Zinsen kann man nicht verbieten

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Wie Wirtschaft und Ethik zusammenpassen
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Ein Leser hat mich im Kommentar gefragt, was ich von Zinsen bzw. von den religiösen Zinsverboten halte, die praktisch besehen heute vor allem im Islam eine Rolle spielen – historisch besehen haben sie allerdings weit darüber hinaus Bedeutung gehabt. Ich nehme gerne dazu Stellung: Ich halte wenig von diesen Verboten.

 

Rein ethisch besehen ist zunächst nachvollziehbar, woher diese Verbote rühren. Es ging zum Teil darum, eine zu hohe Verschuldung und damit eine Schuldknechtschaft zu verhindern. Eine gewisse Rolle spielte auch die Abneigung gegen nacktes Gewinnstreben, die zum Beispiel aus der griechischen Philosophie bekannt ist. Und dann gibt es ja noch den alten Spruch: “Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen.” Er steht genau im Widerspruch zu den geläufigen Werbesprüchen von Banken nach dem Motto “Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten.”

Es gibt also einige Gründe, die gegen Zinsen oder vielleicht auch nur gegen zu hohe Zinsen oder gegen Zinseszinsen sprechen. Dann gibt es noch eine ökonomische Null-Zins-Theorie, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Sie erhofft sich durch die “Abschaffung” von Zinsen oder sogar durch negative Zinsen (Stichwort “Schwundgeld”) eine lebendigere und gerechtere Wirtschaft. Dazu nur so viel: Durch expansive Notenbankpolitik haben wir heute beinahe schon Nullzins oder real gerechnet (nach Abzug der Inflation) sogar negativen Zins. Damit sind aber auch Probleme verbunden.

Obwohl es in diesem Blog um ethische Fragen geht, möchte ich jetzt im weiteren vor allem ökonomisch argumentieren. Ich glaube, dass Zinsen nicht eine Erfindung sind oder eine Institution, die man einführen oder wieder abschaffen kann, sondern ein notwendiger Bestandteil jeder entwickelten Wirtschaft. Sie sind sozusagen naturwüchsig – dewegen kann man sie auch nicht abschaffen, sondern höchstens umgehen oder anders benennen. Daher erübrigt sich meiner Meinung nach aber die grundlegende ethische Diskussion – es hat auch keinen Sinn darüber zu diskutieren, ob man den Mond abschaffen sollte, man kann höchstens nachts die Gardinen zuziehen, damit man ihn nicht sieht.

Die klassischen Ökonomen, und in deren Tradition stand auch Marx, haben Wert allein aus Arbeit abgeleitet. So weit Kapital im Spiel war, hat man dies sozusagen als geronnene Arbeit angesehen, die im Laufe der Nutzung des Kapitals dann wieder in den Produktionsprozess eingeht. Ich halte dieses Sichtweise für falsch, und ich glaube auch, dass sie eine der Ursachen dafür ist, dass der Marxismus nicht nur in der Praxis, sondern eigentlich schon in der Theorie gescheitert ist.

Werte entstehen in einer halbwegs entwickelten Gesellschaft (die über Sammeln und Jagen mit einfachsten Waffen hinausgeht) immer durch das Zusammenspiel von Kapital und Arbeit. Der Versuch, das Kapital auch noch auf Arbeit zurückzuführen, muss scheitern. Niemand weiß, wie viel Ertrag ein kultivierter Boden bringt oder wie lange eine Maschine läuft. In der Regel dürfte Kapital sehr viel mehr an Wert schaffen, als zu seiner Herstellung an Arbeit (und Kapital!) aufgewendet wurde, deswegen entsteht durch die Bildung von Kapital ja auch Wohlstand, bzw. ohne Kapitalbildung gibt es keinen Wohlstand. Manchmal gibt es auch Fehlinvestitionen, und das Kapital ist einfach vergeudet. Die Rückführung von Kapital auf Arbeit kann daher bestenfalls in der Binsenweisheit münden, dass jedes Kapital auch irgendwie mal unter Einsatz von Arbeit geschaffen worden ist. Wer wissen will, wie die Produktion tatsächlich abläuft, wird aber nur sehen, dass Arbeit plus Kapital eine Rolle spielen – mehr ist da nicht zu erkennen und zu analysieren.

