Fichte und die Dialektik der Freiheit

BLOG: Gute Geschäfte

Wie Wirtschaft und Ethik zusammenpassen
Gute Geschäfte

Schauen wir uns mal folgendes Zitat an: “Zu reisen hat aus einem geschlossenen Handelsstaate nur der Gelehrte und der höhere Künstler: der müssigen Neugier und Zerstreuungssucht soll es nicht länger erlaubt werden, ihre Langeweile durch alle Länder herumzutragen.” Es stammt aus dem Werk “Der geschlossene Handelsstaat” von Johann Gottlob Fichte, aus dem Jahr 1800. Und es erinnert sehr an die DDR, die auch nur anerkannten Gelehrten und Künstlern (und Rentnern) die Ausreise erlaubte, aber die Werktätigen praktisch eingesperrt hielt.

Mein heutiges Thema hat nicht direkt mit Unternehmensethik zu tun, aber immerhin mit Ethik und mit Unternehmen. Fichtes “Handelsstaat” war schon zu seiner eigenen Zeit umstritten, weil es als eine Art Gebrauchsanleitung für einen Polizeistaat galt (wobei Polizey damals noch mehr hieß als heute, praktisch weite Teile der Verwaltung umfasste). Hegel hat Fichtes kleinliche Vorstellungen zum Beispiel zu Personalausweisen, die es damals noch nicht gab, kritisiert. Ich hatte mal einen Philosophieprofessor, der dagegen war, zu viele Parallelen zur DDR zu ziehen. Aber ich glaube, diese Parallelen sind alles andere als oberflächliche Details. Viel entscheidender ist: Mit Fichte wird sehr früh ein innerer Widerspruch des Freiheitsbegriffs sehr deutlich, der vor allem im wirtschaftlichen Bereich (und damit schwer erkennbar für manche Philosophen) verhaftet ist – und der sich in der späteren Geschichte, etwa am Beispiel der DDR sehr deutlich zeigen sollte.

Fichtes “Handelsstaat” ist einzigartig. Zwar hat sich Kant hin und wieder zu wirtschaftlichen Fragen geäußert, etwa zum Begriff des Eigentums. Hegel hat sich in seiner “Philosophie des Rechts” sehr eingehend dazu ausgelassen, in manchen Punkten ähnliche Vorschläge gemacht wie Fichte, aber weniger radikal. Einzigartig ist der “Handelsstaat” aber, weil diese Schrift sich tatsächlich in erster Linie als ökonomisches Werk darstellt, obwohl der Autor keineswegs als Ökonom, sondern als einer der großen deutschen Philosophen bekannt ist. Fichte nimmt in Darstellungen der Philosophiegeschichte häufig so eine Art Mittlerfunktion zwischen Kant und Hegel ein, die als “ganz groß” gelten, er wirkt dazwischen ein bisschen weniger bedeutend. Aber er liefert ein Beispiel dafür, dass manchmal gerade die Denker, die als “zwischen” anderen oder “nicht ganz perfekt” in Erinnerung geblieben sind, besonders interessant sein können, weil bei ihnen Widersprüche besonders offen zutage liegen (ein ähnlicher Fall ist Feuerbach, der häufig als “zwischen” Hegel und Marx wahrgenommen und daher zu Unrecht, vielleicht auch, weil er verständliches Deutsch geschrieben, irgendwie als weniger bedeutend im Bewusstsein geblieben ist).

Was ist der Kern dieser Widersprüchlichkeit, die ich hiermal etwas hochtrabend “Dialektik der Freiheit” nennen möchte? Dieser Kern entwickelt sich, wenn man von einem rein negativen Freiheitsbegriff (Freiheit wovon) zu einem positiven Freiheitsbegriff (Freiheit wozu) übergeht. Der negative Freiheitsbegriff wird häufig als eine äußere Freiheit beschrieben – das Frei-sein von äußeren Zwängen. Der positive Freiheitsbegriff wird häufig als innere Freiheit beschrieben (so von Isiaha Berlin), eine innere Freiheit, sich zu etwas zu entschließen.

Hier in diesem Beitrag geht es aber um einen äußeren positiven Freiheitsbegriff: Freiheit als reale Chance, etwas zu tun. Für diesen Begriff tritt zum Beispiel sehr deutlich Amartya Sen ein. Aber er findet sich eben auch schon bei Fichte und später bei Hegel, und an Hegel anknüpfend heute wieder bei Axel Honneth in seinem Buch “Das Recht der Freiheit”. Dieser Begriff, der im sozialen Denken wurzelt und politisch heute eher links angesiedelt ist, trägt der Tatsache Rechnung, dass eine rein negative Freiheit von Zwang häufig ein dürftiger Gewinn ist, wenn der Mensch aus Armut oder anderer Not praktisch trotzdem kaum Handlungsspielraum hat. Die rein negative Freiheit kann eben auch eine Freiheit zum Verhungern sein – und Fichte stammte als armen Verhältnissen, er kannte den Hunger.

