Der Donnerstein von Ensisheim

Am späten Vormittag des 7. November 1492 geschieht ungeheuerliches nahe Ensisheim, im heutigen Elsass. Am Himmel ist ein “Blitz und lang anhaltendes Donnern” zu hören. Kurz danach wird in einem “halben Menschenlänge” tiefen Loch in einem Weizenfeld ein seltsamer Stein entdeckt. Mit Hilfe einiger starker Männer wird der Block ausgegraben und freigelegt. Auf einem Ochsenkarren wird der 127 Kilogramm schwere Stein, der anscheinend direkt vom Himmel gefallen ist, in die Stadt gebracht.

In einem zeitgenössischen Bild aus der “Schweizer Bilderchronik des Luzerners“, von Diebold Schilling  (1512), wird der seltsame Vorfall von Ensisheim ausführlich dargestellt und beschrieben.

Der österreichische Kaiser Maximilian I., der zufällig in der Stadt weilt, ordnete an, den Stein in der örtlichen Kirche in Ketten zu legen. Dies scheint notwendig, da solche vom Himmel gefallene Steine als gefährliche Vorboten des Krieges, der Pest und einer Hungersnot angesehen werden. Nur auf geweihten Boden verwahrt, kann der böse Bann gebrochen werden. Allerdings verhinderte der vermeintliche Fluch nicht, dass der Kaiser sich einige Stücke als Souvenir abschlagen lässt.

Der Humanist Johann Bergmann von Olpe berichtet, dass in den vorherigen Jahren bereits viele seltsame Erscheinungen am Himmel beobachtet wurden, keine aber seltsamer als dieser Stein, dessen Donner angeblich über ganz Europa gehört wurde. Die seltsame Geschichte des “Donnerstein von Ensisheim” wird mittels Flugblätter rasch verbreitet und bekannt.

Der Donnerstein von Ensisheim ist heute einer der ältesten beschriebenen Meteoritenfälle in Europa, von dem noch Material erhalten ist. Viele Meteoriten, vor allem wenn sie aus Eisen bestanden, wurden als Rohmaterial verwendet, im Laufe der Zeit zerstückelt, oder gingen einfach verloren.

Nachbildung des “Donnerstein von Ensisheim.”

Die Herkunft der Donnersteine wird erst im späten 18. Jahrhundert wissenschaftlich erklärt. In 1794 publiziert der Deutsche Anwalt und Physiker Ernst Friedrich Chladni (1756-1827) sein, “Über den Ursprung der von Pallas gefundenen und anderer ihr ähnlicher Eisenmassen, und über einige damit in Verbindung stehende Naturerscheinungen.” Es is eine umfangreiche Sammlung von Augenzeugenberichte über Meteoritenfällen. Noch wichtiger, Chladni kann mittels geologisch-petrologischen Untersuchungen nachweißen, dass sich Meteoriten von allen irdischen Gesteinen unterscheiden und höchstwahrscheinlich außerirdischen Ursprungs sind.

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David Bressan ist freiberuflicher Geologe hauptsächlich in oder, wenn wieder mal ein Tunnel gegraben wird unter den Alpen unterwegs. Während des Studiums der Erdwissenschaften in Innsbruck, bei dem es auch um Gletscherschwankungen in den vergangen Jahrhunderten ging, kam das Interesse für Geschichte dazu. Hobbymäßig begann er daher über die Geschichte der Geologie zu bloggen.

1 Kommentar

  1. Ernst Friedrich Chladni (1756-1827) wird in der Wikipedia (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Florens_Friedrich_Chladni ) nicht als (Zitat) „Arzt und Anwalt“ geführt, sondern als Physiker (Begründer der Akustik) und Astronom. Das passt auch besser zu seiner Karriere, denn nach ihm sind beispielsweise die Chladni-Klangfiguren benannt. Es stimmt aber dass er ein Dr.jur war – von der Ausbildung her.
    Neben der Akustik hatten es ihm auch Meteorite angetan und seine Aussagen dazu waren geradezu visionär (Zitat): „ stellte er die damals revolutionäre und anfangs sehr umstrittene These auf, dass die auf der Erde gefundenen Meteorite ihren Ursprung im Weltraum haben und Überreste aus der Entstehungsphase der Planeten unseres Sonnensystems seien.“
    Anderer Ansicht hinsichtlich Meteoren und Meteoriten waren unter anderem: Georg Christoph Lichtenberg, Johann Wolfgang von Goethe und Alexander von Humboldt
    Chladni hatte praktisch die ganze wissenschaftliche Prominenz gegen sich – und hatte doch recht. In der Wikipedia liest man zu seiner Bedeutung: „ Chladni gilt heute als einer der Begründer der modernen Meteoritenforschung.“

    Ich fand keinen Beleg für die obige Aussage, Chladni sei auch Arzt gewesen.

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