Nordkoreanischer Satellitenstart erfolgreich

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Raumfahrt aus der Froschperspektive
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NORAD bestätigt, dass es Nordkorea offenbar erstmals gelungen ist, einen Satelliten mit einer nordkoreanischen Rakete in die Erdumlaufbahn zu starten. Ich habe noch keine belastbaren Aussagen zu Art und Funktionsfähigkeit der Nutzlast gelesen.

Allerdings werden offenbar drei neue Objekte im Orbit indentifiziert, die im Zusammenhang mit diesem Start stehen. Hm … drei? Die Oberstufe, die Nutzlast und …?

Hier eine Animation des Starts vom youtube-Account der Firma Analytical Graphics:

Jonathan McDowells Webseite gibt weitere Informationen zum Start und zu den erreichten Bahndaten. Demnach sei der Startazimut von der Startbasis Sohae-Ri fast genau südlich gewesen, um allen Hoheitsgebieten sämtlicher Nachbarländer auszuweichen – wobei aber doch ein Überflug kleinerer japanischer Inseln unvermeidlich war. Dies hätte zu einer Bahnneigung von 88 Grad geführt. Die Drittstufe hätte dann aber eine Manöverkomponente senkrecht zur Bahnebene durchgeführt, um die Bahnneigung auf 97.4 Grad zu ändern. Die Endbahn ist damit sonnensynchron mit Peri- und Apogäumshöhen von 494 und 588 km.

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Ein mittlerweile veröffentlichtes Kommuniqué der nordkoreanischen staatlichen Presseagentur bestätigt die von Jonathan McDowell genannten Bahndaten. Wobei sich da die Frage stellt, ob die Nordkoreaner nicht mangels eigener Tracking-Kapazitäten einfach ihre Bahnbestimmung von den Amerikanern “machen lassen” und in den vom US-Space Command veröffentlichten TLEs ablesen.

(Der Mitteilung ist auch zu entnehmen, dass mit diesem Start des einhundertsten Geburtstags des Gründers der herrschenden Dynastie, Kim Il Sung gedacht werden soll. Der wurde am 15. April 1912 geboren. Am 12. April 1912 fand bereits ein erfolgloser Startversuch statt, damals stürzte die Rakete aufgrund des Versagens der Erststufe ins Meer. Der Verdacht liegt nahe, dass jener Start unbedingt stattfinden sollte, egal, ob die Ingenieure der Meinung waren, die Rakete sei schon bereit. Es könnte auch beim Dezemberstart erheblichen Druck von oben gegeben haben, denn dies war die letzte Chance, es noch im Jubiläumsjahr zu schaffen. Es ist bekanntlich immer ganz toll, wenn die Politik in technische Fragen hineinredet.)

Die Katalognummer ist 39026 und die internationale Bezeichnung des Starts 12-072, wobei angehängte Buchstaben (A, B, C …) die mit diesem Start in Verbindung stehenden Objekte bezeichnen. Die Sendefrequenz soll 470 MHz betragen, ob jedoch ein Signal empfangen werden konnte, ist mir nicht bekannt.

Hier die Ankündigung in den Nachrichten im nordkoreanischen Fernsehen. Ich nehme zumindest an, dass es darum geht. Da ich kein Koreanisch kann, könnte ich mich auch irren. Vielleicht handelt es sich ja auch um das nordkoreanische Äquivalent zum Musikantenstadl. Dann muss ich aber sagen, dass die Musik in deren Musikantenstadl deutlich besser als im deutschen ist.

Auf der offiziellen Webseite der Demokratischen Volksrepublik Korea steht noch nichts dazu. Die scheint aber ohnehin nicht auf Aktualität bedacht zu sein. Beispielsweise haben sie ja schon vor einem Jahr einen neuen König Ersten Sekretär der koreanischen Arbeiterpartei, Vorsitzenden der Nationalen Verteidigungskommission, Oberbefehlshaber der koreanischen Volksarmee und Präsidenten des Zentralkomittees der koreanischen Arbeiterpartei bekommen, was aber auf der Webseite der DPRK, dort wo die Biographien ihrer Föhrer verzeichnet sind, noch nicht angekommen zu sein scheint.

Auffallend ist auch, dass in dem weiter oben zitierten offiziellen Pressekommuniqué der verstorbene Staatschef Kim Jong il namentlich erwähnt wird, und zwar zwei Mal und in größerem Schriftsatz als der umgebende Text, sein Sohn, Nachfolger und jetzige starke Mann Kim Jong Un aber mit keiner Silbe. Ein Hinweis auf seine Kaltstellung?


+++ Update 12. Dezember 2012, 17:30 MEZ +++ Die Bahn des Objekts 2012-072-A ist jetzt auf heavens-above.com einsehbar, aber noch nicht die der assoziierten Objekte. Da es sich aber um eine sonnensynchrone Bahn handelt und die lokale Zeit seines Durchgangs durch den absteigenden Knoten 09:00 beträgt (die lokale Zeit des aufsteigenden Knotens somit 21:00), ist er bei uns im Winter niemals sichtbar.  Um 09:00 ist der Himmel schon zu hell, um 21:00 ist die Sonne zu tief unter dem Horizont. Im Sommer wäre das anders – mal angenommen, der Satellit ist groß genug, um duch das Licht, das er bestenfalls reflektiert, sichtbar zu sein, was sehr unwahrscheinlich ist.

