Jahrzehnt des Geistes

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Salon der zwei Kulturen
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Es klingt wie DAS Projekt überhaupt, das ambitionierteste aller Forschungsvorhaben: den menschlichen Geist verstehen lernen. Dazu soll ein Jahrzehnt des Geistes ausgerufen werden – und Forschungsgelder sprudeln lassen. So möchte es eine Gruppe amerikanischer Neurowissenschaftler.

Am 21./22. Mai 2007 trafen sich die Urheber der „Decade of the Mind“-Idee, um ihr dezidiert auch (wissenschafts-)politisches Engagement auf die Schiene zu bringen. Einladende Institution war das Krasnow Institute for Advanced Study der George Mason University (US-Bundesstaat Virginia). Diese Einrichtung hat sich die interdisziplinäre Erforschung all dessen auf die Fahnen geschrieben, was unser Menschsein ausmacht. Auf der Website ist von Freude, Zufriedenheit, Verstehen, Werten usw. die Rede – allesamt Ausdruck der Natur des menschlichen Geistes.

Ein heißer Tipp für kalte November-Wochenenden, sollten einmal sämtliche Telefone und Fernseher ihren Geist (!) aufgeben, alle Gehirn&Geist-Hefte verliehen sein und die Scilogs temporär nicht erreichbar: Die Vorträge des Symposions sind im Netz konserviert. Viele, viele Stunden Archivmaterial von zum Teil – na ja sagen wir mal – bescheidenem Unterhaltungswert. (Um an dieser Stelle mal mit einem in Deutschland sorgfältig gepflegten Gerücht aufzuräumen: Nicht alle amerikanischen Wissenschaftler sind begnadete Vortragende und bei aller gebotenen Seriosität stets für einen erstklassigen Gag gut.)

Interessanter, weil während eines Halsbonbons konsumierbar
(vorausgesetzt, man lutscht es nicht) ist ein Brief einiger der an der Kickoff-Veranstaltung beteiligter Wissenschaftler, der am 7. September 2007 in der „Letters“-Sektion von Science abgedruckt wurde, „A Proposal for a Decade of Mind Initiative“ übertitelt. Auf einer knappen Seite Text drücken die Mitunterzeichner um Erstautor James Albus vom National Institute of Standards and Technology in Gaithersburg mit schlafwandlerischer Treffsicherheit einige für amerikanische Entscheidungsträger offenbar unerlässliche rote Knöpfe.

So ist zu lesen, ein umfassendes Verständnis des menschlichen Geistes würde eine „revolutionäre Wirkung für nationale Interessen in Wissenschaft, Medizin, Wirtschaftswachstum, Sicherheit und Gesundheit“ nach sich ziehen. Soso. Es geht also um ein „amerikanisches Jahrzehnt des Geistes“ („a national Decade of the Mind“) – mit im Erfolgsfall, so wird nochmals hervorgehoben, „umfassender und dramatischer Bedeutung für Wirtschaft, nationale Sicherheit und soziales Wohlergehen“.

Kritikpunkt 1: Nur mal angenommen, so ein Jahrzehnt des Geistes wäre ein aus wissenschaftlicher Sicht sinnvolles Ansinnen – ganz sicher kann es dann kein nationales Projekt sein (und bittebitte schon gar nicht für amerikanische Anti-Terror-Strategien vereinnahmt werden). Denn nicht nur ist der Untersuchungsgegenstand ja irgendwie doch ziemlich international. Auch die zuständige Forschung sitzt längst nicht nur in den USA. (Wo z.B. wurden bitte noch mal die Spiegelneurone entdeckt, die Herren?)

Doch blicken wir einmal wohlwollend über das nationale Pathos hinweg und sagen uns: Also schön, um tragfähige Allianzen für wichtige Projekte zu schmieden, müssen auch andere Forscher bei potenziellen Geldgebern gewisse rhetorische Turnübungen auf die Matte bringen. So eben auch hier.

