Charles Darwin als Mineraliensammler

»Renous fragte ihn mit Blick auf mich, was er vom König von England halte, der einen Sammler in ihr Land schicke, um Eidechsen und Käfer aufzulesen und Steine zu zerbrechen.
Niemand ist so reich, als dass er Leute ausschicke, um solchen Plunder aufzulesen.«

Charles Darwin ist heutzutage als Autor der modernen Evolutionstheorie weltbekannt. Weniger bekannt sind seine geologischen Interessen. Bereits in seiner frühen Jugend sammelt er Mineralien, allerdings, so beklagt er sich später, »ohne wissenschaftlichen Anspruch – – ich kümmerte mich mehr darum ein neues Mineral zu besitzen und selten versuchte ich es einzuordnen.« Während seines Studiums der Medizin langweilen ihn zunächst die Geologiekurse, die an der Universität Edinburgh und Cambridge angeboten werden. Dennoch findet sich in seiner privaten Bücherei aus dieser Zeit das Buch Manual of Mineralogy, und von den zahlreichen schriftlichen Randnotizen zu schließen, muss Darwin das Buch regelmäßig benutzt haben.

Manual of Mineralogy nutzt Eigenschaften wie Farbe und Härte um Mineralien zu bestimmen. Die verwendete 10-teilige Härteskala, die noch heute gültig ist, wurde durch den deutschen Mineralogen Carl Friedrich Christian Mohs als Hilfe zur Mineralienbestimmung eingeführt. Tatsächlich nutzt Darwin in seiner späteren Laufbahn als Geologe – und ungewöhnlich für einen britischen Naturwissenschaftler – oft Mineral- und Gesteinsklassifizierungen, die von deutschen Erdwissenschaftlern eingeführt wurden. So bezeichnet er Gesteine mit großen Kristalleinsprenglingen mit der deutschen Bezeichnung „Porphyr“, beschreibt vulkanische Gesteine als “Trachyt” oder metamorphe Gesteine als “greyschist” und “greenschist”, in Anlehnung an Glimmer- und Grünschiefer.

Augengneis von Rio de Janeiro, der auch von Charles Darwin in seinen Reiseberichten beschrieben wurde.

Die privaten Kurse mit Botaniker und Geologe John Stevens Henslow (1796-1861) änderten Darwins Einstellung zur Geologie maßgeblich. Er schreibt: »Geologie … ist [spannend] wie ein Kartenspiel, abschätzen, was das Gestein denn sein möchte; …« Henslow war es auch, der Darwin empfahl, sich mit dem berühmten Geologen Adam Sedgwick (1785-1873) zu treffen. Darwin, der aus dem Städtchen Shrewsbury in Südwales stammt, nutzt die Gelegenheit und begleitet Sedgwick im Sommer 1831 auf eine geologische Exkursion nach Nordwales. Dort lernt er von Sedgwick die Grundlagen für die Bestimmung von Mineralien im Feld. Voller Stolz notiert der junge Darwin, »[Winkel der Kristallflächen der] Hornblende eigenhändig mit dem Winkelmesser bestimmt.«

Hornblende-Kristalle.

Als Darwin Ende August heimkehrt, wartet schon ein Brief mit einer Einladung auf ihn. Robert FitzRoy, Kapitän des königlichen Vermessungsschiffes Beagle, ist auf der Suche nach einem Gentleman-Geologen, der ihn auf einer zwei- bis dreijährigen Reise nach Südamerika begleiten möchte. Die Beagle soll die Küsten Südamerikas vermessen, und ein Geologe an Bord könnte die Zeit auch nutzen, um für die englische Krone abbauwürdige Mineralienvorkommen zu erkunden. Schon Ende Dezember soll die Beagle aufbrechen.

Darwin nutzt die verbleibenden Monate, um die Bestimmung von Mineralien zu üben. Mittels eines Lötrohrs kann man kleinere Mengen eines Gesteins schmelzen und verdampfen. Chemische Reaktionen verfärben dabei die Flamme. Mit der Farbe der Flamme kann man, mit etwas Übung, die chemische Zusammensetzung des unbekannten Minerals abschätzen. Darwin nutzt auch verschiedene Säuren, um Mineralien zu testen. So reagiert Kalkstein sehr heftig mit Salzsäure, Quarzgestein dagegen nicht.

