Gesund digital leben in einer vielfältigen Gesellschaft: Welche Faktoren beeinflussen Wahrnehmung und Erleben von digitalem Stress?

(Autorinnen: Helena Kaltenegger, Cordula Nitsch & Tamara Scholze)

Stress, der durch die Nutzung digitaler Technologien und Medien entsteht, wird als digitaler Stress bzw. als Technostress bezeichnet (Brod, 1982). Digitaler Stress ist aber keine universelle Folge digitaler Mediennutzung, sondern wird in unserer vielfältigen Gesellschaft von einzelnen Personen(gruppen) höchst unterschiedlich erlebt. Während die Einführung einer neuen Software am Arbeitsplatz bei einigen Arbeitnehmer*innen Stress erzeugt, werden andere – z.B. aufgrund höherer Digitalkompetenz – keinen Stress empfinden. Eine hohe Anzahl ungelesener Nachrichten im WhatsApp Chatverlauf mag für Digital Natives weniger stressig sein als für Menschen, die erst in höherem Alter mit der Nutzung digitaler Kommunikationstechnologien begonnen haben. Auch bei der Arbeit im Corona-bedingten Homeoffice sind – u.a. in Abhängigkeit von der Wohn- und Familiensituation – Unterschiede zu erwarten: So sollten (digitale) Stresserfahrungen variieren, je nachdem ob man z. B. in einem Single-Haushalt über ein eigenes, gut ausgestattetes Arbeitszimmer verfügt oder am Küchentisch Homeschooling und Homeoffice verbinden muss und dabei nur zwei Laptops für vier Familienmitglieder vorhanden sind.     

Die Beispiele verdeutlichen, dass Wahrnehmung und Erleben von digitalem Stress von zahlreichen Faktoren abhängen. Unterschiede lassen sich dabei nicht nur in Bezug auf individuelle Faktoren und Voraussetzungen (z.B. Alter, Medienkompetenz, technische Ausstattung) erwarten, sondern auch hinsichtlich der Nutzungskontexte (z. B. beruflich oder privat) und situationsspezifischen Faktoren (z.B. Workload, vorhandene Zeit).

Im Rahmen des Verbundprojekts ForDigitHealth betrachten wir diese Faktoren, die einen Einfluss auf die Stresswahrnehmung haben können, genauer. Das Querschnittsthema Diversity ermöglicht dabei den projektübergreifenden Austausch über Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Wahrnehmung von digitalem Stress. Auf Basis einer Befragung der elf Teilprojekte des Verbunds, haben wir fünf zentrale Dimensionen im Zusammenhang mit digitalem Stress identifiziert, die in der Erforschung dieses Phänomens berücksichtigt werden sollten (vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1: Einflussfaktoren auf digitalen Stress (eigene Darstellung).

Soziodemographie

Analog zur Diversitätsforschung sehen wir eine Reihe soziodemographischer Faktoren als maßgeblich im Erleben von digitalem Stress. So bringt der Megatrend Digitalisierung vor dem Hintergrund der rasch alternden Arbeitnehmerschaft in den Industrienationen neue Herausforderungen auf individueller wie kollektiver Ebene. Dass die in der Literatur beschriebene altersbedingte Abnahme fluider (z.B. Aufmerksamkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit) und sensomotorischer Fähigkeiten (z.B. Czaja et al., 2006; Ketcham & Stelmach, 2004) hinderlich in der Aneignung und im Gebrauch digitaler Technologien ist, ist sprichwörtlich augenscheinlich. Gleichzeitig nehmen mit dem Alter jedoch beispielsweise allgemeines Wissen sowie verbale Fähigkeiten zu, sodass sich neben der chronologischen Konzeptualisierung auch die Frage nach dem wie und warum von Alterseffekten in der Untersuchung digitalen Stresses stellt (Tams et al., 2014).

Bei der Erforschung von Stress und dessen Umgang müssen darüber hinaus Effekte des Geschlechts als zentrale biologische Determinante berücksichtigt werden. Stress äußert sich nicht nur in einer objektiven und messbaren physiologischen Reaktion, sondern hat Auswirkungen auf unser Denken, Handeln und Fühlen und insbesondere im subjektiven Stressempfinden scheint es wichtige Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu geben (Derntl, 2018). Auch in Bezug auf Technostress ergeben sich Hinweise für geschlechtsspezifische Unterschiede, wobei hier Schlussfolgerungen auf ein einheitliches Bild vor dem Hintergrund unterschiedlicher Untersuchungskontexte verfrüht wären (z.B. La Torre et al., 2019).

