Das neue Bühnenbild der Wissenschaft

Graue Substanz

Eintönig war vorgestern. Irgendwann kamen die Bilder auf die Titelseiten der Fachzeitschriften und dann mit dem Internet kamen zusätzliche Angebote auf den Markt. Wissenschaft wächst immer schneller und muss dabei zeitnah und kompakt vermittelt werden. Heute erscheint die führende Zeitschrift Nature auf ganz neuer Bühne, online wie print.

Der Fachzeitschriftenmarkt für Naturwissenschaften, Technische Wissenschaften und Medizin ist riesig. Einige Anbieter stechen hervor. Die  Nature Publishung Group (NPG) war für mich schon zuvor ein Giuseppe Galli da Bibiena des wissenschaftlichen Bühnenbilds. Heute hat die NPG ihre Zeitschrift Nature noch einmal fein mit einem Redesign herausgeputzt. Das Bühnenbildbildnis betrifft weniger die Ästhetik umsomehr aber den strukturellen Umbruch, der eine neue Sicht für den Leser eröffnet und es sogar erlaubt, mit ihm in einen Dialog zu treten.

Dieser Umbruch bei Nature ist schon früh vonstatten gegangen. Zum einen in der front half ist das zu sehen. Dort werden schon lange journalistische Beiträge und Meinungen den Orginalarbeiten vorangestellt. Stärker noch verzweigte sich das Angebot mit neuen Diensten seit dem 1997 die Website online ging. Es gibt Nature Podcast, Nature Video, Nature Blogs, Nature Jobs und vieles mehr.

Er dagegen, der Bühnenbildner des 18. Jahrhunderts, brach mit der Zentralperspektive und nutzte eine Übereckstellung geschickt zu mehreren Fluchtpunkten. Nature hat auch weit mehr als die Zentralperspektive auf die wissenschaftlichen Originalarbeiten zu bieten.


Es braucht verschiedene Perspektiven, um Wissenschaft umfassend darzustellen.

Giuseppe Galli da Bibiena war auch der erste, der transparente Materialien im Bühnenbild nutzte. Nichts anderes tat die NPG. Jene Transparenz erzeugte eine Vielschichtigkeit und lies den Zuschauer Dinge sehen, die eigentlich versteckt liegen. So dient auch diese neue Transparenz zweifach. Vielschichtig wird in "This Week", "World View", "News in Focus", "Comment", "Highlights", das moderne Wissen aber auch alles drum herum, wie z.B. wissenschaftliche Förderlandschaften und Karrierewege, Laien wie Wissenschaftskollegen näher gebracht. Erkenntnisse, die in den folgenden Originalarbeiten hinter einer Fachsprache von den Autoren versteckt werden, durchleuchten diese weiteren journalistischen Zusatzangebote.

Sandra Linde, Bühnenbild, Die Welt auf dem Mond, Ekhoftheater Gotha
Bühnenbild von Sandra Linde.

Unendlichkeit wird im Theater vorgetäuscht. Wie schön das geht. Auf dem Wissenschaftsmarkt muss unendlich viel Publiziertes aktuell und kompakt abgebildet werden. Beides keine leichte Aufgabe. Im neuen Gewand schafft die home page von Nature nun mehr Ordnung. Ich gehe jetzt selbst mal auf Entdeckungsreise in das neue Theater. 

Nature Website
So sah es noch gestern aus.


Und so wird ab heute das Erscheinungsbild sein.

In drei Videos wird durch die Fülle dieses Angebotes im neuen Design geführt.  Ich gucke schon.

Markus A. Dahlem

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

6 Kommentare

  1. Einseitiges Loblied

    Ich lese zwar auch sehr gerne und wöchentlich in Nature und monatlichen in verschiedenen Fachausgaben der NPG, finde das aber nicht alles nur wunderbar.

    Dass die Grenze zwischen Wissenschaft und Journalismus in so manchem Artikel verschwimmt (und damit auch diejenige zwischen Information und Unterhaltung), finde ich nicht nur positiv; ferner wundere ich mich über den Vorstoß, Bloggern einen Freibrief für Berichte von Fachkonferenzen zu erteilen. Man braucht nur daran zu denken, dass bei diesen Präsentationen kaum eine Qualitätskontrolle stattfindet. Jedenfalls mahnen inzidentelle Berichte über Methodenfehler in solchen Vorträgen zur Vorsicht.

    Zum Schluss möchte ich nur daran erinnern, dass NPG jüngst den Universities of California eine Preiserhöhung auf 400 Prozent angekündigt hat (von rund $4.500 auf über $17.000 pro Jahr).

  2. P.S. Preise und Bilder

    Die Abo-Preise gelten natürlich pro Journal; übrigens werden die Bilder bei mir nicht vollständig geladen. Daher kann ich dem Post leider nicht ganz folgen.

  3. Hallo Stephan

    Ich habe über die für mich unter Fachzeitschriften einmalige Mischung von Nature geschrieben. Deswegen bin ich voll des Lobes.

