Mexiko Stadt: Werden und Transformation einer Megastadt

Zum Auftakt der Vortragsreihe der Geographischen Gesellschaft zu Hannover zum Thema „Lateinamerika“ startete Prof. Christof Parnreiter vom geographischen Institut der Universität Hamburg mit einem Vortrag zum Werden und zur Transformation von Mexiko-Stadt. Der studierte Wirtschafts- und Sozialhistoriker Prof. Parnreiter hob explizit der Bedeutung des historischen Kontextes zur Analyse von Megastädten hervor; seinen Vortrag unterteilte er daher in das Werden (1930-1980) und die Transformation (1980-2005) von Mexiko-Stadt.
Die Hauptthese Prof. Parnreiters, die auch in dem jüngst erschienen Buch „Mexiko City und das mexikanische Städtenetz von der Industrialisierung bis zur Globalisierung“ vertreten wird, lautet, dass Megastädte in Entwicklungsländern in der Literatur zwar einen schlechten Ruf genießen, jedoch kein Hemmnis für die nationale Entwicklung sein müssen.

Werden einer Megastadt (1930 – 1980)

Als Hauptstadt Mexikos verzeichnete die Stadt in den Jahren zwischen 1930 bis 1980 ein rasantes Bevölkerungswachstum. Die Einwohnerzahl innerhalb der Stadtgrenzen stieg von 1,2 Millionen auf 13,3 Millionen an; und das in nur einem halben Jahrhundert. Schon früh entwickelte sich Mexiko-Stadt zu einem industriellen Zentrum Mexikos. So vereinte die Stadt 1930 bereits 27% der gesamten mexikanischen Wertschöpfung in sich. Diese Konzentration wuchs im 20. Jahrhundert parallel mit dem Bevölkerungswachstum, so dass die Stadt 1980 für fast die Hälfte der gesamten Industrieproduktion Mexikos verantwortlich war.

Um aufzuzeigen, dass das enorme Wachstum Mexiko-Stadts kein Hemmnis für Mexiko insgesamt war, betrachtet Prof. Parnreiter Entwicklungsdeterminanten in Anlehnung an den Human Development Index (Pro-Kopf Einkommen, die Analphabetenquote, Lebenserwartung). Dieses Vorgehen mag zwar zu kritisieren sein, liefert aber bessere Ergebnisse als die reine Konzentration auf das Wirtschaftswachstum oder das Bruttosozialprodukt. So hat sich in der Zeit von 1930 bis 1980 das Pro-Kopf Einkommen in Mexiko verdreifacht, sich die Analphabetenquote auf ein Drittel reduziert und sich die Lebenserwartung mehr als verdoppelt. Insgesamt bedeutete dies eine große soziale und wirtschaftliche Umwälzung der mexikanischen Gesellschaft. Laut Prof. Panreiter hatte Mexiko-Stadt einen großen Anteil an dieser gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung, da die Stadt das Epizentrum wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung in diesem Zeitraum war.
Ausgelöst wurde das Werden von Mexiko-Stadt maßgeblich durch die importsubstituierende Industriepolitik der mexikanischen Regierung, die als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren zu deuten ist. Diese Politik verfolgte das Ziel, ausländische Importe durch eigene Industrieprodukte zu ersetzen (substituieren). Die Merkmale einer solchen Politik sind Kapitalmangel, niedrige Produktivität und eine Binnenmarktorientierung der Wirtschaft.
Die mexikanische Regierung war gezwungen diesen Weg der Entwicklung zu wählen, da sich die mexikanische Wirtschaft in dieser Zeit in einer starken Krise befand. Mexiko-Stadt war in den Folgejahren Hauptempfänger staatlicher Förderungen, da sie zu diesem Zeitpunkt bereits die größte Stadt des Landes war und sich im Zentrum Mexikos befand. In dieser Zeit spielten Transportkosten in der Wirtschaft noch eine bedeutende Rolle, zudem war das mexikanische Straßennetz noch stark unterentwickelt.

