Das Wunder des Papstes

BLOG: Gute Geschäfte

Wie Wirtschaft und Ethik zusammenpassen
Gute Geschäfte

Eigentlich wollte ich in diesem Blog, wo es ja um Wirtschaftsethik geht, nie mehr über Religion schreiben. Aber der Papst-Besuch erregt so viel Aufmerksamkeit, und bringt ja auch die katholische Soziallehre wieder auf den Bildschirm – daher tue ich es doch noch einmal.

Von John Leslie Mackie gibt es ein wunderbares Buch mit dem ironischen Titel "Das Wunder des Theismus". Darin vertritt er die These, es sei eigentlich ein Wunder, dass der Theismus, also die traditionelle Religion, so viel Anhänger habe, wo doch so viel gegen sie spreche. Ich will dieses Problem hier nicht vertiefen. Aber ganz analog könnte man auch von einem "Wunder des Papstes" sprechen. Er – als Person und Institution – genießt auch als moralische Instanz, also über den Kreis seiner eigenen Kirche hinaus, immer noch eine ungeheure Aufmerksamkeit. Vielleicht gibt es weltweit keine Institution, die so viel "Soft Power" hat, um es mal auf Neu-Deutsch zu sagen. Und das, obwohl die katholische Kirche in vielen moralischen Fragen – im Grunde gehört dazu alles, was mit Sex, Ehe oder dem Verhältnis der Geschlechter zu tun hat – Positionen vertritt, die selbst von frommen Katholiken zu einem großen Teil nicht mehr ernst genommen werden. Wie kann jemand eine moralische Autorität sein, wenn er in manchen moralischen Fragen völlig im Abseits steht?

Mit Blick auf die Wirtschaftsethik ist der Befund etwas anders, aber auch nicht viel besser. Im Grunde vertreten beide großen Kirchen inzwischen eine Position, die ziemlich exakt die Mitte des gesellschaftlichens Konsens in Deutschland markiert. Wir sind ja bis zu einem gewissen Grad fast alle gemäßigte Sozialdemokraten, quer durch die Parteien. Unternehmer werden geschätzt, weil man sie braucht, aber nicht wirklich geliebt. Der Kapitalismus muss irgendwie sein, soll aber nicht ausufern. Man nennt ihn lieber Marktwirtschaft und versucht, im ein soziales Angesicht zu verpassen. Alles das wollen fast alle Politiker in fast allen Parteien (ich weitgehend auch) – und die Kirchen wollen es auch. Hier stellt sich also die Frage, was die Kirchen – und damit auch der Papst – eigenständig zur Diskussion beitrage. Sie folgen ihr wohl eher, als dass sie eine Richtung angeben könnten.

Ich habe in einem meiner letzten Blog-Einträge die These vertreten, dass Ethik nicht der Kern dessen ist, was letztlich Menschen an der Religion fasziniert und ihnen zum Beispiel im unternehmerischen Alltag hilft. Ich will das hier nicht vertiefen. Aber man muss anlässlich des Papst-Besuches umgekehrt wohl festhalten: Wir brauchen ihn nicht, um unsere ethischen Vorstellungen zu entwickeln. Es ist genau anders herum: Der Papst muss sich heute – auch von gläubigen Katholiken – fragen lassen, ob er in allen ethischen Fragen nachvollziehbare Positionen vertritt. Und ob er die moderne Welt, also auch den Kapitalismus, so weit verstanden hat, dass er zu den ethischen Diskussionen überhaupt etwas Relevantes beitragen kann.  

Frank Wiebe

Veröffentlicht von

Ich habe Betriebswirtschaft in München und Philosophie an der Fernuni Hagen studiert, früher bei einer großen Bank gearbeitet, und bin seit über 20 Jahren Journalist beim Handelsblatt mit Spezialisierung auf Finanzthemen, davon fünf Jahre in New York und seit November 2017 in Frankfurt. Im Jahr 2013 habe ich das Buch „Wie fair sind Apple & Co?“ veröffentlicht.

4 Kommentare

  1. Autorität des Papstes/Dalai Lamas?

    Warum geniessen der Papst oder auch der Dalai Lama soviel Aufmerksamkeit auch bei Themen wo sie als wenig informiert betrachtet werden müssen?

    Denn nicht nur der Papst weiss wahrscheinlich wenig über den Kapitalismus, fordert aber immer wieder eine Gesellschaft, die über die “kapitalistische Ethik” hinausgeht, auch der Dalai Lama gibt zu Fragen wie beispielsweise den Gründen für die Finanzkrise, bereitwillig Auskunft und ist bei seinen Antworten noch nie durch eine tiefgründige Analyse aufgefallen.

    Warum werden sie dann gehört? Vielleicht weil die Zuhörer gar keine fachkundige Antwort suchen, sondern nur eine Orientierung. Wenn der Dalai Lama die Gier für die Finanzkrise verantwortlich macht, so sagt er damit seinen Zuhörern, sie sollten ihre Gier unter Kontrolle bringen oder überwinden und ähnliches gilt für den Papst.

    Religion hat halt wenig mit differenzierter Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Umwelt zu tun. Es geht um eine Orientierung um der Orientierung willen, nicht mehr und nicht weniger.