Persönlichkeit und psychische Einflussfaktoren

Persönlichkeits- und psychologische Eigenschaften spielen ebenfalls eine wichtige Rolle in der Erforschung von Stress im Allgemeinen und von digitalem Stress im Besonderen. Hinsichtlich der Persönlichkeitsdimension Neurotizismus, d.h. Ängstlichkeit und emotionale Instabilität, als eine der „Big Five“ Persönlichkeitsfaktoren beispielsweise, zeigten Studien, dass Personen mit einer hohen Ausprägung vermehrt Internetaktivitäten nachgingen, die der Vermeidung von Face-to-Face Interaktionen dienten (z.B. McElroy et al., 2007). Auch wurde gezeigt, dass Menschen mit sozialen Ängsten vermehrt zu zwanghafter Smartphone-Nutzung neigten, was wiederum mit erhöhtem Technostress einherging (Lee et al., 2014).

Digitalisierungsgrad

Im Hinblick auf die Güte der Internetverbindung hat Deutschland im internationalen Vergleich noch Nachholbedarf (vgl. https://www.speedtest.net/global-index) und es zeigen sich starke regionale Unterschiede. Die Tatsache, dass eine gute Internetverbindung nicht in allen Regionen Deutschlands gewährleistet ist, kann auch für digitalen Stress relevant sein, zum Beispiel wenn man durch eine langsame Internetverbindung eine andere Person bei einer Konferenz nur noch bruchstückhaft versteht.

Wenngleich die Ausstattung mit digitalen Geräten in Deutschland insgesamt sehr hoch ist (vgl. Initiative D21 e.v., 2021), machte die Corona-Pandemie deutlich, dass gerade Kinder aus sozial benachteiligten Haushalten nicht immer eigene technische Geräte besitzen, die für Homeschooling notwendig sind. Auch eine mangelnde Ausstattung an technischen Geräten kann zu Stress führen. In Bezug auf die Nutzungsdauer weisen Ergebnisse daraufhin, dass eine sehr hohe Nutzungsdauer bei Jugendlichen mit einem niedrigeren Wohlbefinden und einer erhöhten Prävalenz für Depressionen einhergeht (z. B. Mather et al., 2009; Twenge & Campbell, 2018).

Kompetenzen

Menschen unterscheiden sich auch in Bezug auf ihre Digitalkompetenz, also der adäquaten Nutzung von digitalen Technologien und Medien. Vor allem zwischen Altersgruppen gibt es eine Kluft, wie kompetent sich Personen einschätzen. Zum Beispiel schätzen Jugendliche sich im Umgang mit digitalen Technologien und Medien besser ein als ihre Eltern (Shifflet-Chila et al., 2016). Auch eine Sprachbarriere kann den Umgang mit technischen Geräten erschweren. Ein Großteil des Internets oder auch manche Bedienfelder auf Geräten sind auf Englisch verfasst. Wer dem Englischen nicht mächtig ist, ist hier im Nachteil.

Erste Studien konnten bereits zeigen, dass Kompetenzen in Bezug auf Medien vor negativen Folgen und einem ausufernden Gebrauch von Medien schützen können (z. B. Jöckel & Wilhelm, 2018; Livingstone & Helsper, 2010). Ein kompetenter Umgang mit Medien könnte ebenfalls Stress reduzieren. Dies untersucht zum Beispiel aktuell Projekt C6 (https://gesund-digital-leben.de/forschungsfelder/cluster-c/projekt-06/). Demnach sollte man beim Verständnis von digitalem Stress auch unterschiedliche Kompetenzen im Auge behalten.

Abschließende Überlegungen

Der Forschungsstand zu unterschiedlichen Einflussfaktoren auf digitalen Stress ist bislang begrenzt und konzentriert sich größtenteils auf individuelle Faktoren. Als Forschungsverbund möchten wir künftig durch die Zusammenschau unserer Befunde systematische Aussagen auch auf höheren Wirkebenen treffen, dahingehend wie digitaler Stress sich in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, Individuen und Kontexten zeigt und damit Handlungsmöglichkeiten für eine vielfältige Gesellschaft ableiten.

