Über Depression reden

In diesem Migräneforschungsblog war bisher nie die Rede von Depression. Jetzt kommt jemand zu Wort, der sich auskennt.

Migräne ist die häufigste neurologische Erkrankung. So verwundert es nicht, dass Migräne zusammen mit anderen Krankheiten auftritt. Manche Kombinationen sind häufiger, als dass dies allein durch ein zufälliges Zusammentreffen erklärbar wäre. Dann sprechen wir von »Komorbiditäten«.

Die Komorbidität von Migräne und Depression ist in der Fachliteratur beschrieben. Es ist eigentlich gut bekannt, das viele Probleme, denen Erkrankte gegenüberstehen, sich gleichen und sich auch gegenseitig bedingen. In der Öffentlichkeit wird allerdings selten über Depression gesprochen – noch viel seltener, als über Kopfschmerzerkrankungen. Darüber zu reden, müssen wir üben, meint Kristina Wilms.

 

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Herr Dahmen,

    es ist gut und richtig, dass Sie diese Thematik ansprechen. Denn viel zu wenig reden wir über die geistige Gesundheit unserer Nächsten, unserer eigenen und auch der von der Bevölkerung im Allgemeinen.

    Allerdings muss ich Ihnen und vielen anderen Publizisten jeder Art, eingeschlossen mir selbst, etwas ankreiden. Immer zu wird die Depression thematisiert. Was ist mit anderen weit verbreiteten psychischen Erkrankungen? Was ist mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen, Psychopathie, emotional-instabilen Persönlichkeitsstörungen, Psychosen oder gar multiplen Persönlichkeiten? Kein kleiner Teil der Depressionen sind Resultat und Komborität dieser psychischen Erkrankungen. Oftmals ist die Depression noch der leichter zu behandelnde Faktor, ist die Depression an einen weit weniger intensiven und zeitintensiven therapeutischen Prozess gebunden.

    Ich hoffe, dass unsere Gesellschaft einmal soweit sein wird, dass nicht nur die Depression thematisiert wird und in der offen über jede psychische Erkrankung gesprochen wird, ohne Konsequenzen für den Betroffenen. Daran müssen wir alle, auch Sie, auch ich arbeiten.

    Viele Grüße
    Klaus Höfken

    • Eine Depressive wie Kristina Wilms landet auf der Psychotherapie-Couch, während der von Ihnen erwähnte Narzist durchaus US-Präsident werden kann. Auch Psychopathen leiden selber häufig nicht unter ihrer Persönlichkeitsstörung sondern leiten beispielsweise eines der Fortune 500 Unternehmen. Es stimmt schon, wenn sie schreiben :“Immer zu wird die Depression thematisiert.” Der Grund ist vor allem, dass Depressive vor allem Opfer sind. Narzisten und Psychopathen dagegen gehören nicht selten zu den Tätern.

  2. Lieber Herr Höfken!

    Vielen Dank für Ihren Kommentar.

    Andere psychische Störungen werden ebenso wenig oder gar noch viel weniger öffentlich thematisiert. Sicherlich zählen die Depression und Angststörungen zu den häufigsten psychischen Störungen, was sihc in der Berichterstattung wohl widerspiegelt. Mir ist die Häufigkeit ingesamt der psychische Störungen immer sehr bewußt. Zwei meiner Freude sind daran gestorben, ein weitere durch einen Verkehrsunfall und einer durch Krebs. Über Verkehrsunfälle und Krebs lese ich nahezu täglich. Die Autos werden sicherer, gefährliche Kreuzungen werden baulich entschärft, nachdem die Brennpunkte mit vielen Verletzten aufwendig ermittelt werden. Solche Nachrichten gibt es viele. Und beim Elternabend kann schon mal eine Stunde vergehen, in der angeregt über die nötige Ampel diskutiert wird, aber keiner auch nur je eine Silbe über Milenas Vater spricht, der psychisch erkrankt ist.

    Trotzdem: mein Blog hat ein neurologisches Schwerpunktthema und das ist auch gut.

    Vor sieben Jahren habe ich einen Freund für einen Blogbeitrag interviewed. Dort ging es um ein Buch für Kinder schizophrener Eltern. Die Geschichte erzählt von Milena, deren Vater in die Klinik muss. Milena versucht, herauszufinden, warum. Der Beitrag hieß »Papa bin ich Schuld«, so wie das Buch zunächst heißen sollte. Später erschien es beim Kölner atp-Verlag unter dem Titel »Als Papa mit den Kerzen tanzte« erschien.

    Auch bei diesem Buch geht es darum, über die Krankheit zu reden. Das Buch ersetzt zwar keinen Dialog, aber es macht es leichter innerhalb der Familie darüber zu reden.

    Vereinzelt kann ich auch solche Dinge im Blog einstreuen. Wobei mir zwei Dinge wichtig sind. Der Bezug zu mir und meiner Kompetenz und der wissenschaftliche Bezug.

  3. Ganz sachlich: Schwieriges Thema, diese Komorbidität. Gibt es einen Zusammenhang darüber hinaus, das einen ständige Schmerzen und anderweitige Beeinträchtigungen das Leben ziemlich vermiesen können und man so gesehen eine Depression “mit Grund” entwickelt? Dazu müsste man irgendwie die Depressionsquote bei anderen Grunderkrankungen ermitteln. Was ich jetzt um wirklich nüchterne Zahlen zu bekommen für ziemlich schwierig halte. Aus meinen – nicht evidenzbasierten und belastbaren – Erfahrungen in der Selbsthilfe ist es jedoch so, das (Kopf)Schmerzpatienten jeder zermürbter sind als z.B. Epileptiker.

    Ganz unsachlich: Frau Wilms trifft da komplett meinen Humor UND meine Ansichten. Chapeau!

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