Apple und die Chinesen

BLOG: Gute Geschäfte

Wie Wirtschaft und Ethik zusammenpassen
Gute Geschäfte

Ist der I-Pad ein amerikanisches oder ein chinesisches Produkt? Ähnliche Fragen lassen sich auch bei Schuhen von Adidas oder sogar bei vielen Schränken von Ikea stellen. Ich habe mir die Zeit genommen, mal bei einigen Konzernen querzulesen, was sie unter den Stichworten “Nachhaltigkeit” oder “Verantwortung” veröffentlichen. Und dabei verstärkt sich ein Eindruck, den wir ohnehin schon hatten: Ein großer Teil unserer bekannten “Welt” wird in China produziert bzw. immer wieder reproduziert.  Und natürlich auch in anderen Schwellenländern.

Dabei zeigt sich deutlich, wie sehr unser Wohlstand auf einem schmutzigen Geheimnis beruht, das eigentlich kein Geheimnis wäre, wenn wir es zur Kenntnis nehmen würden: Wir können nur deshalb günstig spannende oder einfach gute Produkte kaufen, weil woanders Menschen buchstäblich dafür schuften. Viele Firmen gehen mit dem Problem inzwischen recht offen um. Apple zum Beispiel widmet den Selbstmorden bei Foxconn ein eigenes Kapitel. Foxconn ist eines der größten Unternehmen der Welt und schraubt fast alles zusammen, was amerkanisch klingt und jede Menge Elektronik enthält – aber auch japanische Produkte.

Die Richtlinien von Apple – und ganz ähnlich von anderen Firmen – zeigen deutlich die Probleme. So soll es keine Kinderarbeit geben (in der Regel ist damit gemeint nicht unter 15). Es soll keine Zwangsarbeit geben. Dazu gehört nach der Definition von Apple auch das Verfahren von Arbeitsvermittlern, überhöhte Provisionen zu kassieren und die von den Arbeitern oder Arbeiterinnen “abdienen” zu lassen. Apple verlangt daher, dass Zulieferer alles an Provision, was über einen Monatslohn hinausgeht, ihren Arbeitern abnehmen sollen. Und hat auch schon bewirkt, dass Provisionen zurückgezahlt werden.

Dann gibt es noch die Vorgaben, dass die Wochenarbeitszeit 60 Stunden nicht überschreiten darf, und dass es mindestens einen freien Tag pro Woche geben muss. Selbst das einzuhalten scheint schwierig zu sein, jedenfalls wenn das Geschäft brummt.

Wegen der Selbstmorde hat sogar Tim Cook, der heutige Apple-Chef, das entsprechende Werk besucht, es wurde auch ein Unternehmen mit einer Untersuchung beauftragt. Die Verbesserungsvorschläge laufen auf eine intensivere Betreuung hinaus (bei einem Unternehmen mit ingesamt über 900.000 Mitarbeitern), aber so kamen auch die mittlerweile legendären Netze an der Gebäudefassade zustande, die Arbeiter vom spontanen Sprung in den Tod abhalten sollen.

Man hat schon den Eindruck, dass Apple sich um Verbesserungen bemüht. Der Konzern berichtet im Detail über Kontrollen der Zulieferer, mit einigen wurde die Zusammenarbeit eingestellt. Aber die Grundkonstellation bleibt natürlich unveränderbar: Leute mit geringem Wohlstand ermöglichen anderen Leuten hohen Wohlstand. Das, was Friedrich Engels im 19. Jahrhundert in seinem legendären Werk “Die Lage der arbeitenden Klasse in England” eindrucksvoll beschrieben hat, findet heute eben auf internationaler Ebene statt. Auf der anderen Seite ist natürlich auch wahr: Mit dieser Rolle als “Fabrik der Welt” hat China überhaupt erst wieder den Aufstieg zu neuer Größe und zu Ansätzen von eigenem Wohlstand geschafft. Die Idee, die “Globalisierung” zu verteufeln und wieder zurückzudrehen, würde daher niemandem wirklich helfen: Am schlechtesten geht es den Ländern, die in der globalisierten Wirtschaft keine nennenswerte Rolle spielen.