Das Wachstum von Mexiko-Stadt ist vor allem durch extensives Wachstum gekennzeichnet. Laut Prof. Panreiter sind 72% der Steigerung der industriellen Produktion durch die Zunahme an Beschäftigten erreicht worden. Diese Entwicklung hatte große Migrationsströme in die Stadt als Folge. 1980 lebten schätzungsweise fünf Millionen Migranten innerhalb der Stadtgrenzen. Als wichtige Akteure der Entwicklung lassen sich Unternehmen und Haushalte identifizieren. Die Investitionen der Unternehmen orientierten sich am Arbeitskräftepotential, und die Migrationsströme richteten sich an der Arbeitskräftenachfrage aus. Prof. Panreiter nennt dies in Anlehnung an den Volkswirt und Nobelpreisträger Paul KRUGMAN einem selbstverstärkenden Prozess der Agglomeration. Mexiko-Stadt steht damit beispielhaft für die urbane Entwicklung in Lateinamerika in dieser Zeit, da auch Städte wie Sao Paulo und andere Megastädte Lateinamerikas ähnliche Entwicklungsprozesse durchliefen.

Transformation einer Megastadt (1980 – 2005)

Seit 1980 folgt die Entwicklung Mexiko-Stadts jedoch einer neuen Tendenz. Trotz eines weiteren Wachstums der Bevölkerung auf 19,2 Millionen in 2005, entwickelten sich in Mexiko räumliche Dezentralisierungsprozesse. Der Anteil Mexiko-Stadts an der Gesamtindustrieproduktion Mexikos fiel in diesen Jahren von ca. 50% auf weniger als 30%. Grund für diese Entwicklung war das Aufkommen der Maquiladoras, die als exportorientierte Produktionsstätten nahe der US-amerikanischen Grenze lokalisiert sind.

Gleichzeitig konnte Mexiko-Stadt in großem Maße hochwertiger Dienstleistungen anziehen. Prof. Panreiters These hierzu ist, dass diese Transformationsprozesse in Mexiko-Stadt dazu führen, dass die Stadt Global City – Funktionen übernimmt. „Von einem nationalen Produktionszentrum zum Scharnier zum Weltmarkt“, das gehobene globale Dienstleistungen wie Finanz- und Rechtsdienstleistungen sowie Buchhaltungen für den heimischen Markt anbietet. Gleichzeitig entwickelte sich Mexiko-Stadt zu einem attraktiven Standort für die Hauptsitze mexikanischer Unternehmen. 70% der größten 500 mexikanischen Unternehmen hat mittlerweile seine Unternehmenszentrale innerhalb der Stadtgrenzen. Einhergehend entwickeln sich angepasste Dienstleistungsunternehmen in der Stadt an. 87,7 % aller Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, 50,1% aller wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen sowie 32,1% aller Immobiliendienstleistungen Mexikos sind in der Hauptstadt lokalisiert.
Um diese Entwicklungen zu erklären verwendete Prof. Panreiter den Begriff der Glokalisierung, da Regionalisierungs- und Globalisierungstendenzen zwei Ausprägungen desselben Prozesses sind (wer mehr darüber erfahren möchte sei folgender Artikel in diesem Blog empfohlen: Globalisierung oder Regionalisierung?). Demnach benötigt die Globalisierung regionale Koordinierungsstellen, in denen implizites (personengebundenes) Wissen gebunden ist und über hohe Kenntnis der regionalen Wirtschafts- und Rechtstruktur verfügen.