Kalkspat-Stufe.

Darwin kauft sich verschiedene Mikroskope, eine Lupe, einen geologischen Kompass und einen neuen Winkelmesser. Er kauft sich auch einige Bücher für die lange Fahrt, unter anderem A selection of the Geological Memoirs des französischen Mineralogen Alexandre Brongniart, und Werner’s Nomenclature of Colors des deutschen Geognosten Abraham Gottlob Werner. Diese mineralogischen Textbücher verwenden Eigenschaften wie Farbe, Härte und Kristallform um Mineralien zu bestimmen, und etwas ungewöhnlich für heutige Zeiten, auch Geruch und sogar Geschmack (kurze Bemerkung am Rande: Geschmack kann bei manchen Mineralien tatsächlich ein wichtiges Bestimmungsmerkmal sein. So schmeckt Halit, besser bekannt als Steinsalz, typisch salzig. Grundsätzlich sollten aber unbekannte Mineralien nicht in den Mund genommen werden. Kaliumsalz kann zum Beispiel zu Vergiftungserscheinungen führen).

Während der Reise nach Südamerika, die schließlich als Weltumsegelung fünf volle Jahre dauern wird, sammelt Darwin fleißig Gesteine und Mineralien von der Küste um Rio de Janeiro bis zu den Berggipfeln der Anden. Weil nicht genügend Platz an Bord der Beagle ist, wird alles regelmäßig mittels Post nach England zurückgeschickt. Darwins Ratschlag für diese Arbeit hat auch heute noch seine Gültigkeit:

»Beschrifte eine jede Probe mit einer Nummer; und im selben Moment beschreibe sie in deinem Notizbuch, sodass falls Zweifel aufkomme, der Sammler mit Bestimmtheit sagen kann “Diese Probe wurde noch vor Ort genau beschrieben.«

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David Bressan ist freiberuflicher Geologe hauptsächlich in oder, wenn wieder mal ein Tunnel gegraben wird unter den Alpen unterwegs. Während des Studiums der Erdwissenschaften in Innsbruck, bei dem es auch um Gletscherschwankungen in den vergangen Jahrhunderten ging, kam das Interesse für Geschichte dazu. Hobbymäßig begann er daher über die Geschichte der Geologie zu bloggen.

1 Kommentar

  1. Darwins Begeisterung für Geologie begann gemäss seiner Autobiographie schon als Kind, schreibt er doch:

    “Bald nachdem ich anfing, Steine zu sammeln, d.h. mit 9 oder 10 Jahren, erinnere ich mich deutlich an den Wunsch, etwas über jeden Kieselstein vor der Hallentür erfahren zu können – das war damals mein frühester und einziger geologischer Wunsch.

    Gemäss Correspondance Project / Geology verbrachte Darwin während seiner Beagle-Reise 2/3 der Reisezeit an Land und einen Grossteil dieser Zeit widmete er geologischen Fragen. Seine Korrespondenz speziell zu geologischen Fragen wurde noch während seiner Beagle-Reise in akademischen Kreisen diskutiert und zitiert. Nach seiner Rückkehr von der Beagle-Reise reichte er mehrere, auf Resonanz stossende geologische Artikel bei der Geographischen Gesellschaft ein und wurde 1838 der Sekretär der geologischen Gesellschaft. In den 1840er Jahren veröffentlichte er sogar 3 Bände über die geologischen Beobachtungen während der Beagle-Reise. Darwin wurde ja als Geologe auf der Beagle angeheuert und offensichtlich nahm er diesen Auftrag sehr ernst und machte ihn sogar zur Grundlage einer zuerst anvisierten geologischen Karriere

    Mir scheint, dass Darwin wohl das gesamte geologische Wissen seiner Zeit gelesen und auch präsent hatte. Dazumal – also in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – war es noch möglich vom interessierten Gentleman-Geologen, der Geologie als Hobby betrieb, zum Autor von geologischen Fachartikeln und Lieferant von ernsthaft diskutierten geologischen Theorien zu werden. Solch eine von Darwin aufgestellte Theorie erklärte beispielsweise Korallenatolle als biologische Übrigbleibsel einer langsam im Meer versinkenden Insel, wobei das Absinken der Gesteine von den Korallen durch Wachstum bis an die Meeresoberfläche ausgeglichen wird.

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