Rezension: Barnacks erste Leica

Zur Abwechslung mal wieder eine Buchbesprechung: “Barnacks erste Leica” von Dr. med. Hans-Günter Kisselbach, Subtitel “Das zweite Leben einer vergessenen historischen Kamera”, erschienen 2008 im Lindemanns Verlag, ISBN 978-3-89506-282-7.

Zur Einordnung des Autors: Hans-Günter Kisselbach (geb. 1950) ist HNO-Arzt in Wetzlar. Allen Leica-Kennern wird sein  Nachname bekannt vorkommen – Hans-Günter Kisselbach ist ein Sohn von Theo Kisselbach (1908-1984), dem langjährigen Leiter der Abteilung “Leica-Technik” bei der Firma Leitz und bekannten Buchautor, Fotografen und Leica-Experten.

Hans-Günter Kisselbach ist selbst auch Fotograf, und zwar zweifelsohne ein sehr guter und erfahrener. Einige seiner mit einer Leicaflex SL2 gemachten Aufnahmen sind im Buch zu sehen. Eine SL2 ist ganz bestimmt nichts für Gelegenheitsknipser. Die würden heutzutage ohnehin eher zur Digitalkamera greifen.

Oskar Barnack (1879 – 1936), um dessen Werk es in diesem Buch geht, ist eine Legende der Kamerageschichte. Er baute1913 die erste Kleinbildkamera, die das 35mm-Material der Bewegtfilmkameras nutzte und somit nicht nur wesentlich kompakter als die damals genutzten Plattenkameras war, sondern auch deutlich geringere laufende Kosten verursachte.

Drei Schraubleicas, auch bekannt als "Barnacks", aus meiner Sammlung. Die jüngste, eine Leica IIIg (inks im Bild) ist nur 60 Jahre alt, die älteste der drei, eine IIIa (rechts), schon 80.

Credit: Michael Khan / Drei Schraubleicas, auch bekannt als “Barnacks”, aus meiner Sammlung. Die jüngste, eine Leica IIIg (inks im Bild) ist nur 60 Jahre alt, die älteste der drei, die noch von Oskar Barnack entwickelte IIIa (rechts), schon 80. Alle drei werden von mir noch eifrig genutzt, auch auf Reisen. Der Aufforderung von Flugbegleitern, bei Start und Landung meine Kamera auszuschalten, kann ich leider nicht nachkommen.

Barnacks Erfindung war der Vorläufer der ab 1925 angebotenen Leica, die ihren Hersteller zur Weltfirma machte und den Siegeszug des Kleinbildformats begründete. Auf dem Weg vom ersten Modell zum marktreifen Produkt stellte Oskar Barnack noch per Hand einige Prototypen her, mit deren Hilfe der geniale Erfinder diverse technische Probleme löste. Eine davon war ein “Handmuster”, das 1920/21 entstand und nach dem Krieg von Theo Kisselbach erworben wurde. Hans-Günter Kisselbach erbte dieses Handmuster und richtete es mithilfe von hochqualifizierten Bekannten und Freunden so her, dass er damit fotografieren konnte … nicht nur im Labor oder Studio, sondern im Alltag und auf Reisen.

Die Restaurierung dieses einmaligen historischen Objekts zog sich über Jahre hin. Natürlich hat die Tatsache, dass der Autor in Wetzlar als Sohn von Theo Kisselbach gut vernetzt ist, ihm so manche Tür geöffnet. Aber das allein erklärt nicht den Erfolg des Projekts. Der ist eher der Hartnäckigkeit zu verdanken, mit der Hans-Günter Kisselbach sein Ziel verfolgte. Die Komplexität der Aufgabe ist beispielsweise daran ersichtlich, dass ein Kapitel des Buchs mit “Der Klemmkörper-Freilauf” übertitelt ist. Mit einem solchen Bauteil versucht der Autor, den Rückschlag des zweiten Verschlussvorhangs zu unterbinden, der in jedem Bild zu einem doppelt belichteten Streifen führt.

“Barnacks erste Leica” ist in mehrere voneinander unabhängige Kapitel gegliedert. Nicht alle sind für jeden Leser gleichermaßen von Interesse (wie bei jedem Sachbuch), aber in vielen findet sich interessantes, erstveröffentlichtes Material. Mich hat besonders der Exkurs in die Feinmechanik mit einem Interview mit dem hochkarätigen Experten Ottmar Michaely und diversen Detailaufnahmen des auseinander gebauten Handmusters fasziniert. Ich habe erst jetzt verstanden, wie komplex der Verschluss einer Kamera ist.

Möchte ich so eine Kamera haben? Nicht wirklich. Ich hätte die technischen Probleme nie so elegant lösen können wie Dr. Kisselbach. Vor allem hätte ich nicht die Geduld, vier Jahre lang herum zu frickeln. Aber ich freue mich, dass es Enthusiasten wie ihn gibt. Dank seines unermüdlichen Einsatzes wurde ein Objekt von einzigartigem historischem Wert gerettet.

Ein großer Teil des Buchs ist den Aufnahmen gewidmet, die mit der zunächst teil-, dann vollständig restaurierten historischen Kamera gemacht wurden. Hier hat der Verlag dankenswerterweise keine Kosten gescheut. Die Bilder sind hochaufgelöst und großformatig gedruckt, sodass man die Qualität der alten Technik beurteilen kann.

Die Qualität hat mich umgehauen – das sage ich ohne Übertreibung. Das Objektiv, ein von Max Berek gerechneter Anastigmat mit einer Brennweite von 50mm und einer Öffnung von f/3.5 überzeugt auf ganzer Linie. Es ist kaum zu glauben, was dieses winzige, mittlerweile fast 100 Jahre alte Objektiv mit seinen vier unvergüteten Linsen an Kontrast und Detailreichtum herausholt. Mit dem damals verfügbaren Filmmaterial war dieses Objektiv nicht an seine Grenzen zu bringen – es war seiner Zeit um Jahrzehnte voraus.

Der Erfolg der Leica hat viele Gründe. Zum einen die maßgebliche Beteiligung von Ausnahme-Experten wie Barnack und Berek. Zum anderen aber auch der lange Reifungsprozess. Zwischen dem ersten Modell 1913 und der Marktreife lagen 12 Jahre, auch wegen des ersten Weltkriegs und der darauf folgenden politischen und wirtschaftlichen Krisen in Deutschland. Diese 12 Jahre wurden offenbar gut genutzt.

Ich kenne viele Leicas. Nicht alle sind so zukunftsweisend, wie Barnacks erste Leica es war.

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

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