Wir haben die beschriebenen fünf Einflussdimensionen als zentral für die Erforschung eines gesunden Umgangs mit digitalen Technologien und Medien identifiziert. Diskutieren Sie gerne mit uns, welche Faktoren Ihrer Meinung nach eine Rolle in der Wahrnehmung und dem Erleben von digitalen Stress spielen.

Keywords: Digitaler Stress, Technostress, Digitale Medien, Diversität, Einflussfaktoren

Bitte zitieren als: Kaltenegger, Helena, Nitsch, Cordula, & Scholze, Tamara (2021). Gesund digital leben in einer vielfältigen Gesellschaft: Welche Faktoren beeinflussen Wahrnehmung und Erleben von digitalem Stress? 15. April 2021. Online verfügbar unter: https://scilogs.spektrum.de/gesund-digital-leben/?p=661

Literatur

Brod, C. (1982). Managing technostress: Optimizing the use of computer technology. Personnel Journal, 61(10), 753–757.

Czaja, S. J., Charness, N., Fisk, A. D., Hertzog, C., Nair, S. N., Rogers, W. A., & Sharit, J. (2006). Factors predicting the use of technology: Findings from the Center for Research and Education on Aging and Technology Enhancement (CREATE). Psychology and Aging, 21(2), 333–352. https://doi.org/10.1037/0882-7974.21.2.333

Derntl, B. (2018). Gleich oder ungleich? Geschlechtsunterschiede hinsichtlich Stress und Stressbewältigung. In C. Gorr & M. C. Bauer (Eds.), Was treibt uns an? (pp. 129–141). Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-54857-8_8

Initiative D21 e.v. (2021). D21 Digital Index 2020/21. Jährliches Lagebild zur Digitalen Gesellschaft. Zugriff unter: https://initiatived21.de/d21index/

Jöckel, S. & Wilhelm, C. (2018). Everything Under Control? The Role of Habit Strength, Deficient Self-Regulation and Media Literacy for the Use of Social Network Sites Among Children and Adolescents. In S. E. Baumgartner, M. Hofer, T. Koch & R. Kühne (Hg.), Youth and Media (S. 55–74). Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG. https://doi.org/10.5771/9783845280455-55

Ketcham, C. J., & Stelmach, G. E. (2004). Movement Control in the Older Adult. In R. W. Pew & S. B. van Hemel (Eds.), Technology for Adaptive Aging (pp. 64–92). Washington (DC): National Academies Press.

La Torre, G., Esposito, A., Sciarra, I., & Chiappetta, M. (2019). Definition, symptoms and risk of techno-stress: A systematic review. International Archives of Occupational and Environmental Health, 92(1), 13–35. https://doi.org/10.1007/s00420-018-1352-1

Lee, Y.‑K., Chang, C.‑T., Lin, Y., & Cheng, Z.‑H. (2014). The dark side of smartphone usage: Psychological traits, compulsive behavior and technostress. Computers in Human Behavior, 31, 373–383. https://doi.org/10.1016/j.chb.2013.10.047

Livingstone, S. & Helsper, E. (2010). Balancing opportunities and risks in teenagers’ use of the internet: the role of online skills and internet self-efficacy. New Media & Society, 12(2), 309–329. https://doi.org/10.1177/1461444809342697

Mathers, M., Canterford, L., Olds, T., Hesketh, K., Ridley, K. & Wake, M. (2009). Electronic Media Use and Adolescent Health and Well-Being: Cross-Sectional Community Study. Academic Pediatrics, 9, 307–314.

McElroy, Hendrickson, Townsend, & DeMarie (2007). Dispositional Factors in Internet Use: Personality versus Cognitive Style. MIS Quarterly, 31(4), 809. https://doi.org/10.2307/25148821

Shifflet-Chila, E. D., Harold, R. D., Fitton, V. A. & Ahmedani, B. K. (2016). Adolescent and family development: Autonomy and identity in the digital age. Children and Youth Services Review, 70, 364–368. https://doi.org/10.1016/j.childyouth.2016.10.005

Tams, S., Grover, V., & Thatcher, J. (2014). Modern information technology in an old workforce: Toward a strategic research agenda. The Journal of Strategic Information Systems, 23(4), 284–304. https://doi.org/10.1016/j.jsis.2014.10.001

