Banjawarn, die Sekte, Massenvernichtungswaffen und ein großer Knall

Heute vor 25 Jahren, am 28.5.1993, registrierten Messstationen ein seismisches Ereignis der Stärke 3.6 auf dem Gebiet eines riesigen landwirtschaftlichen Betriebs in Westaustralien, der 400,000 Hektar großen Banjawarn Station (Geohack).

Das Ereignis

Das allein wäre nichts Besonders – nur ein kleines Erdbeben (siehe hierzu einen Artikel des IRIS-Konsortiums). Augenzeugen (einige wenige LKW-Fahrer und Goldsucher) berichten aber von mehrfachen Leuchterscheinungen im Himmel zum Zeitpunkt der seismischen Störungen, sowie von einem langgezogenen, tiefen Donnergrollen, was bei einem kleinen Erdbeben nicht zu erwarten gewesen wäre.

War es ein Einschlag eines kleinen Asteroiden? Ein Einschlag hätte einen Krater hinterlassen. Es wurde aber kein Krater auf dem Gelände der Banjawarn Station gefunden. Da niemand zu Schaden gekommen war, verfolgte man die Sache zunächst nicht weiter.

Die Sekte

Im April 1993 wurde die Banjawarn Station von der japanischen Weltuntergangssekte Aum Shinrikyo (die richtige Transkription der japanischen Schreibung オウム真理教 wäre eigentlich “oumu shinrikyou”, aber “Aum Shinrikyo” hat sich in der Berichterstattung etabliert)  gekauft. Der Sektengründer hatte sich den Namen Shoko Asahara gegeben und hielt sich selbst für Christus. Nach seiner Ansicht stand der Weltuntergang durch einen Atomkrieg kurz bevor; die einzigen Überlebenden würden die Sektenmitglieder sein. Um ihr Überleben zu sichern, müsse die Sekte selbst Massenvernichtungswaffen produzieren und besitzen.

Im Frühjahr 1995 wurde Japan von einer Welle von Gewaltverbrechen im Zusammenhang mit Aum Shinrikyo erschüttert und die japanische Polizei hob Zentren der Sekte in Japan aus, darunter auch Labors zur Herstellung von Giftstoffen. Dabei wurde auch sehr viel Geld sichergestellt. Der folgenreichste Anschlag war die Freisetzung des Nervengases Sarin in der Tokioter U-Bahn am 20.3.1995 mit 13 Toten und Hunderten von Verletzten. Bereits 1994 hatte die Sekte einen Sarin-Anschlag mit 8 Toten und Hunderten Verletzten in der Stadt Matsumoto verübt. Die Urheberschaft von Aum Shinrikyo konnte allerdings erst später nachgewiesen werden.

Am 5.5.1995 wurde ein weiterer Attentatsversuch vereitelt. Dieses Mal sollte Blausäure statt Sarin freigesetzt werden. Dabei hätte die Zahl der Todesopfer in die Tausende gehen können, wenn das Attentat geglückt wäre. Hinzu kamen Attentatsversuche gegen einen Polizeichef und den Gouverneur von Tokyo. Hideo Murai, der “Chefwissenschaftler” der Sekte wurde vor laufenden Kameras von einem yakuza erdolcht. Dieser “Chefwissenschaftler” war, wie sich später herausstellte, persönlich und direkt am Mord an einem Journalisten und seiner Familie (darunter ein 14 Monate altes Kleinkind) im Jahre 1989 verantwortlich. Dieses bestialische Gewaltverbrechen hatte aber wohl kaum etwas mit Murais Ermordung zu tun, deren Hintergrund nie wirklich aufgeklärt wurde.

Die Sekte arbeitete offenbar nicht nur an chemischen, sondern auch an biologischen Waffen. Es gibt fundierte und sehr verstörende Belege, dass von Aum Shinrikyo Milzbranderreger nicht nur kultiviert, sondern auch absichtlich in mindestens einem Wohngebiet freigesetzt hat, siehe hier und hier und hier.

Asahara wurde im Mai 1995 verhaftet und mit 12 anderen Mitgliedern der Sekte im Jahre 2004 zum Tode durch den Strang verurteilt. Er hat immer jegliche Beteiligung von Aum Shinrikyo an den diversen Terrorattacken bestritten. Seine Verteidiger plädierten auf verminderte Schuldfähigkeit aufgrund von Unzurechnungsfähigkeit, was mir eigentlich durchaus gerechtfertigt erscheint. Bis heute wurde die Vollstreckung des Urteils aufgeschoben.