Doch wie steht es nun mit dem Vorhaben als solches? Die einzelnen Teile des groß angelegten, ausdrücklich als interdisziplinär (logisch – auch diese Rolle rückwärts in den Handstand hat es längst von der Kür ins Pflichtprogramm gebracht) angepriesenen Forschungsprojekts versinnbildlicht ein Schaubildchen, das von den Layoutern des Science-Magazins mitten in den Briefappell gesetzt wurde – und nur geringfügig verändert auch auf der englischsprachigen Wikipedia-Seite „Decade of the Mind“ zu finden ist. (Von da hab ich es.)

Infografik aus wikipedia, nachempfunden jener aus Science 317, 1321 (7.9.2007)

Der menschliche Geist soll also aus vier Richtungen in die Zange genommen werden:

1) Medizin, Neurowissenschaften und Psychiatrie haben für das „Heilen und Schützen“ des Geistes zu sorgen. Psychische Erkrankungen beträfen jährlich 50 Millionen Amerikaner und würden Kosten von 400 Milliarden US-Dollar verursachen, so ist im Science-Proposal zu lesen.

2) Kognitionswissenschaft, Informatik und Neurowissenschaften kümmern sich um das „Verstehen“ des Geistes. Explizit genannt werden von Albus et al. hier die Leistungen Selbstkonzept, Sprache, Theory of Mind und höhere Bewusstseinsfunktionen.

3) Kognitionswissenschaften, Neurowissenschaften und Psychologie (ach, die hat in den Augen der Autoren doch noch was zu melden?) sollen den Geist „bereichern“ („enrich“). Hier geht es darum, durch anwendungsnahe Forschung das (amerikanische) Erziehungs- und Schulsystem zu verbessern. Darüber hinaus bedeutet „enrich“ aber auch, die allgemeine Öffentlichkeit über juristische und ethische Aspekte aufzuklären, die Gehirn und Psyche betreffen. Ohne dass der Begriff explizit auftaucht, ist damit offenbar im Wesentlichen der Gegenstandsbereich der Neuroethik gemeint. (NB: Hier liegt offenbar ein sehr interessantes Verständnis der Interaktion von Forschung und Öffentlichkeit zu Grunde – „educating (!) the general public on legal and ethical issues involving the brain and the mind.“ Klingt nach einer recht einseitigen Angelegenheit.)

4) Informatik, Ingenieurwissenschaften, Mathematik und Neurowissenschaften sind zuletzt für die „Modellierung“ des Geistes zuständig – in den Augen der Jahrzehnt-Initiatoren eine wesentliche Hilfestellung zur Bewältigung der ersten drei Aufgaben.

Kommen wir also zu Kritikpunkt 2: Ist das ein sinnvolles Unterfangen? Und – gesetzt den Fall, der nächste US-Präsident würde so ein „Jahrzehnt des Geistes" ausrufen und mit öffentlichem Geldsegen beglücken, so wie es George Bush sen. 1990 mit dem „Jahrzehnt des Gehirns“ tat – würde sich eine Art Aufbruchstimmung unter Forschern einstellen, die mit Verzögerung womöglich sogar über den Atlantik zu uns schwappt?

Ich bezweifle das. Denn schon vom Ansatz her dürfte das Riesenprojekt vielen Wissenschaftlern Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Den menschlichen Geist interdisziplinär erforschen wollen – ganz ohne Philosophen, Linguisten, Pädagogen, Wissenschaftshistoriker – mit Verlaub: So ein Verständnis von Interdisziplinarität sollten wir eigentlich längst überwunden haben. Hallo!!! Wer sich nur ein wenig mit den Problemen fächerübergreifender Forschung auskennt weiß, wie eminent wichtig z.B. die Klärung der gemeinsam benutzten Begriffe ist – damit alle Beteiligten zumindest ungefähr dasselbe im Kopf haben, wenn sie etwa gemeinsam über neue Möglichkeiten zur Erforschung des "Gedächtnis" nachdenken.(1)

Das Jahrzehnt des Geistes – so wie es hier auf die Schiene gebracht werden soll – läuft eindeutig Gefahr, wichtige geistige Phänomene, von denen die meisten Menschen nur alltagssprachliche Begriffe haben, einseitig interdisziplinär anzugehen. Irritationen bei der Unterrichtung der breiten Öffentlichkeit über etwaige Ergebnisse sind da vorprogrammiert.