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten Meinungen sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

8 Kommentare

  1. Zur Frage

    Bei noch genauerem Hinsehen werden sich noch weitere Objekte als drei finden, z.B. kleinere Teile – nichts besonderes, wie ich bitte meine. Wie verhält es sich mit Materialien der Verkapselung z.B. ?

  2. Wieviele Objekte im Orbit

    Üblicherweise wird die Nutzlastverkleidung schon so früh wie möglich abgesprengt, nicht erst bei Erreichen der Umlaufbahn. Das wäre ja tote Masse, die unnütz mit heraufgeschleppt wird. Eigentlich sollten auch sonst keine weiteren Teile an- bzw. abfallen. Selbst wenn tatsächlich Deckel von Instrumenten abgesprengt werden, was eigentlich nicht sein sollte, dann geschieht das erst in den Tagen nach dem Start, bei der Kommissionierung des Satelliten und seiner Nutzlast, aber nicht schon während des Starts.

    Wenn man jetzt schon mehr als zwei Teile sieht, dann hat ist da entweder mehr als eine Nutzlast an Bord, oder aber Oberstufe oder Nutzlast haben ungeplant etwas verloren, beispielsweise Isolationsfolie – oder da hat sich etwas zerlegt. Es wird sich ja herausstellen, ob da ein Satellit Funksignale sendet, oder zwei Satelliten, oder gar keiner. Wahrscheinlich wird es auch versuche geben, die Objekte per abbildendem Radar bildlich darzustellen. Ob wir die Bilder zu sehen kriegen, ist aber eine andere Frage.

  3. Allgemeine Empörung

    “wobei aber doch ein Überflug kleinerer japanischer Inseln unvermeidlich war”

    Anscheinend hat Japan scharf dagegen protestiert und auch andere Länder empörten sich:

    http://derstandard.at/…UN-Sicherheitsrat-anrufen

  4. Die drei Teile

    Über deren Natur hatte sich McDowell anderswo geäußert – und die nordkoreanische Nachrichtenagentur hat inzwischen ein halbes Dutzend Artikel zum Start veröffentlicht (ob irgendwer schon was vom Satelliten empfangen hat, steht da allerdings nicht). Frage mich übrigens, ob ein Land, das seinen ersten eigenen Orbitalstart geschafft hat, von irgendeiner internationalen Behörde traditionell eine Urkunde oder Medaille oder so was erhält …

  5. @Mona: ReaktionenDass die japanische Regierung sich ganz furchtbar aufregen würde, war schon im Vorfeld klar. Das haben die ja auch schon mehrfach angekündigt. Schließlich ist da gerade die Endphase des Wahlkampf, da ist man über jede Steilvorlage froh und darf sich bloß nicht den Anschein geben, weich zu sein, weil die Opposition das gleich ausnutzt. Auch in Südkorea ist jetzt Wahlkampf, deswegen wird da auch kräftig auf die Pauke gehauen.
    Dem nordkoreanischen Regime kann es Recht sein. Deren schon seit Jahrzehnten erfolgreiches Geschäftsmodell besteht darin, den Nachbarn einerseits Angst vor irgendeiner irrationalen Handlung des Regimes zu machen, aber noch mehr Angst davor, dass das Regime fällt und ein unkalkulierbares Machtvakuum entsteht. Im Endeffekt läuft es immer wieder darauf hinaus, dass alle rundherum gackern und kakeln und mirakeln und spektakeln und dann doch wieder die Stütze überweisen.
    So sind alle zufrieden. Die einen haben ein Wahlkampfthema und können sich mit martialischen Posen oder Mobilmachung ihrer Aegis-Kreuzer und Patriot-Raketen profilieren, die anderen kriegen wieder etwas Kohle, sodass es eine Zeitlang weiter geht.
    Beunruhigend aus Sicht des nordkoreanischen Regimes sind nicht irgendwelche Protestnoten aus Seoul und Tokio. Damit wischen die sich in Pjöngjang den Hintern. Anrufung des Weltsicherheitsrats? Umso besser, je mehr Sorge in der Weltgemeinschaft, desto mehr Angst, dass das System kippt und die Waffen auf dem Weltmarkt landen.
    Beunruhigend ist allenfalls, dass es man diesmal offenbar auch dem einzig wirklich wichtigen Verbündeten auf die Zehen getreten ist, ohne dessen Unterstützung, oder gar bei dessen Ausübung von Druck, sofort Schicht im Schacht wäre: Beijing.

  6. Macht der Satellit einen Mucks?

    In den Kommentaren zu diesem Artikel auf spaceflightnow.com diskutieren einige normalerweise sehr wohlinformierte Leute (Den Kommentar, in dem behauptet wird, die X-37 sei ein Antisatelliten-Satellit, ignorieren wir aber besser mal) und stellen dabei fest, dass noch kein Signal festgestellt werden konnte.

    Falls es eine offizielle koreanische Stellungnahme gegeben hat, dann ist mir die nicht bekannt. Die weiterhin anhaltende Abwesenheit der Ankündigung der Funktionstüchtigkeit des Satelliten werte ich irgendwann einmal als Eingeständnis seiner Funktionsuntüchtigkeit.

    Was die drei Objekte betrifft, Spekulieren hilft nicht weiter. Ich habe mir die TLEs angeschaut, in der Hoffnung, aus den Daten über die Bahnänderung Rückschlüsse auf die Objekte ziehen zu können, aber ich fürchte, das ist noch zu ungenau. Man wird wohl mindestens einen tag der beobachtung brauchen, um auf aussagekräftige Daten zu kommen.

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