    Genau weiß ich natürlich nicht woran es liegt, aber in drei verschiedenen Arbeitsgruppen, in denen ich die letzten Jahre war, wurde Nature mehr gelesen als z.B. Science. Mag Zufall sein oder Momentaufnahme. Beide sind in ihrem impakt factor ähnlich, beide genießen hohe Reputation. Vor 12-18 Jahren war es eher die Zeitschrift Science, die ich las. (Und über die wir eher redeten. Wobei ich damit gar nicht meine, dass wir schwärmten, sondern durchaus kritisch die Bedeutung solcher Flagschiffe sahen und die ich heute noch sehe.) Ich vermute aber, es liegt an der Mischung warum heute ich so oft Nature durchgucke. Damit meine ich nicht nur die Mischung front und back half, sondern auch nature jobs zum Beispiel, was für mich schon mal ein wöchentlicher Anlaufpunkt ist. Anfangs hatte ich auch Science Careers durchgesucht. Nicht das gleiche, kann ich sagen, ohne genau zu wissen warum es das für mich nicht war.

    Ich denke Nature schafft es mit seiner Mischung, Wissenschaft in besonderer Weise zu kommunizieren. Dass mich das als Blogger begeistert, dürfte kaum wundern. Und dann lobe ich gerne und einseitig. Denn über nichts anderes habe ich geschrieben. Ich meine damit, ich habe das ja nicht in den Vordergrund eines umfassenden Berichtes über Nature gestellt. Das wäre vielleicht fragwürdig in seiner Gewichtung.

    Klappt es mit den Bilder mittlerweile? Ist mir ein Rätsel und ist schade, wenn’s nicht Rund läuft. Werde Martin mal fragen.

    Grüße
    Markus

  4. Holtzbrinck

    Habe gerade die Kommentare bei Gunnar Ries gelesen.

    Vorbeugend also dazu: Mir war völlig klar das Nature zu Holtzbrinck gehört, ebenso wie Spektrum, also auch die SciLogs.

    Aber muss Gunnar Ries oder ich nun gerade deswegen kritisch schreiben, damit wir unsere Unabhängigkeit bewahren? Das wäre ja absurd.

    Ist es Zufall, dass wir zwei nun freundlich geschrieben haben? Will jemand nun wirklich ein Statistik n=2 machen?

    Ist es Zufall, dass wir zwei nun überhaupt über Nature geschrieben haben? Nein. Denn woher haben wir wohl als Blogger die press release vorab gehabt? Über die SciLogs. Muß ich nun ablehnen darüber was zu schrieben? Das wäre ebenso absurd.
    Darf ich ablehnen darüber zu schreiben. Ja sicher darf ich, haben einige gemacht, weil sie schlicht keine Lust oder Zeit hatten. Aber sicher keiner, weil er sich nicht getraut hätte, Nature zu zerreißen.

    So ist das.

  5. @ Markus

    Danke für die Rückmeldung. Inzwischen denke ich, dass mein Kommentar hier vielleicht fehl am Platz war (mit Ausnahme des Aspekts der verschwimmenden Grenze zwischen Wissenschaft und Journalismus, den man evtl. an dem neuen Layout festmachen kann). Ich will mich des Themas Live-Blogging von Konferenzen, worüber in Nature mal diskutiert wurde, in einem zukünftigen Bericht gesondert annehmen.

    Auch mit Blick auf die Diskussion bei Gunnar Ries möchte ich aber doch darauf hinweisen, dass ein deutlicher Hinweis auf eine redaktionell lancierte Initiative zu einer Schwesterpublikation schon im Voraus Verdachtsmomente beseitigen kann.

  6. @Stephan

    Auch mit Blick auf die Diskussion bei Gunnar Ries möchte ich aber doch darauf hinweisen, dass ein deutlicher Hinweis auf eine redaktionell lancierte Initiative zu einer Schwesterpublikation schon im Voraus Verdachtsmomente beseitigen kann.

    Stimmt.

    Ich hatte nur darüber nachgedacht, ob ich so ein Loblied überhaupt anstimmen darf, nachdem ich mich für diesen Aufhänger (Giuseppe Galli da Bibiena) als Thema entschied.

    Als ich eine Sekunde später wusste, dass ich es darf, dachte ich nicht mehr daran eine Anmerkung zu machen. Vielleicht gerade ein wenig trotzig.

    Paradoxerweise hätte ich also wahrscheinlich dies erwähnt, wenn ich einen anderen, kritischeren Aufhänger gewählt hätte.

    Denn Martins Argument, dass wenn ich “bei blogspot einen Artikel über Google schreibe, muss ich darunter auch keinen Disclaimer setzen” muss, ist zwar sicher von der Zielrichtung richtig, aber letztlich ist Nature und Spektrum und damit auch SciLogs als Portal doch enger verbunden, als Google und blogspot und ein einzelner Nutzer.

    Ich finde also diese Diskussion nun völlig in Ordnung. Meine klare Stellungnahme zuvor bedeutet nicht, dass die Kritik völlig unberechtigt ist. Die Unterstellung, die dahinter stehen könnte, wäre es schon.

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