In Wirklichkeit spukt den Vorschlagenden ohnehin wohl eher ein zweites Jahrzehnt des Gehirns im Kopf herum. Das ist ja auch nichts Böses, nur sollte man es auch so benennen. Allein die Psychologie lediglich im „Enrich“-Teil, also im anwendungsorientierten Sektor, nicht aber im „Understand“-Teil zu listen, ist ziemlich unverfroren.

Vor allem jedoch ist eine Wissenschaft des Geistes so ganz ohne Geisteswissenschaftler ein sehr gewagtes Unterfangen – und keinesfalls etwa mit einer unterschiedlichen Auffassung von Geisteswissenschaften respektive Humanities diesseits und jenseits des großen Teiches zu erklären.(2)

Wie wurde die Jahrzehnt-Initiative bislang aufgenommen? Eine der ganz wenigen aus Deutschland vernehmbaren Reaktionen auf das „Proposal“ stammt von Manfred Spitzer, dem umtriebigen Psychiater und Hirnforscher aus Ulm. Er empfindet das Jahrzehnt des Geistes „geradezu als logische Konsequenz“ der Dekade des Gehirns, wie er im November 2007 in der Nervenheilkunde kommentierte: (3)

"Wenn wir an das Gehirn und dessen Funktionen denken, dann denken wir an Wahrnehmung, Motorik, Denken und Handeln. Kaum jedoch denken wir an Vertrauen, Liebe oder Dankbarkeit, ganz zu schweigen von der Börse, der Gerichtsbarkeit, den Schulen und den Normen unseres Sozialverhaltens. Aber genau das sind die Forschungsgebiete der gegenwärtigen Neurowissenschaft und genau hier durchbricht sie die traditionellen Grenzen zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften."

Auf dem Kompass der Jahrzehnt-Idee erachtet Spitzer den Osten, die „Erforschung des Geistes mit den Methoden der Naturwissenschaft“, und den Norden, „Erziehung und Bildung“, am spannendsten.

Spitzer hat seine US-Kollegen recht verstanden. Nach ihrem Dafürhalten soll die „Kluft“ zwischen Natur- und Geisteswissenschaften in einem Jahrzehnt des Geistes dadurch überwunden werden, dass die naturwissenschaftlichen Methoden in Bereiche expandieren, wo sie vielen klugen Köpfen bislang als unpassend erschienen: Angelruten für die Hasenjagd?

PS: Aber schaun wir mal, wie sich die Initiative so entwickelt. Von heute bis übermorgen findet übrigens eine Folgekonferenz in Des Moines statt – am dortigen Großaffenforschungszentrum.

 


(1) Vgl. den Erfahrungsbericht von Hans Markowitsch in der Guten Stube.
(2) Siehe hierzu auch den Gastbeitrag von Paul Michael Lützeler in der Guten Stube.
(3) Spitzer, M.: Jahrzehnt des Geistes. In: Nervenheilkunde 11/2007, S. 957-964.

 

Carsten Könneker

Veröffentlicht von

Carsten Könneker Zu meiner Person: Ich habe Physik (Diplom 1998) sowie parallel Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte (Master of Arts 1997) studiert – und erinnere mich noch lebhaft, wie sich Übungen in Elektrodynamik oder Hauptseminare über Literaturtheorie anfühlen. Das spannendste interdisziplinäre Projekt, das ich initiiert und mit meinen Kollegen von Spektrum der Wissenschaft aus der Taufe gehoben habe, sind die SciLogs, auf deren Seiten Sie gerade unterwegs sind.

