Lyriden-Platzregen zu Ostern!!!

Und – haben Sie ihn gesehen – den Ostermeteorregen, den Sternschnuppenschauer, das kosmische Feuerwerk zum höchsten christlichen Feste? Nein? Wie – wirklich nicht? Lief doch überall, stand doch überall, sogar bei "Bild", dem astronomischen Fachblatt? Wobei, da stand ja meistens, dass es eigentlich nichts zu sehen gibt. Man hätte nur lesen müssen. Aber warum wird dann überhaupt geschrieben?

Verwirrt? Macht nichts, ich bin’s auch. Weil ich einfach nicht kapiere, warum man aus einer Nicht-Meldung dennoch eine Schlagzeile macht. Denn (stellvertretend aus dem Kölner Stadt-Anzeiger):

Im Schnitt wird es dann rund 20 Schnuppen pro Stunde geben. „Laien werden vielleicht nur alle fünf Minuten eine sehen“, schätzt Jost Jahn von der Vereinigung der Sternfreunde. Im Gegensatz zu Quadrantiden (Januar), Perseiden (August) und Geminiden (Dezember) mit durchschnittlich bis zu 120 Schnuppen pro Stunde seien die Lyriden-Schauer „nicht der Hit“.

Äh – also? Zwanzig Schuppen, alle fünf Minuten eine, wenn man im falschen Moment nicht gerade in die falsche Richtung guckt. Ein Sternschnuppen-Platzregen geradezu! Meteor-Katastrophe! Jau, das war sicher ne laaange Nacht aufer kalten Wiese!

Und der Experte sagte ja noch, dass da nix besonderes zu sehen ist. Aber wen interessieren schon Fakten – die Geschichte muss sein, zu Ostern, zum Fest. Weil man kann ja nicht immer Libyen, Fukushima, Terror, Angela und Guido. Zum Fest! Das geht doch nicht! Da muss doch mal was schöönes her. Was fürs Herz. Was mit…Sternen! Noch besser: Sternschnuppen! Wie romant-tisch! Wie? Da gibts gar nix zu sehen? Zwanzig Schnüppchen, next to nothing? Ach, schreiben wir trotzdem so, unsere Leser haben es eh nicht so mit Zahlen!

Um mal kurz ernsthaft zu werden: Von den vielen Sternschnuppenströmen sind ständig einige aktiv. Dazu kommen noch all jene Sternschnuppen bzw. Meteore, die keinem Strom angehören und daher sporadisch genannt werden. Zehn Sternschnuppen pro Stunde kann man, dunklen Himmel und Geduld vorausgesetzt, daher eigentlich immer sehen – in jeder wolken- und mondfreien Nacht zumindest. Die meisten davon sind unscheinbar und für Laien (behaupte ich jetzt mal) nicht wirklich spektakulär. Die Lyriden mit ihren (maximal) 20 pro Stunde liegen da gerade mal knapp über der diesem "Grundrauschen"!

Ein für die Allgemeinheit berichtenswerter "Regen" sollte schon mehr als 100 Schnuppen pro Stunde mitbringen. Leider sind die ein bisschen selten für die Bedürfnisse einer Presse, für die es ohne Spektakel offenbar nicht mehr geht.

"Bild" immerhin will ich in diesem Zusammenhang auch mal lobend erwähnen [1]. Denn die Bebilderung zur Sensationsmeldung ("Ostern regnet’s Sternschnuppen" – und ich hatte keinen Regenschirm!) zeigt konsequenterweise auch keine Sternschnuppe, sondern das, was man in deutschen Osternächten eh viel häufiger sieht: einen Kondensstreifen.

[1] verlinken nicht

Mit diesem kleinen Text melden sich die Himmelslichter nach viel zu langer Abstinenz zurück. Ich glaub’, es wird Zeit.

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ja, es wird Zeit!

    Ich bin froh, dass die Himmelslichter aus dem Dornröschenschlaf erwacht sind.

    Dass den Medien das Material ausgeht, ist verständlich. Es passiert in der Welt ja wirklich gerade gar nichts. Kernkraftwerksunglücke, ein Krieg in Nordafrika, Revolutionen quer durch die arabische Welt – geradezu alltäglich, das Ganze.

    Anstatt der Sternschnuppen hätte man aber vielleicht auch mal über die Sonne berichten können: “Gewaltige Eruption auf der Sonne schleudert Hunderttausende Tonnen glühendes Material ins All! Wird es Deutschland treffen?” Dann am nächsten Tag: “Deutschland verschont! Glühende Materialwalke fällt zurück auf die Sonne!” Da eine Geschichte immer über drei Tage hinweg gemolken wird, dann am nächsten Tag noch: “Neue Flecken auf der Sonne! Zielt dieses Geschoss auf Deutschland?”

    Es ist so einfach. Ich habe wirklich den falschen Job.

    Bilder gibt’s natürlich auch:

    http://www.spaceweather.com/…sci4dlkhgi4gmni4on5

  2. Alles nur´n Film

    Dazu fällt mir ein alter Stoppok-Song ein. 🙂 Ausschnitte aus “Alles nur´n Film”, Anfang 80er:

    Alles nur´n Film

    Dass die Welt verrückt ist, das weiß ich genau,
    das seh ich jeden Abend in der Tagesschau.
    Ich bin im Bilde, mir kann man nichts erzähln,
    ich hab so ziemlich alles schon im Fernsehn gesehn.

    Mich kann nichts erschrecken, das ist nicht drin,
    wenn alle andern wegschaun, ich schau noch hin,
    Hungersnot in Afrika, Krieg im Iran,
    warum stelln sich die Leute eigentlich so an?

    (Refr.) Ist doch alles nur nen Film,
    nen schöner bunter Film,
    das ist doch alles gar nicht wahr,
    das sind doch immer die selben Filme jedes Jahr.

    Was die im Fernsehn so erfinden, das ist schon toll,
    manchmal stimmts ein lustig, manchmal stimmts ein moll.
    Egal wies ist, es ist genial, so viele Geschichten,
    hey jetzt guck doch mal!

    Da schon wieder was vonner Demonstration,
    alles toll inszeniert, die totale Aktion,
    die Polizisten prügeln wie wild drauf los,
    stell dir mal vor das wär echt, aber das ist doch bloß…

Schreibe einen Kommentar