Papa, bin ich schuld?

Kalle Becker ist Künstler, Kinderbuchillustrator, Filmemacher, Autor und manchmal auch Schauspieler. Er stellt sein neustes Kinderbuchprojekt „Papa, bin ich schuld?“ vor. Es handelt von der kleinen Milena, deren Vater mit einer Psychose ins Krankenhaus muss. Milena will wissen, wieso, doch niemand gibt ihr so richtig Auskunft. Da fasst sie sich ein Herz und fährt in die Klinik. Ihr Vater erklärt ihr alles so, dass sie es auch versteht.

 

Markus: Wieso hast du dieses Buch geschrieben?

Kalle: Von der Schizophrenie ist etwa 1% der Bevölkerung weltweit in allen Kulturen betroffen. Von der manisch depressiven Erkrankung sind es sogar 3-4%. Das sind in der Bundesrepublik allein 4 Millionen Menschen mit Psychose. Etwa genauso viel, nämlich 5 Millionen leben hier mit der Diagnose Krebs. Im Vergleich dazu gibt es erschreckend wenig Material zu diesem Thema. Dabei gibt es viele Kinder, die zu den Betroffenen zählen. Ihnen auseinanderzusetzen, was in der Krankheit passiert, ist schwer…

Markus: Was macht es so schwierig, über das Thema zu reden?

Kalle: Als erkrankter Elternteil versteht man die Zusammenhänge selber kaum. Hinzu kommt noch die Scham. Wer sagt schon gern von sich: Ich bin verrückt, durchgeknallt, habe einen Schaden, bin nicht normal. Und das noch der eigenen Tochter oder dem eigenen Sohn! Also flüchtet man sich lieber ins Schweigen, und die Kinder müssen raten, was um sie herum vor sich geht. Dieses Schweigen will ich brechen. Das Buch ersetzt zwar keinen Dialog innerhalb der Familie, aber es macht ihn leichter.

Markus: Das Buch ist nicht gerade „Main-Stream“. Auf welche Weise trägst du es an die Leserschaft heran?

Kalle: Erste Reaktionen habe ich bereits im Vorfeld meiner Arbeit bekommen; klassische Kinderbuchverlage werden ein solches Thema kaum angehen. Bei meiner Suche nach Interessenten werde ich nun freundlich unterstützt durch Herrn Professor Pajonk von der Privat-Nerven-Klinik Dr. Med. Kurt Fontheim in Liebenburg. Um eine möglichst große Verbreitung zu erreichen, die ja im Interesse aller liegt, treten wir in Kontakt mit Firmen der Pharmaindustrie. Diese haben Verbindungen zu ihren Ärzten, die wiederum reichen die Bücher an ihre Patienten weiter, und die lesen es dann ihren Kindern vor… So jedenfalls wünschen wir es uns.

Markus: Liegt dir noch etwas am Herzen?

Kalle: Begleitet auf einem Stück meines Weges hat mich Katja Beeck von “Netz und Boden“, einer Initiative für Kinder mit psychisch kranken Eltern. Bei ihr möchte ich mich bedanken. Außerdem widme ich dieses Buch meiner Tochter.

Markus: Ich danke dir für dieses Gespräch, und wir werden noch mehr über deinen Umgang mit dieser Krankheit hören.

Interessierte erfahren Näheres zu Kalle Becker und seiner Geschichte auf seiner Webseite.

www.kallebecker.com/freie-arbeiten/papa-bin-ich-schuld.html

http://www.kallebecker.com/index.php/als-papa-mit-den-kerzen-tanzte (aktualisiert am 9. April 2017 )

Weitere Informationen sind auch auf den Seiten des Projektes KIDS STRENGHTS.  Dieses von der Europäischen Kommission finanziel unterstützte Projekt fördert die Resilienzprozesse bei Kindern und Jugendlichen, die im Kontext von psychisch verletzlichen Eltern aufwachen.

 

 

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. neurologische & psychiatrische Krankheiten

    (Auch) dafür sind die Scilogs da!

    Ich denke auch. Letztlich dienen ja selbst meine Migräne-Beiträge zu einem Teil schlicht der Schärfung des öffentlichen Bewusstseins für diese Krankheit.

    Da ich grundsätzlich an der (angeblichen?) Kluft zwischen neurologischen und psychiatrischen Krankheiten interessiert bin, fand ich diese Beitrag und damit die Eröffnung eines neuen Themas spannend. Im Das Ende der Psycho-Pharmazie? von Stephan Schleim bin ich ja schon mal in einem Kommentar darauf eingegangen.

    Kurzum, ich hoffe mit der Zeit noch weiter in das Thema einzusteigen.

  2. Gut so!

    Ich schließe mich dem Kommentar von Michael Blume an.

    Eigentlich sollte es in unserer aufgeklärten Gesellschaft überhaupt keine Tabu-Themen mehr geben. Es gibt sie aber nach wie vor und daher ist es wichtig, das öffentliche Bewusstsein für gewisse Themen zu schärfen, wie Markus Dahlem ganz treffend bemerkt.

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