Abschließende Diskussion

In der abschließenden Diskussion konzentrierten sich die Beiträge auf die Frage, wie die Zukunft der Stadt aussehen wird. Laut Prof. Panreiter erlebte Mexiko-Stadt in den 1980ern ihren Bedeutungszenit innerhalb Mexikos. Besonders seit den Gründungen der Maquiladoras in der Nähe der US-Grenze begann die Industrieproduktion und einhergehend die Bedeutung der Stadt stark zu sinken. Angezogen von der wirtschaftlichen Entwicklung des Nordens, änderten sich die Richtungen und Ziele der Migrationsströme innerhalb Mexikos. Seit dem Eintritt Mexikos in die NAFTA hat sich diese Tendenz verstärkt.
Besonders kleine und mittlere Unternehmen leiden seit diesem Beitritt unter der starken US-amerikanischen und globalen Konkurrenz. Nur wenige mexikanische Unternehmen konnten sich in den vergangenen Jahren zu „Global Playern“ entwickeln, darunter unter anderem die Corona Brauerei. Abschließend, und aus Zeitmangel leider nicht weiter ausgeführt, erwähnte Prof. Panreiter noch die drastischen ökologischen Probleme unter denen Mexiko-Stadt leidet und für die bisher nur wenige bis keine Lösungsansätze existieren.

Foto: pixelio.de 

 

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Meine Name ist Stefan Ohm und ich bin Geograph. Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert und danach bei Electronic Data Systems (EDS) als Lotus Notes Entwickler gearbeitet. Während meines Studiums in Hannover führte mich mein Weg zur Texas State University in San Marcos (USA) sowie zur University of Bristol (UK). Darüber hinaus absolvierte ich zwei Praktika bei NGO’s in Neu Delhi (Indien), mit dem Ziel Entwicklungsprozesse vor Ort genauer zu betrachten und damit ein besseres Verständnis über diese zu erhalten. Promoviert habe ich über den Strukturwandel im Perlflussdelta und Hongkong (China) an der Justus Liebig Universität in Gießen.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Umweltprobleme

    Da die Thematik Ökologie im Vortrag anscheinend ein wenig zu kurz kam, möchte ich diesen Punkt aufgreifen. Mexico-City hat gravierende Probleme bei der Wasserversorgung und der Luftverschmutzung. Besonders die Lage in einem Tal verursacht einen Dauersmog. Die vier Millionen Autos, LKWs und Busse tragen verursachen eine so schlechte Luft, dass tausende von Einwohnern jedes Jahr an Atemwegserkrankungen sterben.
    Als ich vor einigen Jahren in der Stadt war, las ich im Vorfeld, dass man in der Stadt soviel Schadstoffe einatmet, als würde man zwei Schachteln Zigaretten rauchen. Und das täglich! Nach einigen Tagen stellte sich bei mir ein penetranter Dauerhusten ein, der erst abnahm, als ich die Stadt wieder verlassen hatte.

    Aus dieser Sicht ist es sehr begrüßenswert, dass die Industrie langsam aber sicher die Stadt verlässt. Auch wenn Mexico-City dabei an Bedeutung verliert. Ein Gesundschrumpfen ist allemal ratsam.

  2. @Daniel Strahle

    Hier noch ein Auszug aus dem Artikel Wasserversorgung im 21. Jahrhundert, der am 27.Mai in diesem Blog erschienen ist.
    Durch die Versalzung des Grundwassers, müssen viele Bauern ihr Land aufgeben und in die bereits überfüllten Städte ziehen, die ebenso große Mengen Grundwasser entnehmen. In Mexiko-Stadt führte dies in den letzten 50 Jahren zu einer Landabsenkung von bis zu 9 Metern. Viele Gebäude der Stadt sind bereits einsturzgefährdet.
    Nicht zu vergessen darf man dabei, dass die Stadt auf einer Höhe von ca. 2000m liegt. Die Wasserversorgung kann in der Zukunft dramatische Folgen haben. Durch die Gefahr von Erdbeben entstehen weitere Risiken. Immerhin sind ja potentiell 20 Millionen Menschen bedroht.
    Alles Punkte, die die Stadtverwaltung zum Handeln zwingen müsste. Doch leider verzögern und behindern Korruption und Fehlplanung ein zügiges Handeln.

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