5 Kommentare

  1. die wissenschaft erklärt die welt…

    …, und übersieht dabei immer öfter, wo sie eigentlich herkommt: aus der philosophie als EINE art über die welt nachzudenken. wenn auch in mancher hinsicht sehr erfolgreich, so ist dies weder die einzige, noch die einzig richtige.

    wenn sie nun den geist erklären will, wird sie früher oder später merken, dass sich die katze in den schwanz beißt: wer den geist begreifen will, muss die welt verstehen. und wer die welt begreifen will, muss den geist verstehen.

    die meisten neuroforscher sind sich der tiefe dieser problematik und der grenze der menschlichen erkenntnisfähigkeit durchaus bewusst, und geben sich entsprechend bescheiden.

    lediglich eine minderzahl ist dem wissenschaftlichen erklärungs-größenwahn verfallen. nur rufen genau diese am lautesten und finden am meisten widerhall. auf lange sicht schaden sie damit nicht nur sich selbst, sondern dem ansehen der gesamten zunft.

    allerdings: die schuld der forscher allein ist der zustand nicht. bescheidenheit und ehrlichkeit in den absichten wird nicht unbedingt durch die forschungsgelder-gebenden institutionen belohnt. wer drittmittel als die goldene lösung der wissenschaftsfinanzierung anpreist, darf sich nicht wundern, wenn wissenschaft immer mehr zum marketing verkommt.

  2. Auflösung

    Mich hatte die Suche nach der Quelle des Bildes in’s “sciencemag” geführt — und ach, Karsten, ach, ihr alle, was habt ihr so recht.
    MIR dreht sich mittlerweile der Magen um, wenn ich das interdisziplinäre Neurogesumse höre – ich nehm’ die Inhalte (zweifelsfrei sind interessante dabei…) schon gar nicht mehr wahr. Es ist einfach Überdruss, ich hab’ mich überfressen und man hat mich überfüttert. Und ich bin selber ein “Neuro-Fuzzi”, und als solcher gefrässig…
    Und es gibt, so denke ich, mittlerweile auch wichtigeres zu tun, als den “Geist zu VERSTEHEN”. Was dies wichtigere sei? Nun, man könnte zur Abwechslung mal versuchen, geistreich zu SEIN. Na gut, das ist ein verunglückter Sarkasmus. Aber – schon aus der Sicht des geschickten Marketing – täte mal ein wenig Abwechslung not. Weg von der Untersuchung der Produktionsweise des Geistes, hin zu seinen Produkten…

    In diesem Sinne: wieso tut sich hier im Gedichtblog bei Wissenslosg nüscht?

  3. Chance

    Es dürfte wohl klar sein, dass durch Schmollen in der Ecke keine neuen Erkenntnisse erzielt werden können.

    Das ist ja wie üblich ziehmlich deutsch: es schon vorher zu wissen, dass nichts sinvolles heraus kommt. Man braucht sich darum nicht bewegen – und das Hirn schon gar nicht.
    Da gefällt mir die amerikanische Haltung schon besser: man fängt an, eine Idee zu entwickeln und dann sieht man schon, ob man eventuell seine Ziele noch einmal nachjustieren muss.

    Statt zu jammern, sollten deutsche Wissenschaftler die Anregung aus Amerika nutzen, um selbst Forschungsziele zu entwickeln und dafür Gelder locker zu machen.

  4. Begrenzte Ressourcen (@Richard)

    Das ist kein Lamento. Es geht vielmehr darum, dass es viele sehr gut durchdachte, hoffnungsvolle Forschungsprojekte gibt, die längst nicht alle gefördert werden – geschweige denn ein eigenes Jahrzehnt abbekommen. Im Ringen um die begrenzten Ressourcen sollten andere Projekte nicht das Nachsehen haben gegenüber einem Vorhaben, das vielen in der Art und Weise, wie es angekündigt wird, nicht wirklich durchdacht vorkommen dürfte, nicht “rund”, sondern eben einseitig. Das ist der Punkt. Von einer generellen Forschungsskepsis oder Miesmacherei kann überhaupt keine Rede sein.

  5. lauter Trommeln

    @ Carsten

    Die Amerikaner verstehen es offensichtlich, laut genug zu trommeln, um Aufmerksamkeit zu erregen.

    Wenn in Deutschland durchdachte Forschungsvorhaben existieren, dann sollten unsere Wissenschaftler ebenfalls auf sich auferksam machen – vielleicht finden sich dann zusätzliche Geldgeber.

    Das wäre doch auch eine Anregung für WISSENSlogs: solche Projekte vorzustellen.

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