Migräne und Tinnitus

Ohrgeräusche zählen zu den Vorboten einer Migräneattacke. Einige hören ein Klingeln, andere Rauschen, Brummen, Pfeifen oder eine Kombination davon. Eine Migräneattacke kündigt sich an. Als Vorbote in Form einer Migräneaura hält das Ohrgeräusch nicht länger als eine Stunde an. Danach oder schon überlappend setzt der Kopfschmerz ein.

Der Begriff Tinnitus bezeichnet eben solche Ohrgeräuschen, wahrgenommen, ohne dass ein entsprechendes äußeres akustischen Signals vorliegt. Tinnitus hält jedoch länger an, wobei Lautstärke und Charakter schwanken können. Bei bis zu drei Monaten spricht man von einem akuten Tinnitus, danach von einem chronischen Tinnitus.

Nach Schätzungen tritt bei etwa 5-15% der Bevölkerung Tinnitus auf. Der Tinnitus kann sich negativ auf viele Aspekte des täglichen Lebens auswirken. Bei zumindest 1% der Bevölkerung ist die Lebensqualität der Betroffenen deutlich reduziert. Beispielsweise versteht man seine Mitmenschen schlecht, weil bestimmte Frequenzen der Sprache nicht mehr richtig wahrgenommen werden. Diese und weitere Belastungen können so stark sein, dass zusätzlich körperliche und seelische Begleiterkrankungen auftreten, wie Schlafstörungen, Depressionen oder Angststörungen.

In einer neuen Studie wurde nun geschaut, ob Kopfschmerzen bei Tinnitus-Patienten rein zufällig auftreten oder ob diese Symptome in einer Beziehung stehen [1]. Dafür spräche nicht allein, wenn beide zeitgleich auftreten, sondern auch eine gemeinsam bevorzugte Kopfseite. Der Tinnitus kann einseitig, beidseitig oder als im Kopf entstehend wahrgenommen werden. Kopfschmerzen sind einseitig oder beidseitig. Dabei ist der Schmerz evtl. mehr im Bereich der Stirn und Schläfen oder am Hinterkopf zu verspüren.

In der Tat sprechen Kopfseite (»Lateralität«) und das zeitliche Zusammenspiel beider Erkrankungen für einen gemeinsamen pathophysiologischen Mechanismus. Fast 45% der in dieser Studie untersuchten Tinnitus-Patienten litten unter Migräne [1].

Wie die zwei Erkrankungen physiologisch zusammen bleibt unklar. Da Ohrgeräusche zu den Vorboten einer Migräneattacke zählen, liegt aus meiner Sicht die Vermutung nahe, dass diese Vorboten Spuren im Gehirn hinterlassen. In der Tat können sich Aurasymptome festsetzen. Nach mehr als einer Woche spricht man von einer sogenannten »persistierenden Aura«. Dabei muss unbedingt ein radiologischer Nachweis einen Hirninfarkt oder einen gutartigen Tumor des Hör- und Gleichgewichtsnervs ausschließen.

Literatur

[1] Langguth B, Hund V, Busch V, Jürgens TP, Lainez JM, Landgrebe M, Schecklmann M. Tinnitus and Headache.
Biomed Res Int. 2015;2015:797416. Epub 2015 Oct 25. (Link open access)

Weiterführende Literatur

Kreuzer, P. M., Vielsmeier, V., & Langguth, B. (2013). Chronischer Tinnitus–eine interdisziplinäre Herausforderung. Dtsch Ärztebl Int, 110, 278-284. (Link)

Sowie einige Antworten auf diesen Beitrag im Ärzteblatt.

 

Tinnitus

Bildquelle Beitragsbild: wikimedia

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback:Diese Woche: Tinnitus, der Bewegungsapparat und spät einsetzende Migräneaura › Graue Substanz › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  2. Hallo bin gehörlos Dana Kofler aus Klagenfurt. Immer tininus mit Kopfweh nur Migräne so lange Jahre …. ich viel Ärger keine Ruhe . Ich sehr traurig … wie auf hören!? Bitte helfen danke lg Dana.

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