  2. Faszinierend…

    …ist es aber halt schon, dass sowohl Religiöse wie Religionskritiker den Papst doch zu “brauchen” scheinen, um sich an ihm abzuarbeiten. Auch dieser Blogpost wurde ja durch den Papstbesuch ausgelöst – obwohl es dafür von einigen ach-so-“Toleranten” bestimmt wieder Haue geben wird. 😉

    Die evangelischen Landeskirchen haben eigentlich alle denkbaren Reformforderungen erfüllt: Vom Abschaffung des Zölibats über das Frauenpriestertum bis zu halbwegs demokratischen Strukturen. Strömen deswegen die Menschen in die evangelischen Kirchen? Wenn überhaupt evangelische Gemeinschaften wachsen, dann doch eher im evangelikalen oder fundamentalistischen Bereich.

    Selbst für Ex- und Nichtchristen scheint die katholische Kirche oft für “die Kirche” zu stehen. Und dies wohl gerade, weil sie sich vielen Trends und Reformforderungen versperrt.

    Finde ich die Befunde gut? Nein. Aber ich finde, Wissenschaftler – und auch Theologen, Philosophen, Ethiker – müssen sich ihnen wohl stellen.

  3. ja, es ist ein wunder…

    … ein wunder Punkt: die Breitenwirkung des Papstes, dieses Papstes. Manchmal kann man sich nur wundern; und manchmal wundert man sich auch nicht mehr. Beispiel: Viele, die aus evangelischen Kirchen austreten, begründen es mit Dingen, für die auch gerade dieser Papst verantwortlich ist – was er mal wieder gesagt oder nicht gesagt hat… Ja, auch dafür „braucht“ man ihn. Man möchte einiges auf sich beruhen lassen; kann es aber gerade wegen solcher Breitenwirkungen nicht. Seine Schatten holen uns immer wieder ein, unerbittlich. Und von interessierter Seite wird uns immer wieder unerbittlich bedeutet: Euch rechnen wir zu demselben Stall, und mit dem Mist aus diesem bewerfen wir euch. Stärkt ja manchen so schön ihr Selbstbewusstsein, wenn sie sich in diesem Spott mit vielen einig fühlen können.
    Der Zulauf zu den Evangelikalen: Da wären wohl noch manche interdisziplinäre Diskussionen mit Fachleuten für Gruppendynamik nötig. Und die auch in der Politik bekannte Institutionenverdrossenheit wäre zu berücksichtigen.
    Jedenfalls einstweilen meine Meinung: Wenn im Blasphemieblog o.ä. wieder etwas Blamables aufgespießt wird, das kommt es meist aus diesem Bereich – interessante Symbiose !– und fliegt dann auch anderen Christen um die Ohren.

    Wo viel Schatten ist, ist auch Licht. Ich möchte auf die katholische Sozialethik kommen (und bin dann nicht mehr nur OT) . Ja, der Papst persönlich versteht wohl nicht allzu viel davon. Ist ja auch nicht sein Metier, muss es auch nicht sein. (Meines auch nicht). Aber in der katholischen Soziallehre ist seit Jahrzehnten eine geballte Menge an Verstand und klugen Analysen. Ich erinnere nur an Oswald von Nell-Breuning und sein ganzes Umfeld.

    Auch in offiziellen katholischen Verlautbarungen (Enzykliken, Bischofsworten…) klingen die Forderungen manchmal sehr entschieden. Aber es ist nicht geklärt, auf welchen Wegen etwas durchsetzbar ist. An guten Forderungen, was „man“ tun müsste, ist die Welt ja nicht gerade arm. Nur: Wer heißt „Man“? Oder: „Gerechtigkeit“ ist gut. „Aber wie gelangen wir zu den Tätigkeitswörtern?“ (Stanislaw Lec ) Na, das haben auch manche politischen Parteien noch nicht geklärt.

    Im Übrigen, Entschuldigung, @Frank Wiebe, dass ich als Blognachbar noch kein Willkommenswort gesagt habe. War nicht böse gemeint. Als ich nach langem Schweigen wieder auftauchte, hat mich natürlich zumeist mein eigener Bereich beschäftigt. Aber über die Sache mit dem Gebet – das hat mich angeregt; und ich nehme es vielleicht zum Anlass, ein paar (ambivalente!) Gedanken dazu zu schreiben.

  4. @Hermann Aichele

    “Ich möchte auf die katholische Sozialethik kommen (…). Ja, der Papst persönlich versteht wohl nicht allzu viel davon. Ist ja auch nicht sein Metier, muss es auch nicht sein.”

    Ich möchte den Papst hier nicht unbedingt verteidigen, aber ich denke schon, dass er sich ausführlich mit diesen Dingen beschäftigt hat. Die Sozialenzyklika “Caritas in veritate” befasst sich auch mit der Wirtschafts- und Finanzkrise, in der der Papst eine Chance für ein radikales Umdenken sieht.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Caritas_in_veritate

    Sicher polarisiert der Papst, wenn er sich gegen die Moderne stemmt. Aber er ist in dieser Hinsicht ein Überzeugungstäter, er handelt nicht aus Unwissenheit oder gar Dummheit so.

    Siehe auch: http://www.thesocialagenda.org/german

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