Diese Woche: Nun sag, wie hast du’s mit der Medikation?

Der Streifzug liefert drei Themen: Medikamentenübergebrauch, episodische und chronische Migräne sowie Burnout unter Kopfschmerzexperten.

Eine auf den ersten Blick unscheinbare Publikation über die Migränewelle stellt die fundamentale Struktur der Klassifikation der Kopfschmerzen in Frage – und das ist gut so. Können Kopfschmerzen primär und zugleich sekundär sein? Ein scheinbarer Widerspruch, der in einer neuen Veröffentlichung zutage tritt [1]. Sie weist auf einen physiologischen Mechanismus hin, der bei einen Übergebrauch von Triptanen die Wahrscheinlichkeit einer Migränewelle erhöht. Der Medikamentenübergebrauch erfordert die Diagnose des sekundären Medikamentenübergebrauchskopfschmerz (MÜK). Die Tatsache einer Migränewelle zeigt aber, dass es eine Migräneerkrankung ist. Die Sache ist komplizierter. Es ist die Gretchenfrage und diese wird in einem eigenen Beitrag erläutert.

Sind die episodische und chronische Migräne zwei verschiedene Krankheiten, fragt eine andere aktuelle Veröffentlichung [2]. Ich glaube, dass ist nicht plausibel begründbar. Doch Fällen einer Diagnose chronischer Migräne ohne das vorher episodische Migräne vorlag, sind durchaus interessant unter diesem Gesichtspunkt. Die gleiche Diskussion gibt es mit Migräne mit und ohne Aura. Die allgemeine Frage, wie viele Krankheiten Migräne sind, ist durchaus offen.

Burnout ist eine psychische Erkrankung, die mit Stress und Unzufriedenheit am Arbeitsplatz einhergeht. Noch ist es kein anerkanntes Krankheitsbild. Denn die Abgrenzung zur Depression ist schwierig. Manche sehen den Burnout als ein Vorbotensymptom, andere als eigenständige Krankheit. Offiziell kommt es in den Diagnoserichtlinien aber gar nicht vor. Eine Umfrage fand nun, das Kopfschmerzexperten (nicht Kopfschmerzerkrankte) eine der höchsten Raten von Burnout im Vergleich zu anderen ärztlichen Spezialisten vorweisen. Sie liegt doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Berufstätigen [3]. Warum sie so gestresst und unzufrieden sind bleibt unklar, doch für die Versorgung lässt dies nichts gutes ahnen.

 

Literatur

[1] Becerra L, Bishop J, Barmettler G, Xie JY, Navratilova E, Porreca F, Borsook D., Triptans Disrupt Brain Networks and Promote Stress-induced CSD-like Responses in Cortical and Subcortical Areas., J Neurophysiol. 2015 Oct 21 (Link)

[2] Burshtein, R., Burshtein, A., Burshtein, J., & Rosen, N. (2015). Are Episodic and Chronic Migraine One Disease or Two?. Current pain and headache reports, 19(12), 53-53.

[3] Evans, R. W., & Ghosh, K. (2015). A survey of headache medicine specialists on career satisfaction and burnout. Headache: The Journal of Head and Face Pain. (Link)

 

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Markus A. Dahlem

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

3 Kommentare

  1. Burnout bei Kopfschmerzexperten würde ich spontan auf die geringen Erfolgsraten zurückführen. Doch der Artikel nennt auch administrative “Belästigungen” der US-Experten wie Regulierungen, Probleme mit den Versicherungen oder mit der Art und Weise wie der Affordable Care Act implementiert ist.

    In a sample of 127 headache medicine specialists, 66 (57.4%) physicians reported symptoms of professional burnout reflected by high Emotional Exhaustion and/or high Depersonalization. There is widespread dissatisfaction with work schedules, government regulations, implementation of the Affordable Care Act, insurance company policies, malpractice concerns, patient telephone calls, and compensation.

    Was die adminstrativen Belästigungen der praktizierenden Kopfschmerzpatienten angeht, habe ich den Verdacht, dass diese Regulierungen und Interventionen der Krankenkasse darum passieren, weil es einen öffentlichen Verdacht gibt, dass bei Kopfschmerz schnell viel Geld ausgegeben wird ohne dass das etwas hilft. Dieses Misstrauen gegenüber den Therapien hat sich in Hürden für die Therapeuten übersetzt.

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