Wissenschaftskommunikation: Der nachrichtliche Vorspann

BLOG: GUTE STUBE

Salon der zwei Kulturen
GUTE STUBE

Staunen hervorrufen? Schmunzeln provozieren? Spannung erzeugen? Nichts von alledem juckt diesen biederen Boten: Der nachrichtliche Vorspann hat nur eine schlichte Mission – den Küchenzuruf zu überbringen.

Serie Wissenschaftskommunikation – Schreibtipps vom Chefredakteur, Teil 12

Der nachrichtliche Vorspann präzisiert die Überschrift, die er begleitet. Vom Duktus her gleicht er einer nüchternen Inhaltsangabe dessen, was im Fließtext, dem eigentlichen Artikel, anschließend ausführlich behandelt wird. Typischerweise besteht er aus ein bis drei Aussagesätzen und kann sowohl eine nachrichtliche als auch eine kreative Überschrift flankieren. Seine Funktion ist offensichtlich: Der nachrichtliche Vorspann ist der Küchenzuruf des Artikels. Anders als beim kreativen Vorspann geht es hier ausschließlich um Information – sachlich und bündig aufbereitet; unterhaltende, dramatische Elemente bleiben ausgespart. Seine Funktion ist Orientierung: Wen ein nachrichtlicher Vorspann nicht interessiert, der braucht den nachstehenden Artikel erst gar nicht zu lesen, sondern kann seine Aufmerksamkeit getrost anderen Dingen zuwenden.

Beispiele für nachrichtliche Vorspanne:

Erster Atemzug eines Walbabys fotografiert
Seltene Beobachtung: Forschern ist es gelungen, den ersten Atemzug eines neugeborenen Wals abzulichten. Ganz ohne Hilfe klappte die Premiere nicht: Die Buckelwalmutter schob ihren Nachwuchs an die Wasseroberfläche.
(spiegel.de, 23.07.2009)

Die unsichtbare Hand der Gedanken
Berliner Forscher entwickeln eine Schnittstelle zwischen Hirn und Computer, um bewegungslos Geräte bedienen zu können.
(Handelsblatt 23.07.2009, S.7)

Schon diese beiden Beispiele zeigen: Ein nachrichtlicher Vorspann kann sowohl auf eine nachrichtliche ("Erster Atemzug eines Walbabys fotografiert") als auch eine kreative Überschrift ("Die unsichtbare Hand der Gedanken") folgen.

Auch wenn ein nachrichtlicher Vorspann prall mit Information gefüllt sein muss, kann der Küchenzuruf im Einzelfall beinhalten, dass Wissenschaftler zu einer bestimmten, aktuellen Frage nichts Genaues wissen. Beispiel:

Nachahmungshandlungen: Signifikanter Anstieg nach Terroranschlägen
Der Anschlag auf das World Trade Center und der Versand von Anthraxsporen in den USA führten in Deutschland zu einer Vielzahl von Attentatsdrohungen. Über den psychologischen Mechanismus der Imitation ist nur wenig bekannt.
(Deutsches Ärzteblatt, 28.02.2003, S.A535)

In manchen Printmedien hat es sich durchgesetzt, auch bei kurzen Beiträgen wie etwa Meldungen einen nachrichtlichen Mini-Vorspann zur Formulierung des Küchenzurufs zu nutzen – nämlich dann, wenn die Redaktion gleichzeitig auf eine kreative Überschrift setzt. Diese Strategie verfolgen Blattmacher, um ihre Meldungen von herkömmlichen Nachrichtenmeldungen oder Breaking News im Internet oder in den einschlägigen TV-Nachrichtensendern zu unterscheiden. Auf diese Weise kann man auch in langsamer getakteten Medien wie Zeitungen und Zeitschriften Meldungen attraktiv machen. Beispiele:

Entdecker am Bildschirm
Mit Hilfe von Google Earth finden Forscher neue Biotope und überwachen Naturparks.
(Süddeutsche Zeitung, 28.07.2009)

Gut geblufft ist halb entlassen
Psychopathen kommen häufiger vorzeitig aus der Haft frei.
(Gehirn&Geist 4/2009, S.12)

Großes Schwarzes
Astronomen haben den bislang schärfsten Blick ins Zentrum der Milchstraße gewonnen – und die äußere Grenze des Nichts entdeckt.
(SZ Wissen 11/2008, S.8)

Kann man beim Dichten eines nachrichtlichen Vorspanns etwas falsch machen? Na klar! Der Kardinalfehler besteht darin, am Küchenzuruf vorbeizuschrammen – oder mehrere Küchenzurufe zu verquasten, die dann einander den Rang ablaufen. Ein anderer beliebter Fehler liegt vor, wenn Überschrift und Vorspann inhaltlich (oder teilweise sogar wörtlich) identisch sind. Das abschließende Beispiel aus der N.Z.Z. vom 24.07.2009 (S.8) zeigt, wie man es nicht machen sollte. Dort lautete die nachrichtliche Überschrift eines halbseitigen Artikels:

Mehr Wissenschaftsthemen in den Medien

Darauf folgte noch eine nachrichtliche Unter-Überschrift:

Nischenexistenz der geistes- und sozialwissenschaftlicher Fächer

So weit, so gut. Der anschließende nachrichtliche Vorspann des Artikels wiederholte diesen zweiteiligen Küchenzuruf aber nur noch – und das fast wortwörtlich:

Wissenschaftliche Themen finden in den Medien mehr Beachtung. Das zeigt eine Studie. Die geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer stehen allerdings nicht im Fokus der Aufmerksamkeit.