Dem gegenüber versucht eine positiv verstandene äußere Freiheit, wirkliche Chancen zu schaffen. Um diese Chancen zu sichern, muss manchmal aber auch Zwang angewendet werden. Das, was hier begrifflich so kompliziert klingt, ist politischer Alltag und war vor Jahrzehnten als Alternative von “Freiheit” oder “Sozialismus” schlagwortartig bekannt. Wer Menschen in Not helfen will, muss unter Umständen Geld umverteilen und tut damit anderen Menschen Zwang an. So können negative und positive Freiheit in Widerspruch geraten. Und im Extremfall wird im Namen der positiven Freiheit soviel Zwang aufgebaut, dass letztlich kaum noch negative Freiheit übrigbleibt.

Der geschlossene Handelsstaat bietet die Vision einer Gesellschaft, die sich im Namen der Freiheit – und Fichtes war ja ein Philosoph der Freiheit – selbst in Ketten legt. Ich will hier nicht das gesamte Buch referieren. Aber die wirtschaftliche Grundstruktur war bei Fichte so gedacht, dass der Staat zwar nicht die Unternehmer enteignet, aber ihnen genau vorschreibt, was und wieviel sie zu produzieren und zu welchem Preis sie es zu verkaufen haben. Fichte hat, anders als Marx, die Frage des Eigentums nicht ins Zentrum gestellt, sondern die Frage der praktischen Verfügungsgewalt. Er war hier sehr realistisch: Wenn der Staat alles plant, anordnet und bestimmt, dann ist es eigentlich egal, wer formal der Eigentümer des Unternehmens ist.

Fichte wollte durch diese Planung für einen “vernünftigen” Wirtschaftsprozess sorgen. Er polemisierte gegen “Spekulation”, als hätte er schon die heutige Finanzkrise gekannt. Die Planung sollte dafür sorgen, dass jeder Arbeit hat und genug Lohn bekommt, um sich versorgen zu können. Weil eine perfekte Planung nur auf nationaler Ebene möglich ist (perfekt auch nur theoretisch, wie wir heute wissen), wollte er den Staat abschließen nach außen, weitgehend umstellen auf autarke Versorgung, dazu auch ein Geld schaffen, dass nur im nationalen Rahmen Geltung hat. Vieles daran erinnert schon an die DDR, deren Geld auch nur innerhalb des Landes Geltung hatte, die zum Teil, freilich im Verbund mit anderen Ostblock-Staaten, auf wirtschafltiche Unabhängigkeit gegenüber dem freien Welthandel setzte (ohne das durchhalten zu können), und die daher nichts von Auslandsreisen der einfachen Bürger hielt. Der Unternehmer war in diesem Staat ein Funktionär des Staates – bei Fichte und in der DDR.

Fichte hat gedanklich schon weitgehend das spätere Elend des realen Sozialismus vorweggenommen, nur die Tatsache, dass zentrale Planung ohnehin nur schlecht funktioniert, war ihm nicht klar. Aber sein Gedankenexperiment zeigt sehr deutlich: Wer im Namen einer realen Freiheit die Wirtschaft “vernünftig” gestalten und planen will, landet im Extremfall bei einem Zwangsstaat, der kaum noch Freiheit zulässt.

Der Marxismus ist auch nicht als Bewegung zur Unterdrückung des Menschen gestartet, sondern wollte ihre Befreiung – von Zwang und Not. Dass er zu einem System der Unterdrückung wurde, lag aber nicht daran, dass man seine Idee verraten hätte oder dass die falschen Leute ihn umgesetzt hätten. Es lag schon an der inneren Widersprüchlichkeit des gedanklich Systems, seines Begriffs von Freiheit. Fichte hat dies vorher in einer gespenstisch klarsichtigen und zugleich für die schrecklichen Konsequenzen blinden Vision vorweggenommen. Meiner Meinung wird das zu wenig beachtet.

Ich glaube, man sollte an dem simplen negativen Freiheitsbegriff festhalten. Und dazu sagen, dass Freiheit nicht alles ist, sondern dazu auch reale Lebenschancen kommen müssen. Das ist begrifflich nicht so elegant und wirkt ideologisch weniger schlagkräftig. Aber damit bewegt man sich im Bereich pragmatischer Kompromisse, die zwar philosophisch wenig hergeben, aber die Menschen meist doch glücklicher machen.

Frank Wiebe

Veröffentlicht von

Ich habe Betriebswirtschaft in München und Philosophie an der Fernuni Hagen studiert, früher bei einer großen Bank gearbeitet, und bin seit über 20 Jahren Journalist beim Handelsblatt mit Spezialisierung auf Finanzthemen, davon fünf Jahre in New York und seit November 2017 in Frankfurt. Im Jahr 2013 habe ich das Buch „Wie fair sind Apple & Co?“ veröffentlicht.