Aber es ist vielleicht doch gut sich darüber im Klaren zu sein, worauf unser Wohlstand beruht. Und den Firmen, die ihn in fernen Ländern erarbeiten lassen, auf die Finger zu schauen: Je genauer sie von den Kunden beobachtet werden, desto größer ist ihr Anreiz, sich wirklich um die Probleme zu kümmern. Denn es dürfte ja in jedem Konzern Leute geben, die diese ethischen Probleme wirklich ernst nehmen – und die brauchen den Rückhalt von außen.

Eines ist aber auch klar: Während Fach-Ethiker zum Teil noch auf hoch theoretischer Ebene darüber diskutieren, ob und in wie weit Unternehmen überhaupt “Verantwortung” übernehmen können (der Begriff ist ja zunächst mit Personen verbunden und nicht mit Organisationen), haben die großen Konzerne diese Frage längst übersprungen: Sie sehen sich als verantwortlich im eigensten Sinn gegenüber der Öffentlichkeit und legen Rechenschaft auch über die ethische Seite ihres Tuns ab. Fragt sich natürlich immer, wie ernst sie das meinen. Aber Verantwortung funktioniert natürlich nur, wenn sie auch zur Kenntnis genommen wird.

Veröffentlicht von

Ich habe Betriebswirtschaft in München und Philosophie an der Fernuni Hagen studiert, früher bei einer großen Bank gearbeitet, und bin seit über 20 Jahren Journalist beim Handelsblatt mit Spezialisierung auf Finanzthemen, davon fünf Jahre in New York und seit November 2017 in Frankfurt. Im Jahr 2013 habe ich das Buch „Wie fair sind Apple & Co?“ veröffentlicht.

12 Kommentare

  1. China ist Teil des westlichen Systems

    Wer die Globalisierung konsequent zu Ende denkt, interpretiert sie als eine Form der Kooperation mit unterschiedlicher Rollenteilung, wo aber ein Teil der Verantwortung vergemeinschaftet ist.
    So gesehen ist es problematisch den Chinesen von westlicher Seite den immer höheren CO2-Austoss durch fast wöchentlich neu hinzukommende Kohlekraftwerke vorzuwerfen. Denn diese Kraftwerke sind eine logische Konsequenz unsererNachfrage nach billigen Chinesischen Produkten.

  2. Wir sind das Problem

    Gute & nüchterne Analyse!
    Ich glaube es hätte dramatische Auswirkungen (die ich aber sehr begrüßen würde) wenn EU/USA Kriterienkataloge für Importgüter hätten. CO2-Ausstoß & ethische Arbeutsbedingungen sollten dann als Kriterien gelten statt dem Preis.
    Was spricht dagegen?

  3. Die Co2-Problematik hatte ich gar nicht angesprochen. Es gibt ja hin und wieder auch den Vorschlag, die nach den im Land verbrauchten Produkten zu bilanzieren und nicht nach der Produktion. Dann sähe der Westen noch schlechter aus – vor allem auf Pro-Kopf-Basis, wo die Chinesen ohnehin noch “sauber” sind.

  4. Menschenunwürdiger Klimaschutz

    Typisch, dass hier schon wieder versucht wird, die dringend notwendige Diskussion über menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in einem Schwellenland, so zu abstrahieren, dass auf einen vermehrten CO2-Ausstoß umgemünzt wird.