Diesen Vorspann hätte sich die Redaktion komplett schenken können müssen. Stattdessen setzte der erste Satz des Fließtextes sogar noch einen drauf: "Das Interesse der Medien an Wissenschaftsthemen hat im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren spürbar zugenommen." So viel also zu der Kunst, mit möglichst vielen Worten möglichst wenig mitzuteilen …

Carsten Könneker

Veröffentlicht von

Carsten Könneker Zu meiner Person: Ich habe Physik (Diplom 1998) sowie parallel Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte (Master of Arts 1997) studiert – und erinnere mich noch lebhaft, wie sich Übungen in Elektrodynamik oder Hauptseminare über Literaturtheorie anfühlen. Das spannendste interdisziplinäre Projekt, das ich initiiert und mit meinen Kollegen von Spektrum der Wissenschaft aus der Taufe gehoben habe, sind die SciLogs, auf deren Seiten Sie gerade unterwegs sind.

4 Kommentare

  1. Warum weiterlesen…

    wenn im Vorspann schon alles gesagt ist?
    “Nachahmungshandlungen: Signifikanter Anstieg nach Terroranschlägen
    Der Anschlag auf das World Trade Center und der Versand von Anthraxsporen in den USA führten in Deutschland zu einer Vielzahl von Attentatsdrohungen. Über den psychologischen Mechanismus der Imitation ist nur wenig bekannt.
    (Deutsches Ärzteblatt, 28.02.2003, S.A535)”

    ….
    Lieber Herr Könneker,jetzt muss ich aufpassen, dass mein Kommentar nicht missverstanden wird ,-)….Ich pickte dieses Beispiel aus Ihrem Blogbeitrag heraus, weil mir spontan o.g. Gedanke durch den Kopf schoss.

    Aus meiner Erfahrung als Lehrerin von teilweise recht “schulmüden” HauptschülerInnenn, wäre dieser Einstieg eine Aufforderung gewesen nach dem Motto: jetzt kommt etwas, da weiß man nichts Genaues darüber ich kann also nur belanglos darüber labern…Auch mich würde ein solcher Beitrag nicht mehr reizen, denn angesichts der bestehenden Wissenschaftsnachrichtenüberschwemmungen ,-) quer durch die Medien, bin ich schon aus Zeitgründen gezwungen selektiv und schnell zu lesen und wähle daher nur Nachrichten aus, welche meinen Erkenntnisgewinn erweitern. In der o.g. Nachricht wird allerdings das Gegenteil versprochen ;-).

    “Vom Duktus her gleicht er einer nüchternen Inhaltsangabe dessen, was im Fließtext, dem eigentlichen Artikel, anschließend ausführlich behandelt wird.”
    Hier geht mir auch mancher Gedanke durch den Kopf…im Sinne von:
    Ja, ich weiß, das ist die geübte Praxis. Ist sie deshalb richtig und der einzig gangbare Weg? Könnte es sein, dass Wissenschaftsnachrichten durch diese “Regel” unsere Neugierde eher hemmen, anstatt zu wecken? Nüchtern soll es sein….hmm…ist Nüchternheit nicht irgendwie langweilig?

    Mir schießt der Gedanke durch den Kopf, dass ich im Schulunterricht in dieser Form in ein Thema eingestiegen wäre. Ich sehe die Gesichter meiner Schüler vor mir… und ich habe ihre Aufmerksamkeit verloren. Deshalb frage ich mich, ticken Leser von Wissenschaftsnachrichten tatsächlich anders? Haben diese eine andere Form neugieriger Aufmerksamkeit als meine Schüler?

    Eigentlich nicht, denke ich mir, wenn ich die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung zur menschlichen Informationsverarbeitung hier zu Rate ziehe: Emotionen gehen ohne Umwege ins Langzeitgedächtnis. Emotionen steuern die Aufmerksamkeit. Menschliches Lernen funktioniert nach dem Prinzip: Ist es spannend? Ist es neu? Was bietet mir diese oder jene Botschaft an “neuen” Reizen?

  2. @ Armand

    Liebe Frau Armand,

    Ihre Skepsis ist absolut berechtigt. Wie in meinem letzten, einleitenden Post Der Vorspann angekündigt, kommt ja noch der Beitrag zu den verschiedenen Techniken des kreativen Vorspanns, welche Sie hier vermissen. Dann geht es an die Verquickung von Information und Unterhaltung.

    Liebe Grüße
    Carsten Könneker

  3. Hervorhebung

    Lieber Herr Könneker,

    vielen Dank für diesen informativen Artikel!
    Auf einen Aspekt möchte ich jedoch hinweisen: Der Vorspann auf Blogs sollte meines Empfindens nicht mit zwei oder mehreren Möglichkeiten der Schrifthervorhebung (fett, kursiv, unterstrichen etc.) hervorgehoben werden, da er mich eher “erschlägt”, als mich dazu animiert, den Artikel zu lesen. Zumal auf vielen Blogs viel zu viel mit typographischen Möglichkeiten gespielt wird, die in der Regel immer den gegenteiligen Effekt zum intendierten erzeugen.

    Beste Grüße

  4. @K.Richter

    Liebe Frau Richter,
    Sie haben recht – ich habe hier einfach übertrieben, um den Vorspann kenntlich zu machen.
    Danke für Ihren Kommentar!
    Carsten Könneker

Schreibe einen Kommentar