Nicht nur Kopfschmerzen

Werbung, die das Wort “Migräne” synonym für Kopfschmerzen nutzt, wirkt verächtlich auf Menschen, die mit der neurologischen Krankheit leben. Diese Werbung zeigt vor allem eins. Migräne wird in der breiten Öffentlichkeit nicht als ernstzunehmende Krankheit verstanden.

Mieterhöhungsparkinson, Mieterhöhungsschlaganfall, Mieterhöhungsepilepsie, Mieterhöhungshirntumor …

Wohl nichts davon würden wir in einer Werbung lesen. Folgendes schon:

Über die sozialen Medien wurde ich auf diese Werbung aufmerksam. In Hamburg soll es zudem Außenwerbung geben. Eine Betroffene schrieb: »Mich regt es auf. Oft wird Migräne eh schon nicht ernst genommen. Diese Werbung trägt nicht grad’ dazu bei, dass Migräne als ernstzunehmende Krankheit Anerkennung findet.«

Diskrepanz zwischen der Krankheitserfahrung und der enttäuschenden Reaktion auf diese Erfahrung

Warum ist dieser Werbeslogan überhaupt möglich? Mir scheint, weil Migräne in der breiten Gesellschaft nicht als ernstzunehmende Krankheit verstanden wird. Wenn der Texter des Werbeslogans Migräne bloß als einen Kopfschmerz missversteht, dann kann das Wort “Mieterhöhungsmigräne” auch keine innere Alarmreaktion in ihm hervorrufen.

Dass absichtlich auf einer Art provoziert werden sollte, die das Leid der Betroffenen herabwürdigt, schließe ich in diesem Fall aus. Denn diese wenig differenzierte Sichtweise ist in Fachkreisen gut bekannt. Also eine Sichtweise, die Migräne mit dem Leitsymptom dieser neurologischen Krankheit gleichsetzt. Da außerdem Kopfschmerzen, wenn auch in anderer Form, nahezu jeder aus eigener Erfahrung kennt, wird es möglich, eine neurologische Erkrankung für die Werbung derart einzusetzen.

Genau dieser Thematik hat die Soziologin Joanna Kempner ein ganzes Buch gewidmet. Es trägt den schönen Titel “Not tonight”. Für Kempner ist die Diskrepanz zwischen der Erfahrung der Migräne und der enttäuschenden Reaktion auf diese Erfahrung das zentrale Rätsel. Sie schreibt: »Wie sollen wir die Tatsache in Einklang bringen, dass Migräne in manchen Kreisen als legitim und ernsthaft angesehen wird, während sie in anderen Kreisen ignoriert, abgelehnt und delegitimiert wird?«

Wie müsste eine erfolgreiche Kampagne aussehen, die die Zielgruppe, um die es geht, auch erreicht? Die Herausforderung besteht darin, Menschen für das Thema zu sensibilisieren, die selber nicht unter Migräne leiden. Sowie auch Menschen, die von einer milden Verlaufsform der Migräne betroffen sind – zum Glück können Erkrankungen auch mit nur gering ausgeprägter Symptomatik verlaufen. Wer hingegen das Pech hat, am anderen Ende des Spektrums mit dieser neurologischen Erkrankung leben zu müssen, dessen Leid wird mit solcher Werbung in der Tat delegitimiert.

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das wäre eine Kampagne, die ich zu gern auf tiefstem Herzen unterstützen wollen würde.
    Wie sie aussehen könnte, weiss ich jedoch leider auch nicht. Obwohl ich schon seit Jahren darüber nachdenke.
    Ich weiss jedoch leider, das klassische Selbsthilfegruppen für Migräniker aus Mitgliedermangel kaum funktionieren. Obwohl es mehr als genug Betroffene gibt. Und ich sehe, wie das Social Media Echo bei der Thematik ist. Wie viele Likes haben sie denn, die Tweets vom #EHF2017 gerade z.B.?
    So lang die Betroffenen sich nicht selbst mobilisieren wird da eher wenig bei den anderen passieren.

  2. O-Ton meines Arztes: Es gibt 160 Arten Kopfschmerzen, da schauen wir nicht genauer drauf.

    Wenn schon Ärzte nicht unterscheiden, wie soll da aufgeklärt werden können?

    • Richtig, tatsächlich wird manchmal sogar zwischen 200 und 360 verschiedenen Arten unterschieden. Diese Erbsenzählerei bringt natürlich nichts, selbst wenn jemanden größte Genauigkeit wichtig ist. Niemanden helfen diese großen Zahlen. Mit wenig Wissen kann man für etwas Ordnung sorgen und die wichtigsten Arten einordnen.

      Sag ihm, das zu 90 % es sich um Migräne oder Spannungskopfschmerz handelt.

      Etwa 20 wichtige Formen sollte dein Arzt aber darüberhinaus schon kennen.

      • Sie machen es jetzt genau umgekehrt:
        Anstatt zu differenzieren, sagen sie “90 % sind Migräne”.

        Um wieviel besser ist das?
        Oder um wieviel glaubwürdiger?

  3. off topic,
    Der Verzicht auf Rotwein und Schokolade hilft bei Migräne. Auch der Druck mit den Daumen über den Augen hilft manchmal.

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