    In meinem Beitrag “Warum Klimaschutz menschenverachtend und umweltfeindlich ist” habe ich u.a. formuliert:

    “Man könnte die ganze Klimaschutzhysterie ignorieren und unter der Kategorie absurdes Theater verbuchen, wenn sie nicht auf fahrlässige und arrogante Art und Weise dazu beitragen würde, Leib und Leben von Menschen zu gefährden. Dies betrifft vor allem die Menschen in Schwellenländern wie China oder Indien, in denen in großen Teilen der industriellen Produktion noch inhumane und umweltgefährdende frühkapitalistische Zustände herrschen. Die Ungeheuerlichkeit besteht darin, dass die Klimapropheten so tun als sei der Klimaschutz identisch mit dem den Schutz von Menschen und ihrer Umwelt. Tatsächlich ist diese Gleichsetzung natürlich völliger Unsinn und dient nur dazu, die eigenen Interessen der Klimaschützer zu befördern.”

    http://www.kritische-naturgeschichte.de/…aschutz

    Der abschließende Appell von Frank Wiebe “Aber Verantwortung funktioniert natürlich nur, wenn sie auch zur Kenntnis genommen wird.” bedeutet für mich, dass man z. B. bei Apple oder Adidas schriftlich um Stellungnahme bitte, wenn Missstände über Produktionsbedingungen bekannt werden. Den Firmen muss klar werden, dass die Bedingungen, unter denen ihre Produkte hergestellt werden, ein nicht völlig zu ignorierender Aspekt der Kaufentscheidung sind, um es vorsichtig zu formulieren.

  5. Prekäre Arbeits-und Lebensbedingungen

    Das wirklich moderne China ensteht erst langsam. Gestern und heute durchläuft China noch die Phase des Frühkapitalismus mit prekären Arbeitsverhältnissen und rücksichtsloser Umweltzerstörung.
    Wir profitieren dabei über die vielen billigen und bunten Waren und zeigen nicht selten mit dem Finger auf die Auswüchse dieser Produktionsweise wie Umweltzerstörung, Emissionen, die Gesunheit und Klima gefährden und prekäre Arbeitsbedingungen.

    Eigenartigerweise geben wir heute die Schuld für die prekären Arbeitsbedingungen nicht nur den dort ansässigen oder produzierenden Fabriken (Foxconn z.B.), sondern auch den Auftraggebern (wie Apple). Anders verhält es sich jedoch noch mit den Emissionen und der Umweltzerstörung: hier ist es üblich, das den Chinesen selbst anzukreiden.
    Die Verantwortung für diese Zustände liegt aber wahrscheinlich auf beiden Seiten, wobei China langezeit der schwächere Partner war.

    Doch China wird aus dieser Phase des Frühkapitalismus sicher herauswachsen. In Zukunft übernehmen dann die Nachfolger der Chinesen, die noch jüngeren Schwellenländer wie Vietnam, Indonesien, die Philippinen, später vielleicht auch Afrika diese Rolle und erhalten die Aufträge weiterhin aus den hochentwickelten Ländern, zu denen dann auch China gehört.
    Die gleichen Misstände wie sie China bis vor kurzem gekannt hat oder immer noch kennt, werden also auch anderswo Einzug halten. Um das wirklich zu ändern müsste es globale Mindeststandards geben, die auch rigoros angewendet werden. Natürlich haben solche Mineststandards vor allem positive Wirkungen, allerdings verlangsamen sie möglicherweise auch die wirtschaftliche Entwicklung einer Region, weil dann der Standortvorteil “billige und billigste Produktion” weniger deutlich zum Tragen kommt.

  6. warum kein ausstiegsszenario

    @ Wiebe
    Woran scheitern diese Pläne dann im Endeffekt? Abwandern der Wirtschaft kanns ja nicht sein, es sei denn, dass der Schwarzmark wachsen wird.
    Die Vermutungen, dass Firmen mächtiger sind als die Gesetzgeber an sich klingen mir leider in dem Fall zu unschlüssig (bin aber für Gegenargumente offen).

    Ein interessanter Punkt zu Foxconn war das mediale Echo auf die Bekanntgabe, dass vermehrt Roboter eingesetzt werden sollen. Sprich: große Firmen nehmen möglicherweise den ethischen Aspekt wahr, schieben den schwarzen Peter weiter.