Aum Shinrikyo in Banjawarn Station

Als das Ausmaß der von Aum Shinrikyo verübten Verbrechen publik wurde, schauten die australischen Behörden endlich genauer hin, was die Sekte auf der Banjawarn Station alles angestellt hatte. Aum Shinrikyo hatte die Liegenschaft im Oktober 1994 wieder veräußert. Es konnten aber an diversen Stellen Spuren von Sarin festgestellt werden. Ferner wurden die Kadaver von Schafen gefunden, an denen das Giftgas ausprobiert worden war.

Schon 1993 wurden Sektenmitglieder bei der Einreise in Australien erwischt, weil sie im Gepäck Dinge wie Gerätschaften zum Schürfen von Mineralien, Atemgeräte und Behälter mit Blausäure (!) mitführten. Die verdächtigen Artikel wurden konfisziert und Geldstrafen verhängt, aber die Leute wurden auf freien Fuß gesetzt. Damals wusste man noch nicht, welche Gefahr diese Organisation darstellte. Der Transport von Blausäure in einem Verkehrsflugzeug hätte eigentlich schon Anlass geben können, sich ganz genau anzuschauen, was die dort machten, aber offenbar geschah das nicht.

Man wusste nun, dass die Sekte über Sarin und Blausäure verfügt und keine Skrupel hatte, diese Gifte gegen Menschen einzusetzen, auch gegen große Gruppen Unbeteiligter und ohne Vorwarnung. Die Banjawarn Station wurde offenbar zum Aufbau und zum Test der Entwicklungskapazität von Giftgas genutzt. Die ziemlich eindeutig dokumentierten Aktivitäten von Aum Shinrikyo im Bereich der biologischen Waffen fanden dagegen anscheinend nicht auf der  Banjawarn Station statt.

Am 21.1.1997 spekulierte ein Artikel in der New York Times über die Möglichkeit, dass Aum Shinrikyo am 28.5.1993 in der Banjawarn Station einen kleinen Nuklearsprengsatz mit einer Sprengkraft von etwa 2 kt zur Explosion gebracht haben könnte. Das finde ich allerdings wenig plausibel. Zunächst einmal braucht man zur Herstellung selbst eines kleinen nuklearen Sprengsatzes einfacher Bauart eine erhebliche Infrastruktur und eine beträchtlichen Menge spaltbaren Materials. Das wäre der japanischen Polizei aber wohl aufgefallen, als sie zwei Jahre zuvor die Zentren der Sekte aushob. Außerdem bleibt die Zündung einer Nuklearwaffe nicht geheim, allemal, wenn der Test oberirdisch erfolgt. Noch Jahre danach wäre der Fallout messbar.

Der Artikel in der New York Times spekuliert dann auch noch über die Möglichkeit einer “seismischen Waffe”, also der gezielten Auslösung eines schweren Erdbebens. Das ist aber wohl eher aus dem Bereich der Science Fiction gegriffen und entlarvt den ganzen Artikel als bloße Sensationshascherei.

Und was war’s nun?

Über oder in Banjawarn hat es am 28.5.1995 offenbar wirklich geknallt. Die seismischen Messungen sind eindeutig, und wenn man die Augenzeugenberichte ernst nimmt, ist ein Erdbeben  keine plausible Erklärung.

Der Test eines kleinen nuklearen Sprengsatzes durch die Sekte Aum Shinrikyo ist auch nicht plausibel. Nicht, weil diese Leute davor zurückgeschreckt hätten, sondern weil sie es nicht (oder noch nicht) konnten. Und weil eine nukleare Explosion eindeutige Spuren hinterlässen hätte, die man dort aber nicht fand. Der Einschlag eines Asteroiden kann es auch nicht gewesen sein, denn wo ist der Krater?

Aber Halt – vor dem 15.2.2013 verband man “Asteroid” noch automatisch mit “Einschlag” – wenn kein Einschlag, dann kein Asteroid. Das ist so aber nicht richtig, wie man eigentlich schon lange weiß und es am 30.6.1908 auch eindrücklich vorgeführt bekommen hat. Selbst wenn man Tunguska schon wieder vergessen hat, dient der Tscheljabinsk-Bolide als wirksame Gedächtnisstütze: Asteroiden können in großer Höhe zerplatzen. Sie können dabei eine Druckwelle erzeugen, die zu deutlich messbaren seismischen Ereignissen  führen. Dabei ist auch mit Leuchtspuren, Feuerbällen und Geräuschentwicklung zu rechnen.

Was genau damals, vor 25 Jahren, über der Banjawarn-Station geschah, kann heute nicht mehr reproduziert werden. Ein “Airburst“, also der Eintritt eines kleinen Asteroiden und sein Zerplatzen in den dichteren Luftschichten einige zehn Kilometer über Westaustralien wäre allerdings durchaus möglich und mit den Messungen und Beobachtungen vereinbar.

