Verräterisches Feuer

BLOG: Gute Geschäfte

Wie Wirtschaft und Ethik zusammenpassen
Gute Geschäfte

Bevor wir über 120 Tote reden, die bei einem Brand in Bangladesch ums Leben kamen, dürfen wir eine andere traurige Katastrophe nicht außer Acht lassen: In Titisee-Neustadt starben 14 Menschen in einer Behindertenwerkstatt, weil eine Gasflasche explodierte. Und das, obwohl es sich offenbar um ein recht neues Gebäude handelte und die Sicherheitsbestimmungen wohl auch weitgehend eingehalten wurde. Das zeigt: Auch in Deutschland passieren solche Dinge, nicht nur in Schwellenländern.

Trotzdem rüttelt der Brand in Bangladesch auf. Er wurde sofort – und sicher auch zu Recht – aufgegriffen als Zeichen für die schlechten Arbeitsbedingungen in diesem Land. Ich bin bei den Recherchen für ein Buch über Unternehmensethik, das Anfang des kommenden Jahres erscheint, auch immer wieder auf dieses Land gestoßen – es ist beinahe ein Symbol für die Misere der Textilbranche, bei der die Kunden in den reichen Ländern direkt von der Armut in Schwellenländern profitieren. Und einige große Textilkonzerne, etwa Hennes & Mauritz, lassen sehr viel dort produzieren. Selbst wenn man ihnen das Bemühen abnimmt, sich für Verbesserungen der Produktionsbedingungen bei ihren Zulieferern einzusetzen, bleibt die nüchterne Erkenntnis: Häufig müssen sie sich selbst erst den Überblick verschaffen, wo genau unter welchen Bedingungen für sie produziert wird.

Wer ist hier wofür verantwortlich? Die großen Konzerne bekennen sich mittlerweile alle zur Verantwortung für ihre Zulieferer, was nicht heißt, dass sie immer auch entsprechend handeln. Aber die meisten haben doch Überwachungssysteme eingeführt, die die ärgsten Übel bekämpfen sollen.

Sind auch die Käufer verantwortlich? Wer schaut ins Etikett, wo seine Klamotten hergestellt wurden?

Und wäre es eine Lösung, keine Ware mehr aus Ländern wie Bangladesch zu kaufen? Wovon sollen die Menschen dort dann leben? Schließlich ist dieses Land übervölkert, die Bauern können zum Teil ihre Felder nicht mehr bebauen, weil das Meer immer weitere Gebiete versalzt, und die Textilindustrie dürfte der wichtigste Devisenbringer sein. Man muss bei der Produktion ja nicht nur an die Gewinne denken, sondern auch an die Arbeitsplätze.

Ich habe keine wirklich überzeugenden Antworten auf meine eigenen Fragen. Ich glaube aber, der beste Weg ist, die Konzerne unter Druck zu setzen, dass sie ihre Verantwortung in Schwellenländern wirklich ernst nehmen und nicht nur davon reden. Was bleibt sonst zu tun?

 

Frank Wiebe

Veröffentlicht von

Ich habe Betriebswirtschaft in München und Philosophie an der Fernuni Hagen studiert, früher bei einer großen Bank gearbeitet, und bin seit über 20 Jahren Journalist beim Handelsblatt mit Spezialisierung auf Finanzthemen, davon fünf Jahre in New York und seit November 2017 in Frankfurt. Im Jahr 2013 habe ich das Buch „Wie fair sind Apple & Co?“ veröffentlicht.

1 Kommentar

  1. Wirtschaftsethik

    Ich glaube aber, der beste Weg ist, die Konzerne unter Druck zu setzen, dass sie ihre Verantwortung in Schwellenländern wirklich ernst nehmen und nicht nur davon reden.

    Richtig erkannt ist, dass ethische Sichten nicht funktionieren, wenn der Wirtschaftspartner außerhalb der Kultur der Europäischen Aufklärung (“westlich” – so nennt man das oft ein wenig flach) steht.

    Hier sind Ethiker, aller Klassen sozusagen, aufgefordert Sichten zu entwickeln, die helfen. [1]

    Einfach kann man es sich hier leider nicht machen, lassen Sie gerne mal Ihr ‘Druck-Machen’ zH.

    MFG
    Dr. W

    [1] ‘helfen’ jetzt “wirtschaftszynisch” betrachtet, sowohl dem Käufer als auch dem Produzenten, leider bekannte ethische Standards auch downgradend

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