Twenge, J. M. & Campbell, W. K. (2018). Associations between screen time and lower psychological well-being among children and adolescents: Evidence from a population-based study. Preventive medicine reports, 12, 271–283. https://doi.org/10.1016/j.pmedr.2018.10.003

Gerne möchte der Verbund mit Ihnen diskutieren und jeder Autor freut sich über Ihre Kommentare. Willkommen sind sachliche Kommentare mit Bezug auf den Inhalt des jeweiligen Blogbeitrags. Ebenso sind Meinungen in der Sache oder ergänzende Informationen herzlich willkommen. Trifft dies nicht zu, behalten wir uns vor, die Kommentare nicht freizuschalten. Weitere Informationen dazu finden Sie auch in unserer Netiquette.

Veröffentlicht von

Tamara Scholze ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Entwicklungspsychologie der Universität Würzburg. Sie forscht und bloggt zum Thema „Digitaler Stress bei Kindern und Jugendlichen“ im Rahmen des bayerischen Verbundprojekts „Gesunder Umgang mit digitalen Technologien und Medien“ (ForDigitHealth).

8 Kommentare

  1. Während die Einführung einer neuen Software am Arbeitsplatz bei einigen Arbeitnehmer*innen Stress erzeugt, werden andere – z.B. aufgrund höherer Digitalkompetenz – keinen Stress empfinden.

    Es geht womöglich zuvörderst auch um Webkompetenz, die Kommunikation meinend.

    Diskutieren Sie gerne mit uns, welche Faktoren Ihrer Meinung nach eine Rolle in der Wahrnehmung und dem Erleben von digitalen Stress spielen.

    Das Web ist an sich ein Pull-Medium, Inhalt wird sich, wurde sich vom Nutzer abgeholt.
    Mittlerweile dient es auch als Push-Medium, was sehr problematisch sein kann.

    ‘Am Arbeitsplatz’ müsste das “Push”, der Eingang von Anforderung, Kundennachricht wie auch der von interner Nachricht, ‘Stress’, besonderen Stress erzeugen.

    Faktoren :

    1.) Überforderung, der die Nachricht entgegen Nehmende ist oft eine “Frontkraft”, die oft nicht inhaltlich folgen kann, Rücksprache nehmen, auch weiterleiten, eskalieren (das Fachwort) muss

    2.) die Menge an Nachricht, es laufen derartige Kanäle der Kommunikation nicht selten sozusagen voll, wenn dann auch noch zeitnahe Reaktion angewiesen ist, entsteht sehr viel Druck

    3.) Einarbeitung, neue Software mag zwar intuitiv, ergonomisch erscheinen, am Platz, am Arbeitsplatz wird dann aber oft doch i.p. Funktionalität gerätselt

    4.) Messbarkeit, in etwa wie die auch ein wenig in Verruf geratene sog. Akkordarbeit, ist die “zu Webzeiten” mögliche Messbarkeit von individueller Leistung Stressfaktor.
    Wobei dann oft die Quantität und weniger die Qualität von Leistung gemessen wird.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer (der als “Älterer” sicher weiß, dass Junioren besser leisten können bzw. könnten, wenn sie derartiges, skizziertes Procedere sozusagen von Kindesbeinen geübt sind [1])

    [1]
    Sog. Multitasking, nicht selten angefordert, geht übrigens nicht, wenn qualitatives Niveau gehalten werden soll.
    Viele sind stolz auf sich, wenn sie (nur) angeben so zu können.

    • Lieber Dr. Webbaer,
      vielen Dank für Ihre interessanten Überlegungen. Sie beschreiben da eine ganze Reihe sehr wichtiger Faktoren des Phänomens Techno-Stress. So wie ich Sie verstehe, beziehen Sie sich auf sog. Techno-Stressoren, wie z.B. Techno-Complexity, Techno-Overload, Leistungs-Überwachung, Multi-Tasking- Anforderungen etc.. Diese werden in Literatur und Forschung bereits gut beschrieben und mit negativen Folgen, wie zum Beispiel gesundheitlichen Beschwerden, Leistungseinbußen usw. assoziiert (für weitere Informationen siehe z.B. Gimpel et al., 2018, https://www.boeckler.de/pdf/p_fofoe_WP_101_2018.pdf). In unserer Arbeitsgruppe „Diversity“ möchten wir genauer herausfinden, wie diese Techno-Stressoren möglicherweise unterschiedlich erlebt werden von verschiedenen Personen(gruppen) und was zentrale Einflussfaktoren sein könnten in unserer vielfältigen Gesellschaft.

