Chronik einer angekündigten Kollision?

BLOG: Go for Launch

Raumfahrt aus der Froschperspektive
Go for Launch

Breaking News … bahnt sich ein neuer Crash an? Vor kurzem noch berichtete Eugen Reichl von der Kollision zwischen Cosmos 2251 und Iridium 33.

Im Anschluss daran stellte ich die Frage “Wann kracht’s wieder?” und verwies dabei auf die Celestrak-Socrates Webseite, in der aus TLEs die jeweils 10 engsten vorhergesagten Begegnungen der nahen Zukunft gelistet sind.

Die Antwort auf diese Frage könnte heißen: “Schon sehr bald!”. Ein anderer Socrates-User, Paul Herre, verwies in der Usenet-Gruppe de.sci.raumfahrt auf die aktuelle Socrates-Liste, die ich als Screenshot von heute, dem 17.4.2009 um 22:15 MESZ hier einfüge.

  Screenshot der SOCRATES Top-10-Liste vom 17.4.2009

Demnach steht am 18.4.2009 um 22:52:29 UTC, also etwas mehr als 24 Stunden, nachdem ich diese Zeilen eintippe, eine extrem enge Begegnung bevor: Kosmos 2337, ein 1997 gestarteter russischer Nachrichtensatellit auf einer 1400 km hohen Bahn und Globalstar M064, ein amerikanischer kommerzieller Nachrichtensatellit im Besitz der Firma Loral Qualcomm, ebenfalls auf einer 1400 km hohen Bahn, sollen einander mit einer Wahrscheinlichkeit von – laut Socrates – 100% treffen. Also schon wieder eine ähnliche Paarung wie schon bei der Kollision im Februar, nur diesmal in größerer Höhe. Die Gegend um 1400 km Höhe wird vorwiegend von erdnahen Kommunikationssatelliten, weniger von wissenschaftlichen Raumfahrzeugen genutzt, letztere tummeln sich vorwiegend zwischen 800 und 900 km. Dafür haben erzeugte Trümmer in 1400 km Höhe eine Lebensdauer, die in Tausenden statt Hunderten von Jahren bemessen werden muss.

Nun wird ja bekanntlich nichts so heiß gegessen wie gekocht und die allein mittels TLEs berechneten Kollisionswahrscheinlichkeiten sind notorisch unzuverlässig, falsch-positive Warnmeldungen sind nichts Ungewöhnliches.

Aber dennoch – ein mulmiges Gefühl bleibt. Denn selbst wenn es jetzt noch einmal glimpflich abgeht, der nächste Crash kommt bestimmt, ob angekündigt oder nicht. Auf religiöse Verweise reagiert hier so mancher extrem allergisch, das weiß ich jetzt, trotzdem erlaube ich mir die Bemerkung:

Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. 

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten Meinungen sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

9 Kommentare

  1. Es gibt kein Problem

    “Es gibt kein Problem, das man nicht mit einigen hundert Megatonnen TNT-Äquivalent aus der Welt schaffen könnte.”

    Zitat von Seiner Erhabenheit, Lord-Admiral Graf Frederik von Hombug.

  2. Kein Problem?

    Na, dann ist ja alles in Ordnung. Fragt sich bloß, ob die Betreiber der beteiligten Satelliten das auch so sehen.

  3. Graf Frederik von Hombug

    Immer dann, wenn der Name Graf Frederik von Hombug fällt, handelt es sich um einen mehr oder weniger komplizierten Scherz.

    Um alles wertlose Weltraumgerümpel zu verdampfen, wird man eine große Menge an Lithiumdeuteridbomben benötigen.

    Kepler, Hubble, und die ISS lassen wir natürlich unversehrt.

    Und dann gibt es noch diese kleine Weltraumfestung im L5-Orbit, die aus der letzten Schlacht um Atlantis stammt.

    Die haben dort so schöne Getränkeautomaten, aber keinen Himbeersaft.

    Auf Atlantis gab es keine Himbeeren, denn die haben sich erst in der letzten Eiszeit in Europa aus den Brombeeren entwickelt.

    Graf Frederik von Hombug sagt: “Man soll nicht alles ungeprüft in die Luft jagen.”

  4. Danke für den Lesetipp!

    He, das sind ja richtige literarische Schätze – im Ernst, gefällt mir sehr gut. Warum hat mich nicht schon vorher einer darauf hingewiesen?

    Naja, wenn dank Kessler-Syndrom der erdnahe Weltraum schlagartig so zugemüllt ist, dass Raumfahrt bis auf Weiteres nicht mehr stattfinden kann, werde ich jede Menge Zeit zum Lesen haben.

  5. @Herrn Reichert: In der Tat

    Es ist wirklich so, dass die Genauigkeit bei Vergleichen von TLEs mit TLEs dergestalt ist, dass man sich bei nahen Begegnungen wirklich nicht auf diese Ergebnisse verlassen kann, insbesondere, wenn die betreffenden Messungen schon ein paar Tage zurückliegen und deswegen die aktuelle Position über Tage hinweg vorausberechnet werden muss.

    Dennoch war die vorhergesagte Situation schon bemerkenswert, sowohl die Wahrscheinlichkeit als auch der Abstand, was ich zum Anlass für diesen Blog-Artikel nahm.

  6. Ja, in der Tat war die vorhergesagte Situation sehr bemerkenswert, und ich fand es toll, dass dies hier in diesem Posting aufgegriffen wurde. Für mich wird das Anlass sein, mich mal näher mit dem Thema zu beschäftigen… Und die SOCRATES-Seiten http://celestrak.com/SOCRATES/top10maxprob.asp und http://celestrak.com/SOCRATES/top10minrange.asp – die ich bisher nicht kannte – werde ich künftig öfter mal ansteuern. Die haben einen ähnlichen Charme wie die NEO Earth Close Approaches, die man sich auf http://neo.jpl.nasa.gov/ca/ anschauen kann…
    Nochmal danke für dieses informative Posting!
    Uwe

  7. Vorhersagen …

    Man soll sich natürlich nicht verrückt machen lassen von den vielfältigen Bedrohungen, aber es ist schon interessant, auf dem Laufenden zu bleiben. Ich hatte erst überlegt, ob ich das überhaupt hier aufgreife, denn Alarmismus ist ebenso fehl am Platze wie Gleichgültigkeit. Dann entschied ich mich doch dafür, allerdings mit Hinweisen, dass die Vorhersagen mit Vorsicht zu genießen sind.

    Die Anzahl der “PHAs” (Potentially Hazardous Asteroids) vorfolge ich ebenso wie Herr Reichert, mit Kollegen haben wir darauf angestoßen, dass vor nicht allzu langer Zeit die Zahl 1000 überschritten wurde.

    http://neo.jpl.nasa.gov/neo/pha.html

    Wir sind jetzt (19.4.2009, 20:55 MESZ) bei 1049 bekannten PHAs. Vor mittlerweile schon wieder anderthalb Jahren, als ich in des Kosmologs über das Thema Asteroidenabwehr schrieb…

    http://www.kosmologs.de/…ein/2007-12-05/apophis2

    … waren es noch 911. Die Asteroidenjäger unter den Astronomen sind seitdem also nicht untätig geblieben.

    Asteroideneinschläge und Satellitenkollisionen sind zwar ganz unterschiedliche Themenkreise, sie haben aber doch eins gemeinsam: Wir können etwas daran ändern, es bedarf nur des Willens dazu, die Arbeit in Angriff zu nehmen.

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