Falls es so war, besteht keinerlei Zusammenhang mit Aum Shinrikyo, was die Sekte und ihren Föhrer sicher enttäuschen wird.

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein Meteor, der in der Atmosphäre zerplatzt kann kaum ein Erdbeben der Stärke 3.6 auf der Richterskala auslösen – ausser er sei sehr gross, was aber auch mit einer entsprechend starken Druckwelle einhergehen müsste. Das ist meine Einschätzung aufgrund beispielsweise der Wikipedia-Einträge für Meteor-Airbursts, wo nur gerade bei den grössten über gleichzeitige Erdbeben berichtet wird. Beim Meteor der am 26. November 1919 über Michigan und Illinois explodierte, war das der Fall, es ging aber auch mit beeindruckenden Lichterscheinungen einher (Zitat Wikipedia List of Meteor Airburts, (übersetzt von DeepL)): Ein gigantischer Meteorit näherte sich von Osten. Ein brillanter Lichtblitz, Donner und ein 3-minütiges Erdbeben wurden gemeldet. Es gab großflächige Sachschäden sowie Schäden an Telegrafen-, Telefon- und Elektroanlagen.

    Ganz ausschliessen kann man einen Airburst als Ursache für das Erdbeben auf Banjawarn am 28.5.1993 aber nicht – vor allem weil es zuwenig Augenzeugen und keine Photographien oder Tonaufzeichnungen gibt. Teile Australiens sind eben immer völlig ab der Welt, also im absoluten Outback: Dort wo es kaum Menschen (ausser Hinterwälder und Terroristen) und Messgeräte gibt.

    • Erstens zur Begriffsklärung: Ein Meteor ist eine Leuchterscheinung, nicht ein Objekt. Ein Meteorit ist ein Gesteinsbrocken, der von einem in die Atmosphäre eintretenden Objekt übrig bleibt. Ein Meteoroid ist ein Objekt, das einen Meteor hervorrufen und Meteoriten zurücklassen kann, aber nicht muss.

      Ich sehe keinen Grund, einen Luftzerplatzer eines in die Atmosphäre eintretenden Meteoroiden als Ursache eines seismischen Ereignisses auszuschließen oder auch nur für unwahrscheinlich zu halten.

      Der Bolide von Chelyabinsk wird auf einen etwa 20 Meter großen Asteroiden zurückgeführt, der in etwa 30 km Höhe explodierte und eine seismische Störung einer Magnitude von knapp 4 verursachte.

      Dabei ist dieses Objekt noch relativ flach in die Atmosphäre eingetreten. Bei einem steilen Eintritt wäre davon auszugehen, dass das Zerplatzen deutlich weiter unten erfolgt. Dann könnte auch ein kleineres Objekt eine ebenso starke seismische Auswirkung nach sich ziehen. Zudem wäre die Leuchtspur dann nicht so weit zu sehen.

      • Erstens zur Begriffsklärung: Ein Meteor ist eine Leuchterscheinung, nicht ein Objekt. Ein Meteorit ist ein Gesteinsbrocken, der von einem in die Atmosphäre eintretenden Objekt übrig bleibt. Ein Meteoroid ist ein Objekt, das einen Meteor hervorrufen und Meteoriten zurücklassen kann, aber nicht muss.

        Aus aktuellem Anlass: Wo ist denn die Grenze zwischen Meteoroid und Asteroid? Das Ding, das gerade über Botswana verglüht ist hatte laut JPL einen Durchmesser von gerade mal 2 Metern, wird aber vom JPL (und von diversen Medien) als Asteroid bezeichnet. Ist das nicht ein bisschen klein für einen Asteroiden?

        • Naja, das ist halt immer ein Problem: Wenn man eine Bezeichnung für ein Phänomen einführt, muss man das Phänomen gegenüber anderen abgrenzen und so eine Abgrenzung ist fast immer willkürlich. So auch hier. Wir haben da ja ein Kontinuum vom mikroskopisch feinen Staub bis hin zum Zwergplaneten, wobei die genaue Definition von Zwergplaneten und die Abgrenzung zu den Planeten bekanntlich auch Stoff für so manche hitzige Diskussion liefert.

          Ich finde die Unterscheidung zwischen monolithischen Körpern (d.h., fast alle mit weniger als ca. 150 m Größe) und lose zusammengefügten Aggregaten aus kleinen Objekten (d.h., fast alle Objekte mit mehr als ca. 150 m Größe) viel bedeutsamer, weil damit ein wirklicher physikalischer Unterschied verbunden.