  2. Wenn man heute etwa liest „Facebook weiss oft mehr über dich als du selbst“, so liegt der Gedanke nahe, dass „Facebook“ oder andere Software mit der ich arbeite, auch in der Lage sein sollte, die Art und Stärke des digitalen Stresses zu erkennen unter denen ich als Teilnehmer leide. Beispielsweise über die Art und die Schnelligkeit meiner Reaktionen, über sprachliche Formulierungen, Auslassungen und Fehler. Dies ist eine naheliegende Annahme für jemanden, der Tag ein Tag aus davon liest, was man bereits alles allein über die Mediennutzung über jemanden erfahren kann. So scheint es etwa möglich zu sein mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit sagen zu können, wann ein rehabilitierter Drogensüchtiger wieder Drogen nimmt oder wann eine vormals suizidale Person wieder „kritisch“ wird – einfach indem man seine/ihre Handynutzung überwacht.

    Andererseits überschätzt man diese Art der Diagnosemöglichkeit vielleicht auch und nur weil solche Ferndiagnosen neuerdings oft gelingen, heisst das noch nicht, dass sie wirklich zuverlässig sind.

    Es würde mich aber überhaupt nicht überraschen, wenn es heute bereits Programme der künstlichen Intelligenz gäbe, die in der Lage sind oder die mindestens vorgeben, das Mass des digitalen Stresses einer Person erkennen zu können.

    • Vielen Dank für Ihren Beitrag. Zu ihrem oben genannten Punkt “Es würde mich aber überhaupt nicht überraschen, wenn es heute bereits Programme der künstlichen Intelligenz gäbe, die in der Lage sind oder die mindestens vorgeben, das Mass des digitalen Stresses einer Person erkennen zu können.”.
      Sie sprechen da einen ganz wichtigen Punkt an. Wenn durch künstliche Intelligenz bereits digitaler Stress vermieden oder reduziert werden könnte, wäre dies natürlich ein spannendes Ergebnis. In diese Richtung forschen die Projekte aus Cluster D unseres Verbunds. Beispielsweise untersucht Projekt D11 Apps zur Stressreduktion. Erste Ergebnisse wurden dazu auch schon im Blogbeitrag von Stephanie Böhme beschrieben (https://scilogs.spektrum.de/gesund-digital-leben/mein-handy-sagt-mir-dass-ich-nicht-perfekt-sein-muss/), auch wenn die App (noch) nicht automatisch Stress erkennt. Bei Interesse finden Sie mehr Informationen darüber u. a. auch unter diesem Link: https://gesund-digital-leben.de/forschungsfelder/cluster-d/

  3. Digitaler Stress als Funktion von Soziodemographie, Persönlichkeit und psychische Einflussfaktoren, Digitalisierungsgrad und von Kompetenzen sagt uns etwas über die Einflussfaktoren, die bei der Entstehung und der Persistenz von digitalem Stress eine Rolle spielen.

    Ebenso könnte man die Suchttendenz etwa als Funktion von Freundes- und Familienkreis, von genetischen und anderen biologischen Faktoren und von psychischen Faktoren sehen. Und das macht man ja auch. Doch bei den Theorien zur Suchtentsehung und der Suchtpersistenz hat sich zusätzlich noch ein dynamisches Bild herausgeschält. Sucht erhält sich über einen Teufelskreis: Drogen werden häufig konsumiert um sich besser zu fühlen. In den Konsumpausen fühlt sich der Drogenkonsument aber aus psychischen und physischen Gründen schlechter als sonst schon, was zu häufigerem und höherem Drogenkonsum führt, womit aber Hochs and Tiefs noch ausgeprägter werden. Ein Teufelskreis.

    Was aber sind die dynamischen Faktoren und wo ist der Teufelskreis beim Digitalen Stress? Diese Frage stellt sich in meinen Augen zumal deshalb, weil Stress wie auch Sucht sich selbst verstärken können. In gewissem Sinne kann man sich durch den eigenen Stress gestresst fühlen. Man könnte sogar sagen: wenn man den erlebten Stress nicht mehr einfach durch Schlaf und erholsame, entspannende Aktivitäten ausgleichen kann, und man den Stress auch in den Stresspausen spürt – dann erst beginnt der eigentliche, der pathologische Stress.