Wenn Kapital an der Schaffung von Werten beteiligt ist, dann ist aber auch klar, dass in irgendeiner Form ein Gewinn oder ein Zins entsteht. Wie genau der definiert oder bezeichnet wird, ist zweitrangig. Klar ist aber, dass dieser Zins nicht nur für die Übernahme von unternehmerischem Risiko oder den angeblichen Verzicht auf Konsum gezahlt wird, wie manchmal behauptet wird. Sondern der Zins repräsentiert den Beitrag des Kapitals zur Schaffung von Werten. Es gibt ihn daher in jeder halbwegs entwickelten Wirtschaft. Man kann natürlich bestimmte Formen verbieten und so den Zins umgehen, das macht aber keinen grundsätzlichen Unterschied. Wenn Zinsen verboten sind und unternehmerischer Gewinn erlaubt ist, dann versteckt sich das Entgelt für die reine Kapitalnutzung im unternehmerischen Gewinn, den es natürlich bei Finanzierung des Unternehmens auf Kredit auch gibt, dann aber getrennt vom eigentlichen Zins.

Ich halte daher ethische Diskussionen über Zinsen zwar für nachvollziehbar, aber letztlich fehlgeleitet. Man kann diskutieren, welche Formen von Zins legitim sind und wem der Zins in welcher Höhe zusteht. Aber ihn grundsätzlich zu verbieten, ist ein unmögliches Vorhaben.

 

Frank Wiebe

Veröffentlicht von

Ich habe Betriebswirtschaft in München und Philosophie an der Fernuni Hagen studiert, früher bei einer großen Bank gearbeitet, und bin seit über 20 Jahren Journalist beim Handelsblatt mit Spezialisierung auf Finanzthemen, davon fünf Jahre in New York und seit November 2017 in Frankfurt. Im Jahr 2013 habe ich das Buch „Wie fair sind Apple & Co?“ veröffentlicht.

7 Kommentare

  1. Danke

    Danke, für den Artikel und die darin enthaltene Klarstellung. Da bin ich zunächst mal beruhigt, dass der Schutz religiöser Gefühle deiner Meinung nach nicht dazu führen sollte, “ein unmögliches Vorhaben” zu versuchen.

  2. Marx

    Der Widerspruch, den Sie bzgl. des Marxschen Wertes sehen, ist eigentlich keiner. Wenn – ein Beispiel – mit einer Maschine ohne weitere Arbeit zwei Maschinen produziert werden und die erste Maschine dabei verschleißt, dann ist nach Marx jede der beiden neuen Maschinen nur noch halb soviel wert. Es entsteht also kein neuer Wert, wie sie geschrieben haben, sondern der Gesamtwert bleibt konstant. Die bürgerliche Ökonomie rechnet da eigentlich ähnlich, über den Mechanismus von Angebot und Nachfrage fällt der Preis, wenn der Aufwand zur Produktion sinkt und wenig Nachfrage besteht.

    Bei dem ethischen Problem mit den Zinsen geht es nicht um die Zinsen an sich, die sich logisch aus Inflation und Produktionssteigerung ergeben, sondern um deren leistungslose private Aneignung.

  3. Geld und Sachkapital

    Es mag ja stimmen, dass Marktwirtschaft nicht ohne Zinsen funktioniert, aber die Begründung hier will mir nicht einleuchten. Du begründest, dass Sachkapital (Maschinen) und Boden Erträge bringen. Das ist richtig. Aber auf die werden in der Regel keine Zinsen fällig. Das wäre Pacht oder Miete.

    Bei dem Zins für das Verleihen von Geld handelt es sich aber um etwas anderes. Hier hilft jemand bei der Finanzierung von Kapital oder Arbeit aus und bekommt seinen Zins unabhängig davon, ob aus den dafür angeschafften Maschinen, dem dafür erworbenen Boden oder der dafür angeheuerten Arbeitskraft Erträge entstehen.

    Die Frage wäre doch im Sinne dieses Blogs, ob es ethisch gerechtfertigt ist, sich an eine Unternehmung zu beteiligen, ohne auch für die Risiken Mitverantwortung zu tragen. Denn genau das ist der Unterschied zwischen dem zinspflichtigen Verleihen von Geld (Fremdkapital) und der Beteiligung eines Finanziers am Eigenkapital.