7 Kommentare

  1. Geschäftssinn und Freiheit

    Als MENSCH anfing seine Toten zu bestatten, wurde Mensch zum Mensch – als Mensch aber anfing auch daraus ein GESCHÄFT zu machen, war alles für’n Arsch, bzw. war der geistige Stillstand seit der “Vertreibung aus dem Paradies” systemrational MANIFESTIERT, für den Betrieb in “Wer soll das bezahlen?” und “Arbeit macht frei” / in UNFREIHEIT des teils LOGISCH brutal-egoisierenden “Individualbewußtseins”, für das “gesunde” Konkurrenzdenken des NUN “freiheitlichen” Wettbewerbs um …

    Die Freiheit aber, bzw. eine Werteordnung die Werte und Ordnung wirklich-wahrhaftig definiert, beginnt mit dem EINDEUTIGEN Verstand von Vernunft in geistig-heilendem Selbst- und Massenbewußtsein – durch Reisen, die in dieser stumpf-, blöd- und wahnsinnigen Realität doch nur dem Erhalt der konsum- und profitAUTISTISCHEN Funktionalität dienen, indem sie das Bewußtsein der Menschen entsprechend ihrer gutbürgerlich-gebildeten Suppenkaspermentalität auf Sündenbocksuche BETÄUBEN!

    Leben OHNE Steuern zahlen, OHNE “Sozial”-Versicherungen, OHNE manipulativ-schwankende “Werte”, OHNE irrationalem Zeit-/Leistungsdruck zu einer Karriere von Kindesbeinen, usw., ist absolut machbar!!!

  2. Zustimmung

    … umfassender Art zum letzten Absatz. Freiheit ist als positive Freiheit nicht zu verwalten, im vorletzten Absatz des Artikels solid beispielhaft begründet.

    Das “Soziale” ist dann eine Leistung, die in freiheitlichen Systemen erbracht wird, um bestimmte Probleme wie die Bedürftigkeit zu bearbeiten. Das Soziale darf aber nicht zum Totalitaristischen (“Sozialistischen”) werden, wie man gelernt hat.

    Eine Widersprüchlichkeit oder Dialektik sieht der Schreiber dieser Zeilen beim Konzept der Freiheit aber nicht; auch wenn es naturgemäß “unfreie” Maßnahmen gegenüber den Feinden der Freiheit geben muss.

    Fichte war ein bemerkenswerter Denker, persönliches Lieblingszitat:
    ‘Es ist, weil es ist; und ist wie es ist, weil es so ist.’ (Quelle)

    MFG
    Dr. Webbaer

  3. Dr. Webbaer

    * ‘Es ist, weil es ist; und ist wie es ist, weil es so ist.’ *

    Das mag der Logik zur Genüge gereichen – der Freiheit aber nie und nimmer.

    “Dr. Webbaer”, wenn das aber trotzdem Ihr persönliches Lieblingszitat ist, dann sei es so. 😉

  4. Fichte-Zitat

    Nun, es sprechen einige Gründe für die Tiefe dieses Zitats:
    – seine scheinbare Hohlheit
    – Schopenhauers Ablehnung
    – die wörtliche Nennung der Urwahrheit ‘Etwas ist’, vielleicht zusammen mit einigen Derivaten das einzig Wahre, was sich zur Welt sagen lässt
    – die kurze und ganz treffliche Anmerkung, dass etwas ist, weil es ist (und nicht etwa weil Erkenntnissubjekte Gesetze (“Naturgesetze”) gefunden haben, die der Welt einen Zwang antun)
    – das Lustige an der Aussage

    MFG
    Dr. Webbaer (der aber nun kommentarisch nicht weiter von diesem ganz ausgezeichneten Artikel weggehen wird – mit das Beste, was es seit Langem in wissenschaftsnahen Blogs zu lesen gab btw)

  5. Angst, Gewalt und “Individualbewußtsein”

    “Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.” (Marie von Ebner-Eschenbach)

    Für dieses “Glück” gibt es bisher nur die mehr und / oder weniger leichtfertige KAPITULATION vor der stumpf-, blöd- und wahnsinnigen Hierarchie in materialistischer “Absicherung” – “Willste übern Rasen laufen, mußte dir ein Grundstück kaufen.” 😉

  6. Herr Wiebe

    Herr Wiebe, ich bin wie Dr. Webbaer des Lobes für Ihren Artikel. Sie haben für sich die Erkenntnis gewonnen:
    “Ich glaube, man sollte an dem simplen negativen Freiheitsbegriff festhalten. Und dazu sagen, dass Freiheit nicht alles ist, sondern dazu auch reale Lebenschancen kommen müssen.”
    Ich bin zu der schlichten Erkenntnis gelangt: Freiheit ist eine rein individuelle Angelegenheit und soziale Komponenten sind rein zufällig. 😉

Schreibe einen Kommentar