          Ob beispielsweise ein monolithisches Objekt mit 1 mm, 1 cm, 10 cm, 1 m oder 10 m Durchmesser hat und ansonsten weitgehend gleiche Eigenschaften, halte ich für nicht so wichtig.

          Auch die Grauzonen finde ich nicht so schlimm. Über irgendwas muss man ja auf diesen wissenschaftlichen Konferenzen streiten können.

          Für das Botswana-Objekt 2018 LA wird mittlerweile (Stand 6.6.2018) ein Durchmesser von 2.6-38 m geschätzt, ausgehend von der nicht eindeutig bestimmbaren Explosionswucht (um die 400 Tonnen TNT). Das wäre also in etwa von der Größenordnung eines hypothetischen Banjawarn-Boliden. Selbst wenn dieser eine 5-10 Mal stärkere Explosion hervorgerufen hätte, müsste er dazu auch nur etwa einen doppelt so großen Durchmesser gehabt haben wie 2018 LA, also 6-8 Meter.

  2. Wieviel Ammoniumnitrat-Dünger mit ein wenig Dieselöl muss man vergraben, um ein Erdbeben der Stärke 3.6 auszulösen?
    Man könnte auch eine größere Menge Dieselöl mit der Explosion von ein wenig Ammoniumnitrat in der Luft zerstäuben, um damit eine viel kräftigere Aerosolbombe zu erzeugen.

    • @The Karl Bednarik: Das TNT-Äquivalent der Energie eines Erdbebens mit einer Stärke von 4 auf der Richter-Skala ist 1000 Tonnen –> Siehe hier

      3.6 ist zwar weniger als 4, aber man muss auch berücksichtigen, dass bei einer oberflächennahen Explosion ein erheblicher Anteil der Explosion nach oben hin verpufft und nicht an den umgebenden Boden abgegeben wird. Größenordnungsmäßig 1000 Tonnen dürfte also etwa hinkommen.

      Ammoniumnitrat hat etwa 50% der Effektivität von TNT (–> siehe hier), also bräuchte man davon doppelt so viel. Es gibt wirkungsvolle Explosivstoffe, aber davon bräuchte man dann immer noch 500 Tonnen, selbst wenn sie die doppelte Effektivität von TNT hätten.

      Wenn die Explosion in einiger Höhe erfolgt (wie sonst will man die beobachteten Leuchterscheinungen erklären?), braucht man davon viel mehr, weil nur ein geringer Anteil in seismische Energie umgesetzt wird. Der Chelyabinsk-Bolide hatte beispielsweise eine Sprengkraft von 500-700 kt TNT, aber in 30 km Höhe. Wenn die Explosion deutlich bodennäher erfolgt wäre, hätte viel weniger Sprengkraft ausgereicht, um denselben seismischen Effekt zu erzeugen, aber es hätte immer noch einer weitaus größeren Menge Sprengstoffs bedurft als bei einer Explosion auf oder gar unter dem Boden.

      Vor dem Hintergrund dieser Zahlen erscheint mit der Erklärungsansatz mit vielen LKW-Ladungen an konventionellem Sprengstoff nicht überzeugend.

      Ein Meteoroid eines Durchmessers von bis zu 10 Metern, der nahezu senkrecht in die Atmosphäre eintaucht und in einigen Kilometern Höhe explodiert – das ist dann doch die einfachere Erklärung.

  3. Der Ansatz von Hr. Khan ist die nachgewiesene seismische Erschütterung. Alles, was nur einen “lauten Knall” macht, hat zwar Auswirkungen auf die direkte Kontaktfläche zwischen der Atmosphäre und dem Erdboden und ist dann auch in unmittelbarer Umgebung des Ereignisses durch Geophone nachweisbar. Allerdings ist die Energieübertragung aus der Luft in die Erde -insbesondere bei den hohen Frequenzen- so gering, dass man in einer Entfernung von wenigen Kilometern fast kein Signal im Boden erkennen kann.

    Ammoniumnitrat (+ entsprechende Zuschlagstoffe) hat zwar eine geringere Sprengwirkung als hochbrisante Sprengstoffe (bspw. TNT) andererseits ist die erzeugte Druckwelle wegen der niedrigeren Detonationsgeschwindigkeit effektiver. Insgesamt ist aber die Abschätzung, dass für ein derartiges Ereignis ca. 1.000 t AN benötigt werden, sinnvoll.

    Die Frage ist nun aber, warum sollte jemand ca. 50 LKW-Ladungen Sprengstoff in der Wüste zünden, wenn er mit einer einzigen Ladung in einer besiedelten Gegend deutlich mehr “erreichen” kann. Für mich ist daher eine Asteroiden-Explosion deutlich plausibler als irgendwelche esoterischen oder verschwörungstheoretischen Erklärungen.

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