  4. @Joachim

    Den Unterschied zwischen Fremd- und Eigenkapital hätte ich besser herausarbeiten sollen, das stimmt. Ich glaube aber, dass Gewinn gedanklich zerlegt werden kann in mehrere Kompomenten wie Entgeld für reine Kapitalüberlassung (das wäre der risikolose Zins), Risikoübernahme und vielleicht noch Unternehmerlohn. Und meiner Meinung steckt der Zins immer mit drin, auch wenn er nicht extra ausgewiesen wird. Daher meine These, dass er eigentlich nicht verboten werden kann.
    Praktisch gesehen stellt sich dann in der Tat die ethische Frage, ob man den nackten Zins ohne Risikoübernahme in Ordnung findet oder nicht. Ich sehe aber zunächst kein Argument, das dagegen spräche. Denn die Argumente gegen Zinsen, die ich kenne, gehen davon aus, dass man ihn ganz abschaffen kann, was eben nicht der Fall ist.
    Es mag sein, dass man bei Fehlen eines ordentlichen Konkursverfahrens, bei dem ja auch Gläubiger verzichten müssen, argumentieren kann: Nackte Schulden darf es nicht geben, weil sie dem Schuldner keinen Ausweg lassen. Dann müsste man aber das Zinsproblem zusammen mit Entschuldungsmechanismen diskutieren – wäre nochmal ein eigenes Thema wert. Um dieses Problem anzugehen, ist in Deutschland nicht der Zins verboten worden, aber die Restschuldbefreiung für private Schuldner eingeführt worden – was ich dann auch für die bessere Lösung halte.

  5. Was das “islamische Zinsverbot” angeht, so findet sich so ein Verbot auch im “Alten Testament”, ist also auch Teil der jüdisch-christlichen Position.

    “Und dann gibt es ja noch den alten Spruch: “Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen.” Er steht genau im Widerspruch zu den geläufigen Werbesprüchen von Banken nach dem Motto “Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten.””

    Das kann ich mir ehrlich gesagt in einer Gesellschaft gar nicht vorstellen, in der der Adel qua Abstammung anrecht auf Fronarbeit und einen Anteil des Ertrages der Feldfrüchte hatte. In Übrigen verdankt der Bauer seine Erträge ja nicht nur seiner Arbeit, sondern auch den Wirken der Natur, der Auffassung mancher Leute damals also dem Wirken Gottes.

    Zinsen lassen sich meines Erachtens übrigens so ähnlich begründen wie, dass der Bauer von den Früchten seines Feldes profitiert: Der Investor stellt seinen Schuldner Geld zu Verfügung, das dieser dringend braucht. Er selbst tut nicht mehr als “den Startpunkt” zu setzen und auf das Wirken eines anderen (in dem Fall Menschen, nicht die Natur) zu hoffen. Er hat dabei aber sein Geld eingesetzt, er trägt also das Risiko.
    In beiden Fällen trägt einer das Risiko für eine Tätigkeit, die er eigentlich nicht durch eigene Arbeit hervorbringen kann. Die Arbeit des Bauern ist natürlich härter und mühseliger als die eines Investors, aber auch das hängt von den äußeren Umständen ab, denn der Investor muss versuchen, gute Investitionsmöglichkeiten zu finden, was nicht ohne Weiteres trivial ist.

  6. Der Zins – Mythos und Wahrheit

    “Durch expansive Notenbankpolitik haben wir heute beinahe schon Nullzins oder real gerechnet (nach Abzug der Inflation) sogar negativen Zins. Damit sind aber auch Probleme verbunden.”

    Da haben wir also jemanden, der glaubt, er wüsste schon was, wenn er die negativen Begleiterscheinungen eines gesunkenen Zinsfußes in einer Zinsgeld-Ökonomie als einen “Beweis” gegen die Natürliche Wirtschaftsordnung anführt. Der wirkliche Zusammenhang ist dieser:

    “Der Sparer erzeugt mehr Ware, als er selbst kauft, und der Überschuß wird von den Unternehmern mit dem Geld der Sparkassen gekauft und zu neuen Realkapitalien verarbeitet. Aber die Sparer geben das Geld nicht her ohne Zins, und die Unternehmer können keinen Zins bezahlen, wenn das, was sie bauen, nicht wenigstens den gleichen Zins einbringt, den die Sparer fordern. Wird aber eine Zeitlang an der Vermehrung der Häuser, Werkstätten, Schiffe usw. gearbeitet, so fällt naturgemäß der Zins dieser Dinge. Dann können die Unternehmer den von den Sparern geforderten Zins nicht zahlen. Das Geld bleibt in den Sparkassen liegen, und da gerade mit diesem Geld die Warenüberschüsse der Sparer gekauft werden, so fehlt für diese jetzt der Absatz, und die Preise gehen zurück. Die Krise ist da.”

    Silvio Gesell, aus “Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld”, 1916

    Nach Silvio Gesell hat die “moderne Volkswirtschaftslehre” nur noch Rückschritte gemacht. Welcher kollektive Wahnsinn die halbwegs zivilisierte Menschheit bis heute davon abhielt, die ideale Makroökonomie (freie Marktwirtschaft ohne Kapitalismus = echte Soziale Marktwirtschaft) zu verwirklichen, erfahren Sie hier:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/…hrheit.html

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