    @ Geoman
    Manchmal nennt man manche sachen Realismus. CO2 von heute ist das Problem von morgen. Der Rest ist deine persönliche Meinung/Ideologie…

    @ Martin Holzherr
    und trotzdem schafft es Europa & die USA vor der Wirtschaftsmacht Angst zu haben, der sie ethik/nachhaltigkeitswidrige Produktion vorwirft. Ist das nicht ein wenig schizophren? Sollte nicht gerade das ein Argument pro Restriktionen sein? Auch wenn die Ethik nur ein Alibi wäre, wäre das ein riesiger Erfolg.
    ad Schuldzuweisung:
    es müssen erst mal die Bedingungen geschaffen sein, dass diese ausgenützt werden können. An Polizei, die zB Arbeitsbedingungen prüfen könnte, mangelt es in China eher wenig.
    Aber puncto Zukunftsausblick gebe ich dir vollkommen recht!

  7. Richtig!

    Sehr guter Beitrag, danke! Was ich wichtig finde: Nicht nur “man müsste” neue Mindeststandards setzen – wir alle können dies auch als Verbraucher tun. Warum nicht auf Glaubwürdigkeit bei Produzenten und Händlern achten? Übertretungen durch einen Boykott von Produkten abstrafen? Zunehmend Transfair-Produkte kaufen? Mutige Journalisten und Menschenrechtsorganisationen unterstützen?

    Kennen Sie z.B. die beeindruckende Dokumentation “Schmutzige Schokolade”? Ich habe sie hier in einem Beitrag zu Osterhasen & Co. eingestellt, hoffend, dass sie wenigstens einige Menschen mehr erreicht und zu einigen anderen Kauf- und Konsumentscheidungen führt:
    https://scilogs.spektrum.de/…-christlichen-hauptfestes

    M.E. kann jede(r) etwas tun, und ist Jammern oft nur eine billige Ausrede. Auch als Blogger müssen wir nicht untätig bleiben, wie ja dieser Blogbeitrag von Frank Wiebe zeigt.

  8. Schokolade

    Vielen Dank für den Hinweis auf “Schmutzige Schokolade” – ist wirklich dramatisch. Nestle kündigt für Anfang 2012 eine Überprüfung seiner Kakao-Produzenten durch die Fair Labor Association für Anfang 2012 an. Der Konzern gibt ziemlich offen zu, dass er das Problem “Kinderarbeit” nicht im Griff hat …

  9. @Wiebe

    Lieben Dank, Frank – Du hast ja auch zu Nestle gleich wieder ein paar Extra-Informationen, die mir völlig neu waren. Super, danke!

    Sag mal, wäre es denn z.B. denkbar, einmal einen Blogpost über die Dokumentation “Schmutzige Schokolade” und die Folgen zu machen? Durch YouTube bleiben ja solche Enthüllungsfilme längerfristig verfügbar und zugleich kann man schauen, ob und wie sich mittel- und langfristig auswirken. Ich fände das sehr spannend! *Anregung*

  10. Wichtig (aber nicht so medienwirksam) ist in solchen Fällen aber oft, nicht auf eine Firma einzudreschen, wenn es die Konkurrenz nicht viel anders macht.
    Apple, Nestle, Nike, H&M… manchmal sind es sogar die Firmen im Fadenkreuz der Kritik, die tatsächlich gezielt gegen die Vorwürfe vorgehen, während in der Öffentlichkeit ein verzerrtes Realitätsbild entsteht.

  11. @fatmike182

    Klar, aber mit jedem erfolgreichen Aufdecken unhaltbarer Zustände steigt ja auch das Risiko für die anderen. Und gerade auch das Internet erlaubt ja auch eine kritische Öffentlichkeit, die am Erreichten weiterbaut.

    Wenn wir dagegen aber sagen, es interessiert uns alles gar nicht, machen ja alle so, kann man eh nichts ändern… – dann brauchen wir uns m.E. auch nicht zu wundern, dass sich auch in den Chefetagen der Zynismus weiter ausbreitet.

Schreibe einen Kommentar