn sie überhaupt wissen, was sie eventuell verkehrt machen. Man kann schlecht den Eltern ein Verhalten vorhalten, von dem sie gar nicht wissen, dass es nicht gut für ihr Kind ist.

    Nicht umsonst gibt es ja auch Erziehungstipps für Eltern, wie sie sich mit den verschiedensten Schwierigkeiten ihrer Kinder auseinandersetzen können.

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