    Der Artikel Burnout can exacerbate work stress, further promoting a vicious circle beschreibt diesen Teufelskreis. Dort liest man als Zusammenfassung:

    Arbeitsstress und Burnout verstärken sich gegenseitig / Überraschenderweise ist der Effekt von Arbeitsstress auf Burnout viel kleiner als der Effekt von Burnout auf Arbeitsstress.

    Im Kern sagt der Artikel, dass Burnout selber der wichtigste Stressfaktor ist, wichtiger als die Arbeit, der man üblicherweise die Schuld am Stress gibt.
    Ich kann mir vorstellen, dass auch bei digitalem Stress selbstverstärkende Faktoren eine Rolle spielen.

    • Vielen Dank für Ihren Beitrag und den sehr interessanten Artikel. Das Thema Teufelskreis ist in diesem Zusammenhang sehr passend – sich gegenseitig verstärkende Faktoren können bei vielen psychischen Problemen eine wichtige Rolle spielen, wie z.B. auch bei Depression oder Angst. Bei digitalem Stress könnten Personen vermehrt zu digitalen Technologien greifen, z.B. als Bewältigungsstrategie. Ähnlich wie bei Sucht könnten auch hier kurzfristige positive Effekte angestrebt werden, wie z.B. das bekannte Belohnungsgefühl durch eine Whatsapp-Nachricht. Langfristig kann die vermehrte Nutzung das Problem jedoch wiederum verstärken z.B. in Form von noch mehr Nachrichten und damit noch mehr digitalem Stress. In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf den Beitrag von Herrn Prof. Weitzel aus Projekt C7 unseres Forschungsverbundes verweisen: https://scilogs.spektrum.de/gesund-digital-leben/social-media-stress-kann-zu-social-media-sucht-fuehren/

  4. Kleines Feedback vielleicht noch zu dieser dankenswerterweise bereit gestellten Grafik und unter dem Gesichtspunkt “was es sonst noch so gibt” :

    -> https://scilogs.spektrum.de/gesund-digital-leben/files/Bild1.png

    1.) Notwendigkeit, einige müssen sich digital, ergo im Web informieren, um informiert zu sein, und andere wiederum, um Geld zu verdienen

    2.) die Verfasstheit des Web-Teilnehmers, die auch seine (politische) Bildung meint, insofern auch Toleranz meinen könnte, einige können ja wenig aushalten, der kulturelle Stand des Web-Teilnehmers ist letztlich gemeint

    3.) Zielsetzung, Webnutzer haben auch Zielsetzungen, es wird nicht ohne Grund im Web publiziert (nicht einmal eher randseitig in Kommentariaten wie diesen), ohne ein Ziel zu haben, das u.a. auch Aufklärung, abär auch Zeitvertreib sein könnte, Intention kann sozusagen alles sein

    4.) Manche gehen auch in die netzwerkbasierte Kommunikation, um Stress (für sich, aber gerade auch für andere) erst zu erzeugen

    MFG
    Wb

  5. Zu Tamara Scholze:
    Es gäbe ja durchaus einige Faktoren an dem künstliche Intelligenz Stress erkennen könnte . So ist Stress in der Regel mit einer Aktivierung des Sympathikus verbunden was im Körper u. a. folgende Reaktionen auslöst:
    -Erhöhung des Blutdrucks
    -Erhöhung der Pulsfrequenz
    -Erhöhte Schweißabsonderung
    -Geringere Durchblutung der Arme
    -Verengung der Pupillen in den Augen
    -Verspannungen
    und so weiter….
    Wenn künstliche Intelligenz über entsprechend entwickelte Technik die am Körper getragen wird, diese Faktoren analysiert und erkennt , könnte eine entsprechende Stresswarnung incl. den weiteren Verhaltensweisen zur Stressreduzierung erfolgen. Diese “Verhaltensweisen” könnten individuell verschieden -je nach Rücksprache mit dem Hausarzt oder anderen Spezialisten- für jede Person eingestellt werden. Der Faktor STRESS (Wahrnehmung und Erleben)würde dadurch durch die betreffende Person besser kontrollierbar werden…

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