Globale Peripherie – Anschluss verpasst?

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PraerieDer neue Atlas der Globalisierung, der jedes Jahr von der Le Monde publiziert wird, offenbart interessante Einblicke in die heutige globalisierte Welt. In eindrucksvollen Karten und Schaubildern werden komplexe Zusammenhänge und Prozesse einfach dargestellt. Der wirtschaftliche Erfolg beispielsweise konzentriert sich nur auf wenige Regionen: Europa, Nordamerika und Ostasien bilden das globale ökonomische Zentrum. Diese Konstellation wird häufig auch die Triade der Weltwirtschaft bezeichnet, in der alle wichtigen ökonomischen und politischen Entscheidungen getroffen werden. Die globale Peripherie, also Afrika, Zentralasien, Südamerika, der Nahe Osten und Ozeanien scheint außen vor zu sein. Mir stellt sich die Frage, ob diese Situation unumstößlich ist, oder ob die globale Peripherie auch eine Change auf Entwicklung hat?

Der Begriff Peripherie wird in der Geographie hauptsächlich verwendet, um Regionen abzugrenzen, die am Ende des Kommunikationssystems liegen, also fern von den ökonomischen und politischen Zentren. Der Bezeichnung „Peripherie“ ist häufig wertend und negativ besetzt. Als Synonyme für Peripherie gelten auch ländliche Region, Hinterland, Grenzbereiche, Randzonen und Entwicklungsländer. Zentrumsregionen sind dieser Definition zufolge ökonomisch gut entwickelt. Dies ist in Europa, Nordamerika und Ostasien der Fall, besonders in den Städten New York, London, Tokyo, Beijing etc. Abgegrenzt zu diesen stehen Regionen wie Afrika, Zentralasien und Südamerika etc. Dort ist sozusagen „der Hund begraben“. In Toblers erstem Gesetz der Geographie heißt dies wie folgt: „everything is related to everything else, but near things are more related than distant things“.

Politische und ökonomische Macht ist in der globalen Peripherie nicht konzentriert. Dies zeigt sich sehr gut in der aktuellen Zusammenstellung der G20. Deren Mitglieder sind nur auf das ökonomische reduziert. Soziale Aspekte oder die Bevölkerungszahl spielt bei der Zusammensetzung der Mitglieder nur eine untergeordnete Rolle. Bei einem Vergleich der Mitgliedstaaten der G20 mit den bevölkerungsreichsten Nationen, lässt sich festhalten, dass  Staaten wie Bangladesch, Pakistan, Nigeria, Ägypten, Äthiopien, Philippinen, Vietnam, Thailand, Iran und die Demokratische Republik Kongo in der G20 nicht vertreten sind.
Gegenüber der ehemaligen G8 stellt die Zusammenstellung G20 aber schon einen gewaltigen Fortschritt dar. Immerhin sind in dieser ca. 65% der Weltbevölkerung vertreten. Also fast eine Zweidrittel-Mehrheit. So können Demokraten ruhigen Gewissens die Zusammenstellung akzeptieren. Die übrigen 35% der Weltbevölkerung werden aber nur indirekt bis gar nicht vertreten. Politische Partizipation ist für diese Länder nur noch in der UN-Vollversammlung möglich.

 

 

Tabelle: Gegenüberstellung G20 Mitglieder/20 bevölkerungsreichsten Länder der Erde

 

Auch wichtige Standorte internationaler Organisationen befinden sich nicht in der globalen Peripherie. Weltbank und IMF sind in Washington D.C., die UN in New York, ILO und WTO in Genf und der Internationale Gerichtshof in Den Haag. Ausnahmen bilden da nur die Asian Development Bank in Manila (Philippinen) und das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) in Nairobi (Kenia).

Ist diese Hierarchie von Zentrum und Peripherie nun stabil und unveränderbar, oder in einem ständigen Wandel? Wie es scheint, lassen sich diese Strukturen sogar in einem relativ kurzen Zeitraum aufbrechen. Länder in Ostasien, allen voran die Volksrepublik China, haben dies in den vergangenen Jahren bewiesen. Das Reich der Mitte zählte noch in den 1970ern zur ökonomischen Peripherie. Trotz einer langen Tradition von ökonomischem Wohlstand, geriet das Riesenreich nach dem Bürgerkrieg in eine Situation, in der es ökonomisch nicht mehr bedeutend für die Weltwirtschaft war. Politisch dagegen blieb die Volksrepublik lange Zeit ein Machtfaktor in der Region. Vor allem der Besitz von Atomwaffen und einer riesigen Armee trug hierzu bei. Auf die Weltbühne zurückgeholt wurde China 1972 als Präsident Nixon politische Gespräche suchte und China einen Platz im Weltsicherheitsrat anbot.

In den vergangenen Jahrzehnten gab es eine Reihe von Beispielen, in denen sich Länder der Peripherie ökonomisch so gut entwickelten, dass sie mittlerweile als Zentrum betrachtet werden können. Ein Blick auf die Mitgliedsstaaten der G20 verrät ein interessantes Bild. Noch vor einigen Dekaden hätte niemand daran gedacht, dass Länder wie Indonesien, Indien, Brasilien, Mexiko und Saudi Arabien als gleichberechtigte Mitglieder in einem solch wichtigen Entscheidungsgremium sitzen würden. Darüber hinaus zeigt sich, dass besonders kleine Länder und Staatstaaten sich besonders gut entwickeln konnten. Beispiele hierfür sind Hongkong, Macau, Singapur, Dubai und Malaysia. Wie kam diese Entwicklung zustande und eignet sich diese als Entwicklungsmodells für andere Länder.
Die Entwicklung der oben beschriebenen Staaten startete häufig durch einen Zufall. Dubai konnte auf mächtige Ölressourcen zurückgreifen, Hongkong und Macau profitierten vom wirtschaftlichen Aufstieg Chinas und Singapur und Malaysia sind glücklich an der Meeresstraße von Malakka gelegen. Es bleibt zu hoffen, dass sich ein ähnlicher Zufall auch in Afrika auftut und einen breiten Entwicklungsschub auslöst.
Hoffnungsvolle Anzeichen sind derzeit aus Ruanda zu vernehmen. Nicht einmal fünfzehn Jahre nach dem Genozid entwickelt sich das Land prächtig. 2008 wuchs die Wirtschaft Ruandas um eindrucksvolle 11,2%; trotz weltweiter Finanzkrise. Bleibt zu hoffen, dass dieses Wachstum anhält und auch andere afrikanische Staaten dazu animiert, sich auf den Weg zu machen. Aber jetzt argumentiere ich auch schon rein ökonomisch.

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Meine Name ist Stefan Ohm und ich bin Geograph. Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert und danach bei Electronic Data Systems (EDS) als Lotus Notes Entwickler gearbeitet. Während meines Studiums in Hannover führte mich mein Weg zur Texas State University in San Marcos (USA) sowie zur University of Bristol (UK). Darüber hinaus absolvierte ich zwei Praktika bei NGO’s in Neu Delhi (Indien), mit dem Ziel Entwicklungsprozesse vor Ort genauer zu betrachten und damit ein besseres Verständnis über diese zu erhalten. Promoviert habe ich über den Strukturwandel im Perlflussdelta und Hongkong (China) an der Justus Liebig Universität in Gießen.

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